Antoinette Sasse, auch bekannt unter dem Namen Antoinette Sachs (geboren 18. Juni 1897 in Paris, 16. Arrondissement, als Antoinette Kohn; gestorben 23. Dezember 1986 in Villejuif), war eine französische Malerin, Mitglied der Résistance sowie Mäzenin. Sie ist Gründerin des Pariser Museums Musée Jean Moulin.
Leben
Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg Antoinette Kohn stammte aus einer großbürgerlichen wohlhabenden jüdischen Familie. Sie war das zweite von vier Kindern von Alexandre Kohn (1864–1940), dem Gründer der Zuckerfabrik von Épernay, und Marguerite Lévy (1873–1938). In ihrer Erziehung spielte Kunsterziehung eine wichtige Rolle. Mit ihrem Klavierspiel gewann sie den ersten Preis ihrer künstlerischen Laufbahn. Ihre jüngere Schwester, Suzanne Kohn, war eine bekannte Flugpionierin, die als erste Frau Frankreichs einen Pilotenschein erwarb und vom 25. Mai bis 19. Juni 1939 als erste Frau von Paris nach Madagaskar flog.
Antoinette Kohn nahm Malunterricht bei den Meistern ihrer Zeit, freundete sich mit Chaim Soutine an und stand Kees van Dongen nahe. Van Dongen widmete ihr sein zwischen 1922 und 1924 entstandenes Porträt einer Frau mit Zigarette (Kiki de Montparnasse). Der Legende nach soll Fernand Léger ihr Lehrer gewesen sein, doch dafür gibt es keine Belege. Als Vertreterin der Fauvisten stellte sie in den großen Kunstsalons aus (Salon der Société des Artistes Français und Salon d’Automne) und wurde für Porträtaufträge angefragt.
Kohn heiratete 1920 Raymond Sachs, einen Sohn des Komponisten Léo Sachs, und ließ sich 1933 von ihm scheiden, zu einer Zeit, als diese Praxis noch wenig verbreitet war. Anschließend wurde der Dichter Paul Géraldy ihr Lebensgefährte. Sie galt als freie und unkonventionelle Frau. Als „moderne Frau“ besaß sie einen Führerschein und war wie ihre Schwester Suzanne aktive Fliegerin. Als „sportliche Frau“ fuhr sie Ski und schwamm. Sie verkörperte in den 1920er Jahren den Frauentyp der „Garçonne“ – ein wenig waghalsig, sehr mondän und emanzipiert. Ihre Kleidung stammte von den großen Modeschöpfern der Zeit, und zu ihrem Freundes- und Bekanntenkreis gehörten Künstler, Politiker (darunter Joseph Paul-Boncour, Georges Boris und Alexandre Parodi) und Industrielle sowie die Modeschöpfer Jeanne Lanvin, Lucien Lelong und Maggy Rouff. Darüber hinaus entwickelte sie sich zu einer klugen Geschäftsfrau und vermehrte das geerbte Familienvermögen, wodurch sie finanziell abgesichert und unabhängig war.
Zeit in der Résistance Im November 1936 lernte Antoinette Sachs bei einem Abendessen bei Minister Pierre Cot dessen Kabinettschef Jean Moulin kennen. (Andere Quellen sprechen von einem Abendessen bei Fliegerfreunden). Nach der Besetzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht trat Sachs im Sommer 1940 in die Résistance ein, aber schon im Januar zuvor hatte sie sich vorausschauend einen falschen Ausweis auf den Namen Jacqueline Dunand besorgt. In der Résistance war sie die Vertraute von Jean Moulin und dessen rechte Hand, bis diese Aufgabe im August 1942 der neue Sekretär Daniel Cordier übernahm. Ihre Beziehung zu Moulin war kompliziert: „Sie selbst will sich nicht von Géraldy trennen, während Moulin in eine andere Frau verliebt ist; doch bis zu seiner Abreise nach England im Oktober 1941 ist Antoinette seine Lebensgefährtin und treue Mitarbeiterin … Da sie einander gegenüber frei waren, waren sie zusammen zutiefst glücklich“.
Ab 1942 gehörte Antoinette Sachs dem von ihrem späteren Schwager, Oberst Georges Groussard, geleiteten Gilbert-Netzwerk an. Sie verschlüsselte und entschlüsselte Nachrichten, die die Résistance mit Charles de Gaulle in London ausgetauschte. Als Jean Moulin sich im Département Var niederließ, half ihm Sachs, seine Tarnung aufzubauen. Mit ihrer Hilfe eröffnete Moulin am 9. Februar 1943 eine Kunstgalerie in Nizza, die den Namen Romanin trug. Die Tätigkeit als Galerist ermöglichte ihm, seine Aktivitäten im Widerstand zu verschleiern. Am 7. April sahen sich beide zum letzten Mal, bevor Moulin von der Gestapo verhaftet wurde. Später musste Sachs ihre Aktivitäten im Gilbert-Netzwerk von der Schweiz aus fortsetzen. Ihre Zugehörigkeit zu den Forces françaises combattantes und zum Gilbert-Netzwerk wurde im September 1944 offiziell anerkannt.
Nachkriegszeit Nach der Befreiung Frankreichs von de NS-Herrschaft widmete sich Antoinette Sachs der Aufklärung der Umstände, die zur Verhaftung von Jean Moulin durch die Gestapo führte. Hierzu arbeitete sie gemeinsam mit Laure Moulin, Résistancekämpferin und Schwester von Jean Moulin, als Ermittlerin. Sie fanden im Häftlingsregister von Montluc einen Hinweis auf die Anwesenheit von Jean Moulin und konnten zweifelsfrei beweisen, dass er Opfer eines Verrats geworden war. Diesen Kampf um die Wahrheit setzte sie bis zu ihren Tod im Jahre 1986 fort.
Antoinette Sachs änderte 1952 ihren Nachnamen offiziell in Sasse. Als Förderin der Künste vermachte sie 1983 ihr Vermögen und ihre Sammlungen der Stadt Paris, damit diese das Museum Musée Jean Moulin gründen konnte. Ihr Vermächtnis an Paris bildete die Grundlage für das 1994 eröffnete Museum und trug teilweise zur Finanzierung des neuen Museums bei, das am 25. August 2019 eröffnet wurde. Viele der dort ausgestellten Exponate, die Jean Moulin betreffen, stammen aus ihren Sammlungen.
Auszeichnungen Antoinette Sachs bekam 1945 die Médaille de la Résistance mit Rosette verliehen und wurde 1949 zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Ihre Urkunde wurde von Präsident Vincent Auriol und General Darius Paul Dassault unterzeichnet. 1982 beförderte sie François Mitterrand zur Großoffizierin.
Literatur
Ausstellung Christine Levisse-Touzé: Antoinette Sasse: rebelle, résistante et mécène (1897–1986) – 12. April 2016 bis 29. Januar 2017 im Musée Jean Moulin
Einzelnachweise
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