Das Massaker an den Jesiden der Şerkiyan- und Dina-Stämme von 1908 (in der Geschichtswissenschaft als erste genozidale Kampagne des konstitutionellen Regimes der Jungtürken eingeordnet) umfasste eine Serie koordinierter Angriffe auf jesidische Stämme im osmanischen Vilâyet Diyarbakır. Die Ereignisse folgten unmittelbar auf die Jungtürkische Revolution im Juli 1908 und den damit einhergehenden systematischen Verrat und Zusammenbruch regionaler Schutzbündnisse.
Historischer Kontext und Hintergründe Vor der Revolution im Jahr 1908 standen die jesidischen Stämme der Region unter dem informellen Schutz der Milli-Konföderation, die von Ibrahim Pascha angeführt wurde. Die Führungsstrukturen der betroffenen jesidischen Gemeinschaften waren tief in der regionalen Geschichte verwurzelt.
Der Dina-Stamm wurde von dem Stammesführer Hüseyin Kanco (Husseine Qenco) angeführt, dem Erbauer der Festung Kasra Kanco und engem Vertrauten Ibrahim Paschas. Die führende Stammesführerlinie des in Weranşar (Viranşehir) ansässigen Şerkiyan-Stammes ging auf Bishar Agha zurück, dessen Traditionslinie in der jesidischen Überlieferung auf den historischen jesidischen Helden Dewrêşê Evdî zurückgeführt wird.Hilmar Kaiser: The Extermination of Armenians in the Diarbekir Region. Istanbul Bilgi University Press, Istanbul 2014, S. 45–60.
Der Konflikt in der Region war primär ökonomischer und territorialer Natur und drehte sich um die Kontrolle von Agrarflächen, Produktionsmitteln und strategischen Handels- und Karawanenwegen zwischen Mardin, Urfa und Diyarbekir. Die multiethnische Konföderation unter Ibrahim Pascha stand dabei in direkter Konkurrenz zur herrschenden Elite von Diyarbekir. Bereits im Jahr 1895 hatten Teile dieser lokalen Machthaber, angeführt von Arif Pirinççizade, Massaker an Minderheiten organisiert, um deren Ländereien zu enteignen.Hilmar Kaiser: İttihatçılar’ın ilk katliamı (Das erste Massaker der Jungtürken). Interview in: Netewe, 18. Dezember 2014.
Das Komplott und der Verrat von 1908 Mit dem Machtantritt des jungtürkischen Komitees für Einheit und Fortschritt im Zuge der Revolution von 1908 eskalierte der Machtkampf. Lokale Akteure in Diyarbekir, allen voran Arif Pirinççizade und dessen Neffe Ziya Bey (der spätere nationalistische Vordenker Ziya Gökalp), besetzten das Telegrafenamt von Diyarbekir, um die administrative Kontrolle zu erzwingen. Sie inszenierten ein politisches Komplott gegen Ibrahim Pascha, der sich zu diesem Zeitpunkt in Damaskus aufhielt. Durch gefälschte Berichte und gezielte Propaganda überzeugten sie die neue Zentralregierung in Istanbul davon, dass ein separatistischer Aufstand geplant sei. Die osmanische Regierung mobilisierte daraufhin reguläre Armeeeinheiten gegen die Konföderation.
Dieses Vorgehen mündete in einen gezielten politischen und militärischen Verrat an den Jesiden: Während das jungtürkische Regime den muslimischen Kräften und ehemals alliierten Nachbarstämmen der Region Straffreiheit und Amnestien anbot, wurden die Verträge mit den Jesiden einseitig aufgekündigt. Die zuvor verbündeten Stämme wurden durch das Versprechen von Straffreiheit und Beuterechten gezielt dazu bewegt, die Seiten zu wechseln und sich aktiv an den kommenden Angriffen zu beteiligen. Das schlagartige Brechen dieser etablierten Schutzbündnisse und der bewusste Ausschluss der Jesiden von jeglicher staatlicher Sicherheit lieferte die Gemeinschaften schutzlos den feindlichen lokalen Eliten aus. Dieser systematische Verrat der Zentralregierung im Zusammenspiel mit dem Seitenwechsel der Nachbarstämme bildete die unmittelbare Ursache, die die nachfolgende Vernichtungswelle erst ermöglichte.
Verlauf und Zerstörung der Dörfer Die religiöse und ökonomische Motivation der Täter führte nach dem vollzogenen Verrat zu einer koordinierten Verfolgung durch Militäreinheiten und die neu mobilisierten, kollaborierenden Stämme. Die Angriffe konzentrierten sich stark auf die Region Weranşar sowie auf die Ebenen westlich von Mardin. Der dort ansässige Şerkiyan-Stamm bildete das Hauptziel einer brutalen Vernichtungswelle, bei der nach den historischen Untersuchungen von Hilmar Kaiser über 50 jesidische Dörfer in den betroffenen Ebenen systematisch geplündert, zerstört und komplett niedergebrannt wurden.John S. Guest: The Yezidis: A Study in Survival. Routledge, London 1987 (Neuauflage 2010), S. 142–145.
Im Zuge dieser gezielten Angriffe wurde auch der amtierende Stammesführer Bishar Agha von den Angreifern getötet, um die Führung des Stammes gezielt zu eliminieren und den kollektiven Widerstand vollständig zu brechen. Historische Forschungen und zeitgenössische Berichte beziffern die Opferzahl bei diesen spezifischen Angriffen auf 400 Jesiden.
Der Dina-Stamm unter Hüseyin Kanco erlitt ein ebenso folgenschweres Schicksal. Nach schweren Plünderungen ihrer Siedlungen formierte der Stamm eine unbewaffnete Delegation aus rund 300 jesidischen Personen – darunter zahlreiche Frauen und Kinder. Das Ziel dieser Gesandtschaft war es, das osmanische Regierungszentrum Diyarbekir zu erreichen, um beim Gouverneur offiziell Klage einzureichen und staatlichen Schutz einzufordern. Auf dem Marsch wurde die schutzlose jesidische Gesandtschaft in einer Schlucht von den kollaborierenden Kräften im Hinterhalt abgefangen und vollständig ermordet.
Laut zeitgenössischen Aufzeichnungen gelang es lediglich 13 jesidischen Überlebenden, den ersten Angriff zu überstehen und das machtbeherrschte Diyarbekir des Pirinççizade-Klans zu erreichen. Dort versuchten sie, Schutz bei den ausländischen Konsulaten zu suchen und die Vorfälle offiziell anzuzeigen. Um jegliche internationale oder administrative Berichterstattung über das Massaker zu unterdrücken, wurden diese verbliebenen 13 Augenzeugen im Auftrag der lokalen Eliten direkt vor Ort gezielt getötet.Bergedorfer Zeitung: Bericht über das Massaker an den Jesiden und den Dina-Hinterhalt. Ausgabe vom 3. Dezember 1908 (Donnerstag). Digitalisiert abrufbar über das Deutsche Zeitungsportal / Bundesarchiv.Hilmar Kaiser, zitiert in: Refugee Routes - Telling, Looking, Protesting, Redressing. transcript Verlag, Bielefeld 2020, S. 92–94.
Geschlechtsspezifische Gewalt und Flucht nach Sindschar Flankiert wurden die Massentötungen von systematischen Übergriffen auf die Zivilbevölkerung. Historische Quellen dokumentieren im Zuge der Angriffe auf die Şerkiyan- und Dina-Gemeinschaften die massenhafte Verschleppung und den Verkauf jesidischer Frauen sowie die gewaltsame Trennung von Kindern von ihren Familien zum Zwecke der Zwangsislamisierung.Hrant Dink Foundation: International Scientific Meeting „Social and Economic History of Mardin and Region“, Panel V: „Violence, Pogrom and Genocide in Mardin“.
Die systematischen Zerstörungen und Massentötungen lösten eine massive Fluchtwelle unter der überlebenden jesidischen Bevölkerung aus. Zahlreiche betroffene Familien flohen aus ihren zerstörten Dörfern in den Regionen Diyarbekir und Mardin nach Süden, um im Sindschar-Gebirge (Sinjar, heute Nordirak) Schutz vor der anhaltenden Verfolgung zu suchen, welches historisch als zentraler Zufluchtsort der Jesiden diente. Die Hrant Dink Foundation dokumentiert hierbei, dass diese regionalen Zerstörungen und Demütigungen zu einer vollständigen Zerschlagung der jesidischen Lebensgrundlagen in den Provinzen Diyarbekir und Mardin führten.
Wissenschaftliche Rezeption In der modernen Geschichtswissenschaft, unter anderem in den Arbeiten von Hilmar Kaiser, John S. Guest sowie bei Fachkonferenzen der Hrant Dink Foundation, werden die Vorfälle von 1908 nicht als Resultat zufälliger lokaler Fehden eingestuft. Die Forschung bewertet die Ereignisse vielmehr als eine koordinierte, strategische Vernichtungskampagne lokaler Eliten (insbesondere des Pirinççizade-Klans) im Zusammenspiel mit Vertretern der neuen jungtürkischen Zentralregierung, die strukturell als Vorläufer für die späteren osmanischen Völkermorde im Zuge des Ersten Weltkriegs gilt.
Einzelnachweise
Kategorie:Massaker Kategorie:Aufstand im Osmanischen Reich Kategorie:Jesiden Kategorie:Jungtürken Kategorie:Konflikt 1908