mini|Grabmal von al-Fārmaḏī Abū ʿAlī al-Fārmaḏī (arab. أبو علي فضل بن محمد الفارمدي; DMG Abū ʿAlī Faḍl b. Muḥammad al-Fārmaḏī geb. 1010/1011 in Farmad bei Ṭūs; gest. 1084 in Ṭūs) war ein persischer Sufi und Gelehrter. Er gehörte der šāfiʿitischen Rechtsschule an.

Als Meister mehrerer bedeutender Persönlichkeiten wie Yūsuf al-Hamadānī, Nizām al-Mulk, Hudschwīrī und Abū Ḥāmid al-Ġazālī nimmt er in der Geschichte und Entwicklung des Sufismus eine bedeutende Stellung ein.

Leben und Ausbildung Über Kindheit, seine familiären Verhältnisse sowie die Art und Weise, wie er seinen Lebensunterhalt bestritt, liegen kaum Informationen vor.

Seine erste islamwissenschaftliche Grundausbildung erhielt er in Sabā und trat bereits in jungen Jahren in den Schülerkreis Abū l-Ḥasan al-Ḫaraqānīs ein. Anschließend ging er nach Nīšāpūr und trat in die Madrasa von ʿAbd al-Karīm al-Qušairī ein und wurde zu dessen Schwiegersohn. Er hinterließ drei Söhne, Abū l-Maḥāsin ʿAlī, Abū l-Faḍl Muḥammad und Abū Bakr ʿAbd al-Wāḥid. Im Nafaḥāt al-uns wird zudem berichtet, dass er die Tochter von Abū l-Qāsim al-Ǧurǧānī heiratete.

Unter al-Qušairīs Anleitung erhielt er sowohl eine Ausbildung in den religiösen Wissenschaften als auch in Tasawwuf. Während dieser Zeit begegnete er außerdem Abū Saʿīd Abū l-Ḫair und wurde zu dessen Schüler. Nachdem dieser jedoch Nīšāpūr verlassen musste, berichtete al-Fārmaḏī al-Qušairī von seinen spirituellen Fortschritten. Dieser soll ihm geraten haben, sich auf die wissenschaftlichen Studien zu konzentrieren. Als al-Fārmaḏīs Neigung in den folgenden Jahren weiter zunahm, verließ er mit Erlaubnis seines Lehrers die Madrasa und zog sich zurück. Nachdem er al-Qušairī erneut von seinen spirituellen Erfahrungen berichtet haben soll, soll dieser erklärt haben, dass er ihn auf der erreichten Stufe nicht weiterführen könne und al-Fārmaḏī daher eines neuen Murschid bedürfe.

Daraufhin begab sich al-Fārmaḏī nach Ṭūs, um den bekannten Sufi Abū l-Qāsim al-Ǧurǧānī aufzusuchen. Unter dessen Anleitung erhielt er die Lehrerlaubnis (Iǧāza). Zu seinen Meistern in Ṭūs gehört außerdem ʿAbdallāh al-Kurrakānī.

Zu seinen Lehrern der Islamwissenschaften gehörten außerdem Abū ʿAbdallāh Muḥammad b. Muḥammad aš-Šīrāzī, Abū Manṣūr at-Tamīmī, Abū ʿAbd ar-Raḥmān an-Naylī und Abū ʿUṯmān aṣ-Ṣābūnī.

Insgesamt wird angenommen, dass Abū l-Ḥasan al-Ḫaraqānī den größten spirituellen Einfluss auf al-Fārmaḏī ausübte.

Stellung Führt man sich die Entwicklung der Naqschbandiyya vor Augen, lässt sich seit Abū ʿAlī al-Fārmaḏī eine stärkere Bedeutung der theoretischen Wissenschaften erkennen. Vor allem der Einfluss al-Qušairīs dürfte hierbei eine zentrale Rolle gespielt haben.

Die zuvor durch Bāyazīd Bisṭāmī und Abū l-Ḥasan al-Ḫaraqānī geprägte Linie wurde stärker mit den äußeren Wissenschaften (ʿulūm aẓ-ẓāhir) in Einklang gebracht. Die ersten Schritte dieser Entwicklung können mit Persönlichkeiten wie Abū ʿAlī al-Fārmaḏī in Verbindung gebracht werden. Die spätere Linie der Naqschbandiyya, die durch die stärkere Betonung der Wissenschaften gekennzeichnet war, wurde unter der Bezeichnung Chwādschagān (pers. „die Meister“ oder „die Lehrer“) bekannt. Diese Bezeichnung lässt sich erstmals bei Yūsuf al-Hamadānī, dem Nachfolger al-Fārmaḏīs, nachweisen.

al-Ġazālī Der wohl bekannteste Schüler al-Fārmaḏīs war Abū Ḥāmid al-Ġazālī. Dieser studierte bei ihm die Lehre und Praxis der Sufis und absolvierte unter seiner Anleitung entsprechende asketische Übungen. Der Einfluss al-Fārmaḏīs trug wesentlich dazu bei, al-Ġazālīs Interesse am Sufitum zu vertiefen und seine spätere geistige Entwicklung zu prägen. Die Hinwendung al-Ġazālīs zum Sufitum wird daher vielfach nicht als Folge seiner späteren Kritik an Philosophie und Kalām verstanden, sondern als Fortsetzung einer Entwicklung, die bereits in seiner Jugend begann und durch Persönlichkeiten wie al-Fārmaḏī gefördert wurde.

Unter Berufung auf Ibn ʿAsākir und Ibn al-Ǧauzī wird al-Ġazālī selbst mit der Aussage zitiert, er wäre in den spirituellen Weg (ṭarīqa) von Abū ʿAlī al-Fārmaḏī eingetreten und habe die ihm auferlegten Übungen und Ḏikr-Praktiken befolgt. So deuten diese Informationen darauf hin, dass al-Fārmaḏī maßgeblich zu al-Ġazālīs früher Hinwendung zum Sufismus beitrug. Als al-Fārmaḏī 477/1084 starb, war al-Ġazālī etwa 27 Jahre alt. Die Quellen legen somit nahe, dass seine Beschäftigung mit dem Sufismus bereits vor seiner Krise von 1095 begonnen hatte.

In der Silsila der Naqschbandiyya nimmt al-Fārmaḏī die Stellung zwischen Abū l-Ḥasan al-Ḫaraqānī und seinem Schüler Yūsuf al-Hamadānī ein.

Literatur

Abū l-Qāsim ʿAbd al-Karīm b. Hawāzin al-Qušairī: er-Risâle. Übersetzt von Süleyman Uludağ. 5. Auflage. Istanbul: Dergâh Verlag, 2009. ISBN 978-975-7032-63-2. ʿAbd ar-Raḥmān Ǧāmī: Nafaḥāt al-Uns. Übers. und kommentiert von Lāmiʿī Çelebi, hrsg. von Süleyman Uludağ und Mustafa Kara. İstanbul: Marifet Verlag, 1995. ISBN 975-359-061-X. Annemarie Schimmel: Mystische Dimensionen des Islam. Die Geschichte des Sufismus. 1. Aufl. 1985. Köln. Diederichs Verlag. ISBN 9783424008661.

Einzelnachweise

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