Das Weiszheithaus ist ein Gesellschaftsroman des deutschen Schriftstellers Holger Siemann, der 2017 im Züricher Dörlemann Verlag veröffentlicht wurde. Das Werk verbindet eine Berliner Nachwende-Rahmenhandlung mit einer historischen Binnenhandlung, die eine Familiensaga über mehrere Generationen von Ostpreußen bis nach Berlin-Prenzlauer Berg spannt. Im Mittelpunkt steht das Schicksal der weitverzweigten Familie Weiszheit und ihres Mietshauses im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg, dessen Geschichte aus den Blickwinkeln verschiedener Generationen und Hausbewohner erzählt wird. Eine zentrale Rolle spielt dabei eine hypersensible, vererbbare Geruchswahrnehmung der Protagonisten.
Inhalt Die Familiengeschichte beginnt im 19. Jahrhundert in Schieß am Kurischen Haff, Ostpreußen, wo die Familie Weiszheit ein erfolgreiches Sägewerk betreibt. Verwandten-Ehen sollen den Besitz zusammenhalten, verfestigen aber auch markante Familienmerkmale wie platinblondes Haar, azurblaue Augen und eine extreme Geruchssensibilität. Um 1900 bricht der junge Gustav Weiszheit nach Berlin auf und errichtet dort das prachtvolle, eklektizistische „Weiszheithaus“, das rasch zu einem sozialen Mikrokosmos für Arbeiterfamilien, alleinerziehende Mütter und Lebenskünstler wird.
Während des Ersten Weltkriegs wird Gustav zur Presse- und Zensurabteilung des Generalstabs eingezogen und kehrt schwer traumatisiert aus dem Krieg zurück. Seine Tochter Elise arbeitet im Lazarett, wo sie Wundbrand frühzeitig riechen kann. Gustavs unehelicher Sohn Hermann flieht aus der Rüstungsarbeit an die Front, radikalisiert sich und beteiligt sich nach dem Krieg mit Freikorps-Truppen am Kapp-Putsch im Haus. In den wilden Jahren der Weimarer Republik wird das Haus mit dem avantgardistischen Frauenlokal „Zur Sonne“ zum Schauplatz der Berliner „Puppenbälle“.
In den 1930er- und 1940er-Jahren hinterlässt die NS-Diktatur tiefe Wunden in der Hausgemeinschaft; die Bewohner kämpfen gegen ideologische Spaltung, Verfolgung und die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs. Nach 1945 gerät das Gebäude in der DDR unter staatliche Verwaltung der Kommunalen Wohnungsverwaltung, während die Bewohner versuchen, sich mit den sozialistischen Realitäten zu arrangieren. Nach dem Mauerfall 1989 wird das Haus zum Spekulationsobjekt in Zeiten von Restitution und einsetzender Gentrifizierung.
Die unheroisch und oft tragikomisch erzählten Einzelschicksale spiegeln die tiefen Brüche und Lernprozesse der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts im Spiegel eines einzigen Berliner Mietshauses wider.
Rezeption Die Kritik lobte den Roman einhellig als großes „konzeptionelles Kunstwerk“Gabriele Weingartner: Camouflage um einen Wohnkomplex. In: Literaturblatt Baden-Württemberg, Ausgabe Jan/Feb 2018. und „literarischen Parforceritt“.Frank Keil: In einem Haus leben die Geschichten. In: Männerwege, „Männerbuch der Woche“, April 2018. Besonders hervorgehoben wurde die virtuose Camouflage: Durch fingierte Dokumente, Fotos und einen über 40-seitigen Fußnotenapparat verschwimmen die Grenzen zwischen historischer Realität und Fiktion.Thomas Völkner: Das Weiszheithaus - Holger Siemann. In: Sendung Schwarz auf weiß, Hamburger Lokalradio, 4. März 2018. Rezensenten wie Jörg Petzold (FluxFM) und Cornelia Wolter (Funke Mediengruppe) feierten das Buch als spannende Geschichtsreise, bei der das Mietshaus im Prenzlauer Berg als eigentlicher Protagonist fungiert.Cornelia Wolter: Mietshaus wird Zeitzeuge deutscher Geschichte. Funke Mediengruppe, 1. Februar 2018.Jörg Petzold: Holger Siemann - Das Weiszheithaus. In: Sendung Lesen und lesen lassen, FluxFM, November 2017. Während Radioeins den Roman als „Prachtbuch“ und „ganz große Empfehlung“ würdigte,Gesa Ufer et al.: Rezension in „Literaturagenten“, Radioeins, RBB, November 2017. bemängelte die Kritik lediglich kleinere LektoratsfehlerRalf Julke: Rezension trong Leipziger Internet Zeitung, 16. März 2018. und die überraschende Ignoranz des klassischen, großen Feuilletons gegenüber dem Werk.Frank Keil: In einem Haus leben die Geschichten. In: Männerwege, „Männerbuch der Woche“, April 2018.
Ausgaben Holger Siemann: Das Weiszheithaus. Ein Jahrhundertroman. Dörlemann Verlag, Zürich 2017, ISBN 978-3-03820-045-1.
Einzelnachweise
Kategorie:Roman, Epik Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (Schweiz) Kategorie:Literatur (21. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Deutsch)