St. Otto ist eine römisch-katholische Pfarrkirche in Bamberg. Sie wurde als einer der ersten Bauten der Moderne in Bamberg 1911–1914 nach Plänen des Architekten Otho Orlando Kurz errichtet.
Baugeschichte Im Gebiet der Unteren Gärtnerei (heute in etwa Gärtnerstadt) befanden sich einige kleinere Sakralbauten (Siechenkapelle, St. Sebastiani, St. Maria/Gönningerkapelle), doch war die Pfarrkirche St. Gangolf in der Theuerstadt, auf dem Gebiet der Oberen Gärtnerei gelegen und für die Bewohner rechts der Regnitz zuständig, weiter entfernt und zu klein geworden. Die Einwohnerzahlen besonders der Gebiete am östlichen Regnitzufer waren ab Mitte des 19. Jahrhunderts infolge der Industrialisierung und des Baus der Eisenbahnlinie stark angewachsen, so dass ein Kirchenneubau am einstigen Stadtrand, an einer wichtigen Straßenkreuzung, geplant wurde. Die Kirchenverwaltung beauftragte den Münchner Architekten Oto Orlando Kurz. Dieser schuf einen höchst modernen stadtbildprägenden Bau. Leonhard Hiltner, der Stadtpfarrer von St. Gangolf, initiierte den Neubau und hinterließ ein beträchtliches Vermögen als Grundstock dafür. Auf Hiltner geht wohl auch das Ottopatrozinium zurück, er hatte am Ottotag Geburtstag. Dem Bistumsheiligen Otto von Bamberg, 1139 in Bamberg begraben und dort sehr verehrt, wurde also erst sehr spät eine eigene Kirche gewidmet. 1903 wurde ein Kirchenbauverein gegründet und das Gärtnerehepaar Dorothea und Leonhard Wolf schenkte den Bauplatz an die Katholische Kirche. Nachdem sich mehrere Architekten beworben hatten, auf die man sich nicht einigen konnte, wurde 1911 ein Wettbewerb für eine Kirche für 2700 Personen ausgeschrieben, die explizit keine „gotischen“ Formen enthalten sollte. Den ersten Preis erhielt Kurz, er wurde im Herbst 1911 beauftragt. Von der Grundsteinlegung 1912 bis zur endgültigen Fertigstellung 1936 dauerten die Ausstattungsarbeiten an, der Erste Weltkrieg und die Finanznot waren dafür ursächlich. Den Zweiten Weltkrieg überstand die Kirche unbeschadet.
Außenansicht Sehr charakteristisch ist die heute goldgelb verputzte breite, wehrhaft hohe Ostfassade mit hellen Kalksteinelementen, grünen Kupferdächern und dem als Landmarke in Bamberg weithin sichtbaren einzelnen Turm. Ursprünglich war eine backsteinsichtige Außenhaut geplant. Nur der linke Turm ist in voller Höhe (63 m) ausgeführt, rechts endet der Turmansatz in einem Stumpf. Die Planung von Kurz sah stets nur die Ausführung eines einzigen Turmes vor. Der unten oktogonale Turm ist mit einer umlaufenden Reihe von Engelsfiguren geschmückt. Darüber ist der Turm rund. Über dem Eingangsportalbau befindet sich ein großes stockwerksübergreifendes, an gotische Formen angelehntes Mittelfenster, das hoch oben abschließt mit einer Maria in der Mandorla, entworfen 1913 von Erwin Kurz, dem Vater des Architekten. Das ungewöhnlich nach Westen orientierte Langhaus ist dagegen an den Seiten schlicht gehalten und endet mit einem niedrigen überkuppelten Chorbau, dem ein Säulenumgang vorgelagert ist.
Innenraum Der Innenraum ist weit und offen, dominiert von seiner das Mittelschiff überwölbenden dunklen Holztonnendecke, Skulpturen, Säulen, Kapitellen, Schlusssteinen und anderen Bildhauerarbeiten aus Rotmarmor (darunter Wallenfelser, Veroneser und Ruhpoldinger Rotmarmor) und den schlichten weißen Wänden. An das Mittelschiff schließt sich ein um sechs Stufen erhöhter Chor an, in dem der Hauptaltar untergebracht ist. Hier waren in einem acht Meter langen Fries Reliefs aus dem Leben des Kirchenpatrons geplant, die nie zur Ausführung kamen.Peter Ruderich: Kath. Pfarrkirche St. Otto, Baubeschreibung. In: Die Kunstdenkmäler von Oberfranken. Stadt Bamberg. Theuerstadt und östliche Erweiterungen. 1. Untere Gärtnerei und nordöstliche Stadterweiterungen. Teil I: Öffentliche Bauten, Heinrichs-Verlag Bamberg; Deutscher Kunstverlag Berlin München, S. 188. Am Ende der beiden Seitenschiffe befinden sich die Seitenaltäre, die rechts den Bistumgründern, dem Heiligen Kaiserpaar Heinrich II. und seiner Frau Kunigunde, und links der Muttergottes mit Kind gewidmet sind. Der Marienaltar (1914/15) wurde wie schon das gesamte Grundstück von Dorothea und Leonhard Wolf gestiftet. Über den das Mittelschiff gliedernden Pilastern stehen auf schmalen Sockeln zwölf aus Lindenholz geschnitzte Apostelfiguren von Valentin Kraus. mini|Bamberg, St. Otto, Innenraum, Blick nach Westen, aus der Vorhalle zum Chor|220x220px|linksmini|164x164px|Bamberg, St. Otto, Heinrichs- und Kunigundenaltar von Otho Orlando Kurz, 1916, Skulpturengruppe von Georg Busch
Würdigung Bemerkenswert ist die städtebaulich eindrucksvolle Lage der Kirche in Westausrichtung an einer wichtigen Kreuzung. Durch Veränderung der Straßenführung und Neuanlage der Magazinstraße ist dies heute nicht mehr so deutlich. Die einzige Vorgabe, dass die Kirche keinesfalls in neugotischen Formen zu errichten sei, gab dem Architekten eine große Freiheit. Das Vorbild für St. Otto war die von Theodor Fischer 1910 fertiggestellte evangelische Garnisonskirche (Pauluskirche) in Ulm mit einem monumentalen Querriegel, bei denen sich Fischer auf wehrhaft erscheinende mittelalterliche Kirchen (St. Kilian Höxter, St. Veit in Drübeck, Stiftskirche Bad Gandersheim) bezog, allerdings nun ohne einen zweiten Turm. Kurz nimmt auch renaissancehafte Elemente auf wie die Madonna in der Mandorla an der Hauptfassade oder verweist mit dem Obergeschoss des Turms auf Fischers Jugendstilarchitektur. Im Innenraum zitiert er mit der Holzdecke San Zeno in Verona. Die Raumwirkung hatte sich Kurz jedoch noch etwas anders vorgestellt, denn die heute weißen Wände sollten mit Marmor verkleidet und die Chorapsis bunt bemalt werden. Bemerkenswert ist, dass Kurz selbst Details wie Türklinken, Leuchten, Gitter oder Beschläge selbst entwarf. Er wählte zudem alle beteiligten Künstler persönlich aus, um ein „sakrales Gesamtkunstwerk, des ersten seiner Art im Erzbistum Bamberg“Peter Ruderich: Kath. Pfarrkirche St. Otto, Würdigung. In: Die Kunstdenkmäler von Oberfranken. Stadt Bamberg. Theuerstadt und östliche Erweiterungen. 1. Untere Gärtnerei und nordöstliche Stadterweiterungen. Teil I: Öffentliche Bauten, Heinrichs-Verlag Bamberg; Deutscher Kunstverlag Berlin München, S. 217–219. zu schaffen, das in Folge des Ersten Weltkriegs jedoch nicht vollendet wurde. 1964 wurde der Bau unter Denkmalschutz gestellt.
Beteiligte Künstler (in Auswahl) Knut Johan Efraim Åkerberg (1868–1955) (Bildhauerarbeiten): Christophorusfigur am Turmstumpf Georg Busch (Bildhauerarbeiten): rechter Seitenaltar Sepp Frank (Glasfenster) Valentin Kraus (Bildhauerarbeiten): Kreuzigungsgruppe im Chor, Apostelfiguren im Langhaus Erwin Kurz (Entwurf Bildhauerarbeiten): Madonna in der Mandorla Georg Rödl (Bildhauerarbeiten) Balthasar Schmitt (Bildhauerarbeiten): Linker Seitenaltar
Literatur Matthias Exner, Christine Kippes-Bösche, Claus Peter, Peter Ruderich, Sibylle Ruß: Kath. Pfarrkirche St. Otto, Siechenstrasse 61. In: Die Kunstdenkmäler von Oberfranken. Stadt Bamberg. Theuerstadt und östliche Erweiterungen. 1. Untere Gärtnerei und nordöstliche Stadterweiterungen. Teil I: Öffentliche Bauten. Heinrichs-Verlag Bamberg; Deutscher Kunstverlag Berlin München, S. 160–219. (Hier eine umfassende Literaturliste bis 2019)
Weblinks
Einzelnachweise
Otto Otto Kategorie:Otto-von-Bamberg-Kirche Kategorie:Pfarrkirche des Erzbistums Bamberg Kategorie:Basilika (Bautyp) Kategorie:Erbaut in den 1910er Jahren Kategorie:Kirchengebäude in Europa