Lopamudra (Sanskrit Lopāmudrā) ist eine weibliche Seher- und Literaturgestalt der vedischen und epischen Überlieferung Indiens. Im Rigveda erscheint sie als Ehefrau des Sehers Agastya und als Sprecherin der Dialoghymne 1,179; ob hinter ihr eine historische Person steht, ist nicht nachweisbar. In der neueren Rezeption gilt sie als Symbol weiblichen Begehrens und als Beispiel einer Rishika, einer weiblichen vedischen Seherin.
Leben Eine zusammenhängende Lebensgeschichte erhält Lopamudra erst in späteren Erzählungen, vor allem im dritten Buch des Mahabharata. Der dortigen Legende zufolge musste Agastya einen Nachkommen zeugen, um seine leidenden Vorfahren zu erlösen. Er formte aus den als besonders schön geltenden Zügen verschiedener Lebewesen ein Mädchen und übergab es dem kinderlosen König von Vidarbha, der es als Tochter aufzog. Als Lopamudra erwachsen war, verlangte Agastya sie zur Frau; trotz der Bedenken ihrer Eltern erklärte sie sich selbst mit der Ehe einverstanden. Nach der Hochzeit legte sie Gewänder und Schmuck ab und lebte mit Agastya in Gangadwara in strenger Askese. Als Agastya ein Kind zeugen wollte, bestand sie auf einer Vereinigung unter Bedingungen, die ihrer früheren königlichen Lebensweise entsprachen, woraufhin er Vermögen beschaffen ging. Die epische Fassung gestaltet die knappe vedische Konstellation damit zu einer Erzählung über das Verhältnis von Askese, Ehe und Nachkommenschaft aus.
Wirken Die sechs Verse von Rigveda 1,179 bilden einen dramatischen Dialog; traditionell werden die ersten beiden Lopamudra, die folgenden beiden Agastya und die letzten beiden einem Schüler zugeschrieben. Lopamudra beklagt, dass das Alter ihre Schönheit mindere, erinnert an frühere Seher mit ehelichem Leben und drängt ihren Mann zur Vereinigung. Agastya antwortet in der Sprache religiösen Ringens, gibt dem Begehren jedoch nach; der Schluss umfasst Nachkommenschaft, Kraft und religiösen Erfolg. Die Hymne inszeniert die Ehe dadurch als Ort, an dem Askese, körperliches Begehren und Fortpflanzung miteinander in Einklang gebracht werden. Bemerkenswert ist, dass Lopamudra ihr Begehren in eigener Rede artikuliert und nicht nur Objekt männlichen Verlangens ist. Populäre Gegenwartsdeutungen lesen ihre Rede als Behauptung ehelicher Zustimmung und weiblicher Handlungsmacht, wenden damit aber moderne Begriffe auf einen sehr alten Text an. Die anhaltende Wirkung der Figur beruht vor allem auf dieser ungewöhnlich direkten Verbindung von weiblicher Rede, Erotik und religiöser Reflexion.
Einzelnachweise
Kategorie:Literarische Figur