C/2024 G3 (ATLAS) ist ein Komet, der im Jahr 2024 und 2025 nahezu nur von der Südhalbkugel zu beobachten war. Dabei erreichte er im Januar eine ungewöhnliche Helligkeit von bis zu −4 mag, so dass er freiäugig am Taghimmel zu beobachten war. Als fünfthellster Komet der letzten 100 Jahre wird er zu den Großen Kometen und den Tageslichtkometen gezählt. Nach seinem nahen Vorbeigang an der Sonne löste er sich vollständig auf.
Entdeckung und Beobachtung Das astronomische Frühwarnsystem Asteroid Terrestrial-impact Last Alert System (ATLAS) entdeckte am 5. April 2024 mit einem Teleskop am El-Sauce-Observatorium in Chile auf fünf Aufnahmen ein Objekt mit einer Helligkeit von 18–19 mag, das zunächst für einen Asteroiden gehalten wurde. Nur sechs Stunden später wurde die Entdeckung durch das Mt John University Observatory in Neuseeland bestätigt. In den folgenden Tagen konnten durch weitere Beobachter allerdings kometenartige Eigenschaften an dem Objekt festgestellt werden, wodurch es als Komet erkannt wurde.
mini|links|Aufnahme des Kometen ATLAS am 11. Januar von Bord der ISS Bei seiner Entdeckung war der Komet ATLAS in mittleren Breiten der Südhalbkugel ein zirkumpolares Objekt, das dort für die folgenden Monate während der ganzen Nacht in südlicher Richtung mehr oder weniger hoch am Himmel stand. Seine Helligkeit stieg zunächst nur langsam an, Anfang Dezember bis auf etwa 10 mag. In der letzten Dezemberwoche erreichte die Helligkeit mit 6 mag bereits den Bereich der freiäugigen Sichtbarkeit. Die beobachtete Schweiflänge betrug 0,2°. Am 2. Januar 2025 stellte der australische Amateurastronom Terry Lovejoy bei der Beobachtung mit einem Fernglas fest, dass der Komet deutlich heller geworden war als an den vorangegangenen Tagen. Nachfolgende Beobachtungen bestätigten einen plötzlichen Helligkeitsanstieg auf etwa 2,5 mag. Zudem wurde im Schweif des Kometen ein dunkler Streifen beobachtet, der eindeutig auf einen Staubausbruch des Kerns hindeutete.
Die Helligkeit stieg dann Anfang Januar mit weiterer Annäherung an die Sonne rasant an, erreichte um den Periheldurchgang am 13. Januar Werte von −2 mag und stieg dann durch den Effekt der Vorwärtsstreuung an den Staubteilchen der Koma noch kurzfristig bis auf −4 mag an. Am 10. Januar 2025 war Komet ATLAS von Bord der Internationalen Raumstation (ISS) durch den russischen Kosmonauten Iwan Wiktorowitsch Wagner fotografiert worden, einen Tag danach auch durch den US-amerikanischen Astronauten Donald Pettit. Vom 11. bis zum 14. Januar durchquerte der Komet auch das Gesichtsfeld des LASCO-C3-Koronografen an Bord des Weltraumteleskops Solar and Heliospheric Observatory (SOHO).
mini|rechts|Komet ATLAS am 13. Januar nahe bei der Sonne, aufgenommen durch SOHO Am 14. Januar wurden zahlreiche Aufnahmen des Kometen am Tageshimmel gemacht, zudem gab es vereinzelte Berichte, wonach er tagsüber mit bloßem Auge sichtbar gewesen war. In den letzten 100 Jahren erreichten nur vier Kometen eine vergleichbare Helligkeit: C/1927 X1 (Skjellerup-Maristany), C/1965 S1 (Ikeya-Seki), C/1975 V1 (West) und C/2006 P1 (McNaught). Für Beobachter auf der Nordhalbkugel hatte nur kurz eine Gelegenheit bestanden, den Kometen in der Woche um den Periheldurchgang herum zunächst am Morgen kurz vor Sonnenaufgang und dann am Abend kurz nach Sonnenuntergang direkt über der auf- bzw. untergehenden Sonne am noch hellen Himmel aufzufinden. Mitte Januar wurde von einem Schweif von 1° Länge berichtet, der dann innerhalb einer Woche auf 15° anwuchs. Die komplexe Geometrie des sich entwickelnden Schweifs wies auf einen inhomogenen Kometenkern hin, was bereits die Möglichkeit eines Zerfalls und des anschließenden Verschwindens des Kometen als Himmelskörper andeutete.
Obwohl es zunächst so schien, als ob der Komet ATLAS seinen Periheldurchgang in einem etwa fünfmal geringeren Abstand zur Sonne als zu dieser Zeit der Planet Merkur unbeschadet überstanden hätte, zeigten Beobachtungen am 18. und 19. Januar dann doch dramatische Veränderungen: Der bis dahin helle und kondensierte Kern des Kometen erschien rasch immer diffuser, ein Anzeichen für seine Auflösung. Der kopflose Schweif blieb aber noch für einige Zeit ein auffälliges Objekt am Himmel, ähnlich wie es zuvor bei den Kometen C/2011 W3 (Lovejoy) oder C/2021 A1 (Leonard) beobachtet worden war. Bis Anfang Februar war die Schweiflänge wieder auf etwa 3° zurückgegangen und er war nicht mehr mit bloßem Auge zu sehen, letzte Beobachtungen der Schweifreste gelangen noch bis 23. Februar bei einer Helligkeit von 8,5 mag.М. М. Пугачёв, Г. Ю. Тюменков: Комета C/2024 G3 (ATLAS): основные характеристики, специфика поведения ядра и динамика изменения звёздной величины. In: Известия Гомельского государственного университета имени Ф. Скорины. Nr. 3, 150, 2025, , S. 125–127 (PDF; 3,97 MB).
Wissenschaftliche Auswertung Bei spektroskopischen Beobachtungen am 15. Januar 2025 kurz nach Sonnenuntergang am Osservatorio astronomico G.V. Schiaparelli in Italien erfolgte eine Suche nach Emissionslinien neutraler Atome der Alkalimetalle Natrium (Na), Kalium (K) und Lithium (Li). Es wurde vermutet, dass in der aromatischen Fraktion des organischen Staubs an der Oberfläche des Kometen Alkaliphenoxide (wie z. B. Natriumphenolat) vorliegen, die mit Kohlendioxid (CO2) reagieren und dabei die Alkaliatome freisetzen. Es wurden dabei die Linien von Natrium und Kalium in außergewöhnlicher Intensität nachgewiesen, während keine Hinweise auf Lithium-Emissionen vorlagen. Das Na/K-Verhältnis wurde zu etwa 26 bestimmt, wohingegen das entsprechende Verhältnis der Sonne bei etwa 15 liegt.M. Fulle, P. Molaro, A. Rotundi, L. Tonietti, A. Aletti, L. Buzzi, P. Valisa: Alkali phenoxides in comets. In: Astronomy & Astrophysics. Band 699, A110, 2025, S. 1–8, doi:10.1051/0004-6361/202554255 (PDF; 8,19 MB).
Untersuchungen fotografischer Aufnahmen des Kometen erbrachten geringe Farbunterschiede an verschiedenen Stellen der feinen, oft parallelen streifigen Strukturen innerhalb der Staubschweife (Striae). Sie wurden zurückgeführt auf veränderte Eigenschaften der Staubpartikel infolge ihrer Fragmentierung.H. Akisawa, I. Tanaka, M. Sato, J. Watanabe: Color differences within the dust tail of C/2024 G3 (ATLAS). In: Publications of the Astronomical Society of Japan. Band 77, Nr. 5, 2025, S. L77–L81, doi:10.1093/pasj/psaf103.
Umlaufbahn mini|rechts|Komet ATLAS am 29. Januar, Aufnahme am Paranal-Observatorium in Chile Für den Kometen konnte aus 299 Beobachtungsdaten über einen Zeitraum von 9 Monaten eine hyperbolische Umlaufbahn bestimmt werden, die um rund 117° gegen die Ekliptik geneigt ist. Die Bahn des Kometen verläuft damit steil angestellt zu den Bahnebenen der Planeten, und er durchlief seine Bahn relativ zu diesen im rückläufigen Sinn (retrograd). Im sonnennächsten Punkt (Perihel), den der Komet am 13. Januar 2025 durchlaufen hat, war er etwa 14,0 Mio. km von der Sonne entfernt. Er befand sich währenddessen im Bereich weit innerhalb der Umlaufbahn des Merkur und bewegte sich nur etwa 19 Sonnenradien über deren Oberfläche.
Bereits am 5. Januar hatte er mit etwa 18,0 Mio. km (0,12 AE) den geringsten Abstand zum Merkur erreicht, am 13. Januar erfolgte mit etwa 140,2 Mio. km (0,94 AE) die größte Annäherung an die Erde und am 16. Januar passierte er noch die Venus in einer Distanz von etwa 90,5 Mio. km (0,60 AE).
Nach den Bahnelementen, wie sie in der JPL Small-Body Database angegeben sind, hatte seine Bahn lange vor der Passage des inneren Sonnensystems noch eine Exzentrizität von etwa 0,999970 und eine Große Halbachse von etwa 3140 AE, so dass seine Umlaufzeit bei 176.000 Jahren lag. Es handelte sich also nicht, wie kurz nach seiner Entdeckung vermutet worden war, um einen Kometen aus der Oortschen Wolke, sondern um einen „dynamisch alten“ Kometen, der bereits zuvor in Sonnennähe gewesen war.
Siehe auch Liste von Kometen
Weblinks
C/2024 G3 ( ATLAS ) auf Seiichi Yoshida’s Home Page (englisch) C/2024 G3 (ATLAS) auf astro.vanbuitenen.nl (englisch)
Einzelnachweise