mini|Die Schiffe in der Nähe der sinkenden Titanic, 14./15. April 1912 Die Raketen der Titanic waren Signal-Raketen, die vom sinkenden Schiff 1912 aus abgefeuert wurden. Besatzungsmitglieder der Titanic hatten die Lichter eines unbekannten Schiffes am Horizont gesehen. Sie feuerten die Notruf-Signalraketen in Absprache mit Kapitän Edward Smith ab, um das Schiff auf die Notlage der Titanic aufmerksam zu machen. Auf dem anderen Schiff, der Californian, haben Besatzungsmitglieder die Raketen zwar gesehen, aber nicht angemessen darauf reagiert.

Ein Gegenstand der Californian-Affäre war die Frage, ob die gesichteten Raketen tatsächlich diejenigen der Titanic waren. Es wurde auch die Behauptung aufgestellt, die Besatzung der Titanic habe die falschen Raketen verwendet oder die Raketen nicht den Regeln entsprechend hochgeschossen. Darum hätten die Besatzungsmitglieder der Californian die Raketen nicht als Notsignal interpretieren können. Titanic-Forschende haben hingegen aufgezeigt, dass die Raketen regelgemäß verwendet worden sind.

Notsignale Der Besatzung der Californian unter Kapitän Stanley Lord wurde unterlassene Hilfeleistung vorgeworfen; diese hielt daran fest, dass ihr Schiff weit von der sinkenden Titanic entfernt gelegen habe. Dreh- und Angelpunkt der Diskussion zur Californian sind die Raketen, welche die Männer auf der Brücke der Californian in der Unglücksnacht beobachtet haben. Walter Lord schrieb dazu 1986, dass allerlei Argumente zu Abständen, Zeitpunkten, Positionen und anderen Variablen vorgebracht wurden, jedoch:

The one element that lifts the night of April 14-15 out of the realm of the imponderable is the hard, incontrovertible fact of the rockets – what they were like, what they meant, and what people did about them. And it is here, I think, where the arguments of the Californian’s defenders really break down. They can say what they like, but they can’t get away from those rockets.

(Das einzige Element, das die Nacht vom 14. auf den 15. April aus dem Bereich der Unwägbarkeiten heraushebt, ist die harte, unbestreitbare Tatsache der Raketen – wie sie aussahen, was sie bedeuteten und wie die Menschen darauf reagierten. Und genau hier, so glaube ich, versagen die Argumente der Verteidiger der Californian endgültig. Sie können sagen, was sie wollen, aber an diesen Raketen kommen sie nicht vorbei.)Walter Lord: The Night Lives On: The Untold Stories and Secrets Behind the Sinking of the "Unsinkable" Ship Titanic. Morrow, 1986, S. 151.

Nach den damaligen Regeln für die Seefahrt durfte ein Notsignal nur abgegeben werden, wenn man sich tatsächlich in Not befand. Wenn man selbst ein Signal sah, das ein Notsignal sein konnte, dann sollte man es unbedingt als solches interpretieren und der Sache nachgehen. Dabei war ein Schiffsführer nicht verpflichtet, sein eigenes Schiff in Gefahr zu bringen.

Notsignale in der Nacht waren (laut Section 434, Merchant Shipping Act, 1894): A gun or other explosive signal fired at intervals of about a minute; Flames on the vessel (as from a burning tar barrel, oil barrel, etc.); Rockets or shells, throwing stars of any colour or description, used on at a time at short intervals; A continuous sounding with any fog-signal apparatus.

Ein Schuss aus einer Kanone oder ein anderer Signalschuss in Abständen von etwa einer Minute; Flammen auf dem Schiff (z. B. von einem brennenden Teerfass, Ölfass usw.); Raketen oder Geschosse, Leuchtsterne jeglicher Farbe oder Art, die nacheinander in kurzen Abständen abgefeuert werden; Ein andauerndes Geräusch, das mit einem beliebigen Nebelsignalgerät erzeugt wird.Paul Lee: The Titanic and the Indifferent Stranger. The Complete Story of the Titanic and the Californian. Lee 2012, S. 251/252.

mini|Koldau auf der Leipziger Buchmesse mit ihrem Titanic-Buch Verteidiger von Stanley Lord behaupten, dass die Titanic keine richtigen Notfall-Raketen dabei hatte bzw. diese nicht vorschriftsgemäß wie Notrufsignale abgefeuert habe.Samuel Halpern: Strangers on the Horizon. Titanic and Californian – A Forensic Approach. Halpern 2021 (2019), S. 423/424. So schreibt Linda Maria Koldau, dass laut den damals geltenden Regeln Raketen jeglicher Farbe dienen konnten – die Raketen der Titanic seien aber weiß gewesen, und Weiß sei keine Farbe. Die farblosen Raketen der Titanic seien folgerichtig nicht als Notruf-Raketen erkannt worden.Linda Maria Koldau: Titanic. Das Schiff. Der Untergang. Die Legenden. 2. Auflage, C. H. Beck: München 2020 (2012), S. 108.

Raketen auf der Titanic Die Titanic hat tatsächlich eine gewisse Anzahl von Raketen abgefeuert. Man hatte für die Titanic insgesamt 36 distress socket rockets eingekauft. Sie hießen so, weil sie von einem socket, einer Halterung aus, abzufeuern waren. Sie entsprachen den damaligen Regeln und waren genau für den Notfall eingekauft worden, von einer Firma, die solche Raketen genau zu diesem Zweck herstellte. Die Besatzung hatte Packungen an verschiedenen Stellen der Titanic aufbewahrt. Auf dem Meeresgrund hat man schließlich bei den Wrackteilen eine entsprechende angebrochene Kiste gefunden: Die Kiste hätte 24 Raketen gehabt, nur noch 17 Raketen waren vorhanden.Samuel Halpern: Strangers on the Horizon. Titanic and Californian – A Forensic Approach. Halpern 2021 (2019), S. 462/463, S. 465.

Die Raketen wurden auf der Titanic, regelgemäß, in Abständen von fünf bis sechs Minuten abgefeuert. Der helle Blitz erreichte eine Höhe von 600 Fuß (183 Meter), so dass man ihn selbst in 30 Seemeilen noch sehen konnte.Samuel Halpern: Strangers on the Horizon. Titanic and Californian – A Forensic Approach. Halpern 2021 (2019), S. 464, S. 465. Die Farbe der Raketen war weiß bis bläulich-weiß, wie es auch der wachhabende Offizier Herbert Stone von der Californian berichtet hatte. Auf der Titanic selbst konnte man verschiedene Farben erkennen, wenn das Licht sich in Wassertröpfchen in der Luft brach.Samuel Halpern: Strangers on the Horizon. Titanic and Californian – A Forensic Approach. Halpern 2021 (2019), S. 465. Aus der Ferne sahen sie aber weiß aus.Samuel Halpern: Strangers on the Horizon. Titanic and Californian – A Forensic Approach. Halpern 2021 (2019), S. 470–472.

Besatzungsmitglieder konnten sich an die Anzahl nicht genau erinnern und machten unterschiedliche Angaben. Halpern zufolge waren es insgesamt etwa ein Dutzend, die über einen Zeitraum von einer Stunde hochgeschossen wurden. Das komme auch in etwa mit Stones Angabe überein, er habe die ersten fünf Raketen innerhalb von 25 Minuten gesehen.Samuel Halpern: Strangers on the Horizon. Titanic and Californian – A Forensic Approach. Halpern 2021 (2019), S. 169.

Lord sagte, die Raketen hätten auch company signals sein können, mit denen Schiffe einander begrüßen, und dass solche Signale durchaus weiß sein könnten. Die Sachlage sah so aus: Zwar gab es zahlreiche company signals, doch nur fünf Schifffahrtsunternehmen haben dafür Raketen angegeben. Eine davon hatte ausdrücklich angewiesen, auf hoher See keine Raketen dafür zu verwenden. Überhaupt waren solche Raketen nach internationaler Übereinkunft verpönt. Von den anderen vier hat dazu keine Raketen verwendet, die weiße Sterne verbreiten. Vier weitere Unternehmen kannten nur weiße Lichter, und keines ihrer Schiffe war in der Nähe der Titanic.Paul Lee: The Titanic and the Indifferent Stranger. The Complete Story of the Titanic and the Californian. Lee 2012, S. 216. (Übrigens waren die company signals der White Star Line grün; erst die SOLAS-Regeln von 1948 haben bestimmt, dass Notraketen rot sein müssen.)Samuel Halpern: Strangers on the Horizon. Titanic and Californian – A Forensic Approach. Halpern 2021 (2019), S. 472.

Paul Lee befand abschließend, dass Lord und seine Untergebenen die beobachteten Raketen als mögliche Notsignale interpretieren mussten.Paul Lee: The Titanic and the Indifferent Stranger. The Complete Story of the Titanic and the Californian. Lee 2012, S. 252. Daniel Allan Butler wirft den Lordites vor, dass sie an Lords Verhalten die geringsten, an die Männer auf der Titanic die höchsten Ansprüche stellten. Kleinlich versuchten sie zum Beispiel, Fehler beim Abfeuern der Raketen zu belegen.Daniel Allen Butler: The Other Side Of The Night: The Carpathia, the Californian, and the Night the Titanic was Lost. Casemate Publishers 2009, S. 199/198.

Belege

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