Helmut Windl (* 29. Mai 1944 in Krakau) ist ein österreichischer Prähistoriker, Landesarchäologe und einer der Begründer der experimentellen Archäologie im deutschsprachigen Raum. Von 1976 bis 2005 leitete er das damalige Museum für Urgeschichte des Landes Niederösterreich in Asparn an der Zaya. Seine wichtigste archäologische Ausgrabung war die linearbandkeramische Siedlung von Asparn/Schletz.
Leben und Wirken Windl studierte ab 1965 an der Universität Wien die Fächer Ur- und Frühgeschichte und Ethnologie mit einem Schwerpunkt auf Altamerikanistik. Während des Studiums arbeitete er in der anthropologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums Wien, wo ihn besonders der Anthropologe Johann Jungwirth prägte. 1975 wurde Windl mit einer Arbeit über einen Friedhof der Laténe- und Römerzeit von Mihovo in der Unterkrain (Slowenien) promoviert.
Im Jahre 1976 übernahm er die Leitung des Museums für Urgeschichte des Landes Niederösterreich im Schloss Asparn.Ernst Lauermann: Das Museum für Urgeschichte in Asparn an der Zaya. Geschichte und Entwicklung des Museums und seines Freigeländes. In: Archäologische Forschungen in Niederösterreich. Band 11, 2013, S. 9–86, hier S. 18–23. Unter Windls Leitung wurde die experimentelle Archäologie in einem archäologischen Freigelände im Schlosspark zu einem Schwerpunkt des Museums. Windl war als Universitätslektor der Universität Wien für experimentelle Archäologie tätig. Seit 1982 hielt er in Asparn regelmäßig Lehrveranstaltungen zur experimentellen Archäologie ab.Alexandra Krenn-Leeb, Wolfgang Lobisser, Mathias Mehofer: Experimentelle Archäologie an der Universität Wien. Theorie – Praxis – Vermittlung – Wissenschaft. In: Experimentelle Archäologie in Europa. Bilanz 2011. Heft 10, 2011, S. 17–35, hier S. 19–20. Neben dem Landesmuseum in Asparn betreute er auch das Museum für Frühgeschichte in Traismauer.
In den Jahren 2000 und 2001 wurde die Dauerausstellung des Museums unter seiner Leitung wissenschaftlich neu gestaltet. Auch nach seiner Pensionierung beteiligte sich Windl weiterhin an experimentalarchäologischen Projekten.
Forschung Experimentelle Archäologie Windl setzte sich für eine methodisch kontrollierte experimentelle Archäologie ein. Er unterschied das wissenschaftliche Experiment ausdrücklich von bloßen Handwerksvorführungen, musealer Animation und Reenactment. Besondere Bedeutung maß er Langzeitversuchen zur Statik, Haltbarkeit, Dachdeckung und zum Verfall prähistorischer Gebäudemodelle bei. Zu seinen Arbeitsgebieten gehörten Versuche zur urgeschichtlichen Architektur, zur Verarbeitung von Holz, zur Keramikherstellung, zum Mahlen von Getreide und zu weiteren prähistorischen Handwerkstechniken.
Asparn/Schletz Von 1983 bis 1988 sowie von 1990 bis 2005 leitete Windl die archäologischen Ausgrabungen auf dem mehrphasigen Siedlungsplatz von Asparn/Schletz im niederösterreichischen Weinviertel. Im Mittelpunkt stand eine befestigte Siedlung der linearbandkeramischen Kultur mit einem Erdwerk. In ihrem Grabensystem wurden zahlreiche menschliche Skelettreste mit Spuren massiver Gewalteinwirkung entdeckt, was als Massaker von Schletz bezeichnet wird und einen der wichtigsten Befunde zur Krise am Ende der Bandkeramik darstellt. Der Befund wurde als gewaltsames Ereignis am Ende der Besiedlung interpretiert und unter anderem in der von Windl 1996 kuratierten Ausstellung Rätsel um Gewalt und Tod vor 7000 Jahren vorgestellt. Die Grabungen erbrachten außerdem Siedlungsspuren der Aunjetitzer Kultur, der Mittelbronzezeit sowie Gräber der Völkerwanderungszeit.
Weitere Schwerpunkte Windls waren die Luftbildarchäologie, die Bronzezeit – insbesondere das Gräberfeld von Pitten – sowie die Archäologie der römischen Kaiserzeit und des Frühmittelalters in Niederösterreich.
Veröffentlichungen (Auswahl) Monografien und Ausstellungskataloge als Herausgeber: Germanen, Awaren, Slawen in Niederösterreich. Das erste Jahrtausend nach Christus. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums, Neue Folge, Band 75. Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Wien 1977. als Herausgeber: Fenster zur Urzeit. Luftbildarchäologie in Niederösterreich. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums, Neue Folge, Band 117. Wien 1982. „Fürsten“ der Bronzezeit in Pitten. Sonderausstellung im Museum für Urgeschichte in Asparn an der Zaya. Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Wien 1983. als Herausgeber: Rätsel um Gewalt und Tod vor 7000 Jahren. Eine Spurensicherung. Ausstellung im Museum für Urgeschichte Asparn an der Zaya. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums, Neue Folge, Band 393. Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Wien 1996.
Aufsätze Eine spätlatènezeitliche Siedlung in Herzogenburg, politischer Bezirk St. Pölten, Niederösterreich. In: Archaeologia Austriaca. Band 51, 1972, S. 58 ff. Funde aus dem Karner von St. Valentin-Landschach. In: Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien. Band 103, 1973, S. 55–62. Das urgeschichtliche Freilichtmuseum in Asparn an der Zaya, Niederösterreich. In: Archäologische Informationen. Band 6, Nr. 2, 1983, S. 14–17, doi:10.11588/ai.1983.2.28866. Eine Siedlung der Linearbandkeramik in Asparn/Zaya, Bezirk Mistelbach, Niederösterreich. In: Dieter Korell, Hermann Maurer (Hrsg.): Niederösterreich-Tagung der Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichte. Mannus, Band 56, 1990, S. 81–86. Archäologie einer Katastrophe und deren Vorgeschichte. In: Helmut Windl (Hrsg.): Rätsel um Gewalt und Tod vor 7000 Jahren. Wien 1996, S. 7–29. Der Brunnen der Linearbandkeramik von Schletz/Asparn an der Zaya, politischer Bezirk Mistelbach, im Nordosten Österreichs. In: Harald Koschik (Hrsg.): Brunnen der Jungsteinzeit. Materialien zur Bodendenkmalpflege im Rheinland, Band 11. Köln 1998, S. 85–93. Makabres Ende einer Kultur? In: Archäologie in Deutschland. Heft 1, 1999, S. 54–57. Die Anfänge der experimentellen Archäologie in Österreich. In: Archäologie Österreichs. Band 12, Sonderausgabe, 2001, S. 4–6. Erdwerke der Linearbandkeramik in Asparn an der Zaya/Schletz, Niederösterreich. In: Preistoria Alpina. Band 37, 2001, S. 137–144. Zur Stratigraphie der bandkeramischen Grabenwerke von Asparn an der Zaya–Schletz. In: Andrea Zeeb-Lanz (Hrsg.): Krisen – Kulturwandel – Kontinuitäten. Zum Ende der Bandkeramik in Mitteleuropa. Internationale Archäologie: Arbeitsgemeinschaft, Symposium, Tagung, Kongress, Band 10. Rahden/Westfalen 2009, S. 191–196.
Literatur Ernst Lauermann: Das Museum für Urgeschichte in Asparn an der Zaya. Geschichte und Entwicklung des Museums und seines Freigeländes. In: Archäologische Forschungen in Niederösterreich. Band 11, 2013, S. 9–86. Wulf Hein: Interview: Helmut ‘Hugo’ Windl. In: EXARC Journal. Ausgabe 2012/3, 15. September 2012.
Weblinks Interview mit Helmut Windl im EXARC Journal Autorenprofil Helmut Windl beim Kuratorium Pfahlbauten Das urgeschichtliche Freilichtmuseum in Asparn an der Zaya, Niederösterreich bei den Heidelberger historischen Beständen
Einzelnachweise
Kategorie:Prähistoriker Kategorie:Landesarchäologe Kategorie:Absolvent der Universität Wien Kategorie:Person (Niederösterreich) Kategorie:Österreicher Kategorie:Geboren 1944 Kategorie:Mann