Irene Hegen (geb. Eckert; * 14. Februar 1939 in Essen; † 19. Juni 2026 in Bayreuth) war eine deutsche Pianistin, Cembalistin und Musikwissenschaftlerin. Sie wurde vor allem durch die Wiederentdeckung, Edition und Ersteinspielung der Musik am Hof der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth bekannt. Ihr Fund der einzigen vollständigen Handschrift des Cembalokonzerts in g-Moll im Jahr 1997 bewahrte das Werk vor dem endgültigen Verlust beim Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek 2004.
Leben
Hegen wurde 1939 in Essen geboren und lebte und wirkte über Jahrzehnte in Bayreuth. Ihr Arbeitsschwerpunkt als Musikwissenschaftlerin und Interpretin war die Musikgeschichte des Bayreuther Hofes im 18. Jahrhundert, insbesondere zur Zeit der Markgräfin Wilhelmine (1709–1758). Sie war die Lebensgefährtin des Rechtswissenschaftlers Bernhard Pfister (1934–2019), der als Professor für Zivil- und Sportrecht an der Universität Bayreuth lehrte. Hegen starb im Juni 2026 im Alter von 87 Jahren in Bayreuth.
Wirken Forschung 1997 fand Hegen in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar die einzige vollständige handschriftliche Überlieferung des unter dem Namen Wilhelmines von Bayreuth bekannt gewordenen Cembalokonzerts in g-Moll; die zuvor bekannte Abschrift der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel war ohne Solostimme und um rund ein Drittel verkürzt überliefert. Im Jahr 2000 gab sie das Werk mit Faksimileseiten und ausführlichem Kommentar im Furore Verlag heraus; sie zählte es „zu den frühesten originalen Klavierkonzerten überhaupt“. Beim Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek am 2. September 2004 wurde die Weimarer Handschrift weitgehend zerstört, sodass nur Hegens Edition die vollständige Fassung des Konzerts überliefert.
Die von Hegen vertretene Zuschreibung des Konzerts an Wilhelmine blieb in der Forschung nicht unwidersprochen: Seit dem Wilhelmine-Doppeljubiläum 2008/2009 schreibt Sabine Henze-Döhring das Werk dem Berliner Cembalisten Johann Gotthilf Jänichen (1701–1741) zu.
Weitere Arbeiten Hegens galten Wilhelmines Oper Argenore, autobiografischen Bezügen in Wilhelmines Kompositionen, der am Bayreuther Hof tätigen Komponistin Anna Bon sowie der Geschichte der markgräflichen Hofkapelle zu Bayreuth (1661–1769), der sie 2018 eine umfangreiche Bestandsaufnahme widmete. Ihre Aufsätze erschienen unter anderem im Archiv für Geschichte von Oberfranken sowie im Symposiumsband zum 250-jährigen Jubiläum des Markgräflichen Opernhauses.
Interpretin und Ensembleleiterin Als Cembalistin und Pianistin verband Hegen ihre Forschung mit der Aufführungspraxis auf historischen Instrumenten. Sie gründete und leitete das Ensemble Bayreuther Hof Musique, mit dem sie um 2000 Werke des Bayreuther Hofrepertoires – darunter das Cembalokonzert in g-Moll – zum Teil erstmals einspielte. 2002 entstand als Auftragsproduktion der Bayerischen Schlösserverwaltung die CD Der Bayreuther Musenhof. Mit dem Ensemble Le Suonatrici trat sie unter anderem bei den Bayreuther Residenztagen in der Eremitage auf. Im Wilhelmine-Gedenkjahr 2009 kuratierte sie in der Galerie des Bayreuther Klavierbauers Steingraeber & Söhne die Ausstellung Barockkomponistinnen.
In Bayreuth wirkte Hegen außerdem als Klavierbegleiterin, unter anderem für den auf die deutsch-israelische Verständigung ausgerichteten Zamirchor.
Wikipedia Hegen war unter dem Benutzernamen Motmel langjährige Autorin der deutschsprachigen Wikipedia, für die sie insbesondere Artikel zur Bayreuther Hofmusik des 18. Jahrhunderts verfasste.
Schriften (Auswahl) Anna Bon di Venezia. Eine verschollene Komponistin entdecken. In: Clara Mayer (Hrsg.): Annäherung VII – an sieben Komponistinnen. Furore, Kassel 1996, ISBN 3-927327-36-0, S. 23–40. Wilhelmine von Bayreuth (1709–1758). In: Clara Mayer (Hrsg.): Annäherung IX – an sieben Komponistinnen. Furore, Kassel 1998. Neue Dokumente und Überlegungen zur Musikgeschichte der Wilhelminezeit. In: Peter Niedermüller, Reinhard Wiesend (Hrsg.): Musik und Theater am Hofe der Bayreuther Markgräfin Wilhelmine. Symposion zum 250-jährigen Jubiläum des Markgräflichen Opernhauses am 2. Juli 1998. Are Edition, Mainz 2002, ISBN 3-924522-08-1, S. 27–57. Wilhelmines Oper „L’Argenore“. In: Archiv für Geschichte von Oberfranken. Band 83, Bayreuth 2003, S. 329–361. Musikalische Verschlüsselungen. Autobiografische Spuren in den Kompositionen von Wilhelmine von Bayreuth. In: Günter Berger (Hrsg.): Wilhelmine von Bayreuth heute. Archiv für Geschichte von Oberfranken, Sonderband, Bayreuth 2009.
Editionen (Auswahl) Wilhelmine von Bayreuth: Concerto in g für Cembalo obligato und Streicher. Partitur und Stimmen, herausgegeben und kommentiert von Irene Hegen. Furore, Kassel 2000 (Furore Edition 2526), . Wilhelmine von Bayreuth: Sonata a-Moll für Flöte und Basso continuo. Herausgegeben von Adelheid Krause-Pichler und Irene Hegen. Furore, Kassel 2006 (Furore Edition 4680). Wilhelmine von Bayreuth: Cavatinen für Sopran, Streicher und Cembalo. Furore, Kassel. Maria Rosa Coccia: Magnificat; Motette über Psalm 110. Furore, Kassel.
Diskografie Bayreuther Hof Musique: Wilhelmines Musentempel, 1734–1764. Bayreuther Hof Musique, Leitung und Cembalo: Irene Hegen. 2 CDs, Salto Records, 1999 (Aufnahmen 1998/1999). Der Bayreuther Musenhof. Bayreuther Hof Musique, Leitung: Irene Hegen. CD, Auftragsproduktion der Bayerischen Schlösserverwaltung, 2002. Anna Bon: Flute Sonatas op. 1. Sabine Dreier (Traversflöte), Irene Hegen (Pantalonklavier). Aufnahme September 1992, Kirche St. Johannis, Bayreuth. CPO 999 181-2.
Weblinks
Einzelnachweise Zamirchor e.V. Bayreuth: Nachruf auf Irene Hegen. Bayreuth, Juni 2026.
Irene Hegen (Hrsg.): Wilhelmine von Bayreuth: Concerto in g für Cembalo obligato und Streicher. Mit Faksimileseiten und ausführlichem Text. Furore Edition 2526, Kassel 2000, ISMN 979-0-50012-439-9. Irene Hegen: Das Cembalo-Konzert von Wilhelmine von Bayreuth. In: dies. (Hrsg.): Wilhelmine von Bayreuth: Concerto in g für Cembalo obligato und Streicher. Furore, Kassel 2000, S. 29–32. Sabine Henze-Döhring: Markgräfin Wilhelmine und die Bayreuther Hofmusik. Heinrichs-Verlag, Bamberg 2009. Frank Piontek: Cembalokonzert nicht von Wilhelmine. kurier.de, Dezember 2008. Irene Hegen: Die markgräfliche Hofkapelle zu Bayreuth (1661–1769). In: Silke Leopold, Bärbel Pelker (Hrsg.): Süddeutsche Hofkapellen im 18. Jahrhundert. Eine Bestandsaufnahme. Heidelberg University Publishing, Heidelberg 2018 (online). Bayerische Schlösserverwaltung: Wilhelmine und die Musik – Die Residenztage Bayreuth. Pressemitteilung, 2008 (online). Bayerische Schlösserverwaltung: Pressemitteilung zu den Konzerten der Bayreuther Residenztage, 2010 (online). Ausstellung Barockkomponistinnen, Galerie Steingraeber, Bayreuth, Idee und Gestaltung: Irene Hegen; Eröffnung 5. Juli 2009 im Rahmen der Bayreuther Residenztage.
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