Berliet war ein französischer Kraftfahrzeughersteller, der in Lyon von 1895 bis 1980 existierte und sein Werk im Vorort Vénissieux und im Stadtteil Montplaisir betrieb.

Geschichte mini|Wertpapier von Automobiles M. Berliet mini|Frühes Emblem am Kühler

Vorgeschichte Den Wunsch, ein Automobil zu konstruieren, äußerte Marius Berliet (1866–1949) schon mit 15 Jahren. Zunächst blieb dafür keine Zeit, und Berliet musste in der elterlichen Werkstätte für Hutbänder mithelfen. Er begann in seiner Freizeit und nachts an seinem ersten Verbrennungsmotor zu arbeiten, den er 1894 fertigstellte. 1895 folgte ein erstes Kraftfahrzeug. Dies war ein Leichtfahrzeug, in dem Fahrer und Passagier hintereinander Platz fanden, es erhielt die Typenbezeichnung No.1. Dieses Fahrzeug verunfallte während einer Erprobungsfahrt, und Berliet arbeitete an Verbesserungen seiner Konstruktion. 1896 folgte ein zweiter Motor und 1897 sein zweites Automobil. Wiederum ein Zweisitzer, war der neue Motor ein luftgekühlter Boxer mit Kühlrippen, der im Heck untergebracht war. Das Fahrzeug war breit genug, dass zwei Personen nebeneinander sitzen konnten. Es war der Typ No.2.

PKW-Bau mini|Berliet Cabriolet Mit der Unterstützung seiner Mutter – sein Vater war immer noch strikt gegen seine Pläne eingestellt – mietete Marius Berliet 1899 eine Werkstatt im Lyoner Quartier La Croix-Rousse, wo er wiederum nur abends und in seiner Freizeit arbeiten konnte, nun immerhin mit der Unterstützung eines Angestellten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Lyon zu einem Zentrum des französischen Automobilbaus mit Marken wie Audibert-Lavirotte, Luc Court, Rochet-Schneider, Cottin-Desgouttes, La Buire, Pilain oder Vermorel. Auch Berliets kleine Manufaktur gehörte bald dazu und wuchs: Ab 1900 wurden Fahrzeuge mit Zweizylindermotor angeboten. Nach anderer Darstellung lag die Werkstatt in Brotteaux bei Lyon (der Ort gehört heute zum 6. Arrondissement der Stadt).

Der Betrieb expandierte schnell, und so kaufte Berliet im Jahr 1902 den Automobilhersteller Société Anonyme des Anciens Établissements Audibert et Lavirotte in Monplaisir auf. Dort war ein Vierzylinder-Modell mit einem Stahlrohrrahmen produziert worden, was zu dieser Zeit, als die meisten anderen Hersteller zumeist Holz verwendeten, außergewöhnlich war. Emile Lavirotte nahm danach eine Tätigkeit bei Berliet auf. Im Modelljahr 1902 wurde bereits der Berliet D mit Zwei- und Vierzylindermotor, Vierganggetriebe und Kettenantrieb als Chassis für verschiedene Karossierisaufbauten angeboten.

Im Jahr 1905 erwarb die American Locomotive Company Lizenzen zum Nachbau von Berliet-Modellen.

1910 hatte das Unternehmen bereits sieben Zweigbetriebe, es wurde eine Palette von Fahrzeugen mit 8 bis 60 PS produziert. 1912 ging etwa die Hälfte der hergestellten Fahrzeuge in den Export.

1915 hatte Berliet sein Unternehmen so organisiert, dass von der Stahlherstellung bis zum fertigen Produkt alles in eigener Hand lag.

Ab 1930 bot man bei Berliet die Modellreihe 944 9 CV mit folgenden Werksbezeichnungen an: VIL, VILS, VIL2, VILK, VILB, VILX, VILDX, VILF, VIR (1930–1935).Fondation Berliet: pour mémoire : types de châssis des « 944 » et « Dauphines »

mini|Letzter Berliet-Pkw Dauphine Die letzte Pkw-Modellreihe war von 1936 bis 1939 der Berliet Dauphine dessen Varianten aufgrund unterschiedlicher Leistung als 9 CV und 11 CV bezeichnet wurden. Zur Modellreihe Dauphine sind die Werkstypen VIRL, VIRP, VIR, VIRF, VIRP und VIRP2 bekannt.Fondation Berliet: pour mémoire : types de châssis des « 944 » et « Dauphines » Der Berliet mit Peugeot-402-Karosserie, aber eigener Technik und eigenem Fahrgestell, gehörte ebenfalls zu den letzten Pkw des Herstellers. Die Pkw-Produktion endete 1939, danach stellte Berliet ausschließlich Nutzfahrzeuge her.

Nutzfahrzeuge Die Anfänge des Nutzfahrzeugbaues, der später zum Hauptgeschäft bei Berliet avancieren sollte, können nur bruchstückhaft rekonstruiert werden.

Für das Jahr 1906 wird ein erster LKW-Typ genanntPuvillard S. 7: Bei den Herbstmanövern der französischen Armee nahm ein nicht näher getypter Berliet-LKW teil, von dem Fotos und folgende Parameter bekannt sind: Motor vermutlich der 14-HP-Motor, der auch im zeitgleich gebauten Pkw Berliet H eingebaut war: vier Zylinder, Bohrung × Hub 80 × 120 mm, Hubraum 2413 cm³, 14 effektive PS. Die Nutzlast wird mit 2,1 Tonnen angegeben, das Gesamtgewicht mit 5190 kg. Das Fahrzeug war ein Frontlenker mit vorn liegendem Motor, der Antrieb auf die Hinterachse erfolgte mit KettenVauvillier, Berliet Camions S. 4.

Aus den Manövern des Jahres 1907 wurde ein ähnliches Fahrzeug gezeigt: Gleicher Motor, Nutzlast zwei Tonnen, mit Holz- oder auch mit Stahl-SpeichenrädernVauvillier, Berliet Camions S. 5. Im Herbst desselben Jahres erschien als Drei- und Fünftonner der Berliet L.

Ab 1908 sind die Typen Berliet AB, AC und AD dokumentiert, die auch mit Omnibus-Aufbauten hergestellt wurdenPuvilland S. 14/15. Ferner wird ein LKW mit 2,5 Tonnen Nutzlast genannt, von dem zwei Stück an einer Dauererprobung der französischen Armee im Mai 1908 teilnahmen. Er hatte den gleichen Motor wie der Berliet LVauvillier, Berliet Camions S. 6, 10.

Den Berliet M gab es ab 1909 seine Nutzlast wird mit zwei, aber auch mit 3,5 TonnenVauvillier, Berliet camions S. 10 angegeben. Er scheint den Typ L in der Produktion abgelöst zu haben. Ab diesem Jahr subventionierte Frankreich den Kauf auch militärisch verwendbarer LKW analog zu deutschen Subventions-Lkw. Die französische Armee kaufte zwei Berliet-LKW mit 2,5 Tonnen Nutzlast und erprobte sie im Dauertest im Herbst 1909. Von diesen beiden LKW ist keine Typenbezeichnung bekannt, wohl aber folgende technischen Daten: Motor wie beim Berliet M, Leergewicht 1800 kg, Nutzlast 2,5 Tonnen, Reifen vorne 900×120, hinten 1000×120Vauvillier, Berliet camions S. 7, 10.

1910 gab es weiterhin die 1909 bereits gebauten Typen.

Ab 1911 werden bei Berliet die LKW-Typen mit einem C als ersten Buchstaben gekennzeichnet. Insgesamt produzierte Berliet in diesem Jahr 219 LKW und 32 BusseChapelle S. 38.

Im Ersten Weltkrieg ab 1914 sah Berliet seine Chancen in der Rüstungsindustrie. Da durch den Krieg in Frankreich ein großer Bedarf an militärischen Lastkraftwagen bestand, wurde die Produktion auf die Lkw-Herstellung umgestellt, der Ausstoß betrug am Ende des Jahres 1917 etwa 40 Fahrzeuge pro Tag. Hauptsächlich wurde der Dreieinhalbtonner-Lkw Berliet CBA in fünfstelligen Stückzahlen gebaut. Außerdem stellte Berliet in dieser Zeit Mörsergranaten her. mini|Berliet 1 CB ein Ausflugsfahrzeug mit fünf Sitzreihen (1921) Nach Kriegsende brach der Markt für Nutzfahrzeuge zusammen, weil infolge der Abrüstung Frankreich mit Gesetz vom 3. November 1919 große Anzahl von Armee-Lastkraftwagen zu sehr günstigen Konditionen für den zivilen Markt verkaufte bzw. versteigerteLouis Muron, Marius Berliet, 1866–1949, Éditions Lugd, 1995. Dies brachte auch Berliet in Schwierigkeiten, für die nächsten drei Jahre waren angesichts dieses Überangebots neue Nutzfahrzeuge kaum absetzbar.

1919 wurde außerdem der Betrieb bestreikt. Nach einem Bankrott im Jahr 1921 folgte ein Neuaufbau des Unternehmens. 1921 beschäftigte Berliet in seinem Werk in Vénissieux zu 70 % Franzosen, zehn Jahre später stellten ausländische Arbeiter die Mehrheit der Fabrikbelegschaft.

In den Jahren 1923 und 1924 beschäftigte sich Berliet mit der Konstruktion von Lastkraftwagen mit Elektromotor. Es entstanden die Typen Berliet CTA, VTA, VTB, VTD und GTB. Indessen ist von einer Serienfertigung dieser Fahrzeuge nichts bekannt.

1930 wurde bei Berliet der erste eigene Dieselmotor konstruiert und in einen 5-t-Lastkraftwagen eingebaut, dieser Lkw erhielt die Bezeichnung Berliet GDR. Ferner konstruierte Berliet in der Zwischenkriegszeit in geringem Umfang Panzertransporter; zu erwähnen sind hier der Berliet GCM und die Berliet GPE und GPF.

1936 übernahm das linke Parteienbündnis Front populaire die Regierung. Marius Berliet, der der rechtskonservativen Action française nahe stand, verweigerte jegliche Verhandlung mit streikenden Arbeitern.

Im Juni 1940 kollaborierten Marius Berliet und seine Söhne Jean und Paul mit den Nazis und den Frankreich besetzt haltenden deutschen Truppen. Berliet war zwar gegen eine Fusion mit deutschen Herstellern, lieferte aber unverzüglich ein Drittel der 8800 produzierten Nutzfahrzeuge an die Wehrmacht. Ende 1943 beschäftigte Berliet Zwangsarbeiter für die deutsche Kriegswirtschaft.

Nach der Befreiung Frankreichs wurden Marius Berliet und seine vier Söhne verhaftet. Das Unternehmen Berliet wurde im September 1944 beschlagnahmt. Marius Berliet veranlasste von seinem Alterssitz in Cannes eine politische Aufhebung des Urteils einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren, das die Cour de justice du Rhône im Juni 1946 gegen ihn gefällt hatte. Er erhielt überwachten Hausarrest bzw. Aufenthaltspflicht („assignation à résidence surveillée“) und die Aberkennung der politischen Bürgerrechte („dégradation nationale“). Seine Söhne hatten fünf Jahre Arbeitshaft erhalten.

1949 übernahm Paul Berliet die Unternehmensleitung von seinem im selben Jahr verstorbenen Vater und verkaufte Berliet schließlich an die verstaatlichte Renault, Louis Renault war 1944 unter dubiösen Umständen gestorben.

Schienenfahrzeuge Ab 1921 fertigte Berliet auch Schienenfahrzeuge, vorwiegend kleine Rangierlokomotiven (im französischen Sprachraum sogenannte Locotracteurs) und Verbrennungstriebwagen bzw. Schienenbusse (im französischen Sprachraum sogenannte Autorails) für Lokalbahnen. 1933 orderte die Paris-Lyon-Mediteranée-Bahn (PLM) dieselelektrisch angetriebene Triebwagen bei Berliet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden auch Motoren für andere Hersteller wie Billard und die Schienenbusse der DB hergestellt. Nachdem man in den 1960er Jahren als Subunternehmer Fahrgestell-Teile der Metro-Baureihen MP 59 für die Pariser Metro und MR-63 für Montreal gebaut hatte, wurde der Bau von Schienenfahrzeugen eingestellt.

Typenbezeichnungen Die Typenbezeichnungen bei Berliet sind inkonsistent.

Zunächst wurden keine konkreten Typenbezeichnungen vergeben, dann folgte ab 1900 der Typ A, die weiteren Typen in alphabetischer Reihenfolge. Dies waren indessen werksinterne Typenbezeichnungen, die Verkaufsbezeichnungen in Katalogen erfolgten meist unter Angabe der effektiven Leistung („Berliet 8HP“ usw.), kombiniert manchmal mit dem (von Typ zu Typ unterschiedlichen) Radstand. Die Zuordnung eines bestimmten Fahrzeugs zu einem bestimmten Typ ist daher heute sehr schwierig, zumal Berliet auch zumindest bis etwa 1925 nur das Chassis mit Motor und Fahrwerk herstellte, den (für unser heutiges Auge wichtigen) Aufbau mit seinen Charakteristika besorgten Karosseriebauunternehmen nach Kundenwunsch.

Anfänglich bot Berliet nur Chassis für Pkw (und vielleicht leichte Lieferwagen) an, ab 1907 auch Fahrgestelle für Lkw und Busse. Diese erhielten ab 1911 als ersten Buchstaben vor der Typenbezeichnung ein C (für „Camion“). Gleichzeitig wurde bei den einzelnen Typen nicht mehr die effektive Leistung, sondern die Steuer-PS („chevaux fiscaux“) in Katalogen etc. als Typenbezeichnung angegeben.

Dieses System wurde ab 1920 erneut geändert, neben der weiterhin in Verkaufsprospekten üblichen Angabe in Steuer-PS trugen die Kraftfahrzeuge folgende werksinternen Bezeichnungen:

Der erste Buchstabe benannte die Fahrzeugklasse, in die Berliet das Fahrzeug einordnete: V (für „Voiture“) kennzeichnet alle PKW, ferner LKW mit unter 3 (ausnahmsweise bis 3,5) Tonnen Nutzlast, belegt ab 1920 bis etwa 1940 G (für „Grand“) erhielten LKW mit über drei Tonnen Nutzlast, belegt ab 1924. Mit C am Anfang werden ab 1924 nur noch diejenigen LKW bezeichnet, die technisch mit dem Berliet CBA verwandt waren. P (für „Personnes“) kennzeichnet Omnibusse und Fahrgestelle speziell für BusseVauvillier, Berliet S. 8, belegt ab 1929, bis dahin waren auch Omnibustypen wie alle anderen Nutzfahrzeuge mit C, V oder G gekennzeichnet.