Die Deutschen Militärmissionen im Osmanischen Reich waren militärpolitische Vorhaben zur Modernisierung der Armee des Osmanischen Reiches in der Zeit des Deutschen Kaiserreichs. Die Militärmissionen unter den preußischen Generälen von der Goltz und Liman von Sanders stellten neben dem Bau der Bagdadbahn einen maßgeblichen Beitrag zur Intensivierung des deutsch-osmanischen Verhältnisses dar, was das Osmanische Reich mit veranlasste, auf Seiten der Mittelmächte in den Ersten Weltkrieg einzutreten.
Vorgeschichte Seit dem Ende der zweiten Belagerung Wiens 1683 hatte sich das Osmanische Reich in Europa auf dem Rückzug befunden.Bertold Spuler In: Verlag Ploetz (Hrsg.): Auszug aus der Geschichte, 28. Aufl., Ploetz, Würzburg 1976, S. 1–2135, ISBN 3-87640-000-7, S. 1165–1167 Die vielfältigen Niederlagen der Osmanen hatten zu ihrer moralischen Schwächung geführt,Bertold Spuler, In: Ploetz (Hrsg.) 1976, S. 1166 was das allmähliche Schwinden der im christlichen Europa empfundenen Türkengefahr zur Folge hatte. 1730 wurde der Sultan Ahmed III. durch die Janitscharen gestürzt, die darauf eine Willkürherrschaft errichteten.B. Spuler, in: Ploetz (Hrsg.) 1976, S. 1166f Nach dem Russisch-Österreichischen Türkenkrieg gegen Russland und Österreich vermittelte 1739 Frankreich als führender Bundesgenosse der Türkei den Frieden von Belgrad und wurde schließlich offiziell als Beschützer der lateinischen Christen (Katholiken) im Osmanischen Reich anerkannt.B. Spuler, in: Ploetz (Hrsg.) 1976, S. 1167 In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann ein folgenschwerer politischer Machtumschwung, der anstelle des deutschen Kaisers den russischen Zaren zum Vorkämpfer gegen die Osmanen werden ließ. Seitdem waren die Osmanen vor allem von Russland bedroht.
Frühe Kontakte Das Bündnis Friedrichs des Großen 1761 (Allianz von Bunzelwitz) brachte erstmals Beziehungen zum aufstrebenden Preußen, die zu einer nachhaltigen geistigen Verbundenheit beider Völker und letztlich zum Bündnis im Ersten Weltkrieg führten. Um Österreich zum Ausscheiden aus dem Türkenkrieg zu zwingen, schloss Friedrichs Nachfolger Friedrich Wilhelm II. von Preußen am 31. Januar 1790 ein Offensivbündnis mit dem türkischen Sultan.
Von 1798 bis 1800 führte die Ägyptische Expedition Napoleons zum vorübergehenden Bruch zwischen Frankreich und dem traditionell befreundeten Osmanischen Reich. Großbritannien trat politisch ins Blickfeld der Osmanen.B. Spuler, in: Ploetz (Hrsg.) 1976, S. 1168 Das napoleonische Ägyptenabenteuer läutete für den Nahen Osten und die Osmanen eine neue Epoche ein. Den militärischen Reformen am Anfang des 19. Jahrhunderts folgten zivile – in Abhängigkeit und unter dem Druck der Großmächte, die dem Osmanischen Reich zunehmend Schutz vor Russland boten.B. Spuler, in: Ploetz (Hrsg.) 1976, S. 1168, 1170 Aber die zivilen Reformen begünstigten auch den wachsenden arabischen Nationalismus (siehe auch Watan) und die Nationalbewegungen der Balkanvölker. Als Reaktion darauf betrieb der Sultan Ende des 19. Jahrhunderts eine reaktionäre Politik, die schließlich in der jungtürkischen Revolution 1908 zusammenbrach.B. Spuler, in: Ploetz (Hrsg.) 1976, S. 1168, 1171 Während des 19. Jahrhunderts erwies sich besonders auf literarischem und pädagogischen Gebiet vor allem Frankreich als Vorbild der Türken. Militärisch und wirtschaftlich setzte sich dagegen um die Wende zum 20. Jahrhundert der deutsche Einfluss immer stärker durch.
Der Rekrutierung ausländischer Experten bei der Modernisierung der Osmanischen Armee hatten sich bereits alle reformorientierten Sultane seit Abdülhamid I. (1774–1788) und Selim III. (1788–1807) bis Mahmud II. (1808–1839) bedient. Die jüngsten deutschen Militärreformen fallen schließlich in die Zeit von Abdülhamid II. (1876–1909) und Mehmed V. (1909–1918).Alan Palmer: Verfall und Untergang des Osmanischen Reiches. Heyne, München 1994 (engl. Original: London 1992), S. 1–448, ISBN 3-453-11768-9, S. 249, 387.
Die Militärreformen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts mini|General Horace-François Sébastiani, Porträt von Jean-Baptiste Paulin Guérin Abdülhamid I. hatte im Unterschied zu früheren Reformperioden keine zum Islam konvertierten Überläufer mit der Reform beauftragt, sondern es westlichen Beratern ermöglicht, für eine begrenzte Zeit in seinen Dienst zu treten, so z. B. dem Baron von Tott.A. Palmer 1994, S. 80 Der Wirkungsbereich der Reformen war mit Ausnahme der Errichtung eines Flottenstützpunktes in Sinop jedoch hauptsächlich auf Konstantinopel beschränkt.A. Palmer 1994, S. 81
Sein Neffe Selim III. suchte die Hilfe des traditionell befreundeten Frankreichs für die Reform des osmanischen Militärs,A. Palmer 1994, S. 87, 91f., 102 zögerte jedoch 1804 – auch hervorgerufen durch die Unaufrichtigkeit der französischen PolitikA. Palmer 1994, S. 89f., 97, 99ff. – bis die europäischen Erfolge der französischen Armee ab 1805 schließlich 1806 zu einer französischen Militärmission in Konstantinopel unter Botschafter und General Sébastiani führten,A. Palmer 1994, S. 102, 104 die die Dardanellen befestigte und den englischen Angriff 1807 erfolgreich abwehrte.A. Palmer 1994, S. 108f. Doch wurde die Mission abrupt nach Aufständen von Janitscharen-Hilfstruppen (Yamak) und Janitscharen durch die Absetzung Selim III. 1807 beendet.A. Palmer 1994, S. 110–112B. Spuler, in: Ploetz (Hrsg.) 1976, S. 1169 Unter Mahmud II. begann ab 1809 ein schleichender Reformprozess. Er schloss mit dem britischen Gesandten, Sir Robert Adair (später abgelöst von Stratford Canning, 1852 ernannt zum Viscount Stratford de Redcliffe), einen Friedensvertrag an den Dardanellen mit der geheimen Vereinbarung der Unterstützung durch die britische Marine für den Fall eines Angriffs Frankreichs, Österreichs oder Russlands auf das Osmanische Reich in der Adria oder Ägäis.A. Palmer 1994, S. 121f. Es gelang ihm, die großen Einfluss auf das Volk ausübende Ulema für sich zu gewinnen und 1826 die Niederwerfung eines Aufstands der Janitscharen, die gegen die Einführung europäischer Militärgewohnheiten revoltierten, und anschließend der Auflösung.A. Palmer 1994, S. 138–141ff.
Deutsche Militärreform im Osmanischen Reich ab 1882 Vorgeschichte Seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter Sultan Mahmud II. hatten immer wieder preußische Offiziere für kurze Zeit Dienst in der osmanischen Armee getan, doch waren engere Kontakte zwischen Konstantinopel und Berlin bis weit in die Bismarck-Ära hinein selten.A. Palmer 1994, S. 246f. Dennoch von 1835 bis 1839 führte der damalige Hauptmann von Moltke eine Mission von acht Offizieren und sechzehn Unteroffizieren.Darunter, Karl Friedrich von Vincke, Traugott Wilhelm von Mühlbach, Friedrich Wilhelm von Laue und Friedrich Leopold Fischer
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeichnete sich die aufstrebende deutsche Industriemacht nun zunehmend für den Sultan Abdülhamid II. dadurch aus, dass sie keine territorial-kolonialen Interessen in den das Osmanische Reich berührenden Bereichen hegte, während etwa England 1881 Ägypten besetzt hatte und den Suez-Kanal als Tor nach Asien, Australien und Afrika ansah, Frankreich sich Tunesien einverleibt und Syrien anvisiert hatte, Russland den Kaukasus bedrohte und selbst Italien auf Tripolitanien und die Dodekanes spekulierte.A. Palmer 1994, S. 243–246Nikolaus Brauns: Die deutsch-türkischen Beziehungen vor dem Ersten Weltkrieg 1914, Magisterarbeit am Institut für Neuere Geschichte der Universität München, Wintersemester 1996/1997, unpaginierte Fassung, Kap. 6.3.4 Auch der wirtschaftliche Einfluss der Deutschen war bis in die späten 1880er Jahre unbedeutend gegenüber dem auch weiterhin auf hohem Niveau bleibenden Frankreichs und dem nun stark nachlassenden Englands.A. Palmer 1994, S. 237N. Brauns 1996–1997, Kap. 3.1.
Die Niederlage im Russisch-Türkischen Krieg 1877/1878 stieß erneute Versuche einer Militärreform an. Um diese innenpolitisch durchsetzen zu können, wurden zusätzliche Truppen geschaffen, veraltete Verbände aber nicht aufgelöst. Ähnlich kam es zur Schaffung neuer Gremien und Räte für die Militärverwaltung. Mit beträchtlichem Finanzaufwand ließ der Sultan moderne Waffen beschaffen. Allerdings erfolgten kaum praktische Manöver mit diesen Geräten. Schließlich sah sich der Sultan gezwungen, ausländische Hilfe für die Reorganisation der osmanischen Streitkräfte zu nutzen, um die Bedrohung durch außen- und innenpolitische Gegner abwehren zu können.
Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs nach dem militärischen Sieg gegen Frankreich schien dem Sultan die neue deutsche Großmacht sowohl besonders geeignet als auch durch ihren bis dahin geringen Einfluss im Osmanischen Reich und die zurückhaltende Haltung Otto von Bismarcks gegenüber einem politischen Engagement im OrientN. Brauns 1996–1997, Kap. 2.3. als verhältnismäßig unverdächtig und ungefährlich im Vergleich zu Frankreich und England.N. Brauns 1996–1997, Kap. 5.2.N. Brauns 1996–1997, Kap. 4.2.A. Palmer 1994, S. 288 Bismarck bewilligte schließlich den Ausbau der schon traditionellen sporadischen Zusammenarbeit zu einer ersten deutschen Militärmission nach sorgfältiger Überprüfung etwaiger außenpolitischer Konsequenzen, behandelte aber weiterhin die „orientalische Frage“ offiziell als Mittel zum Ausgleich der Großmächte und nicht als deutschen politisch-wirtschaftlichen Selbstzweck.
Ablauf mini|hochkant|Graf von Moltke 1882 suchte Sultan Abdülhamid II. einen neuen Stab militärischer Berater. Graf von Moltke, der berühmteste preußische Offizier, der Sultan Mahmud II. gedient hatte, betraute darauf General Otto Kähler mit dieser Aufgabe, der sich besonders als wirtschaftlicher Interessenvertreter der Firma Krupp betätigte. Oberst Colmar Freiherr von der Goltz, seit 1883 im Ausbildungsdienst der osmanischen Generalstabschule, wurde nach dem Tod Kählers (November 1885) Leiter der Mission.A. Palmer 1994, S. 247 Als Marineberater wurde 1884 der Korvettenkapitän Starke berufen. 1895 kehrte von der Goltz in das Deutsche Reich zurück, worauf die deutsche Botschaft eine Militärattachéstelle für die Berichterstattung, Beschaffung von Rüstungsaufträgen und Besetzung von ausgewählten Militärpositionen mit deutschen Offizieren einrichtete. Unter anderem wurden als Militärattachés Curd von Morgen und Major Walter von Strempel berufen.N. Brauns 1996–1997, Kap. 5.3.1.
Neben der wirksamen Werbung für deutsche Rüstungsgüter sollten die Ausbildung osmanischer Offiziere im Deutschen Kaiserreich und die deutsche Militärmission im Osmanischen Reich die osmanischen Streitkräfte modernisieren. Diese Modernisierung verlief jedoch zum Missfallen des Missionsleiters Colmar von der Goltz zögerlich. Seine Versuche, neben der Armeereform auch die Befestigung der Meerengen voranzutreiben, wurden jahrelang verschleppt, und das teuer erworbene deutsche Kriegsgerät lagerte zum Teil verpackt in osmanischen Arsenalen.Osmanisch-deutsche Verflechtungen vor 1915 (Diplomatie, Militär, Wirtschaft) Veröffentlicht am 25. Juni 2015, abgerufen am 20. März 2025
mini|links|hochkant|Botschafter Freiherr Marschall von Bieberstein Auch in der Folge blieben die Deutschen bemüht, die Beziehungen zu pflegen. 1897 wurde der ehemalige Staatssekretär des Äußeren Freiherr Marschall von Bieberstein vom Kaiser zum Botschafter ernannt. Beim zweiten Kaiserbesuch in Konstantinopel 1898 war der spätere Kanzler Graf von Bülow im Gefolge, um den Botschafter in der Förderung des wirtschaftlichen Einflusses zu unterstützen.A. Palmer 1994, S. 274f. Auch das schon von der Goltz zur Verfügung gestandeneA. Palmer 1994, S. 319.N. Brauns 1996–1997, Kap. 5.5.2 Mittel des Bakschisch wurde hierfür verwendet, wovon besonders Izzet Pascha Gewinn trug.A. Palmer 1994, S. 275
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