This Way Brouwn ist ein von Stanley Brouwn geschaffenes Werk der Konzeptkunst, das 1962 in Amsterdam entstand. Dabei initiierte der Künstler eine Konversation mit mehreren willkürlichen Passanten, die durch ihre Vorstellungskraft eine mentale Bewegung durch die Stadt machten und ihren Denkprozess aufzeichneten.
Ablauf Bei dem ersten This Way Brouwn sprach der Künstler willkürliche Passanten auf dem zentralen Platz De Dam in Amsterdam an. Dabei bat er diese, ihm den Weg von dem Platz zu einem weiteren Punkt in der Stadt zu erklären. Zeitgleich gab er den Personen einen Stift und einen Zettel, damit sie ihre Erklärung auch visuell darstellen konnten.
Wichtig dabei ist, dass die Passanten zu dem Zeitpunkt nicht wussten, dass sie ein Teil eines Kunstwerks waren.
Konzept und Deutung Das Werk zielt darauf ab, dass der Passant beim Erklären und Zeichnen seine Kreativität nutzen soll und sich mental durch die Stadt bewegt. Dadurch bewegt sich auch der Künstler mental durch die Stadt, da er sich beim Zuhören den beschrieben Weg durch die Stadt vorstellt.
Die entstandenen Zeichnungen wurden später auf einem größeren Format angelegt und im Stedelijk Museum ausgestellt. Die Zeichnungen werden nicht in „gut“ oder „schlecht“ unterteilt, Stanley Brouwn selber hatte bei der Entstehung keinen Einfluss auf das endgültige Produkt. Auch sind die dargestellten Strecken nicht maßstabgetreu.
Kollaboration, Willkürlichkeit und Vorstellungskraft bilden die wichtigen Komponenten des Werks. Bei der Zusammenarbeit mit den Passanten entsteht ein Element der Willkürlichkeit, die sowohl den zwischenmenschlichen Kontakt als auch die finale Zeichnung prägen. Brouwn weiß zu Beginn einer Interaktion nicht, wie diese überhaupt endet. Den beschriebenen Weg und die daher eingehende Bewegung wird nicht immer konkret umgesetzt, da der Fokus auf dem mentalen Prozess liegt. Vielmehr spielte der Künstler darauf an, dass sein Gegenüber sowie er selbst sich geistig, quasi vor ihrem inneren Auge, durch die Stadt bewegen müssen, indem sie ihre Vorstellungskraft und ihr Wissen über die Umgebung nutzen. Ohne die Vorstellungskraft, die beim Erklären und Zuhören benötigt wird, kann die Bewegung nicht ausgeführt werden. Im Gesamtwerk werden die Grenzen zwischen Künstler, Betrachter und Kunstwerk aufgelockert, sodass die Positionen verschmelzen.
Bewegung in der Kunst Für die Bewegung in der Kunst können gleich mehrere Deutungen zugeschrieben werden, da sie nicht bei jedem Werk gleich genutzt wird.
Körperliche, örtliche und zeitliche Bewegung Die prominenteste Anwendung von Bewegung in der Kunst ist die körperliche Bewegung. Durch den Tanz oder der Choreographie wird der Körper durch die Bewegung rhythmish genutzt und stellt ihn ästhetisch dar. Die 2000 aufgeführte Performance Exergie - Butter Dance von Melati Suryodarmo nutzt das Konzept, um mit der Bewegung ihres Körpers die gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen und deren Verhalten in Frage zu stellen. Das ständige Fallen und Torkeln kritisiert das Bild der zärtlichen und filigranen Frau.
Anders wiederum ist eine ortsbezogene Bewegung. Dabei liegt der Fokus auf der Bewegung des Körpers zu oder an einem bestimmten Ort. Häufig wird einem solchen Ort eine gewisse historische oder anderweilige Relevanz zugeschrieben. Das 2003 entstande Werk ¿Quién Puede Borrar las Huellas? (übersetzt: Wer kann die Spuren verwischen?) von Regina José Galindo nutzte das Konzept in einem Protestakt, um Kritik an der Präsidentschaftskandidatur des ehemaligen Diktators Efraín Ríos Montt zu äußern.
Auch kann die Bewegung zeitlich betrachtet werden. Eine vergängliche Bewegung wird materiell festgehalten oder soll zeigen, wie sie sich über einen längeren Zeitraum auf ein Objekt auswirkt. Noch zu Beginn seiner Karriere wandte Stanley Brouwn dieses Konzept schon an. Dabei ließ er weiße Papierblätter auf die Straße fallen, sodass Fußgänger darüberliefen und ihre Fußspuren auf dem Papier hinterließen. Das Endprodukt ist somit eine Dokumentation einer schon vergangenen Bewegung.
Alle 3 dieser Zuordnungen haben die Gemeinsamkeit, dass sie sich auf eine körperliche, motorische Bewegung beziehen. Die geistige Bewegung wie Stanley Brouwn sie einsetzt, hebt sich klar davon ab.
Mentale Bewegung Die mentale Bewegung als zentraler Aspekt findet bei This Way Brouwn auf zwei Ebenen statt.
Räumlich ist der geistige Prozess von körperlicher Bewegung getrennt. Die Vorstellung, wie man sich durch die Stadt bewegt, findet im Kopf statt und ist in der Regel die Voraussetzung für den motorische Prozess, die das Gedachte konkret umsetzen. Da Stanley Brouwn den beschriebenen Weg auch nicht immer tatsächlich gelaufen ist, findet die geistige Bewegung unabhängig von der körperlichen Bewegung statt und ist räumlich voneinander getrennt.
Zeitlich ist sowohl die Dauer des Prozesses als auch der Zeitpunkt der Bewegung zu betrachten. Auf der räumlichen Trennung aufgebaut findet die mentale Bewegung vor der Körperlichen statt. Geistig ist die Bewegung schon begonnen und häufig auch schon beendet, bevor die Person körperlich agiert. Der Startzeitpunkt der beiden Bewegungen variiert voneinander.
Bei der Dauer ist der mentale Prozess, wie man sich durch die Stadt bewegt, häufig deutlich schneller umgesetzt als die motorische Bewegung, die einen tatsächlich an den gedachten Ort bringt. Zudem dauert jedes This Way Brouwn unterschiedlich lang. Die Konversation, die der Künstler mit dem Passanten eingegangen ist, definiert die Länge der Aktion. In dem Gespräch weichen beide Parteien auch mal vom Thema ab und unterhalten sich über weitere Dinge, die dabei immer noch Teil des Werks sind. Die Zeichnung, die während der Konversation entsteht, spiegelt den Denkprozess des Passanten wieder.
Stilistische Einordnung Stilistisch weist This Way Brouwn Merkmale mehrere konzeptueller Kunstrichtungen auf, ohne aber direkt einer einzelnen Richtung zugeschrieben zu sein.
Für den Fluxus steht die Idee hinter einem Werk über dem resultierenden Kunstwerk. Dem Stil wird zugeschrieben, sich gegen den etablieren Begriff des Kunstwerks zu stellen und in neu zu definieren. Als Nachfolger des Dadaismus werden die Werke auch als Kritik gegenüber der gesellschaftlichen Ablehnung moderner Kunst verstanden, sodass sie als Anti-Kunst bezeichnet wird. Aus dem Fluxus entstand zudem die Aktionskunst.
Bei der Performance Art sind sowohl Aspekte der Vergänglichkeit als auch Kritikäußerung wichtig. Die Werke sind anders als traditionelle Kunstwerke situations- und handlungsabhängig sowie nicht materiell. Es wird hinterfragt, warum in der Kunst nur dauerhafte, physische Objekte dem ein gewisser Wert zugeschrieben wird als Kunstwerk angesehen werden. Einige Perfomances wie Yoko Onos Cut Pieces wurden nach ihrer Uraufführung weitere Male vorgeführt, dabei waren sie aber stets vom Publikum und der entstandenen Situation abhängig. Dadurch war jede Performance anders.
Happenings ähneln sich der Performance Art. Sie sind ebenfalls temporär, bauen aber noch stärker auf den Willkürfaktor des Publikums auf. Häufig wird mit der Erwartung des Betrachters gespielt, um ihn zu Überraschen oder Schock zu erzeugen. Die Handlung im Happening ist dadurch improvisiert und vom Publikum abhängig.
This Way Brouwn weist die Aspekte der Vergänglichkeit, Willkürlichkeit, der Kollaboration und Abhängigkeit des Publikums und der Antikunst auf. Zwar gibt es materielle Zeichnungen, die während der Interaktion mit den Passanten entstanden sind, jedoch steht der künstlerische Gedanke und das Konzept vor dem ästhetischen Objekt.
Weitere Werke This Way Brouwn (Berlin 1964) Zu einem späteren Zeitpunkt veranstaltete Stanley Brouwn ein weiteres This Way Brouwn in der René Block Galerie in Berlin. Es sind dabei einige essentielle Unterschiede sichtbar. Zunächst wussten die Galeriebesucher, dass sie Teil eines Werks waren. Währen die Besucher sich in dem Gebäude aufhielten, war der Künstler in den berliner Straßen unterwegs. Den Besuchern stand ein Walkie-Talkie zur Verfügung, mit dem sie mit dem Künstler sprechen konnten. Wie zuvor bat Stanley Brouwn die Personen, ihm den Weg von seinem aktuellen Standpunkt zu einem weiteren Punkt in der Stadt zu sagen und ihn zu führen.
Anders als beim früheren This Way Brouwn gab es kein Papier, auf dem der Denkprozess des Besuchers festgehalten wurde. Es ähnelt sich daher mehr einem Happening bzw. einer Performance Art als das Werk in Amsterdam. Metaphorisch nahm der Künstler die Rolle des Papiers ein, auf dem sich seine Bewegung geleitet von den Galeriebesuchern bewegt.
No Way Brouwn Das No Way Brouwn entsteht häufig nebenher mit dem This Way Brouwn. Dabei spricht Stanley Brouwn wieder einen Passanten an und bittet diesen, ihm den Weg zu einem Ort zu beschreiben, an dem er sich aber schon befindet. Die Reaktion der Passanten prägt den Namen des Werkes und spiegelt das Konzept wieder. Die Passanten erklären Brouwn, dass sie ihm den Weg nicht beschreiben können, da es keinen Weg gibt.
Literatur Van Graevenitz A.: The Artist as a Pedestrian: The Work of Stanley Brouwn, 1977 in Walking – Documents of Contemporary Art, Whitechapel Gallery, The MIT Press, London und Massachusetts, 2024 Jeffreys T.: Walking (Art) as relational Paradox in Walking – Documents of Contemporary Art, Whitechapel Gallery, The MIT Press, London und Massachusetts, 2024 Erwards A.: At the threshold of withholding: Stanley Brouwn's modernist repetitions in Black Modernism in the Transatlantic World, National Gallery of Art Washington, Yale University Press, New Haven und London, 2023 Stiles K.: Theories and Documents of Contemporary Art, 2nd Edition, University of California Press, Berkely, Los Angeles und London, 2012 Brouwn S.: This Way Brouwn – Zeichnungen 1, Verlag Gebr. König Köln, New York, 1971 Schneede U. M.: Die Geschichte der Kunst im 20. Jahrhundert : von den Avantgarden bis zur Gegenwart, C. H. Beck, München, 2001
Weblinks https://www.moma.org/artists/29982-stanley-brouwn https://www.moma.org/collection/works/109531 wikiart.org
Einzelnachweise
Kategorie:Konzeptkunst