mini|Die Capitainerie am Cours Honoré-d'Estienne-d’Orves in Marseille mini|Ausschnitt aus dem Plan des Hafens von Marseille mit dem Galeerenarsenal aus dem Jahr 1700 Das Arsenal des Galères (Galeerenarsenal) war ein Marinearsenal in Marseille, das der Ausrüstung, dem Bau und der Unterbringung der königlichen Galeeren Frankreichs diente. Es lag am Ost- und Südrand des Vieux-Port und wurde in seiner bedeutendsten Ausbaustufe in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts unter der Leitung von Jean-Baptiste Colbert errichtet. Bis 1748 diente die Anlage auch als Haftort für zu Galeerenstrafe verurteilte Sträflinge (Galériens). Nach der Auflösung des Galeerenkorps wurde das Arsenal ab den 1780er Jahren abgetragen. Bis heute prägt sein ehemaliger Grundriss die Straßenführung im Bereich des Cours d’Estienne d’Orves und des Quai des Belges. Von der Bausubstanz ist nichts erhalten. Als einziger baulicher Rest gilt ein Gebäude am Cours d’Estienne d’Orves, die sogenannte Capitainerie.
Vorgeschichte mini|Henry Michelot: Karte der Bucht und der Reeden von Marseille Bereits in römischer Zeit soll Massalia (Marseille) über eine Anlage zur Unterbringung von Galeeren verfügt haben. Nach Angaben antiker Quellen entsandte Pompeius im Bürgerkrieg gegen Caesar sieben Galeeren zur Verstärkung der massaliotischen Flotte. Diese ging mit 17 Galeeren, davon elf gedeckten, gegen die Flotte Caesars vor. Demnach verfügte die Stadt dauerhaft über etwa zehn Galeeren. Die frühe militärische Einrichtung soll sich am Südufer des Lacydon, im Bereich des sogenannten Plan Fourmiguier (etwa vom heutigen Quai des Belges bis zum ehemaligen Trockendock), befunden haben. Bislang wurden keine archäologischen Belege für diese Anlage aus römischer Zeit gefunden. Die Angaben stützen sich auf literarische Überlieferungen, insbesondere auf Caesars De bello civili.
Ende des 13. Jahrhunderts richteten die als Könige von Neapel amtierenden Grafen der Provence in Marseille einen Kriegshafen ein. Karl I. von Anjou ließ dort ein Arsenal mit sogenannten Tercenaux (von okzitanisch tercenal, Lagerhallen für Masten, Takelage, Segel, Ruder und Artillerie) errichten. In diesen wurden unter anderem etwa vierzig Galeeren zusammengezogen, die im Konflikt mit der aragonesischen Flotte eingesetzt wurden. Im Jahr 1296 richtete Karl II. von Anjou eine eigene provenzalische Admiralität ein und ließ sich von der Stadt Marseille die Nutzung des Plan Fourmiguier abtreten. Erster Admiral und Verwalter des Arsenals und der Galeeren war Richard de Lamanon. Die Rückgabe des Geländes an die Stadt erfolgte erst im Jahr 1320. König Robert von Neapel ließ östlich des Quai de Rive-Neuve neue Tercenaux zum Bau von Galeeren errichten. Diese sollten dem Wiedererwerb Siziliens nach der Sizilianischen Vesper dienen. Auch Karl IV. von Frankreich ließ dort im Hinblick auf einen geplanten Kreuzzug Galeeren bauen. Diese Anlagen wurden jedoch bereits Mitte des 14. Jahrhunderts aufgegeben.
Nach dem Anschluss der Provence an die französische Krone infolge des Todes des letzten Grafen der Provence, Karl III., ließ Karl VIII. von Frankreich mit Blick auf seine Ansprüche auf das Königreich Neapel ein neues Arsenal mit sechs Tercenaux in der Südostecke des Hafens errichten. Im Jahr 1494 unterstützte eine provenzalische Flotte von sechs Galeeren seinen Italienfeldzug. 1512 ordnete Ludwig XII. zwölf weitere Tercenaux an, von denen jedoch nur sechs realisiert wurden. Diese Anlage verfiel jedoch zunehmend, wie ein Protokoll von 1570 anlässlich der Amtseinführung des Arsenalwächters Jean Roulx belegt. mini|Jean-Baptiste de La Rose (1612–1687:) Arsenal des Galères, 1666. Ex-Musée de la Marine et de l'Economie de Marseille Unter Franz I. verfügte Marseille im Jahr 1536 über 23 Galeeren. Unter Heinrich II. erreichte der Bestand mit 42 Galeeren im Jahr 1548 seinen historischen Höchststand. Das dafür benötigte Bauholz wurde in der Dauphiné geschlagen. Nach dem Tod Heinrichs II. schrumpfte der Bestand rasch, unter anderem, weil der Unterhalt der Galeeren als kostenintensiv galt und die Krone einen Teil der Schiffe an Privatpersonen wie die Familie Valbelle verpachtete. Im Jahr 1561 verblieben nur noch 13 Einheiten. 1578 waren von den 18 in Marseille und Toulon stationierten Galeeren laut Großprior Henri d’Angoulême nur zwei seetüchtig. Unter Heinrich IV. setzte sich der Niedergang mangels Finanzierung fort. Anlässlich der Hochzeit des Königs mit Maria de’ Medici im Jahr 1600 mussten Galeeren, die dem Papst, dem Großherzog der Toskana und dem Malteserorden gehörten, die Braut nach Marseille geleiten. Unter Kardinal Richelieu wurde der Bau von Galeeren wieder forciert. Anfang 1624 wurden die Galeeren von Marseille nach Toulon verlegt, um wirksamer gegen die die Îles d’Hyères bedrohenden Barbaresken vorgehen zu können. Nach einer kurzen Rückkehr nach Marseille erfolgte 1649 aufgrund einer Pestepidemie in der Stadt eine erneute Verlegung nach Toulon.
Kurz vor dieser Verlegung wurde in Marseille ein Sträflingshospital eingerichtet. Es entstand im Jahr 1646 auf Initiative des provenzalischen Edelmanns und Malteserritters Gaspard de Simiane, Sieur de la Coste, sowie des Bischofs von Marseille, Jean-Baptiste Gault. Die Finanzierung des Vorhabens übernahm die Herzogin von Aiguillon, eine Nichte Richelieus. Der König stellte das von vier Tercenaux aus der Zeit Karls VIII. eingenommene Gelände zur Verfügung und übernahm durch Patentbrief vom Juli 1646 die Betriebskosten. Das Hospital lag in der Südostecke des Hafens am Quai de Rive-Neuve in der Nähe des heutigen Cours Jean-Ballard. Es verfügte über 175 Betten für je zwei Personen und beschäftigte einen Arzt, einen Chirurgen, sechs Apothekergehilfen und fünf Krankenpfleger. Die Leitung oblag vier jährlich teilweise neu bestellten Verwaltern, darunter zunächst Henri d’Armand, Pierre de Bausset, Gaspard de Simiane de la Coste und Charles Moulas. Das Sträflingshospital wurde später in das unter Colbert errichtete Arsenal integriert.
Bereits ab 1540 sind Chirurgen belegt, die auf den königlichen Galeeren tätig waren. Die Marseiller Galeeren verfügten – nach dem Vorbild der Galeeren des Malteserordens – über ein Sträflingshospital, ein Hospital für die Besatzungen, einen botanischen Garten und eine anatomische Lehreinrichtung.
Errichtung unter Colbert (1665–1690) mini|Jean-Baptiste de La Rose zugeschrieben: Entwurf für ein Galeerenarsenal in Marseille, 1668 (Planung nicht umgesetzt) Als Ludwig XIV. im Jahr 1660 Marseille besuchte, verfügte der Hafen über keine einsatzfähige Kriegsflotte mehr: Von den in Toulon verbliebenen Galeeren waren lediglich sechs seetüchtig mit insgesamt 1655 Ruderern. Der König strebte eine Flotte an, die jene Spaniens und der italienischen Mächte übertreffen sollte. Dies setzte den Bau geeigneter Infrastruktur voraus.
Am 1. April 1665 wurde Nicolas Arnoul zum Intendanten für Justiz, Polizei und Finanzen der Befestigungen der Provence und des Piemont sowie der Galeeren Frankreichs ernannt. Am 20. April 1665 erging ein Erlass Ludwigs XIV. an die Schöffen von Marseille, in dem der König seinen Willen zur Bewaffnung der Galeeren und zum Bau eines Arsenals kundtat. Der Ausbau des Arsenals erfolgte in drei Bauphasen. Arnoul beschleunigte die Rückverlegung der Galeeren aus Toulon und wählte entgegen Colberts Weisung ein bislang ungenutztes Gelände: das Gelände des Plan Fourmiguier (heutiger Bereich zwischen Quai des Belges und ehemaligem Trockendock). Bis dahin waren dort die Handelsschiffe der Stadt gebaut worden. Die städtische Schiffswerft wurde in den Garten des Bernhardinerinnenklosters verlegt. Der Bau des neuen Arsenals beschäftigte Arnoul von 1665 bis 1669, die Leitung hatte Gaspard Puget inne, der Bruder des in Genua tätigen Bildhauers und Architekten Pierre Puget. Colbert besuchte Marseille im Januar 1669, kurz nach Fertigstellung der ersten Bauten.
Bereits kurz danach erwies sich die Anlage jedoch als unzureichend. Arnoul plante eine Erweiterung entlang des Quai de Rive-Neuve, für die das Kloster der Kapuzinerinnen (Capucines) enteignet werden sollte. Dies führte zu einem Konflikt mit den Schöffen und dem Herzog von Mercœur. Der Erwerb des an das Sträflingshospital angrenzenden Klostergeländes gelang schließlich im Jahr 1673 mit Unterstützung des Bischofs von Marseille, Toussaint de Forbin-Janson. Die Bauarbeiten, die vom Maurermeister Pierre Puget (nicht identisch mit dem gleichnamigen Bildhauer) ausgeführt wurden, dauerten bis 1679. Nach weiteren Enteignungen reichte das Arsenal schließlich bis zur Rue du Fort-Notre-Dame. Die städtische Schiffswerft musste erneut verlegt werden, diesmal an den Standort Miséricorde.
Ein Erweiterungsprojekt des Festungsingenieurs Antoine Niquet wurde 1685 vom Marquis de Seignelay, dem Sohn Colberts, genehmigt. Noch im selben Jahr begannen die Abbrucharbeiten, und der anschließende Neubau unter der Leitung des königlichen Architekten André Boyer wurde zwischen 1686 und 1690 ausgeführt. Der zwischen 1665 und 1669 entstandene Anlagenteil wurde fortan als Vieux Parc bezeichnet.
Der Gesamtkomplex hatte danach die Form eines großen L, dessen waagrechter Schenkel dem heutigen Quai des Belges und dessen senkrechter Schenkel dem Quai de Rive-Neuve entsprach. Er erstreckte sich über das Gebiet, das heute etwa von der Église Saint-Ferréol les Augustins, dem Palais de la Bourse, der Place du Général-de-Gaulle sowie den Straßen Rue Paradis, Rue Sainte und Rue du Fort-Notre-Dame begrenzt wird.
Architektur und Anlage mini|Cartes des environs de plusieurs places [entre les Alpes et la Méditerranée et sur les côtes de la Méditerranée et de la Manche]. Manuskriptkarte, Paris, um 1700. Bibliothèque nationale de France, Département des Cartes et plans. Der Zugang zum alten Arsenal befand sich am Quai des Belges und war hufeisenförmig gestaltet. Gegenüber dem Eingang stand ein mit einer Uhr bekröntes Pavillongebäude, das der anschließenden Rue Pavillon ihren Namen gab. Im alten Arsenal befanden sich zwei Docks für den Galeerenbau sowie Magazine für Ruder, Takelage und Ausrüstung. Im Norden lagen das Sträflingshospital, ein Lagerhof für Bauholz und die Residenz des Intendanten mit dem Jardin du Roi, in dem seltene Pflanzen und Käfige mit exotischen Tieren gehalten wurden. Die aufwendig gestaltete Intendantenresidenz wurde Maison du Roi genannt. Zwischen dieser Residenz und dem Holzlagerhof lag ein Gebäude mit Magazinen im Erdgeschoss und einer der schönsten Europas geltenden Waffenkammer im Obergeschoss. In dieser wurden rund 10.000 Musketen und ebenso viele Säbel gelagert.
Südlich schloss sich das Neue Arsenal an, das den Quai de Rive-Neuve umfasste. Sein Zugang lag im Osten am Rand der heutigen Rue Paradis. Über dem Portal befand sich laut Jean-Baptiste Grosson eine lateinische Inschrift zum Ruhm Ludwigs XIV.
Zum neuen Arsenal gehörten zwei weitere große Baudocks und ein L-förmiges Hafenbecken (Darse), das mit dem Vieux-Port verbunden war. Nach dem Abriss des Arsenals wurde es zum sogenannten Canal de la Douane. Seine Fläche wird heute von der Place aux Huiles und dem Cours d’Estienne d’Orves eingenommen. Außerdem gehörten zwei jeweils rund 450 Meter lange Gebäudeflügel, die parallel zur Rue Sainte verliefen, zum Arsenal. Sie waren durch eine Straße getrennt. Der dem Hafen zugewandte Flügel beherbergte Werkstätten und den Sträflingstrakt (Bagne), der südliche Flügel die Seilerei (Corderie).
Größe der Galeerenflotte und Bedeutung mini|Jean-Baptiste de la Rose zugeschrieben: Der Marquis de Seignelay und der Herzog von Vivonne bei einem Besuch der im Bau befindlichen „Galère Réale“, ca. 1678–79. Versailles, Châteaux de Versailles et de Trianon