Relationale Ästhetik bzw. Relationale Kunst ist die Bezeichnung einer Kunstrichtung, die seit Mitte der 1990er Jahre in die Kunstkritik eingeführt wurde. Der Begriff geht vor allem auf Nicolas Bourriaud zurück. Er umschreibt hauptsächlich Werke der Installationskunst und Performances, bei denen das Publikum physisch beteiligt ist. Greifbare Objekte werden in der Regel nicht geschaffen.

Begriff und Entstehungsgeschichte Die Wurzeln der Relationalen Ästhetik liegen in älteren Kunstbewegungen wie dem Dadaismus, der Konzeptkunst, der Fluxus-Bewegung, der Sozialen Plastik und den Happenings. Vorläufer der Theorie sind Roland Barthes Tod des Autors und Umberto Ecos Das offene Kunstwerk (1962).

Ende der 1980er Jahre löste das Ende des Kalten Krieges einen Globalisierungsschub aus. Durch die Verfügbarkeit des Internet erlebten der Dienstleistungssektor und die Kommunikationsbranche einen Boom, und das Konzept von Freundschaft wurde immer mehr kommerzialisiert, was später in die Entstehung der sozialen Medien mündete. Viele Künstler glaubten damals nicht mehr an radikale soziale Utopien. Sie fragten sich, wie Kunst einen Nutzen für die Gesellschaft haben könne und versuchten „vorübergehende Mikro-Utopien“ zu verwirklichen. Kunst sollte Teil der Wirklichkeit werden, anstatt die Wirklichkeit nur zu repräsentieren. Die Kunst sollte auch nicht mehr ausschließlich von Kultureinrichtungen und von Galerien vermittelt werden. Zu den Kunstschaffenden, die solche Ideen formulierten, gehörten Krzysztof Wodiczko, Christine Hill und Rirkrit Tiravanija.

Diese Überlegungen wurden von dem französischen Kurator und Kunstkritiker Nicolas Bourriaud Ende der 1990er Jahre auf den Punkt gebracht. Er entwickelte mit der „Relationalen Ästhetik“ einen Begriff weiter, der bereits 1994 von seinem Kollegen Eric Troncy aufgebracht worden war. Bourriaud verwendete den Terminus im Rahmen der von ihm kuratierten Ausstellung Traffic (1996, CAPC Museum für zeitgenössische Kunst von Bordeaux) sowie in dem 1998 erschienenen Essayband Estéthique Relationelle. Er beschreibt damit hauptsächlich Kunstwerke, an denen das Publikum physisch mitwirkt. Die Relationale Ästhetik ist laut Bourriauds Definition eine „Kunsttheorie, die Kunst danach beurteilt, inwiefern sie zwischenmenschliche Beziehungen darstellt, erzeugt oder veranlasst.“ Die Relationale Kunst arbeite mit zwischenmenschlichen Beziehungen und sozialen Zusammenhängen. Diese ersetzten die Produktion von Kunstobjekten. Die Kunst sei relational, also Beziehungen schaffend. Relationale Kunstwerke schafften ein soziales Umfeld, in dem Menschen zusammenkommen und etwas gemeinsam machen. Damit wirkten sie der zwischenmenschlichen Entfremdung entgegen, die durch kapitalistische Informationssysteme entstehe. Bourriaud bezieht sich mit seinen Gedanken u. a. auf Guy Debords Hauptwerk Die Gesellschaft des Spektakels.

Die Relationale Ästhetik hat Berührungspunkte mit der Arte Povera, der Experimentalkunst der 1970er-Jahre, mit Konzeptkunst und Fluxus, sie wird als Nachfolgerin der konsumkritischen und kollektivistischen Avantgarde gesehen. Laut Bourriaud stellt sie kein Revival dar, sondern eine eigene Richtung, da sie durch die Beschäftigung der Künstler mit der Gegenwart entstehe. Außerdem sei die Interaktion bei Relationaler Kunst kein Nebenaspekt mehr, sondern wesentlicher Bestandteil, um die Zuschauer aus dem Griff der Massenmedien zu befreien.

Vor allem in der europäischen und nordamerikanischen Kunstwelt wurden der Begriff und das dahinterstehende Konzept begeistert angenommen und viel rezipiert. In der zweiten Hälfte der 2000er Jahre entstanden sogar Studienprogramme zu der Kunstrichtung.

Kritik 2005 veröffentlichte die Kunsthistorikerin Claire Bishop mit dem Essay Art of the encounter: Antagonism and Relational Aesthetics eine vielzitierte Kritik an der Relationalen Ästhetik. Darin gibt sie eine Schilderung von Rirkrit Tiravanijas „Pad Thai“ wieder: die Performance wird als angenehme Möglichkeit zum sozialen Austausch für die Kunstszene bei Gratis-Essen beschrieben. Anhand des Beispiels kritisiert Bishop die Tendenz Relationaler Kunst, unpolitisch zu sein. Jede Art von Dialog würde automatisch für demokratisch und damit für gut erklärt. Die Qualität der durch Relationale Kunst entstehenden Beziehungen müsse jedoch kritisch betrachtet werden. Zeitgenössische Kunst solle Zuschauer zum Nachdenken und zum Umdenken bringen. Deswegen dürfe man nicht nur mit Gleichgesinnten zusammensitzen, sondern müsse unbequeme Gegensätze und Ambivalenz in die Kunst tragen.

In der London Review of Books kritisierte Hal Foster 2003 die oft beliebige Form und Arbeitsweise bei Relationalen Kunstwerken. Manche Künstler bezögen sich auf die Situationisten, die jedoch immer auf Präzision und auf straffe Organisation geachtet hätten. Beziehe man das Publikum mit ein, bestehe die Gefahr, dass das entstehende Werk unverständlich werde, was den Künstler wiederum zum Hauptinterpreten seines eigenen Schaffens mache. Der „Tod des Autors“ führe manchmal nicht zur „Geburt des Lesers“ sondern zu Verwirrung bei den Betrachtenden.

Comeback Anlässlich einiger Ausstellungen von Protagonisten der Relationalen Ästhetik sprach das Magazin Monopol 2024 von einem Comeback der Kunstrichtung. Nach der langen Zeit des „Social Distancing“ wegen der Corona-Pandemie gebe es eine Sehnsucht nach Kunst, die zwischenmenschliche Begegnungen inszeniere. Zudem seien in den Kultureinrichtungen und Feuilletons derzeit viele Verantwortliche mit der Kunstrichtung sozialisiert worden. Die vergleichsweise freie Kunstwelt der 2000er Jahre wirke wieder attraktiv, da derzeit experimentelle Arbeiten nicht besonders unterstützt würden.

Ausstellungen (Auswahl)

1996: Traffic, CAPC Museum für zeitgenössischen Kunst von Bordeaux. Mit Vanessa Beecroft, Gilian Wearing, Henry Bond, Rirkrit Tiravanija, Xavier Veilhan, Dominique Gonzalez-Foerster, Angela Bulloch, Philippe Parreno and Maurizio Cattelan 2002: Touch: Relational Art from the 1990s to Now, SFAI Walter and McBean Galleries, San Francisco. Mit Carsten Höller, Felix Gonzalez-Torres, Rirkrit Tiravanija, Andrea Zittel u. a. 2008: theanyspacewhatever, Guggenheim Museum, New York. Mit Angela Bulloch, Maurizio Cattelan, Liam Gillick, Dominique Gonzalez-Foerster, Douglas Gordon, Carsten Höller, Pierre Huyghe, Jorge Pardo, Philippe Parreno, Rirkrit Tiravanija 2024: Summer Is Over, Sommerausstellung der Fondation Beyeler, Riehen. Mit Tino Sehgal, Philippe Parreno, Rirkrit Tiranija, Dominique Gonzales-Foerster, Carsten Höller, Pierre Huyghe 2025: 1+1. L'arte relazionale, Retrospektive zur Relationalen Kunst. Maxxi, Rom. Mit Francis Alÿs, Kutluğ Ataman, Vanessa Beecroft, Monica Bonvicini u. a.

Literatur Nicolas Bourriaud: Relational Aesthetics. Les Presse Du Reel, Dijon 1998, ISBN 978-2-8406-6060-6 Walead Beshty: Neo-Avantgarde und Serviceindustrie. Die Schöne Neue Welt der relationalen Ästhetik. In: Texte zur Kunst, September 2005, Heft 59 Claire Bishop: Art of the Encounter: Antagonism and Relational Aesthetics. In: Circa Art Magazine, Nr. 114, 2005, S. 32–35 Maren Ziese: Relationale Ästhetik. In: Kuratoren und Besucher. Modelle kuratorischer Praxis in Kunstausstellungen. transcript, Bielefeld 2010, ISBN 978-3-8376-1392-6 Beata Hock: Relational Aesthetics. In: Michael Kelly (HG.): Encyclopedia of Aesthetics. Oxford University Press 2014, ISBN 978-0-1997-4710-8 Relationale Ästhetik. In: Kunst im Wandel der Zeiten. Phaidon, Berlin 2016, ISBN 978-0-7148-7261-2, S. 15 ff 1+1. L’arte relazionale, Katalog zur von Nicolas Bourriaud kuratierten Ausstellung im Maxxi/Rom. Quodlibet, Rom 2025, ISBN 978-8-8229-2417-9

Weblinks

Katalogtext zur Ausstellung Traffic (1996) von Nicolas Bourriaud (auf der Website des französischen Kunstmagazins May) Erklärung der Relationalen Ästhetik (2017) auf der Website der Schirn Kunsthalle

Einzelnachweise

Kategorie:Kunststil