mini|Alexander Nikolajewitsch Jakowlew Alexander Nikolajewitsch Jakowlew (; * 2. Dezember 1923 in Korolewo im Gouvernement Jaroslawl, Sowjetunion; † 18. Oktober 2005 in Moskau) war ein sowjetischer Politiker, der als enger Berater von Michail Gorbatschow und als Initiator von dessen Reformpolitik (Perestroika) galt.
Biografie Jugend und Kriegsteilnahme Jakowlew, Sohn bäuerlicher Eltern, wurde in einem Dorf an der Wolga nahe bei Jaroslawl geboren. Er besuchte die Schule in der Siedlung Rote Weber (Красные Ткачи). Er diente im Zweiten Weltkrieg als Unteroffizier bei der Marineinfanterie in der Roten Flotte und als Zugführer an der Wolchow-Front. Hierbei wurde er schwer verwundet und anschließend mit dem Rotbannerorden ausgezeichnet. 1944 wurde er Mitglied der KPdSU.
Ausbildung Er studierte ab 1946 Geschichte am Pädagogischen Institut in Jaroslawl. Von 1946 bis 1948 war er zudem Lehrer, 1950 stellvertretender Leiter und 1951 Leiter der Abteilung Propaganda bei der örtlichen Parteiorganisation in Jaroslawl. Von 1953 bis 1956 arbeitete er als Instrukteur in der Abteilung für Schulwesen des Zentralkomitees der KPdSU in Moskau, von 1956 bis 1958 war er zum Studium an die Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK delegiert. 1958/59 war er Austauschstudent an der Columbia-Universität von New York. 1956 wurde er Zeuge von Nikita Chruschtschows berühmter Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU.
1960 promovierte er über das Thema „Die Kritik an der amerikanischen bürgerlichen Literatur über die US-Außenpolitik 1953–1957“. 1967 habilitierte sich Jakowlew zum Thema „Politische Wissenschaft der Vereinigten Staaten und die wichtige außenpolitische Doktrin des US-Imperialismus“.
Weiterer Aufstieg
Er arbeitete nach dem Studium für verschiedene Parteizeitungen und für den Rundfunk. 1969 wurde Jakowlew Professor. Als offizieller Beobachter des Einmarsches der Staaten des Warschauer Pakts beim Prager Frühling von 1968 in die Tschechoslowakei sprach er sich gegenüber Generalsekretär Leonid Breschnew gegen die Absetzung des tschechischen 1. Parteisekretärs Alexander Dubček aus. Er war von 1960 bis 1969 Mitarbeiter und von 1969 bis 1973 Leiter der Abteilung für Ideologie und Propaganda des Zentralkomitees der KPdSU. Ein kritischer Artikel von 1972 in der Literaturnaja Gaseta kann Anlass gewesen sein, dass er zunächst in die Diplomatenlaufbahn versetzt wurde. 1984 wurde er korrespondierendes und 1990 Mitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. 1990 wurde er auch Ehrendoktor der Universität in Durham und der Soka University in Japan.
Reformer im Machtzentrum
Von 1973 bis 1983 war Jakowlew UdSSR-Botschafter in Kanada. Er pflegte freundschaftliche Beziehungen zu Kanadas Premierminister Pierre Trudeau. Im Jahre 1982 traf er zum ersten Mal mit dem späteren sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow zusammen.
Im Mai 1983 begleitete Botschafter Jakowlew Michail Gorbatschow, damals für die Landwirtschaft zuständig, auf seiner Reise durch Kanada. Ziel des Besuchs war es, durch den Besuch der kanadischen landwirtschaftlichen Betriebe und Einrichtungen zu besichtigen, Erkenntnisse zu gewinnen, die in der Sowjetunion umgesetzt werden könnten. Die beiden erneuerten jedoch auch ihre frühere Freundschaft und begannen – zunächst zaghaft – über die Aussichten auf eine Liberalisierung in der Sowjetunion zu sprechen.
In einem Interview Jahre später erinnerte sich Jakowlew:
„Zunächst haben wir uns sozusagen gegenseitig abgeschnuppert, und unsere Gespräche drehten sich nicht um ernste Themen. Und dann – wahrlich, die Geschichte spielt einem manchmal Streiche – verbrachten wir viel Zeit miteinander als Gäste des damaligen liberalen Landwirtschaftsministers Eugene Whelan in Kanada, der selbst zu spät zum Empfang kam, weil er irgendwo mit streikenden Landwirten festsaß. Also machten wir einen langen Spaziergang auf der Farm dieses Ministers, und wie es oft so ist, wurden wir beide plötzlich von unseren Gefühlen überwältigt und ließen uns gehen. Ich warf irgendwie, aus irgendeinem Grund, alle Vorsicht über Bord und fing an, ihm von dem zu erzählen, was ich im Bereich der Außenpolitik für völligen Unsinn hielt, insbesondere von diesen SS-20-Raketen, die in Europa stationiert wurden, und von vielen anderen Dingen. Und er tat dasselbe. Wir waren völlig offen. Er sprach offen über die Probleme der innenpolitischen Lage in Russland. Er sagte, dass das Land unter diesen Bedingungen – den Bedingungen einer Diktatur und des Mangels an Freiheit – einfach zugrunde gehen würde. So war es damals, während unseres dreistündigen Gesprächs, fast so, als hätten sich unsere Köpfe berührt, dass wir alles herausließen, und während dieses dreistündigen Gesprächs kamen wir tatsächlich in allen wesentlichen Punkten zu einer Einigung.“
Jakowlew wurde nunmehr nach Moskau zurück berufen und war von 1983 bis 1985 Direktor des Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen der Akademie der Wissenschaften der UdSSR.
Jakowlew galt seitdem als Vordenker und Architekt der Perestroika (Umgestaltung).
Vom 6. März 1986 bis 1990 war er Sekretär des Zentralkomitees. Vom Januar bis zum Juni 1987 war er Kandidat des Politbüros der KPdSU, vom 26. Juni 1987 bis zum 14. Juli 1990 war er Vollmitglied im Politbüro der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, dem höchsten politischen Gremium der UdSSR.
Nach der Sowjetunion
Jakowlew trat nach dem Ende der Sowjetunion aus der Kommunistischen Partei aus. Der russische Präsident Boris Jelzin betraute Jakowlew mit der Leitung des staatlichen Fernsehsenders ORT, dessen Teilprivatisierung er einleitete. 2003 erschien die deutsche Übersetzung der Autobiografie Jakowlews mit dem Titel Die Abgründe meines Jahrhunderts (übersetzt von Friedrich Hitzer). Er leitete bis zu seinem Tode die vor einigen Jahren von ihm gegründete Stiftung für Internationale Demokratie.
Jakowlew starb in einem Moskauer Krankenhaus im Alter von 81 Jahren. Er wurde auf dem Friedhof Trojekurowo beerdigt.
Schriften (Auswahl) Alexander N. Jakowlew: Die Abgründe meines Jahrhunderts: Eine Autobiographie. Faber und Faber, Leipzig 2003, ISBN 3-936618-12-7. Alexander N. Jakowlew: Ein Jahrhundert der Gewalt in Sowjetrussland. Berlin Verlag 2004, ISBN 3-8270-0547-7. Alexander N. Jakowlew: Offener Schluss: Ein Reformer zieht Bilanz. Gespräche mit Lilly Marcou. Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig/Weimar 1992, ISBN 3-378-00502-5.
Literatur Michail Gorbatschow: Erinnerungen. Siedler-Verlag, Berlin 1995, ISBN 3-88680-524-7.
Weblinks
Alexander Jakowlew, einer der Väter der Perestroika ist verstorben Novosti, 18. Oktober 2005 Gorbatschows Chefdenker Alexander Jakowlew ist tot Die Welt vom 19. Oktober 2005 Alexander Jakowlew „Ein Jahrhundert der Gewalt in Sowjetrussland“ (PDF, 52 kB) Archiv Alexander N. Jakowlew
Einzelnachweise
Kategorie:Sowjetischer Botschafter Kategorie:Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der KPdSU Kategorie:Sekretär des Zentralkomitees der KPdSU Kategorie:Historiker Kategorie:Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften Kategorie:Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse Kategorie:Träger des Verdienstordens für das Vaterland Kategorie:Träger des Verdienstordens der Republik Polen (Komtur) Kategorie:Träger des Drei-Sterne-Ordens (Großkreuz) Kategorie:Träger des Ordens des Marienland-Kreuzes (II. Klasse) Kategorie:Träger des litauischen Großfürst-Gediminas-Ordens Kategorie:Träger des Rotbannerordens Kategorie:Ehrendoktor der University of Durham Kategorie:Sowjetbürger Kategorie:Russe Kategorie:Geboren 1923 Kategorie:Gestorben 2005 Kategorie:Mann