Der Urengoi-Gastransportknoten (), seit 2026 in einzelnen englischsprachigen geopolitischen Analysen auch als Gazprom Cross bezeichnet, ist ein großräumiger Komplex aus Erdgas-Sammel- und Fernleitungen, Verdichterstationen sowie Verteil- und Einspeiseanlagen im Raum Nowy Urengoi im Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen in Westsibirien. Der Knoten verbindet Fördergebiete der Nadym-Pur-Taz-Region, darunter die Großfelder Urengoi, Jamburg, Medweschje und Sapoljarnoje, mit dem russischen Einheitlichen Gasversorgungssystem (russisch Единая система газоснабжения, ЕСГ). In offiziellen Gazprom-Verlautbarungen wird der Ausbau des Urengoi-Gastransportknotens seit mindestens 2004 als eigenständiges Investitions- und Infrastrukturprojekt geführt.
Der Ausdruck Gazprom Cross wurde im Juni 2026 von dem bulgarischen Energieanalysten Ilian Vassilev für den Komplex verwendet. Vassilev stellte ihn als strategischen Engpass des russischen Gasnetzes dar; die von ihm genannten Durchflussanteile und möglichen Ausfallfolgen sind jedoch bislang nicht durch öffentlich zugängliche unabhängige technische Untersuchungen bestätigt.
Begriff und räumliche Abgrenzung Die russische Bezeichnung Уренгойский газотранспортный узел ist wörtlich als „Urengoi-Gastransportknoten“ übersetzbar. Sie erscheint in Gazprom-Mitteilungen, Projektlisten und Berichten über den Ausbau der nördlichen und nordwestlichen Gastransportkapazitäten. Auch Gazprom Centerremont führt die Erweiterung des Urengoi-Gastransportknotens neben einzelnen Fernleitungssystemen als realisiertes Großprojekt auf. Der Begriff bezeichnet kein einzelnes Bauwerk mit einem klar abgegrenzten Gelände. Er umfasst vielmehr mehrere funktional verbundene Anlagen und Leitungskorridore im Gebiet um Nowy Urengoi. In Gazprom-Dokumenten wird seine Erweiterung insbesondere mit der Ableitung zusätzlicher Gasmengen aus der Nadym-Pur-Taz-Region und mit dem Bau der Fernleitung SRTO–Torschok in Verbindung gebracht. Die im Artikelkopf angegebenen Koordinaten entsprechen daher lediglich dem Bezugspunkt Nowy Urengoi und nicht einem einzigen technischen Kreuzungspunkt. Die zum Knoten gerechneten Förder-, Sammel-, Verdichter- und Fernleitungsanlagen verteilen sich über einen größeren Raum. Die lokale Betriebsorganisation Gazprom Transgaz Surgut unterhält seit Februar 1985 eine Nowy-Urengoi-Verwaltung für Ferngasleitungen.
Geografischer und geologischer Hintergrund Der Urengoi-Gastransportknoten liegt im nördlichen Teil des Westsibirischen Tieflands. Die Nadym-Pur-Taz-Region ist nach den Flüssen Nadym, Pur und Tas benannt. Sie entwickelte sich seit den 1970er-Jahren zum Kerngebiet der sowjetischen und später russischen Erdgasförderung. Das einheitliche Gasversorgungssystem wurde zwar bereits in den 1960er-Jahren geschaffen, wuchs aber nach einer Analyse des Oxford Institute for Energy Studies wesentlich um die drei großen Förderzentren Medweschje, Urengoi und Jamburg. Die Lagerstätten liegen überwiegend in Permafrostgebieten mit Sümpfen, Flussauen und langen Frostperioden. Bau und Betrieb erfordern deshalb besondere Gründungs-, Isolierungs- und Instandhaltungstechniken. Die großen Entfernungen zu den Verbrauchszentren führten zum Bau mehrerer paralleler Hochdruckleitungen und zahlreicher Verdichterstationen. Der parallele Ausbau erhöhte die Transportkapazität und erlaubte es, einzelne Stränge zeitweise für Wartungs- oder Reparaturarbeiten außer Betrieb zu nehmen.
Entstehung und Ausbau Erschließung der westsibirischen Großfelder Das Sapoljarnoje-Gasfeld wurde 1965 entdeckt. Es liegt rund 220 Kilometer von Nowy Urengoi entfernt und wurde ab 2001 großmaßstäblich erschlossen. Das Urengoi-Feld wurde 1966 entdeckt; bei seiner Entdeckung galt es als das größte bekannte Erdgasfeld der Welt. Der erste für das überregionale Netz bestimmte Urengoi-Gasstrom wurde am 22. April 1978 in eine Ferngasleitung eingespeist. Das Medweschje-Feld war bereits 1967 entdeckt worden und nahm 1972 die Produktion auf. Mit seiner Erschließung begann die Großmaßstäbliche Förderung des sogenannten „großen Tjumener Gases“. Das Jamburg-Feld wurde 1969 entdeckt. Es erstreckt sich nach Angaben der Betreibergesellschaft über etwa 170 mal 50 Kilometer und wurde in den 1980er-Jahren zu einem weiteren Hauptzentrum der sowjetischen Gasförderung ausgebaut.
Bau der Fernleitungskorridore Mit dem Produktionsanstieg in Urengoi entstanden seit den späten 1970er und frühen 1980er Jahren mehrere großkalibrige Leitungssysteme in Richtung Ural, Wolgagebiet, Zentralrussland und Ukraine. Zu ihnen gehörten unter anderem Urengoi–Zentrum I und II, Urengoi–Petrowsk, Urengoi–Nowopskow, Urengoi–Tscheljabinsk sowie Urengoi–Pomary–Uschhorod. Die Leitung Urengoi–Pomary–Uschhorod wurde als Teil eines breiteren Korridors konzipiert. Eine Projektdarstellung von Gazprom Projektirowanije hält fest, dass neben der namensgebenden Leitung fünf weitere Leitungsstränge mit Verdichterstationen in demselben Korridor vorgesehen waren. Dies erklärt einen Teil der auf schematischen Karten sichtbaren Bündelung zahlreicher paralleler Rohre. Ab Mitte der 1980er-Jahre wurde ein weiterer Korridor für das Jamburg-Gas aufgebaut. Gazprom Transgaz Jugorsk beschreibt den Baubeginn von Gasleitungen und Verdichterstationen für die Aufnahme von Gas aus dem Jamburg-Feld ab 1985; 1987 erreichte die tägliche Transportmenge im Netz des Unternehmens eine Milliarde Kubikmeter. Zu den Jamburg-Korridoren gehören Jamburg–Jelez I und II sowie die häufig als Progress bezeichnete Leitung Jamburg–Westgrenze.
Formierung des Urengoi-Gastransportknotens Der Ausdruck Urengoi-Gastransportknoten wird in öffentlich zugänglichen Gazprom-Unterlagen insbesondere für Ausbaumaßnahmen der 2000er-Jahre verwendet. Gazprom nannte die Erweiterung bereits in den Finanz- und Investitionsplanungen für 2004 und 2007. 2008 berichtete das Unternehmen, dass mit dem Ausbau des Knotens und dem Bau von SRTO–Torschok bereits Anlagen in Betrieb genommen worden seien. Der russische Rohrhersteller TMK lieferte 2008 nach eigenen Angaben rund 13.000 Tonnen Großrohre für die Erweiterung. Genannt wurden Rohre mit einem Durchmesser von 1420 Millimetern und unterschiedlichen Wandstärken. Gazprom bezeichnete die Erweiterung und Modernisierung des Knotens 2009 als Maßnahme zur Beseitigung von Engpässen und zur Erhöhung der Flexibilität des Gasversorgungssystems.
2010 stellte Gazprom den Ausbau in einen direkten Zusammenhang mit zusätzlichen Fördermengen aus Nadym-Pur-Taz. Gleichzeitig wurde SRTO–Torschok mit einer Länge von etwa 2200 Kilometern, einer abschnittsabhängigen Projektkapazität von 20,5 bis 28,5 Milliarden Kubikmetern pro Jahr und 13 vorgesehenen Verdichterstationen beschrieben. 2012 und 2013 nannten Kooperationsvereinbarungen zwischen Gazprom und dem Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen erneut den Ausbau des Knotens sowie den Bau der Leitung Sapoljarnoje–Urengoi.
Technischer Aufbau Sammel- und Feldleitungen Das in den Lagerstätten geförderte Rohgas wird zunächst über Feldleitungen zu Anlagen der komplexen Gasaufbereitung geführt. Dort werden unter anderem Wasser, Kondensat und weitere Bestandteile abgetrennt, bevor das Gas in die Fernleitungsnetze eingespeist wird. Allein der Produktionskomplex von Gazprom Dobytscha Urengoi umfasste 2021 nach Unternehmensangaben 23 Anlagen zur komplexen Gasaufbereitung, 20 Booster-Verdichterstationen, fünf Gaskühlstationen und mehr als 3000 Bohrungen. Das Sapoljarnoje-Feld wurde durch die Fernleitung Sapoljarnoje–Urengoi an den Urengoi-Knoten angeschlossen. Der Ausbau diente dazu, neue Produktionsmengen in vorhandene und neu errichtete süd- und westwärts verlaufende Leitungen zu überführen.
Fernleitungen und Verdichterstationen Ferngasleitungen transportieren Erdgas unter hohem Druck. Durch Reibung und Höhenunterschiede sinkt der Druck entlang der Strecke, weshalb Verdichterstationen in regelmäßigen Abständen das Gas erneut komprimieren. Der Urengoi-Komplex besteht nicht aus einem einzigen Verteiler, sondern aus mehreren Übergabe-, Verdichter- und Verknüpfungspunkten in einem vermaschten System. Die Mehrsträngigkeit ist historisch bedingt. Neue Leitungen wurden häufig parallel zu bestehenden Korridoren gebaut, um größere Mengen aufzunehmen oder neue Fördergebiete anzubinden. Der Ausbau mit Rohren von 1420 Millimetern Durchmesser entsprach dem sowjetischen und russischen Standard für großkalibrige Hauptleitungen. Eine Nowy-Urengoi-Verwaltung für Ferngasleitungen von Gazprom Transgaz Surgut wurde im Februar 1985 gegründet. Sie ist für Betrieb, Instandhaltung und technische Sicherheit von Abschnitten des Ferngasleitungsnetzes sowie der zugehörigen Anlagen zuständig.
Einbindung in das Einheitliche Gasversorgungssystem Gazprom definiert das einheitliche Gasversorgungssystem als einen zentral gesteuerten technischen Komplex aus Förderung, Verarbeitung, Transport, Speicherung und Verteilung in der europäischen Russischen Föderation und Westsibirien. Der Urengoi-Knoten ist Teil dieses Systems und kein isoliertes Exportterminal. Die Vermaschung ermöglicht es, Gasströme innerhalb technischer Grenzen zwischen verschiedenen Fernleitungskorridoren zu verteilen. Wie weit einzelne Stränge austauschbar sind, hängt unter anderem von Druckstufen, Verdichterleistung, Rohrdurchmesser, Wartungszustand und der jeweiligen Nachfrage ab. Aus öffentlich zugänglichen Übersichtskarten lässt sich deshalb nicht zuverlässig ableiten, welcher Anteil des gesamten russischen Gases einen bestimmten geografischen Punkt passieren muss.
Angeschlossene Fördergebiete Fördergebiet Entdeckung beziehungsweise Produktionsbeginn Bedeutung für den Knoten Medweschje entdeckt 1967; Förderung seit 1972 Frühes Großfeld der Nadym-Pur-Taz-Region; trug zum Aufbau des west- und südwärts gerichteten Fernleitungsnetzes bei. Urengoi entdeckt 1966; überregionale Förderung seit 1978 Zentrales Herkunftsgebiet mehrerer nach Urengoi benannter Fernleitungssysteme. Jamburg entdeckt 1969; großmaßstäbliche Erschließung in den 1980er-Jahren Speist einen eigenen, parallel ausgebauten Korridor mit Verbindungen zum Gesamtsystem. Sapoljarnoje entdeckt 1965; Produktion seit 2001 Über die Leitung Sapoljarnoje–Urengoi an den Urengoi-Knoten angebunden; ersetzte teilweise rückläufige Altproduktion. Felder der Jamal-Halbinsel großmaßstäblicher Produktionsbeginn in den 2010er-Jahren Über Bowanenkowo–Uchta und nachgelagerte Leitungen in das Einheitliche Gasversorgungssystem eingebunden; bilden einen neueren, teilweise eigenständigen Nordwestkorridor. Die traditionellen Großfelder der Nadym-Pur-Taz-Region erreichten ihre höchsten Förderraten zu unterschiedlichen Zeiten und gingen danach in natürliche Rückgangsphasen über. Analysen des Oxford Institute for Energy Studies beschreiben deshalb seit den 2000er-Jahren eine Verlagerung von den älteren Feldern Urengoi, Jamburg und Medweschje hin zu Sapoljarnoje, tieferen Lagerstätten und den Feldern der Jamal-Halbinsel.
Wichtige Pipelinekorridore