Der Begriff Rheinische Republik steht für den kurzzeitigen Versuch einer Staatsgründung separatistischer Bewegungen im Rheinland des Jahres 1923. Die Angehörigen der Gruppierung wurden Separatisten, Sonder- oder Freibündler genannt.

Die Ereignisse betrafen die belgisch und französisch besetzten Gebiete des westlichen Deutschen Reiches. Anhänger verschiedener separatistischer Vereinigungen brachten ab dem 21. Oktober einige rheinische Stadt- und Gemeindeverwaltungen teilweise mit militärischer Hilfe der Besatzungstruppen unter ihre Kontrolle. Der französische Hochkommissar und Präsident der Rheinlandkommission, Paul Tirard (1879–1945), erkannte die als Resultat einer politischen Revolution interpretierte Herrschaft der Separatisten am 26. Oktober als legitime Regierung an.„Akten der Reichskanzlei. Weimarer Republik“ online: Die Kabinette Stresemann I/II, Band 2, Dokumente, Nr. 199 Unterredungen mit dem Präsidenten der Interalliierten Rheinlandkommission Tirard am 29. Oktober 1923 (www.bundesarchiv.de) Ministerpräsident war der Redakteur Josef Friedrich Matthes (1886–1943),„Akten der Reichskanzlei. Weimarer Republik“ online: „Matthes, Joseph Friedrich“ (1.87:) (www.bundesarchiv.de) Regierungssitz war Koblenz.

Nach zahlreichen Protesten der deutschen und der britischen Regierung ließ die belgisch-französische Unterstützung schnell nach. Die Separatisten versuchten ihre Herrschaft mit Hilfe der von ihnen rekrutierten Schutztruppen aufrechtzuerhalten. Der Unterhalt der Truppen wurde durch Requirierungen bei der Bevölkerung bestritten, wodurch die Situation an vielen Orten bis hin zu bewaffneten Auseinandersetzungen eskalierte. Die direkte Herrschaft der Separatisten endete etwa am 20. November.

Etwa zeitgleich und ebenfalls in den besetzten Gebieten ereigneten sich die als Ruhrbesetzung und Autonome Pfalz bezeichneten Geschehnisse.

Vorgeschichte Vorgeschichte bis zum Ersten Weltkrieg Das Königreich Frankreich hatte bereits im 17. Jahrhundert mit der Reunionspolitik Ludwigs XIV. ein spürbares Interesse an den linksrheinischen Gebieten gezeigt. Während des Ersten Koalitionskrieges von 1792 hatte das revolutionäre Frankreich verschiedene rheinische Gegenden besetzt und zog deren Zusammenschluss unter der Bezeichnung Cisrhenanische Republik in Erwägung. Dieser Plan wurde jedoch zugunsten einer Annexion des Linken Rheinufers aufgegeben. Entsprechend der These Georges Dantons, dass die Grenzen Frankreichs durch die Natur gebildet würden, war die französische Außenpolitik darauf gerichtet, den Rhein als Grenze Frankreichs zu sehen. Rechts des Rheins war es nach dem Frieden von Lunéville (1801) und im Rahmen des Rheinbundes (1806) zur Bildung von Satellitenstaaten der Ersten Französischen Republik und des Ersten Kaiserreichs gekommen, etwa zur Bildung des Fürstentums Salm, des Herzogtums Arenberg-Meppen, des Großherzogtums Berg und des Königreichs Westphalen.

Auf Beschluss des Wiener Kongresses vom 8. Februar 1815 kam das Linke Rheinufer größtenteils an Preußen, wo es in der Rheinprovinz aufging, und als Rheinpfalz an Bayern. Die Eingliederung blieb stets problematisch, da im Rheinland das napoleonische Zivil- und Handelsrecht, den Handelskammern und der Gemeindeverfassung fortgalt. Vor allem aber bestanden gravierende Unterschiede im Hinblick auf Kultur und Mentalität der katholischen Bevölkerungsteile. Virulent blieb so ein „latenter Antiborussismus und insbesondere das Gefühl der Imparität und der Inferiorität des (rheinischen) Katholizismus gegenüber den preußisch-protestantischen gesellschaftlichen Eliten“, die in der Vorstellung eines „rheinischen Weststaats“ und entsprechender „Rheinstaatbestrebungen“ schon im 19. Jahrhundert zum Ausdruck gekommen waren.Martin Schlemmer: „Los von Berlin“. Die Rheinstaatbestrebungen nach dem Ersten Weltkrieg. In: Rheinisches Archiv. Veröffentlichungen der Abteilung für Rheinische Landesgeschichte des Instituts für Geschichtswissenschaft der Universität Bonn. Böhlau Verlag, Köln 2007, ISBN 978-3-412-11106-9, S. 731. Viele Rheinländer empfanden sich daher als Musspreußen. Auf der anderen Seite vermochte Preußen durch seine militärische Stärke die immer wieder aufkommenden Befürchtungen vieler Rheinländer vor einer französischen Expansion zu zerstreuen, etwa 1840 in der Rheinkrise, als Frankreich unter Adolphe Thiers den Rhein als seine Ostgrenze gefordert hatte. Während der Niederschlagung der Deutschen Revolution fand der Gedanke der Gründung einer Rheinischen Republik neue Anhänger unter den Revolutionären.Dietmar Niemann: Die Revolution von 1848/49 in Düsseldorf. Selbstverlag des Stadtarchivs Düsseldorf, ISBN 3-926490-02-0, Düsseldorf 1993, S. 225 f.Jürgen Herres: Das preußische Rheinland in der Revolution 1848/49. In: Stephan Lennartz, Georg Mölich (Hrsg.): Revolution im Rheinland. Veränderungen der politischen Kultur 1848/49. In: Bensberger Protokolle (Schriftenreihe der Thomas-Morus-Akademie Bensberg), Köln 1998, Heft 29, S. 13–36.

Vorgeschichte nach dem Ersten Weltkrieg Mit der alliierten Besetzung der Rheinlande nach dem Ersten Weltkrieg kamen von verschiedenen französischen Politikern und Militärs aus dem Umfeld Raymond Poincarés wieder Anschlussideen zur Sprache. Auch in Berlin wurde die Zukunft der Rheinlande kontrovers diskutiert, deren Mittelstand und bürgerliche Politiker zunehmend Gefallen an der Trennung vom Freistaat Preußen äußerten. Auch als Folge des Kulturkampfes (1871–1878) empfanden Teile der mehrheitlich katholischen Bevölkerung ihre Situation in Preußen noch nach mehr als einhundert Jahren als protestantische Fremdherrschaft.

Bereits am Abend des 4. Dezember 1918 hatte Karl Trimborn, unterstützt von der Kölnischen Volkszeitung und der örtlichen Zentrumspartei, im Rahmen einer Großkundgebung in Köln den Versuch unternommen, eine Rheinische Republik als neuen Gliedstaat des Reiches aus Preußen herauszulösen, wobei er aber kaum auf Resonanz gestoßen war. Der antipreußischen Stimmung im Rheinland verlieh auch Konrad Adenauer Ausdruck, als er am 1. Februar 1919 mehr als sechzig Oberbürgermeister und Abgeordnete der Nationalversammlung und der preußischen Landesversammlung zu einem Treffen nach Köln einlud. Adenauer war zu dieser Zeit Oberbürgermeister von Köln und gehörte der Zentrumspartei an. Einziger Tagesordnungspunkt der Zusammenkunft war die Gründung der Rheinischen Republik. In seiner Ansprache bezeichnete Adenauer das Scheitern der Hegemonie Preußens als „notwendige Folge“ des preußischen Systems an sich. In der Wahrnehmung der Kriegsgegner des Deutschen Reiches sei Preußen „der böse Geist Europas“ und „der Hort des kulturfeindlichen, angriffslustigen Militarismus“.Zitiert nach Hans-Peter Schwarz: Adenauer. Der Aufstieg. 1876–1952. DVA, Stuttgart 1986, S. 220. Folglich sei die Vormachtstellung Preußens für die anderen deutschen Bundesstaaten nicht weiter tragbar. Preußen solle geteilt werden und dessen westliche Landesteile in einer „Westdeutschen Republik“ aufgehen. Dadurch würde „die Beherrschung Deutschlands durch ein vom Geiste des Ostens, vom Militarismus beherrschtes Preußen unmöglich gemacht“.1. Februar 1919: Konrad Adenauer versucht das Rheinland als Rheinische Republik von Preußen abzukoppeln, www.preussen-chronik.de, abgerufen am 8. März 2025. Adenauer bestand auf dem Verbleib der „Westdeutschen Republik“ im Staatenverbund des Deutschen Reiches.Hans-Peter Schwarz: Adenauer. Der Aufstieg. 1876–1952. DVA, Stuttgart 1986, S. 226.

Entstehung von separatistischen Gruppierungen Letztlich wurde in einer Zwei-Punkte-Resolution festgestellt, dass auch für das Rheinland und die Rheinländer das politische Selbstbestimmungsrecht zu gelten habe. Die Ausrufung der rheinischen bzw. westdeutschen Republik wurde als Übergangslösung für den Fall vorbehalten, dass der Staat Preußen aufgeteilt werde. Auf diese Weise sollte eine praktikable Lösung der Reparationen mit den Siegermächten gefunden werden.

In der Folgezeit bildeten sich in vielen Städten und Gemeinden separatistische Bewegungen mit unterschiedlichen Zielen heraus. Reichsminister Johannes Bell ordnete an, den Lostrennungsbestrebungen propagandistisch und materiell entgegenzutreten. Reichskanzler Philipp Scheidemann gab am 13. März eine einstimmig angenommene Regierungserklärung ab, nach der die „rheinische Frage nur in fester Reichseinheit gelöst werden könne […] eine endgültige Lösung […] erst nach Friedensschluß und auf verfassungsmäßigem Wege erfolgen könne“.„Akten der Reichskanzlei. Weimarer Republik“ online: Das Kabinett Scheidemann, Band 1, Dokumente, Kabinettssitzung vom 12. März 1919, 16 Uhr, Weimar, Nationalversammlung, 5. Westdeutscher Separatismus; Online bei bundesarchiv.de

Ausruf der Republik in Wiesbaden Der Jurist und ehemalige Frontoffizier Hans Adam Dorten rief am 1. Juni 1919 in Wiesbaden eine „selbständige Rheinische Republik“ aus, die auch Gebiete Hessens und der Rheinpfalz einbeziehen sollte.„Akten der Reichskanzlei. Weimarer Republik“ online: Das Kabinett Bauer, Band 1, Dokumente, Nr. 9 Der Hessische Ministerpräsident an den Reichspräsidenten. Darmstadt, 30. Juni 1919 (www.bundesarchiv.de) Unterstützt wurde er dabei vom französischen General Charles Mangin„Akten der Reichskanzlei. Weimarer Republik“ online: Das Kabinett Scheidemann, Band 1, Dokumente, Nr. 88 Kabinettssitzung vom 27. Mai 1919, 18 Uhr, 4. Rheinische Republik (www.bundesarchiv.de www.bundesarchiv.de) und anderen französischen Militärs. Bereits in der Nacht zum 1. Juni wurden in Teilen der Region Plakate mit einem Aufruf „an das rheinische Volk“ angeschlagen. Am Nachmittag des Tages wurde der Wiesbadener Regierungspräsident Karl Wilhelm von Meister von zwei französischen Offizieren aufgefordert, sich den Anordnungen von Hans Adam Dorten zu unterstellen, was Meister ablehnte, um kurz darauf aus seinem Zuständigkeitsbereich nach Bad Homburg vor der Höhe abzureisen. In den folgenden Tagen kam es zu mehreren Verhandlungen zwischen deutschen Politikern und Verwaltungsbeamten sowohl des separatistischen als auch des reichstreuen Lagers und dem französischen Oberadministrateur Pineau. Am 2. Juni protestierten Arbeiter mit einem Generalstreik gegen die separatistische Bewegung. Als Mitglieder der Dorten-Regierung am 4. Juni das Gebäude des Regierungspräsidiums in Wiesbaden in Besitz nehmen wollten, versuchte Meisters Stellvertreter Springorum dies gewaltsam zu verhindern, bis französische Soldaten durchsetzten, dass Dorten und seinen Mitarbeitern Amtsräume zugewiesen wurden. Als reichstreue Beamte sich auf der Rückseite des Hauses über eine Leiter Zutritt verschafft hatten, kam es zu Schlägereien, worauf der inzwischen erschienene Oberst Pineau die Neutralität der französischen Besatzungsverwaltung erklärte. Darauf vertrieb die deutsche Polizei die Dorten-Regierung aus dem Gebäude. Diese Auseinandersetzungen waren von einem publizistischen Schlagabtausch begleitet, in dem die Wiesbadener Zeitung die reichstreue, die Kölnische Volkszeitung die separatistische Seite vertrat.

Auch in Mainz, Speyer und anderen Städten fanden kurz darauf Putschversuche statt; sie scheiterten aber innerhalb weniger Tage an ihrer dilettantischen Organisation und der Ablehnung in der Bevölkerung und der Verwaltung.„Akten der Reichskanzlei. Weimarer Republik“ online: Das Kabinett Scheidemann, Band 1, Dokumente, Nr. 97 Kabinettssitzung vom 2. Juni 1919, 11 Uhr, 8. Rheinischer Separatismus; Online bei bundesarchiv.de. Gegen Dorten wurde in der Folge vom Reichsgericht in Leipzig ein Haftbefehl wegen Hoch- und Landesverrats erlassen, vor dessen Vollstreckung ihn jedoch sein Aufenthalt in den französisch besetzten Gebieten schützte.