Selbstmitgefühl (englisch self-compassion) bezeichnet eine wohlwollende und annehmende Weise, sich in Situationen von Leiden, persönlichem Versagen oder wahrgenommener eigener Unzulänglichkeit auf sich selbst zu beziehen. Es wird als die nach innen, auf die eigene Person gerichtete Form des Mitgefühls verstanden: So wie Mitgefühl das Wahrnehmen von Leiden, die Offenheit dafür und den Wunsch nach dessen Linderung umfasst, richtet sich Selbstmitgefühl mit dieser Haltung auf das eigene Leiden.

Charakteristisch ist, dass Selbstmitgefühl nicht auf einer Bewertung der eigenen Person beruht. Anders als beim Selbstwert, der auf positiven Selbsteinschätzungen und Vergleichen gründet, handelt es sich um eine annehmende Art des Umgangs mit sich selbst, die keine Beurteilung voraussetzt.

Nach dem von Kristin Neff vorgelegten Modell besteht Selbstmitgefühl aus drei zusammenwirkenden Komponenten, denen jeweils ein Gegenpol gegenübersteht: Selbstfreundlichkeit, ein Gefühl gemeinsamer Menschlichkeit und Achtsamkeit. Im deutschsprachigen Raum sind hierfür die Begriffe Selbstfreundlichkeit, gemeinsame Menschlichkeit und Achtsamkeit gebräuchlich.

Das Konzept wurde von der US-amerikanischen Psychologin Kristin Neff zu Beginn der 2000er Jahre in die psychologische Forschung eingeführt und zählt heute zu den zentralen Konstrukten dieses Forschungsfeldes.

Abgrenzung zu anderen Begriffen

Abgrenzung zum Selbstmitleid In der Fachliteratur wird Selbstmitgefühl vom Selbstmitleid unterschieden. Nach Neff richtet sich die Aufmerksamkeit beim Selbstmitleid auf das eigene Leiden, während die Verbundenheit mit anderen Menschen in den Hintergrund tritt und die eigenen Schwierigkeiten als etwas Trennendes erlebt werden. Die Bestandteile gemeinsame Menschlichkeit und Achtsamkeit unterscheiden Selbstmitgefühl vom Selbstmitleid: Eigene Schwierigkeiten werden als Teil der allgemeinen menschlichen Erfahrung eingeordnet, und belastende Gefühle werden wahrgenommen, ohne dass eine Überidentifikation mit ihnen erfolgt.

Abgrenzung zum Selbstwert Selbstmitgefühl wird in der Forschung vom Selbstwert unterschieden. Der Selbstwert beruht auf einer Bewertung der eigenen Person, häufig im Vergleich mit anderen, während Selbstmitgefühl keine solche Bewertung voraussetzt. Nach Neff und Vonk hängen beide Konstrukte zusammen, sind aber nicht deckungsgleich; Selbstmitgefühl sagt einen eigenen Anteil des psychischen Erlebens vorher, und anders als der Selbstwert ist es nicht mit Narzissmus verbunden. Muris und Otgaar kommen in einer Metaanalyse zu einer abweichenden Einschätzung. Sie ermitteln einen starken Zusammenhang zwischen beiden Konstrukten und finden keinen Beleg dafür, dass Selbstmitgefühl dem Selbstwert als schützender Faktor überlegen sei; sie betrachten beide als einander ergänzende Konzepte.

Theoretische Einordnung

Achtsamkeit Achtsamkeit ist im Modell von Neff zugleich ein Bestandteil des Selbstmitgefühls und eine Voraussetzung für dessen übrige Bestandteile. Ein Mindestmaß an achtsamem, nicht wertendem Gewahrsein für das eigene Erleben geht der Selbstfreundlichkeit und dem Gefühl gemeinsamer Menschlichkeit voraus. Achtsamkeit bezeichnet dabei eine annehmende Wahrnehmung des gegenwärtigen Erlebens, wie sie in der Psychologie im Anschluss an Jon Kabat-Zinn beschrieben wird. Mayrhofer weist darauf hin, dass Achtsamkeit und Selbstmitgefühl eng zusammenhängen und sich gegenseitig bedingen; die Darstellung der Achtsamkeit als bloßer Bestandteil sollte daher nicht als einseitige Abfolge verstanden werden.

Emotionsregulation Selbstmitgefühl wird in der Fachliteratur als eine Form des Umgangs mit belastenden Gefühlen beschrieben, bei der schwierige Emotionen angenommen statt vermieden werden. Nach einer Untersuchung von Mey und Kollegen geht ein höheres Selbstmitgefühl im Alltag mit einer stärkeren Nutzung von Akzeptanz und Neubewertung sowie mit weniger Grübeln einher. Die Emotionsregulation erklärt den Zusammenhang zwischen Selbstmitgefühl und Wohlbefinden dabei nur teilweise. Selbstmitgefühl wird in diesem Zusammenhang auch der Wohlbefindensforschung und der Positiven Psychologie zugeordnet.

Humanistische Psychologie Die Komponente der Selbstfreundlichkeit steht Konzepten der humanistischen Psychologie nahe, etwa der bedingungslosen Wertschätzung nach Carl Rogers und der bedingungslosen Selbstakzeptanz nach Albert Ellis. Nach Neff geht Selbstmitgefühl über diese Konzepte hinaus, weil es die Selbstannahme mit dem Gefühl gemeinsamer Menschlichkeit und mit Achtsamkeit verbindet. Auf diese Weise grenzt sich Selbstmitgefühl auch von einer bloßen Selbstakzeptanz ab.

Entwicklung des Konzepts

Entstehung Selbstmitgefühl geht auf das buddhistische Verständnis von Mitgefühl zurück, das die eigene Person einschließt. In die westliche akademische Psychologie wurde das Konzept zu Beginn der 2000er Jahre eingeführt, im Zusammenhang mit einem zunehmenden Austausch zwischen buddhistischem Denken und Psychologie. Ein Anlass war die Kritik am Selbstwert, der über lange Zeit als zentrales Maß psychischer Gesundheit gegolten hatte. Selbstmitgefühl wurde als Alternative vorgeschlagen, die ohne eine Bewertung der eigenen Person auskommt.

Verbreitung fand das Konzept auch im Rahmen achtsamkeitsbasierter Verfahren, die sich seit den 1990er Jahren in der Psychotherapie etablierten. Seit der ersten Veröffentlichung im Jahr 2003 nahm die Zahl der wissenschaftlichen Arbeiten zum Selbstmitgefühl deutlich zu.

Kristin Neff Die US-amerikanische Psychologin Kristin Neff legte 2003 die erste wissenschaftliche Konzeptualisierung des Selbstmitgefühls vor. Auf sie geht das Modell mit den drei Bestandteilen Selbstfreundlichkeit, gemeinsame Menschlichkeit und Achtsamkeit zurück. Neff entwickelte zudem ein Verfahren zur Messung des Selbstmitgefühls sowie, gemeinsam mit Christopher Germer, ein Trainingsprogramm.

In späteren Arbeiten fasste Neff die drei Bestandteile mit ihren jeweiligen Gegenpolen zu einem Modell aus sechs Elementen zusammen. Zudem unterschied sie eine zärtliche und eine handlungsorientierte Ausprägung des Selbstmitgefühls.

Weitere Einflüsse Neben Kristin Neff trugen weitere Personen zur Entwicklung und Verbreitung des Konzepts bei. Christopher Germer entwickelte gemeinsam mit Neff das Trainingsprogramm Mindful Self-Compassion.

Ein eigenständiger Zugang geht auf Paul Gilbert zurück, der die Compassion Focused Therapy begründete. Dieses Verfahren beruht auf einer evolutionären und neurobiologischen Deutung und war ursprünglich für Menschen mit ausgeprägter Scham und Selbstkritik gedacht. Gilbert verwendet eine eigene Konzeption und ein eigenes Messinstrument. Neben dem Modell von Neff und dem Ansatz von Gilbert bestehen weitere Konzeptionen des Mitgefühls und des Selbstmitgefühls.

Bestandteile des Selbstmitgefühls Nach dem Modell von Neff besteht Selbstmitgefühl aus drei Bestandteilen: Selbstfreundlichkeit, einem Gefühl gemeinsamer Menschlichkeit und Achtsamkeit. Jedem Bestandteil steht ein Gegenpol gegenüber.

Selbstfreundlichkeit Selbstfreundlichkeit bezeichnet einen wohlwollenden und verständnisvollen Umgang mit sich selbst in Situationen von Leiden, Versagen oder wahrgenommener Unzulänglichkeit. Ihr Gegenpol ist die Selbstverurteilung, ein harter und abwertender Umgang mit der eigenen Person. Im deutschsprachigen Raum wird der Begriff Selbstfreundlichkeit verwendet.

Gemeinsame Menschlichkeit Das Gefühl gemeinsamer Menschlichkeit bezeichnet die Wahrnehmung eigener Schwierigkeiten und Unzulänglichkeiten als Teil der allgemeinen menschlichen Erfahrung. Ihr Gegenpol ist die Isolation, also das Erleben, mit dem eigenen Leiden allein und von anderen getrennt zu sein. Diese Komponente unterscheidet Selbstmitgefühl vom Selbstmitleid.

Achtsamkeit Achtsamkeit bezeichnet als Bestandteil des Selbstmitgefühls ein ausgewogenes Gewahrsein belastender Gedanken und Gefühle. Diese werden wahrgenommen, ohne unterdrückt oder vermieden zu werden. Ihr Gegenpol ist die Überidentifikation, bei der eine Person in ihren negativen Gedanken und Gefühlen aufgeht.

Zusammenspiel der drei Komponenten Nach Neff sind die drei Bestandteile begrifflich unterscheidbar, wirken aber zusammen und verstärken sich gegenseitig. Der Achtsamkeit kommt dabei eine grundlegende Rolle zu, da ein Mindestmaß an achtsamem Gewahrsein der Selbstfreundlichkeit und dem Gefühl gemeinsamer Menschlichkeit vorausgeht. Barnard und Curry weisen darauf hin, dass nicht abschließend geklärt ist, ob die drei Bestandteile notwendig miteinander verbunden sind oder sich lediglich wechselseitig begünstigen. In späteren Arbeiten fasste Neff die drei Bestandteile mit ihren Gegenpolen zu einem Modell aus sechs Elementen zusammen.

Messung Selbstmitgefühl wird überwiegend mit der von Kristin Neff entwickelten Self-Compassion Scale erfasst, einem Selbstbeurteilungsfragebogen. Das Verfahren umfasst sechs Subskalen, die den drei Bestandteilen des Selbstmitgefühls mit ihren jeweiligen Gegenpolen entsprechen. Die Antworten werden auf einer fünfstufigen Skala gegeben und üblicherweise zu einem Gesamtwert zusammengefasst. Die Self-Compassion Scale ist das in der Forschung am häufigsten verwendete Instrument und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Neben der ursprünglichen Fassung bestehen weitere Formen, darunter eine Kurzversion, eine Fassung für Jugendliche sowie ein Instrument zur Erfassung des momentanen Selbstmitgefühls. Selbstmitgefühl wird dabei überwiegend als ein relativ stabiles Merkmal erfasst; daneben besteht die Möglichkeit, es als situationsabhängigen Zustand zu erheben. Auch entwickelte Paul Gilbert ein eigenes Messinstrument, das auf seiner theoretischen Konzeption des Mitgefühls beruht.

Kritik

Faktorstruktur der Self-Compassion Scale Ein zentraler Kritikpunkt betrifft die Struktur der Self-Compassion Scale. López und Kollegen konnten in einer Untersuchung an einer großen Stichprobe die von Neff angenommene Struktur aus sechs Faktoren nicht bestätigen. Stattdessen ließen sich die Antworten besser durch zwei Faktoren abbilden, die den positiv und den negativ formulierten Aussagen entsprechen. Auf dieser Grundlage werden die positiven Bestandteile teilweise als Ausdruck von Selbstmitgefühl und die negativen Bestandteile als Ausdruck von Selbstkritik gedeutet.

López und Kollegen sprechen sich daher dagegen aus, die sechs Subskalen zu einem Gesamtwert zusammenzufassen, und empfehlen eine getrennte Betrachtung. Sie weisen zugleich darauf hin, dass offen bleibt, ob die beiden Faktoren einen inhaltlichen Unterschied abbilden oder auf die Art der Fragebogengestaltung zurückgehen. Muris und Otgaar sowie Osmo und Kollegen schließen sich der Kritik an der Verwendung des Gesamtwerts an. Muris und Otgaar geben zu bedenken, dass die Einbeziehung der negativ formulierten Aussagen den Zusammenhang mit psychischer Belastung überschätzen könnte.

Neff hält an der Verwendung eines Gesamtwerts fest. Sie stützt sich auf ein statistisches Modell, das einen übergeordneten Faktor annimmt, und verweist auf eine große internationale Untersuchung. Die getrennte Betrachtung von positiven und negativen Bestandteilen bezeichnet sie als Fehlschluss. Zugleich räumt sie ein, dass die Befunde zur Struktur des Verfahrens uneinheitlich sind.

Methodische Kritik und Überschneidungen mit anderen Konstrukten Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Datengrundlage der Forschung. Viele Untersuchungen beruhen auf Querschnittsdaten und auf Selbstauskünften, häufig mit studentischen Stichproben. Aussagen über Ursache und Wirkung sowie die Übertragbarkeit auf andere Gruppen sind dadurch nur eingeschränkt möglich. Neff weist zudem darauf hin, dass für die Self-Compassion Scale keine klinischen Grenzwerte vorliegen, da sie nicht für klinische Gruppen entwickelt wurde.