mini|Zehntausende Bücher, darunter die aus dem Institut für Sexualwissenschaft beschlagnahmten Werke, werden am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz (heute Bebelplatz) verbrannt.

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden transgeschlechtliche Menschen strafrechtlich verfolgt, aus dem öffentlichen Leben gedrängt und zu Detransitionen gezwungen. Ebenso wurden sie in Konzentrationslagern inhaftiert und ermordet, wobei die genaue Zahl der Opfer bis heute ungeklärt ist. Obwohl Faktoren wie die Einstufung als „arisch“, eine (bezogen auf das Geburtsgeschlecht) vermeintlich heterosexuelle Orientierung oder die prognostizierte „Arbeitsfähigkeit“ die konkreten Haft- und Lebensbedingungen verbessern konnten, entzog der NS-Staat transgeschlechtlichen Menschen weitgehend jeglichen rechtlichen Status.

Vom Ende des Ersten Weltkriegs bis 1933 hatten transgeschlechtliche Menschen noch beispiellose Freiheiten genossen. Insbesondere in Berlin entwickelte sich eine florierende transgeschlechtliche Subkultur. Nach dem Preußenschlag von 1932 und der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 wurden Treffpunkte und Organisationen für transgeschlechtliche Personen wie die Eldorado-Nachtclubs und das Institut für Sexualwissenschaft jedoch oft gewaltsam aufgelöst. Sowohl Transmänner als auch Transfrauen gerieten durch die verschärfte Anwendung der Paragraphen 175 und 183 ins Visier der Behörden. Bücher und Schriften über transgeschlechtliche Erfahrungen oder medizinische Erkenntnisse wurden als „undeutsch“ vernichtet.

Das Schicksal transgeschlechtlicher Personen während der NS-Zeit war lange Zeit weder in der historischen Forschung noch in der Erinnerungskultur ein Thema. Erst Anfang der 2020er Jahre setzte sich die Anerkennung transgeschlechtlicher und allgemein auch queerer Menschen als Opfer des Nationalsozialismus durch.

Terminologie Der Begriff transgender (im Englischen und als Lehnwort auch im Deutschen) wurde erst 1965 geprägt und setzte sich erst in den 1990er Jahren als universelle Bezeichnung durch. Das deutsche Wort Transsexualismus (im Englischen als transsexual adaptiert) wurde 1923 von Magnus Hirschfeld geprägt, fand jedoch erst 30 Jahre später durch die Arbeit von Harry Benjamin weite Verbreitung. Vor der Etablierung dieser Begriffe wurde im Deutschen das Maskulinum Transvestit für transfeminine Personen und das Femininum Transvestitin für transmaskuline Personen verwendet.Katie Sutton: „We Too Deserve a Place in the Sun“: The Politics of Transvestite Identity in Weimar Germany. In: German Studies Review. Band 35, Nr. 2, 2012, S. 335–354, hier S. 349 f., doi:10.1353/gsr.2012.a478043 (englisch). Da zu jener Zeit keine alternativen Bezeichnungen verbreitet waren, identifizierten sich die meisten transgeschlechtlichen Menschen in der westlichen Welt selbst als „Transvestiten“.Joanne Meyerowitz: How Sex Changed: A History of Transsexuality in the United States. Harvard University Press, Cambridge 2009, ISBN 978-0-674-04096-0, S. 16: „Some transgendered people—self identified, in the terms of the day, as eonists, transvestites, homosexuals, inverts and hermaphrodites—came to see themselves as part of a group of people who longed to change their sex.“Katie Sutton: „We Too Deserve a Place in the Sun“: The Politics of Transvestite Identity in Weimar Germany. In: German Studies Review. Band 35, Nr. 2, 2012, S. 335–354, hier S. 335, doi:10.1353/gsr.2012.a478043 (englisch). In der modernen Fachliteratur wird weitgehend der Begriff „transgeschlechtlich“ oder „transgender“ verwendet, da er die Geschlechtsidentität dieser Personen präziser beschreibt.Ilse Reiter-Zatloukal, Christiane Rothländer: Geschlechtswechsel unter der NS-Herrschaft. „Transvestitismus“, Namensänderung und Personenstandskorrektur in der „Ostmark“ am Beispiel der Fälle Mathilde/Mathias Robert S. und Emma/Emil Rudolf K. In: Beiträge zur Rechtsgeschichte Österreichs. Band 1, 2015, S. 172–209, hier S. 173 f., doi:10.1553/BRGOE2014-1s172. Im Nachhinein ist es nur schwer oder gar unmöglich zu bestimmen, welche der heutigen Pronomen transgeschlechtliche Personen oder Transvestiten damals bevorzugt hätten; daher ist es gängige Praxis, jene Pronomen zu verwenden, die mit dem historisch überlieferten Geschlechtsausdruck übereinstimmen (d. h. männliche Pronomen für maskulin auftretende Personen und weibliche Pronomen für feminin auftretende Personen).Joanne Meyerowitz: How Sex Changed: A History of Transsexuality in the United States. Harvard University Press, Cambridge 2009, ISBN 978-0-674-04096-0, S. 13.

Vorgeschichte Gesellschaftliche Situation mini|Eines der bekannten Berliner Eldorado-Nachtlokale, in dem regelmäßig transgeschlechtliche Künstler auftraten und Crossdressing praktiziert wurde, mit dem Slogan „Hier ist’s richtig!“ mini|links|Ein „Transvestitenschein“, der 1928 von der Berliner Polizei für Gerd Katter ausgestellt wurde.

In der Weimarer Republik (1918–1933) erlangten transgeschlechtliche Menschen Freiheiten und Rechte, die im damaligen Europa beispiellos waren.Zavier Nunn: Trans Liminality and the Nazi State. In: Past & Present. Band 260, Nr. 1, 2022, S. 123–157, hier S. 130 f., doi:10.1093/pastj/gtac018 (englisch). Die Schlüsselfigur dieser Entwicklungen war der deutsch-jüdische Arzt und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld, der 1897 das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee – die erste Organisation zur Entkriminalisierung der Homosexualität – und 1919 das Institut für Sexualwissenschaft in Berlin gründete. Weitere namhafte Aktivisten für die Rechte transgeschlechtlicher Menschen in dieser Zeit waren Friedrich Radszuweit, ein Verleger, der 1920 den Bund für Menschenrecht gründete, und Max Spohr, einer der ersten Verleger von LGBT-Medien.

Ein Gesetz, das das Transgeschlechtlichsein explizit unter Strafe stellte, existierte zu dieser Zeit nicht. Allerdings gab es den Paragraphen 175, der homosexuelle Handlungen zwischen Männern kriminalisierte, und den Paragraphen 183 (Sittenwidrigkeit/grober Unfug). Diese wurden gelegentlich auch gegen transgeschlechtliche Personen angewandt, sofern eine „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ geltend gemacht wurde. Im Jahr 1908 hatte Hirschfeld die Berliner Polizeiführung überzeugt, betroffenen Personen sogenannte „Transvestitenscheine“ auszustellen, um sie im öffentlichen Raum vor strafrechtlichen Konsequenzen zu schützen – eines der frühesten Beispiele für eine staatliche Anerkennung transgeschlechtlicher Menschen.Zavier Nunn: Trans Liminality and the Nazi State. In: Past & Present. Band 260, Nr. 1, 2022, S. 123–157, hier S. 131, doi:10.1093/pastj/gtac018 (englisch).

Bedingt durch die liberalere Gesetzgebung und die starke queere Subkultur Berlins in den 1920ern gehörte auch Transgeschlechtlichkeit zum Stadtbild. Im Jahr 1930 erschien mit Das 3. Geschlecht das weltweit erste Transgender-Magazin im Verlag von Friedrich Radszuweit.Zavier Nunn: Trans Liminality and the Nazi State. In: Past & Present. Band 260, Nr. 1, 2022, S. 123–157, hier S. 125, doi:10.1093/pastj/gtac018 (englisch). Ebenso veröffentlichte die lesbische Zeitschrift Die Freundin regelmäßig Beilagen für Transfrauen. Außerdem ermöglichte die Rechtslage der Weimarer Republik in einigen Fällen offizielle Vornamensänderungen.

Frühe Gegenbewegungen Die Homosexuellenbewegung und das Institut für Sexualwissenschaft waren wiederholt mit Anfeindungen konservativer und kirchlicher Kreise sowie der NSDAP konfrontiert. Jene warfen queeren Menschen „Dekadenz“ vor und sahen in ihnen einen Verstoß gegen traditionelle Familienwerte. Die Idee der Emanzipation queerer Menschen galt insbesondere den Nationalsozialisten als „undeutsch“.

Auch Hirschfeld persönlich wurde in der Presse und bei politischen Veranstaltungen angegriffen. Nach einem tätlichen Angriff in München im Jahr 1921 drohte ihm eine völkische Zeitung offen mit dem Tod. Im Jahr 1929 wurde er im NS-Hetzblatt Der Stürmer in einer Karikatur von Philipp Rupprecht aufgrund seiner sexualwissenschaftlichen Thesen, seiner Homosexualität und seiner jüdischen Herkunft antisemitisch diffamiert.

Haltung der Nationalsozialisten zu transgeschlechtlichen Menschen Generell stufte die nationalsozialistische Ideologie transgeschlechtliche, nichtbinäre oder anderweitig von den Geschlechterrollen abweichende Identitäten als Geisteskrankheiten ein, die geheilt werden könnten und sollten.W. Jake Newsome: Pink Triangle Legacies: Coming Out in the Shadow of the Holocaust. Cornell University Press, Ithaca 2022, ISBN 978-1-5017-6550-6, S. 26 f. (englisch). Ein erklärtes Ziel der Nationalsozialisten bestand darin, im Gegensatz zur liberaleren Weimarer Republik traditionelle, konservative Geschlechterrollen in der deutschen Gesellschaft wiederherzustellen und rigide durchzusetzen. Dies bedeutete die Unterdrückung transgeschlechtlicher Identitäten sowie jeglichen geschlechtsuntypischen Verhaltens, wie etwa maskulin auftretender Lesben oder effeminierter schwuler Männer. Innerhalb des Rechtssystems wurde „Transvestitismus“ oder eine transgeschlechtliche Identität in Verfahren wegen Homosexualität oft als Strafschärfungsgrund gewertet. Dies führte dazu, dass Transfrauen oft noch härtere Strafen drohten, als wenn sie lediglich als homosexuelle Männer eingestuft worden wären. Dennoch konnten transgeschlechtliche Menschen auch dann verfolgt werden, wenn die NS-Behörden sie nicht für homosexuell hielten.Laurie Marhoefer: Transgender Life and Persecution under the Nazi State: Gutachten on the Vollbrecht Case. In: Central European History. Band 56, Nr. 4, 2023, S. 595–601, doi:10.1017/S0008938923000468 (englisch).Bodie A. Ashton: The Parallel Lives of Liddy Bacroff: Transgender (Pre)History and the Tyranny of the Archive in Twentieth-Century Germany. In: German History. Band 42, Nr. 1, 21. 2023, S. 79–100, doi:10.1093/gerhis/ghad071 (englisch).