mini|Die Evangelische Schorndorfer Stadtkirche von Osten aus mit Chor und Kirchturm mini|Schorndorfer Stadtkirche von Osten aus mit Chor und Kirchturm bei Nacht Die Stadtkirche Schorndorf ist eine evangelische Kirche in Schorndorf, einer Stadt im Rems-Murr-Kreis von Baden-Württemberg. Ihre Kirchengemeinde ist Teil der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Schorndorf im Kirchenbezirk Schorndorf der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Die spätgotische Kirche erhebt sich im Zentrum der Stadt Schorndorf westlich des historischen Marktplatzes und bildet mit ihrem 66 Meter hohen Turm einen dominanten Blickfang. In der Altstadt erscheint sie als wichtiger Bezugspunkt und ist eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Geschichte Anfänge der Schorndorfer Kirche Im 6. Jahrhundert ist das Herzogtum Alemannien christianisiert worden. Damals gewährten die neuen fränkischen Herren den Winterbacher Gauvorstehern das Eigenkirchenrecht: Ihnen stand die Entscheidung über Kirchbauten und die Ernennung von Geistlichen zu. So entstanden erste Kirchbauten in Winterbach und im Schorndorfer Westbereich „Uff dem Sand“. Die fränkische Holzkirche wurde im 12./13. Jahrhundert durch einen Steinbau im staufischen Wehrkirchenstil ersetzt. Diese Kirche hatte ein Ausmaß von etwa 25 mal 15 Meter.

Die Schorndorfer Kirche war bis ins 13. Jahrhundert eine Filiale der Winterbacher Muttergemeinde. Seit 1275 ist Schorndorf als selbstständige Pfarrei bezeugt. Spätestens 1359 war Schorndorf Mutterkirche der Gemeinden in Winterbach, Weiler und Geradstetten.

Neubau ab 1477 Im 15. Jahrhundert fiel die Entscheidung für einen Neubau, die möglicherweise auch mit der Errichtung einer Prädikatur (Amt eines angestellten Predigers) in Schorndorf im Jahre 1461 zusammenhing.Matthias Figel: Der reformatorische Predigtgottesdienst. Eine liturgiegeschichtliche Untersuchung zu den Ursprüngen und Anfängen des evangelischen Gottesdienstes in Württemberg. Epfendorf/Neckar 2013, S. 189–195 (Liste: Die Prädikaturen in Württemberg vor der Reformation). Zur Finanzierung des Baus wurde 1465 ein Ablass ausgeschrieben; ein weiterer Ablass von 1478 soll den Turmbau finanziert haben.Geschichte der Stadt Schorndorf. Unterkapitel Gebäude, S. 272. Verfasst von Thomas Vogel. Ostern 1477 konnte mit dem Bau der dreischiffigen Hallenkirche im spätgotischen Stil begonnen werden.

Der Stuttgarter Baumeister Aberlin Jörg begann den Kirchbau auf der Westseite. Um 1488 waren die Wände des Langhauses bis zum Nordportal fertiggestellt. Nach dem Tod von Jörg führte der Uracher Baumeister Peter von Koblenz die Arbeiten fort. Um 1500 waren das Kirchenschiff mit den Innenmaßen von ungefähr 19 mal 35 Meter, die beiden das Dachwerk tragenden Säulenreihen und der Glockenturm vollendet. Gegen 1502 wurde durch Jakob von Urach die Marienkapelle erbaut. Auch das Rippengewölbe mit der Wurzel Jesse dürfte auf Jakob von Urach zurückgehen, der dafür wohl einen Entwurf von Anton Pilgram verwendet hat. Der Hochchor wurde noch von Jakob von Urach begonnen, dann aber (um 1530) von dem Schorndorfer Steinmetzen Thomas Busch fortgeführt.

1534 ist mit der Einführung der Reformation in Württemberg auch die Schorndorfer Kirchengemeinde evangelisch geworden.

Gegen 1560 war der Hochchor im Wesentlichen fertiggestellt. Jörg Busch, der Sohn des Thomas Busch, gestaltete dann noch die Wasserspeier, die Kreuzblumenbekrönungen und den Chorumgang. 1579 ergänzte der Allgäuer Steinmetzmeister Caspar Schnitzer das Schiff durch die Zwillingswendeltreppe, die einen Zugang zu den Emporen vom Kirchplatz aus ermöglichte.

Stadtbrand und Wiederaufbau mini|Ansicht der Stadtkirche 1902 (noch vor der Turmerhöhung) Am 24. November 1634 wurde Schorndorf im Dreißigjährigen Krieg nach der Schlacht bei Nördlingen durch kaiserliche Truppen in Brand geschossen. Fast die gesamte Stadt brannte damals nieder. Auch die Kirche geriet in Brand; das brennende Dach stürzte samt den Säulen in das Schiff. Der Hochchor und der Marienchor sowie die Portalvorhallen blieben unzerstört. Man richtete dann zunächst eine Notkirche im Chor ein. Nach einer großen Sammelaktion, die 1642 begann, wurde auch das Langhaus neu aufgebaut. Nach Beratung durch den Ulmer Baumeister Joseph Furttenbach wandelte der Steinmetz und Baumeister Johannes Hirning I von 1658 bis 1660 die ursprünglich dreischiffige Hallenkirche zu einer stützenfreien und flachgedeckten Saalkirche als Querkirche um. Die Kanzel kam an die Nordwand, das Parterregestühl und die Südempore waren auf sie ausgerichtet. Der Altar blieb zunächst an seinem Platz vor dem Chor. Grund für diese Umstrukturierung war das seit der Reformation veränderte Gottesdienstverständnis, das nun die Predigt und nicht mehr den Messopfer-Altar der katholischen Praxis in den Mittelpunkt stellte.Ulrich Zimmermann: Die Predigtkirche und die Querkirche. Protestantischer Kirchenbau in Württemberg. Eine Studie zur Geschichte und Theologie des Kirchenraums und zur Entstehung zweier Kirchenbautypen. Ubstadt 2025, S. 142, 172, 179, 249, 251, 253, 314 – ISBN 978-3-95505-592-9. Der Dachstuhl des Schiffs mit seiner komplexen, aber sehr stabilen dreifachen Hängewerk-Konstruktion trägt die den gesamten Raum überspannende Kassettendecke über der lichten Weite von 19,50 Metern und auf 35 Meter Länge – allerdings ohne beispielsweise eine Kornspeicher-Nutzlast (anders in der Stadtkirche Göppingen), gefertigt von den Ulmer Werkmeistern Lienhardt (Leonhard) und Martin Buchmüller.

1709 rückte man für wenige Jahrzehnte die Kanzel wieder an den Chorbogen. Ein weiterer Umbau erfolgte 1767 durch Johann Friedrich Weyhing. Die Kanzel rückte nun wieder an die Nordseite des Langhauses, wohin sich die in sehr geschwungenen Formen erneuerte Emporenanlage ausrichtete.

1847 wurden durch Oberbaurat Vinzenz de Pay verschiedene Restaurierungsarbeiten durchgeführt, so beispielsweise an Strebepfeilern und am Dachgesims des Chorumgangs.Geschichte der Stadt Schorndorf. Unterkapitel Gebäude, S. 273. Verfasst von Thomas Vogel.

20. Jahrhundert mini|Stadtkirche als Quersaalkirche (ca. 1909) Schon 1886–1888 und dann ab 1902 erfolgte eine gründliche Außen- und Innenrenovierung durch den Stuttgarter Baurat Heinrich Dolmetsch und nach dessen Tod 1908 durch seinen Sohn Theodor Dolmetsch.Ellen Pietrus: Heinrich Dolmetsch. Die Kirchenrestaurierungen des württembergischen Baumeisters. Dissertation Universität Hannover 2003, veröffentlicht vom Regierungspräsidium Stuttgart, Landesamt für Denkmalpflege. In: Forschungen und Berichte der Bau- und Denkmalpflege in Baden-Württemberg, Band 13, Stuttgart 2008, S. 301–309; Planzeichnung S. 130 Abb. 132. Im Innern wurde der Quersaalgedanke konsequent verwirklicht: Auch Taufstein und Altar rückten nun an die Nordwand. In dem zum Korbbogen umgestalteten Chorbogen brachte man eine Sängertribüne an, was den Ausblick in den Chor allerdings erheblich behinderte; die Emporenführung wurde stark vereinfacht. Neu erstellte man die beiden oberen Stockwerke des Turms in neugotischem Stil und erneuerte auch den südlichen Treppenturm.

Die letzte große Umgestaltung 1958, für die Professor Paul Heim jr. (1905–1988) verantwortlich zeichnete, entschied sich wiederum für die Längsorientierung der Kirche. Die Kanzel kam wieder an den Ort von 1709, der Altar unter den Chorbogen. Der Taufstein fand seinen Platz vor der nunmehr geöffneten Marienkapelle, die vorher zugemauert und als Sakristei genutzt worden war. Die neue Orgel kam auf die Westempore. Damit wurde in dieser Hinsicht der ursprünglichen Raumkonzeption entsprochen: die Gottesdienstbesucher haben wieder freien Ausblick in den Hochchor. Einziger Nachteil dieser Raumaufteilung sind die erheblichen Hör- und Sichtentfernungen im langgestreckten Gottesdienstraum.

21. Jahrhundert Architekt Bernd Treide (Schorndorf) begann 2014 mit ausgedehnten Renovierungsarbeiten, gefolgt ab 2020 von der Sanierung des Chor-Dachstuhls.Projekt Stadtkirche Schorndorf , abgerufen am 12. Juli 2026.

Äußeres der Kirche Südseite An der Südseite der Kirche, links neben dem Kirchturm, befindet sich das sogenannte „Brauttörle“. Seine Vorhalle besitzt ein Netzrippengewölbe. Das Brautportal wird links oben durch die Darstellung einer klugen und einer törichten Jungfrau geschmückt, die um 1495 von Kirchbaumeister Peter von Koblenz geschaffen und 1904 von Karl Lindenberger und Friedrich Rühle restauriert wurde.

Neben dem „Brauttörle“ liegt das Südportal. Ein gemeinsamer überhoher Aufbau – der sogenannte Schopf – übergreift sowohl die Vorhalle als auch die erste Einsatzkapelle. Das Mauerwerk des Schopfs bezieht die benachbarten Strebepfeiler mit ein. Die Vorhalle hat ein Sternrippengewölbe und ist mit drei Sandsteinfiguren ausgestattet: Links ist der Heilige Sebastian dargestellt, rechts der Heilige Rochus. Beide Pestheilige wenden sich fürbittend an die über ihnen angebrachte Figur, die Gottvater darstellt. An der Westwand der Vorhalle sind wenige Reste eines Wandbildes der Himmelfahrt Mariä zu erkennen. An der Südwand des Schopfs befindet sich eine gemalte Sonnenuhr, die von 1660 stammt und 1767 und 1908 erneuert wurde.

Die rechts vom Südportal stehende Plastik „Mutter mit Kind“ stammt vom Strümpfelbacher Künstler Fritz Nuss. Dieser Zweitguss – das Original steht in Strümpfelbach – wurde 1988 aufgestellt. Die an der Stadtkirchenmauer angebrachte Tafel interpretiert die Plastik mit Hilfe eines Psalmzitats: „Meine Seele ist still und ruhig geworden wie ein kleines Kind bei seiner Mutter“ .

Die zweite Einsatzkapelle ist in halber Wandhöhe mit einem Pultdach abgeschlossen. Der seitlich gerundete Treppenhausausbau enthält die bemerkenswerte Zwillingswendeltreppe von 1579. Im Giebel fallen zwei Delfine auf; es handelt sich bei ihnen allerdings um Kopien. Die Originale befinden sich im Inneren des Treppenhauses. Delfine symbolisieren in der christlichen Kunst Christus, der die Seelen der Verstorbenen führt.

Westseite mini|Westseite Auf der rechten Seite der Westfront der Kirche befindet sich eine Inschrift; unter der Jahreszahl 1477 ist zu lesen: „ob(iit) elisabeth schrinerin“. Diese Inschrift erinnert an die Stifterin des Sakramentshauses der Kirche, die 1477 – im Jahr des Baubeginns – gestorben ist. Es ist das älteste an der Kirche zu lesende Datum.

Ansonsten ist die Westwand der Kirche eher karg ausgeführt, jedoch ist sie aufgrund ihres massiven Erscheinens dennoch beeindruckend. Über dem doppeltorigen Portal fällt ein Rosettenfenster mit Fischblasenmaßwerk ins Auge, in dem sich seit 1961 ein Glasgemälde dreier posaunenblasender Engel des Schorndorfer Künstlers Werner Oberle befindet.

Die beiden Rundbogenfenster neben dem Portal gehen auf die Kirchenerneuerung von 1909 zurück.

Nordseite Die Nordseite der Kirche wirkt architektonisch deutlich interessanter. Drei mächtige Strebepfeiler, zwischen denen zwei hohe Fenster die Mauerfläche durchbrechen, gliedern den rechten Teil der Nordfassade. Danach folgen insgesamt drei Einsatzkapellen von halber Wandhöhe. Sie werden zusammen mit der Portalvorhalle von einem gemeinsamen Pultdach überspannt. Vom Netzgewölbe der Portalvorhalle sind nur noch einige Ansätze von mit Astwerk belegten Rippen erkennbar. Auf der linken Seite oberhalb des Portals ist die Figur eines Mannes mit Schild in überdrehter Schrittstellung zu sehen, daneben ein unvollständiges Reptil. Auf der rechten Seite ist ein geschupptes vierbeiniges Ungeheuer dargestellt.

Das Nordportal weist zwei bemerkenswerte Figuren auf: Rechts die Heilige Katharina, die nach der Legende mit einem messerbesetzten Rad hingerichtet wurde (das einst vorhandene Rad fehlt jetzt), und links die Heilige Barbara, die von ihrem Vater in einem Turm gefangengehalten wurde. Im Turm ist ein Kelch zu erkennen; dies erklärt sich dadurch, dass Barbara als Schutzheilige des Altarsakraments galt. Beide Figuren sind Kopien; die Originale befinden sich in der Marienkapelle im Innern der Kirche.

mini|hochkant|Spitzbogenfenster mit Muttergottes