Jaroslav Šlezinger (* 29. April 1911 in Jemnice; † 2. August 1955 in Ostrov-Vykmanov) war ein tschechischer Künstler, Bildhauer, Opfer des Faschismus und des Stalinismus. Werdegang Schon in der Kindheit zeigte sich das künstlerische Talent von Jaroslav Šlezinger. Er erlernte den Beruf eines Tischlers. Nach dem Studium an der Staatlichen Industriehochschule für Bildhauerei und Steinmetzkunst in Hořice begann er ein Studium der Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in Prag. Anschließend wurde er Dozent an der Fachhochschule für Kunsthandwerk in Brünn. Da er gemeinsam mit Studenten gegen die hitlerdeutsche Okkupation protestierte, wurde er verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Für seine Freilassung setzte sich der damalige Präsident des Protektorats, Emil Hácha, bei Hitler ein. Gesundheitlich angeschlagen kam er 1942 frei. Nach der Entlassung aus dem Konzentrationslager lebte er in Jihlava, richtete ein Bildhaueratelier ein und gründete eine Familie.

Nach dem Kriegsende geriet die Tschechoslowakei in den Herrschaftsbereich der Sowjetunion. Der kommunistische Februarumsturz 1948 leitete eine neue Phase rigoroser Stalinisierung ein. Jaroslav Šlezinger schloss sich Menschen an, die gegen die zunehmende Unterdrückung protestierten. Er wurde 1949 verhaftet und in einem Schauprozess im Februar 1950 zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Damit war er wie viele, viele Andere in Stalins Machtbereich zur „Vernichtung durch Arbeit“ bestimmt. Nach seiner Verhaftung wurden die meisten Arbeiten Slesingers von den Stalinisten zerstört.

Nach Aufenthalt in verschiedenen Gefängnissen kam er 1951 nach Vykmanov (heute ein Ortsteil von Ostrov nad Ohří bei Karlovy Vary). In dieser Gegend waren zigtausende Zwangsarbeiter, vor allem Intellektuelle und Geistliche, die als „nicht umerziehbar“ galten, gezwungen, Uran für die Atomwaffenproduktion der Sowjetunion abzubauen. Sie arbeiteten 12–14 Stunden täglich ohne Atemmasken und ohne jegliche Schutzkleidung. Das Uran wurde im „Roter Turm des Todes“ in Vykmanov mit bloßen Händen sortiert. Der „Rote Turm des Todes“ ist heute Gedenkstätte und nach Voranmeldung zugängig. Im August 1954 wurde er mit Bildhauerarbeiten für eine Figurengruppe im „stalinistischen Realismus“ für das Kulturhaus in Ostrov bestehend aus einem Bergmann in Bergmannskleidung, einem Studenten und einer Frau mit einer Getreidegarbe beauftragt. Der Frau gab er die Gesichtszüge seiner geliebten Ehefrau. Man hatte ihm für die Fertigung der Figurengruppe die Freilassung versprochen. Er führte diesen Auftrag aus, aber zu diesem Zeitpunkt war seine Gesundheit trotz des relativ kurzen Aufenthaltes in der Urangewinnung schon so ruiniert, dass es keine Heilung gab. Er starb im Alter von 44 Jahren am 2. August 1955 in Ostrov im Gefängniskrankenhaus von Vykmanov, wie viele seiner Leidensgenossen an Lungenkrebs. Im Jahr 1990 wurde er vollständig rehabilitiert.

Künstlerisches Werk und Erinnerung an den Künstler

Sein Lebensthema fand Jaroslav Šlezinger im KZ Sachsenhausen. Dort formte er aus Brot, das Mithäftlinge sich im wahrsten Sinne des Wortes vom Munde abgespart hatten, Figuren, denen er den Namen „Zaváté šlépěje" (in etwa: Vom Schnee verwehte Fußspuren) gab. In Jihlava setzte er dieses Motiv in eine Figurengruppe für die Opfer der beiden Weltkriege um. Das fertige Werk wurde am 1. November 1946 auf dem Zentralfriedhof in Jihlava enthüllt. Es ist – ungewöhnlich für diese Zeit – nicht nur den Opfern der Kriege, sondern auch den Hingerichteten, Gefolterten, den Menschen ohne Grab und den Verschollenen gewidmet. Auf dem Sockel ist die Inschrift „Über Leben, über Tod, möge uns die Freiheit für immer gehören!“ eingemeißelt, und darin ist eine Handvoll Erde aus dem Konzentrationslager Mauthausen eingelassen.“ Dieses Werk ist erhalten geblieben.

In den wenigen Jahren zwischen dem KZ Sachsenhausen und dem „Uran-KZ“ schuf er weitere Werke mit religiösem oder patriotischem Charakter. Am 12. September 1948 wurde in Jihlava ein von Jaroslav Šlezinger geschaffenes Denkmal für den Präsidenten der ersten Tschechoslowakischen Republik, Tomáš Garrigue Masaryk, unter breiter Anteilnahme der Bevölkerung eingeweiht. Dieses Denkmal stand vor dem Gymnasium in Jihlava. Masaryk war den Stalinisten ein Dorn im Auge, weil nach ihrer Ansicht die Tschechoslowakei ihre Freiheit der „großen ruhmreiche Sowjetarmee“ verdankte. Deshalb wurde das Denkmal 1961 abgerissen und zerstört. Am 28. Oktober 2011 wurde eine Replik, die von Bildhauern Roman Richtermoc und Robert Musil geschaffen wurde, enthüllt.

Am 1. Mai 1955 wurde in Prag das größte Stalindenkmal im ganzen Ostblock enthüllt. Am selben Tag wurde in Ostrava die Figurengruppe auf dem Kulturhaus eingeweiht. Der Name des Künstlers wurde verschwiegen. Er starb wenige Wochen später. Während der Arbeiten für das Kulturhaus in Ostrova modellierte er heimlich kleine Reliefs für die vierzehn Stationen eines Kreuzwegs. Der Künstler sah das Leid der Menschen im Uranbergbau widergespiegelt im Leiden Christi. Der Kreuzweg ist heute in der St.-Florian-Kapelle auf dem Klostergelände in Ostrov zu sehen. Auf dem Altar stehen zwei Frauenfiguren in Trauerkleidung, gestaltet nach der Arbeit im KZ Sachsenhausen „Zaváté šlépěje“.

2006 erschien das Buch „Zaváté šlépěje – osud sochaře Šlezingera“ der Autorin und Herausgeberin Marie Bohuňovská. Durch dieses Buch wurde zum ersten Mal Leben, Wirken und Schicksal Jaroslav Šlezingers einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht.

Am 30. April 2011, anlässlich des 100. Geburtstages wurde in seinem Geburtsort Jemnice ein Denkmal für Jaroslav Šlezinger (= Pomník Jaroslava Šlezingera), ein Werk des Künstlers Stanislav Müller, enthüllt. 2022 wurde am Haus in der Fibichova-Straße 939/4 in Jihlava eine Gedenktafel für Jaroslav Šlezinger angebracht. (N49°23'37.81'' E15°35'9.2'')

Erst nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums konnte öffentlich der Menschen gedacht werden, die Opfer des Uranbergbaus und politischer Unterdrückung wurden. 1996 wurde in Jachymov vor der Joachimskirche der „Kreuzweg zur Freiheit“ (= Křížová cesta ke svobodě) ein Werk des Bildhauers Roman Podrázský eingeweiht.

Literatur Bohuňovská Marie, Zaváté šlépěje – osud sochaře Šlezingera, 2006, EKON

Weblinks

Einzelnachweise

Kategorie:Künstler (Tschechien) Kategorie:Bildhauer (Tschechien) Kategorie:Tscheche Kategorie:Tschechoslowake Kategorie:Geboren 1911 Kategorie:Gestorben 1955 Kategorie:Mann