mini|Pieter Brueghel der Jüngere: Perlen vor die Säue (Privatsammlung, Schweiz) Unter der Bezeichnung Perlen vor die Säue ist ein biblisches Logion aus dem Sondergut des Matthäusevangeliums bekannt. Seine Interpretation gibt den Exegeten seit Jahrhunderten Rätsel auf. Das liegt an der Opazität der verwendeten Begriffe und ihrer Beziehung zueinander wie auch an der unzureichenden Verankerung des Logions in seinem Kontext, der Bergpredigt.Simon Butticaz: Du principe de précaution à l'économie du don: relire Matthieu 7,6 en contexte, 2015, S. 504.

Text Im Novum Testamentum Graece und in der Lutherbibel 2017 lautet dieses Logion () folgendermaßen:

Unter den „Hunden“ sind Straßenhunde zu verstehen, die nicht gefüttert wurden, sondern stets hungrig die Ortschaften durchstreiften, bereit, fast alles zu fressen. Die „Schweine“ (Luther: „Säue“) dagegen sind Hausschweine, die nicht nur gefüttert, sondern sogar gemästet wurden – zwar wegen des Schweinefleisch-Tabus der Tora nicht von jüdischen Eigentümern, aber von ihren nichtjüdischen Nachbarn.Hermann von Lips: Schweine füttert man, Hunde nicht, 1988, S. 171 f.

Ein ursprünglich aramäisches Logion? Üblicherweise wird „das Heilige“ als das Fleisch von Opfertieren im Jerusalemer Tempel verstanden.So beispielsweise Erich Klostermann: Das Matthäusevangelium. Mohr Siebeck, Tübingen 1927, S. 66, mit den dort aufgeführten Belegen. (Digitalisat) Fleisch für Hunde, Perlen für Schweine – das passt nicht zusammen. Johann Adrian Bolten vermutete 1792, es handle sich um eine Fehlübersetzung des ursprünglich aramäischen Logions.Johann Adrian Bolten: Der Bericht des Matthäus von Jesus dem Messia. Kaven, Altona 1792, S. 119 f. (Digitalisat) Der Argumentation Boltens sind mit Variationen mehrere Exegeten gefolgt. Bei Joachim Jeremias hat sie folgende Form: Aramäisch qaddišā’ „das Heilige“ klingt fast genauso wie qedāšā’ „Ring, Ohrring, Nasenring“. Die erste Hälfte des ursprünglich aramäischen Logions lautete demnach: „Legt den Hunden keinen Ring an!“Joachim Jeremias: Matthäus 7, 6a, Leiden 1963, S. 271 f. Für die zweite Hälfte des Logions folgte Jeremias einem Vorschlag, den Felix Perles 1926 gemacht hatte. Demnach liegt auch hier eine Fehlübersetzung aus dem Aramäischen vor: be’afē kann sowohl „vor“ als auch „an die Nase“ bedeuten. Das griechische Verb hat einen sehr weiten Bedeutungsumfang. Es kann nicht nur „(vor)werfen“ bedeuten, sondern beispielsweise auch „anlegen“. Gemeint war ursprünglich: „… und hängt eure Perlen(schnüre) nicht an den Rüssel der Schweine.“Joachim Jeremias: Matthäus 7, 6a, Leiden 1963, S. 272 f.

Exegese des griechischen Textes Das Logion, für sich genommen Mehrheitlich befasst sich die Exegese aber mit dem vorliegenden griechischen Text und verzichtet darauf, einen nicht vorhandenen aramäischen Urtext zu rekonstruieren.Vgl. z. B. Christian Münch: Perlen vor die Säue, Gütersloh 2007, S. 402: „Die sehr hypothetische Diskussion trägt für Mt 7,6 nichts aus. Hier ist der griechische Text zu interpretieren, den der Evangelist geschrieben und offenbar für sinnvoll befunden hat.“ Die beiden Infinitive und die beiden Finalsätze bilden einen Chiasmus (a-b-b'-a'), d. h. die aggressive Reaktion („zerreißen“) ist den Hunden zuzuordnen, das unverständige „Zertreten“ den Schweinen.Matthias Konradt: Das Evangelium nach Matthäus (= Das Neue Testament Deutsch. Band 1 der Neubearbeitung), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, S. 119; Hermann von Lips: Schweine füttert man, Hunde nicht, 1988, S. 173 f.; Christian Münch: Perlen vor die Säue, Gütersloh 2007, S. 400.

Mit Blick auf ähnliche antike Tiersprichwörter interpretiert Hermann von Lips: „Wenn du dich gegenüber Hunden und Schweinen entgegen den üblichen Gewohnheiten (konkret: betreffs Fütterung) verhältst und sie dadurch reizt oder herausforderst, brauchst du dich über gegebenenfalls schlimme Folgen nicht zu wundern.“Hermann von Lips: Schweine füttert man, Hunde nicht, 1988, S. 180.

Klaus Haacker stellt fest, dass die Verwendung und, falls nötig, Entsorgung des Fleischs von Opfertieren nur für die Priesterfamilien im Umkreis des Tempels ein Thema war. Zu diesen Kreisen gehörte aber weder Jesus von Nazareth noch die im syrischen Raum vermutete Gemeinde des Matthäusevangeliums. Noch weiter von ihrer Lebensrealität entfernt war der Besitz von Perlen. Diese waren in der Levante erst in hellenistischer Zeit bekannt geworden und galten als das Luxusgut schlechthin. Das Logion ist laut Haacker unplausibel: Hunde reagierten auf angebotenes Fleisch eher freundlich als aggressiv. Schweine wüssten mit Perlen zwar nichts anzufangen, doch schade es den Perlen nicht sonderlich, wenn man sie aus dem Schweinemist sammeln und reinigen müsste. Er löst das Problem mit einer doppelten Konjektur: to hágion „das Heilige“ sei Lesefehler für to agrion „das aggressive Verhalten“; statt des Akkusativ Plural margarítas „Perlen“ sei margaridas gemeint, eine von PliniusPlinius: Historia naturalis 13,42. erwähnte beliebte Dattelsorte. Billige Datteln wurden in der Schweinemast verwendet. Das Logion warnt also laut Haacker einerseits davor, die Straßenhunde unnötig zu reizen, und andererseits Delikatessen unnötig zu verschwenden.Klaus Haacker: Dummheit im Umgang mit Schweinen und Hunden (Mt 7,6), 2020, S. 321–325.

Das Logion im Kontext Matthäus hat das Logion in den Kontext der Bergpredigt gestellt. Dass es darin schwach verankert ist, wird in der Exegese allgemein bedauert. Ulrich Luz meint, der Kontext trage nichts zum Verständnis von Mt 7,6 bei. Matthäus als „konservativer Autor“ habe das ihm unverständliche Logion aus „Treue zur Tradition“ aufgenommen, weil er es in seinem Exemplar der Logienquelle Q vorgefunden habe.Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus (= Evangelisch-Katholischer Kommentar. Band 1/1). 4., durchgesehene Auflage, Benziger, Zürich und Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1997, S. 382. Der Preis für diese Interpretation ist hoch, denn dann bleiben zum Verständnis nur die Hilfsmittel, die man bei der Interpretation antiker Sprichwörter hat, und der Vergleich mit solchen Sprichwörtern (siehe oben).

Matthias Konradt vertritt eine klassische Interpretation. Da das Logion auf folgt, lässt es sich als Fortsetzung dieser Verse lesen: Die Jünger sollen ihren Mitmenschen nicht von oben herab begegnen, sondern sich ihnen freundlich zuwenden. Aber Vers 6 setze eine Grenze: Wo ihnen „dezidierte Ablehnung“ begegnet, sollen sie sich abwenden.Matthias Konradt: Das Evangelium nach Matthäus (= Das Neue Testament Deutsch. Band 1 der Neubearbeitung), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, S. 119 f. Diese Interpretation hat in der historisch-kritischen Exegese Tradition; sie begegnet bereits 1927 bei Erich KlostermannErich Klostermann: Das Matthäusevangelium. Mohr Siebeck, Tübingen 1927, S. 66 und wurde beispielsweise übernommen von Pierre Bonnard, William D. Davis, Dale C. Allison und Richard T. France in ihren Kommentaren zum Matthäusevangelium. Der Schwachpunkt besteht allerdings darin, dass Mt 7,6 nicht durch ein „aber“ von Mt 7,1−5 abgesetzt ist.Simon Butticaz: Du principe de précaution à l'économie du don: relire Matthieu 7,6 en contexte, 2015, S. 508 f.

Simon Butticaz nimmt als literarische Einheit an, die er wie folgt gliedert:Simon Butticaz: Du principe de précaution à l'économie du don: relire Matthieu 7,6 en contexte, 2015, S. 510. Verse 1-5: negativer Imperativ („Richtet nicht!“), symmetrische Beziehung zwischen Mensch und Gott, „Logik der Reziprozität“; Vers 6: doppelter negativer Imperativ („Gebt nicht!“ „Werft nicht vor!“), asymmetrische Beziehung zwischen Menschen, „Logik des Übermaßes“; Verse 7−11: dreifacher positiver Imperativ („Bittet!“ „Suchet!“ „Klopfet an!“), asymmetrische Beziehung zwischen Mensch und Gott, „Logik des Übermaßes“; Vers 12 (Goldene Regel): positiver Imperativ („Das tut“!), symmetrische Beziehung zwischen Menschen, „Logik der Reziprozität“. Das Thema dieser literarischen Einheit ist laut Butticaz eine grundsätzliche Belehrung über den Lebensstil der Jesusjünger.Simon Butticaz: Du principe de précaution à l'économie du don: relire Matthieu 7,6 en contexte, 2015, S. 509.

Parallelüberlieferung Eine Parallele findet sich im Logion 93 des Thomasevangeliums; der Text ist allerdings nur unvollständig erhalten: „Gebt das Heilige nicht den Hunden, damit sie es nicht auf den Misthaufen werfen. Werft nicht die Perlen den Schweinen hin, damit sie <sie> nicht zu [Dreck] machen.“Deutsche Übersetzung: Jens Schröter, Hans-Gebhard Bethge: Das Evangelium nach Thomas (NHC II,2). In: Hans-Martin Schenke et al. (Hrsg.): Nag Hammadi Deutsch. Studienausgabe. Eingeleitet und übersetzt von Mitgliedern des Berliner Arbeitskreises für Koptisch-Gnostische Schriften. Studienausgabe. 2., überarbeitete Auflage. De Gruyter, Berlin / Boston 2010, S. 137; dazu die Anmerkung: „Verschiedene (andere) Übersetzungen sind möglich, z. B. ‚damit sie <sie> nicht [zunichte] machen‘ oder: ‚damit sie <sie> nicht in [Stücke] brechen.‘“ Der chiastische Aufbau des Logions ist im Thomasevangelium deutlich zu erkennen; insofern bestätigt die Parallelüberlieferung die Analyse des matthäischen Logions.Uwe-Karsten Plisch: „Perlen vor die Säue“: Mt 7,6 im Licht von EvThom 93, 2009, S. 60 f.

„Das Heilige“ und „die Perlen“ sind im Thomasevangelium vermutlich die esoterischen Lehren Jesu.Simon Butticaz: Du principe de précaution à l'économie du don: relire Matthieu 7,6 en contexte, 2015, S. 506.

Wirkungsgeschichte Alte Kirche Trotz seiner Rätselhaftigkeit ist das Logion stark rezipiert worden. Tertullian kritisierte Anfang des 3. Jahrhunderts die mangelnde Kirchenzucht der nichtkatholischen Christen („Häretiker“); sie ließen Heiden und Taufbewerber zusammen mit den Getauften am Gottesdienst teilnehmen. Damit werfen sie laut Tertullian „Heiliges den Hunden und Perlen, wenn auch unechte, den Säuen hin.“Tertullian: De praescriptione haereticorum 41,2. (BKV)

Sehr früh wurde das Logion aufgesplittet in zwei Einzellogien über Hunde und über Schweine. Die Warnung, das Heilige nicht den Hunden zu geben, begründete die frühchristliche Arkandisziplin bei der Eucharistiefeier, erstmals belegt in der Didache: „Aber keiner darf essen oder trinken von eurer Eucharistie, außer die auf den Namen des Herrn getauft sind. Denn auch hierüber hat der Herr gesagt: „ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben!““Didache 9,5 (BKV) In allegorischer Interpretation ist „das Heilige“ die Eucharistie, „die Hunde“ sind die Ungetauften.Simon Butticaz: Du principe de précaution à l'économie du don: relire Matthieu 7,6 en contexte, 2015, S. 505 f.

Daraus entstand später der liturgische Grundsatz „Das Heilige den Heiligen!“,Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus (= Evangelisch-Katholischer Kommentar. Band 1/1). 4., durchgesehene Auflage, Benziger, Zürich und Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1997, S. 382. so schon bei Kyrill von Jerusalem im späten 4. Jahrhundert: „Heilig ist das aufliegende Opfer, weil der Hl. Geist darauf herabgekommen ist. Heilig seid andererseits ihr, weil ihr des Hl. Geistes gewürdigt wurdet. Das Heilige gehört also den Heiligen. Ihr erwidert: ‚Einer ist heilig, einer der Herr, Jesus Christus‘. In der Tat ist nur einer heilig, seinem Wesen nach heilig. Zwar sind auch wir heilig, jedoch nicht unserem Wesen nach, sondern infolge Teilnahme, durch Abtötung und Gebet.“Kyrill von Jerusalem: Catecheses mystagogicae 5,19 (BKV)

In den Pseudo-Clementinen werden die Schweine mit unwürdigen oder ablehnenden Hörern des Evangeliums verglichen. Die beliebte Deutung der Hunde und Schweine auf „Ungläubige, kirchliche Gegner oder Apostaten“ findet sich schon im Matthäus-Kommentar des Hieronymus.Christian Münch: Perlen vor die Säue, Gütersloh 2007, S. 403.

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