Ingo Timm (* 9. Mai 1936) ist ein deutscher Restaurator, Maler und Grafiker.
Leben und Werk
Der Vater Ingo Timms war Maler und Grafiker. Er fiel 1944 im Zweiten Weltkrieg, und die Mutter musste ihre beiden Söhne allein aufziehen. Ingo Timm absolvierte in Berlin die Oberschule. In dieser Zeit betrieb er malerische und maltechnische Studien bei dem Maler und Grafiker Friedrich Dreyer-Tamura (1899–1973), der ein Freund seines Vaters gewesen war. In der Nähe wohnte der Bildhauer Hans-Peter Goettsche, mit dem Timm befreundet war. In dessen Atelier konnte Timm figürliches Zeichnen üben.
Goettsche riet ihm, eine restauratorische Ausbildung zu machen, und vermittelte ihm 1954 ein Volontariat mit anschließender viereinhalbjähriger Ausbildung in der Restaurierungswerkstatt des Märkischen Museums. Da es dieser Ausbildung an Systematik fehlte, studierte Timm intensiv selbstständig Fachliteratur. Zum Kopieren von Bildern ging er in Museen. Nach der Ausbildung arbeitete Timm im Märkischen Museum als Restaurator. Dabei bildete er sich zielstrebig bei den Restaurierungsarbeiten und an den Wochenenden bei Dreyer-Tamura durch maltechnische Studien, vor allem der niederländischen Maler des 17. Jahrhunderts, weiter. Dazu gehörten u. a. umfangreiche Grundierungs- und Farbstudien auf Eichenholztafeln zu Peter Paul Rubens.
Ab 1959 war Timm am Märkischen Museum eigenverantwortlicher Gemälderestaurator und dann als Chefrestaurator Leiter der Werkstatt. Dabei lag das Schwergewicht anfangs auf konservatorischen Arbeiten an der durch Wassereinbrüche im Krieg und Auslagerungen stark beschädigten Gemäldesammlung.
Bis zum Bau der Berliner Mauer 1961 nahm Timm Englisch-Unterricht am British Centre in Westberlin und danach in abendlichen Lehrveranstaltungen der Humboldt-Universität.
Über das Referat für Museen und Denkmalpflege des Ministeriums für Kultur erhielt Timm fachliche Kontakte in das befreundete Ausland. 1963/64 hatte er einen ersten Studienaufenthalt an der Akademie der Bildenden Künste Warschau und am Denkmalpflegeinstitut Pracownie Konserwacji Zabytków. Dort arbeitete er an Tafelgemälden und polychromierten Holzskulpturen und wurde in die einfache nasschemische Analyse und in Nachweisverfahren historischer Malmaterialien eingewiesen. Es entwickelten sich enge Beziehungen zu polnischen Restauratoren, u. a. zu Bohdan Marconi. Am Kunsthistorischen Institut der Humboldt-Universität belegte Timm Vorlesungen zur mittelalterlichen Kunstgeschichte. Als für ihn fachlich prägende Persönlichkeiten nannte Timm insbesondere Fritz Leweke und Helmar Helas.
Timm war ab 1963 Mitglied des Verbands Bildender Künstler der DDR (VBK). Er war an der Gründung deren Zentraler Arbeitsgruppe Restauratoren beteiligt und bis 1990 deren Leiter. Am Berliner Institut für Denkmalpflege wirkte er als Lehrkraft. Und ab 1968 betreute er am neu eingerichteten Diplomstudiengang für Gemälde- und Skulpturenrestaurierung der Kunsthochschule Berlin-Weißensee das Lehrgebiet Oberflächenbehandlung von Gemälden, Firnissen und anderen Überzügen sowie Gemäldekopie. Die Ausbildung von Restauratoren wurde 1974 eingestellt und an die Hochschule für Bildende Künste Dresden verlagert. Dort betreute Timm als Lehrbeauftragter das Lehrgebiet weiter. Ab 1996 hatte er eine Honorarprofessur für Gemälderestaurierung.
1971 arbeitete Timm im Rahmen eines staatlichen Kulturabkommens ein Vierteljahr in Myanmar. Dabei restaurierte er u. a. mit burmesischen Mitarbeitern im Nationalmuseum für Kunst und Archäologie in Yangon ein stark beschädigtes Selbstporträt des bedeutenden Malers Ba Nyan (1887–1945). 1975 hielt Timm sich erneut im Nationalmuseum auf.
Bei der restauratorischen Arbeit im Märkischen Museum bediente sich Timm modernster Methoden und Techniken, so strahlendiagnostischer Untersuchungsverfahren. Dabei erhielt er Unterstützung u. a. von der Forensischen Abteilung der Berliner Volkspolizei und vom VEB Fotochemische Werke Berlin-Köpenick.
Die Zeitschrift Neue Museumskunde berief Timm in den Redaktionsbeirat. 1980 war er an der Gründung der vom VBK herausgegebenen Schriftenreihe Beiträge zur Erhaltung von Kunstwerken beteiligt, deren Redaktionsleiter er wurde. Timm war auch an der Vorbereitung der großen Ausstellung Restaurierte Kunstwerke der DDR 1980 im Alten Museum und an der Erarbeitung des Katalogs der Ausstellung beteiligt.
Er hatte u. a. Studienaufenthalte am Amsterdamer Restaurierungsinstitut und am Victoria and Albert Museum London. Im Rahmen eines Fellowship-Stipendiums konnte er u. a. maltechnische Studien an zwei Gemälden von Thomas Gainsborough in der National Portrait- und in der Tate Gallery betreiben. Es entwickelte sich eine enge Freundschaft u. a. mit Ernst van de Wetering.
1984 erhielt Timm den Titel eines Museumsrats. 2001 schied er aus dem Museumsdienst aus. Er arbeitete danach weiter freischaffend.
Timm restaurierte u. a. mehrere Werke Caspar David Friedrichs, darunter für die Alte Nationalgalerie Der Watzmann und für das Pommersche Landesmuseum in Greifswald Ruine Eldena im Riesengebirge und Neubrandenburg. Bei der Restaurierung weiterer Werke war er beratend tätig, u. a. bis 2016 bei Der Mönch am Meer und Abtei im Eichwald.
Im Rahmen der Rekonstruktion der Innenräume der Semperoper in Dresden schuf er Kopien von zwei Lünetten im zwingerseitigen Vestibül, die Goethes Faust-Dichtung und das Schauspiel Goetz von Berlichingen zum Thema haben.
Nach der Fusion von sieben deutschen Restauratoren-Verbänden zum Verband der Restauratoren e. V. wurde Timm 2001 Mitglied des Präsidiums und Chefredakteur, dann Mitglied der Redaktion von dessen Zeitschrift Beiträge zur Erhaltung von Kunst- und Kulturgut.
Neben der restauratorischen Tätigkeit betätigte sich Timm auch als Maler und Grafiker und beteiligte sich an Ausstellungen. An der Kunsthochschule Berlin-Weißensee belegte er Vorlesungen über die Kunstgeschichte der Moderne. Dabei lernte er den Maler Herbert Behrens-Hangeler kennen, woraus sich ein reger fachlicher Austausch entwickelte, insbesondere zur Strukturierung moderner Malgründe. Druckgrafische Techniken erlernte Timm bei Herbert Tucholski.
Timm lebt mit seiner Ehefrau Siglinde, die Restauratorin ist, in Berlin-Friedrichshagen.
Ehrungen 1976: Vaterländischer Verdienstorden in Bronze 1980: Orden Banner der Arbeit in Bronze (im Kollektiv) 1984: Leibniz-Medaille 1986: Hans-Grundig-Medaille
Veröffentlichungen (Auswahl) Birte Frenssen, Ingo Timm: Das Gemälde Neubrandenburg von Caspar David Friedrich. Deutung und kunsttechnologische Beobachtungen. In: Beiträge zur Erhaltung von Kunst und Kulturgut, 1/2010, S. 36–61.
Literatur Ein Berliner Restaurator in Warschau. In: Neue Museumskunde, 3/1965, S. 204–208. Bericht über einen Aufenthalt in der Union von Burma. In: Neue Museumskunde, 1/1974, S. 59–66. Dietmar Eisold (Hrsg.): Lexikon Künstler in der DDR. Verlag Neues Leben, Berlin, 2010, ISBN 978-3-355-01761-9, S. 955. Ingo Timm. Interview mit Cornelia Weyer und Ivo Mohrmann. Dem Jubilar zum 80. Geburtstag gewidmet. In: Beiträge zur Erhaltung von Kunst und Kulturgut, 1/2016; ISBN 978-3-7319-0405-2, S. 101–114.
Einzelnachweise
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