Die Geschichte der Stadt Gießen umfasst die Entwicklungen auf dem heutigen Gebiet der Stadt Gießen von der Gründung bis zur Gegenwart.mini|Blick auf Gießen

Gründung Im Jahre 1152 gründete Wilhelm von Gleiberg, der sich die Grafschaft Gleiberg mit seinem Neffen Otto teilte, eine Wasserburg. Er verlegte danach seinen Sitz von der Burg Gleiberg ins sieben Kilometer entfernte Tal. Dies stellt den Beginn der Besiedlung von Gießen dar. Die erste urkundliche Erwähnung des Namens „Giezzen“ stammt aus dem Jahr 1197. Die Urkunde beinhaltet einen Gütertausch zwischen dem Kloster Arnsburg und dem Stift Schiffenberg. Darin tauschte Abt Mengot von Arnsburg Güter zu Holzhusen und Ebersgöns gegen Besitzungen des Klosters Schiffenberg im Hofgut Kolnhausen. Dieser wurde von Wilhelms Witwe, Salomone Gräfin von Giezzen, bezeugt. Im Original heißt die Stelle:„... domina Salome comitissa de Giezzen ...“Arthur Wyss: Urkundenbuch der Deutschordens-Ballei Hessen. Band 1–3. Leipzig 1879–1899. Nr. 1344, S. 320. Bei der Fertigstellung der Urkunde war Gräfin Salome bereits verstorben, denn der Zusatz vor ihren Namen lautete: „... pie memorie domina Salome ...“.Andreas Kuczera: Grangie und Grundherrschaft. Zur Wirtschaftsverfassung des Klosters Arnsburg zwischen Eigenwirtschaft und Rentengrundherrschaft 1174-1400. Dissertation. Darmstadt und Marburg 2003. Hrsg.: Hessische Historische Kommission Darmstadt und Historische Kommission für Hessen. = Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte 129. S. 56.

Der Ortsname bezieht sich auf einen historischen Flurnamen, der im Neuhochdeutschen fließendes Wasser schmaler tiefer Bach bedeutet. Er entlehnt sich von dem kleinen Fluss Wieseck.Lutz Reichardt: Die Siedlungsnamen der Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach in Hessen. Namenbuch. Dissertation. Göppingen 1973. S. 134–136, S. 135.

Auf dem Weg zur Stadt Aus 1231/32 stammt das erste sichere urkundliche Zeichen einer Siedlung Gießen. 1248 wurde Gießen erstmals als Stadt bezeugt:„... scabini et burgenses universi ...“Ludwig Baur: Urkundenbuch des Klosters Arnsburg in der Wetterau. Darmstadt 1851. Nr. 54, S. 38. Vermutlich erhielt es das Stadtrecht aber schon 1236 oder 1237. Schultheiß war 1248 der tübingische Konrad, es sind jedoch keine genaueren Angaben über ihn erhalten. 1255 lässt sich der erste Handwerker, ein Schmied, nachweisen.

Zwischen dem 15. August 1264 und dem 29. September 1265 erwarb Landgraf Heinrich I. von Hessen die Stadt durch Kauf. Nur sein Besuch am 15. September 1273 ist urkundlich nachweisbar. Während der Zeit von 1273 bis 1280 hatte der Landgraf militärische Auseinandersetzungen mit dem Erzstift Mainz, wobei Gießen für ihn von strategischer Bedeutung war. Die Anzahl der Kastellane der Burg wurde dabei auf 16 bis 19 erhöht.

Vermutlich Ende des 13. Jahrhunderts wurde eine Ringmauer um die Siedlung gezogen. Eine erste öffentliche Herberge (hospicium aliquod publicum) wurde 1288 erwähnt. Um 1300 ließen die hessischen Landgrafen das sog. Alte Schloss anlegen. Die Neustadt wurde ebenfalls um 1300 angelegt; erstmals urkundlich erwähnt wurde sie 1307, und einige Jahre später, 1325, gab Landgraf Otto I. den dortigen Siedlern die gleichen Rechte wie den Einwohnern der alten Siedlung. 1307 wurde auch das erste Mal von einem Stadtrat berichtet; genauere Angaben zu diesen consules sind aber nicht vorhanden.

Einen Bürgermeister gab es ab spätestens 1367. Dieser war den landesherrlichen Burgmannen gleichgestellt. Mit der Ausgabe eines Rentenpapiers treten im Juni 1371 erstmals der Bürgermeister, der Rat und die Schöffen der Stadt als Aussteller einer Urkunde auf. 1430 erhielt Gießen neue Stadtrechtsprivilegien von Landgraf Ludwig I. verliehen. 1442 erhielt die Stadt das Recht, zwei Jahrmärkte pro Jahr auszurichten, welche jeweils eine Woche dauern sollten.

Das (1944 zerstörte) Alte Rathaus am Marktplatz als Symbol bürgerlicher Macht entstand um 1450, die Stadtkirche bis 1484.

Mit der Zunft der Wollweber wurde die erste Zunft des Ortes gegründet. Der Zunftbrief stammt vom 15. Juni 1460. Am 10. Juli 1469, mit einer erneuten Ausgabe am 29. Dezember 1469, erhielten die Schneider einen Zunftbrief.

Frühe Neuzeit: bis zur Gründung der Universität und französischen Besatzung Anfang des 16. Jahrhunderts gibt es in der Stadt 54 Handwerker; auffällig ist dabei, dass es sieben Wirte gab. Die im Verhältnis für die damalige Zeit sehr hohe Zahl erklärt sich vermutlich durch den Handelsweg von Frankfurt nach Kassel, der über Gießen verlief. Ansonsten war Gießen stark von der Landwirtschaft geprägt. Im Zuge des Bauernkrieges kam es in Gießen ab dem Frühjahr 1525 zu kleineren Unruhen. Bis 1533 wurde die alte Stadtmauer beseitigt und um die inzwischen vergrößerte Stadt ein neuer Wall errichtet. Ebenfalls in diese Zeit fiel die Errichtung des Alten Friedhofs und des Neuen Schlosses. Anfang des 16. Jahrhunderts wurde die Burg Gießen auf Geheiß des Landgrafen Philipp I. weiter ausgebaut, was für die Stadt Gießen eine zusätzliche Belastung bedeutete. So konnten Reisende nur während des Tages bei geöffneten Stadttoren nach Gießen hinein, worunter die Wirtschaft litt. Die Bürger mussten Wachdienste versehen, und natürlich mussten die Befestigungsanlagen regelmäßig instand gesetzt werden. Am 27. Mai 1560 vernichtete ein Großbrand den nördlichen Teil der Stadt um das Walltor. 1573 wurde der Stadt erneut das Privileg des Weinschanks verliehen.

Bei der Teilung der Landgrafschaft durch den Tod Philipps 1567 gelangte Gießen zu Hessen-Marburg. Aufgrund des nach Ansicht des Landgrafen Ludwig IV. von Hessen-Marburg nur unzureichend versehenen Wachtdienstes an den Befestigungen der Stadt wurde 1575 eine Soldatensteuer eingeführt, mit welcher acht Soldaten die Pflichten der Bürger versahen.

1586 ließ Ludwig IV. ein Zeughaus errichten, das vier Jahre später fertiggestellt wurde. Mit dem Tod des Landgrafen 1604 wurde Gießen Teil der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt. mini|Stadt und Festung Gießen um 1612 mini|Stadtansicht aus der Topographia Hessiae 1655 1605 wurde in Gießen das Gymnasium Ludovicianum durch Landgraf Ludwig V. als Lateinschule gegründet.

Am 19. Mai 1607 ermöglichte ein Privileg Kaiser Rudolfs II. die Gründung der protestantischen Landesuniversität. Zwei Jahre später eröffnete der Botanische Garten, einer der ältesten in Deutschland, der sich noch an Ort und Stelle befindet.

1634/35 dezimierte eine schwere Pestepidemie die Bevölkerung der Stadt um etwa 1.200 Menschen, 1/3 der Einwohner aller Bevölkerungsschichten. Um mehr Einfluss auf die Stadt gewinnen zu können, erließ der Landesherr 1740 eine Verordnung, nach der der XVIer-Rat zukünftig zu einem Drittel aus Regierungsadvokaten zu bilden sei. Diese Hoffnung sollte sich in späteren Auseinandersetzungen nicht erfüllen. 1722 wurde eine neue Stadtverordnung erlassen, welche die Beziehung zwischen den Organen der Stadt, also Schöffen-, XVIer- und mittlerem Rat neu regelte. Der mittlere Rat wurde faktisch abgeschafft, der XVIer-Rat musste für seine Entscheidungen jetzt den stärkeren Einfluss der Zünfte hinnehmen und wurde auf acht Personen reduziert. Dieser Reduzierung folgte später eine Aufteilung in acht XVIer auf Lebenszeit, acht XVIer Rathsherrn und acht Deputierte, welche von den Bürgern zunächst auf Lebenszeit, später für drei Jahre, gewählt wurden.

1725 wurde in Gießen eine Buchhandlung eröffnet, die später von Johann Christian Konrad Krieger übernommen wurde800 Jahre Gießener Geschichte, S. 98. 1760 wurde das Gießener Wochenblatt gegründet, welches sein Erscheinen allerdings schon 1776 wieder einstellen musste. 1791 eröffnete Georg Friedrich Heyer und vier Jahre später Heinrich Gottfried Stamm eine Buchhandlung in Gießen. Dies war ein Zeichen des sich verstärkenden Interesses an Literatur. 1792 erschien das Gießener Wochenblatt wieder und wurde zwei Jahre später in Gießener Intelligenzblatt umbenannt800 Jahre Gießener Geschichte, S. 97. Ende des 18. Jahrhunderts war Gießen, obwohl Sitz von Verwaltung und Justiz, einer Garnison (Hessen-Darmstädtisches Kreisregiment) und der Universität, immer noch stark von der Landwirtschaft geprägt800 Jahre Gießener Geschichte, S. 122.

Die Auswirkungen der Französischen Revolution und der nachfolgenden Koalitionskriegen zeigten sich in Gießen zuerst nur indirekt. Die Regierung in Darmstadt verschärfte die Zensur, der Verleger J.C.K. Krieger wurde wegen Verbreitung der religionsfeindlichen Schrift De tribus impostoribus zu einer Geldstrafe verurteilt und der Philosophieprofessor Karl Christian Erhard Schmid verlor seine Professur800 Jahre Gießener Geschichte, S. 101. Weiterhin stieg die Inflation und einige Gebäude wurden vom Militär beschlagnahmt. So wurden in dem theologischen Auditorium Patronen hergestellt und in den juristischen Hörsälen mit Pulver befüllt.800 Jahre Gießener Geschichte, S. 105–106

mini|Oberhessen, Umgebung von Gießen. Aus einem Atlas von 1759 Im Juli 1796 wurde auch Gießen in die Kampfhandlungen einbezogen. Die österreichischen Truppen mussten sich zurückziehen, und so marschierten am 8. Juli 1796 die Franzosen in die Stadt ein. Am 11. September gelang es österreichischen Soldaten, wahrscheinlich mit Unterstützung durch Gießener Bürger, in die Stadt einzudringen und eine französische Kompanie gefangen zu nehmen. Bis zum 18. September kam es dann zu Kämpfen um die Stadt, bei welchen diese auch mit Artillerie beschossen wurde, was aber nur geringe Schäden verursachte. Nachdem die Österreicher siegreich waren, errichteten sie ihr Winterlager in der Stadt, was für die Bevölkerung eine hohe Belastung durch Kontributionen nach sich zog.800 Jahre Gießener Geschichte, S. 131 Im folgenden Jahr zogen sich die Österreicher zurück, und daher wurde die Stadt ohne Gegenwehr an den französischen General Michel Ney übergeben. Für kurze Zeit, bevor er nach Wetzlar umzog, richtete der Oberbefehlshaber der französischen Armee Lazare Hoche sein Quartier in Gießen ein. Unter Androhung der Erschießung zweier Bürger forderte er 100.000 Franc Strafe für den Verrat von 1796. Die Besatzung endete am 19. Dezember 1798.800 Jahre Gießener Geschichte, S. 132 Durch das Zusammenwirken des Rektors August Friedrich Wilhelm Crome und des späteren Königs Karl XIV. konnte die vollständige Plünderung der Universitätsbibliothek durch die Franzosen verhindert werden800 Jahre Gießener Geschichte, S. 106. Trotz allem war der Krieg für die Stadt eine immense Belastung gewesen. So waren 1796 kriegsbedingt Kosten in Höhe von 29.500 Gulden angefallen und in den ersten vier Monaten des Jahres 1797 nochmals 8.500. Für die restliche Zeit der Besatzung gibt es keine Dokumente.

19. Jahrhundert 1803 wurde Gießen Verwaltungssitz des Fürstentums und späteren Provinz Oberhessen im Großherzogtum Hessen. 1806 wurden die Befestigungsanlagen Gießens geschleift und die Befestigungsgräben wurden aufgefüllt. Die dadurch entstehenden Flächen (Wallanlagen?) wurden an die Bürger als Gartenland abgegeben.800 Jahre Gießener Geschichte, S. 132

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts setzte auch die Reform der Verwaltungsstrukturen ein. So wurde beispielsweise die Gleichheit vor dem Gesetz alle Einwohner eingeführt.800 Jahre Gießener Geschichte, S. 133 1811 wurde eine neue Schultheißenverordnung eingeführt. Diese unterstellte den Schultheiß dem Staat, so dass dieser nun primär diesem und erst in zweiter Linie der Kommune verpflichtet war. Es ist aber wissenschaftlich nicht gesichert, ob diese Anordnungen auch in Gießen vollständig umgesetzt werden konnten. Vermutlich war die Staatsverwaltung auf Grund unzureichender Durchsetzungsfähigkeit, z. B. auf Grund knapper Kassen, gezwungen, Kompromisse mit den bisherigen Verantwortungsträgern einzugehen.800 Jahre Gießener Geschichte, S. 134