mini|Hauptgebäude Lozinski-Palast mini|Innenansicht des Museums Die Lwiwer Nationale Kunstgalerie „Borys Wosnyzkyj“, kurz auch Lemberger Gemäldegalerie oder Lemberger Nationalgalerie (ukrainisch Львівська національна галерея мистецтв імені Бориса Возницького) ist eines der führenden Kunstmuseen in der Ukraine. Die Sammlung umfasst mehr als 62.000 Werke internationaler und ukrainischer Kunst von der Antike bis zur Gegenwart. Zu den wichtigsten zählen die Exponate europäischer Kunst, Lemberger Skulpturen, ukrainischer Porträts des 16. bis 19. Jahrhunderts sowie Ikonen und Möbel.

Geschichte

Gründung und Anfänge Die Anfänge des Museums fielen in eine Zeit, als Lwiw – Lemberg – Teil der Habsburgermonarchie, dessen viertgrößte Stadt und Hauptstadt von Galizien war. Forderungen nach und Anregungen für ein Museum der bildenden Kunst gab es bereits seit den 1860er Jahren, ein Gründungsbeschluss fiel jedoch erst 1897 durch den Lemberger Stadtrat.

Die ersten Erwerbungen erfolgten durch Spenden und Ankäufe einer bürgerschaftlichen Initiative. Darunter waren Gemälde von Feliks Michał Wygrzywalski, Wilhelm Leopolski, Jan Matejko und Edward Okuń sowie 60 Zeichnungen von Stanisław Wyspiański. Den eigentlichen Grundstock jedoch bildeten mehrere private Sammlungen, unter anderem die eines Zuckerfabrikanten aus der Oblast Winnyzja. Der Transfer dieser Sammlung nach Lemberg im Februar 1907 markiert dann auch das Gründungsdatum der Galerie, den 14. Februar 1907.

Ohne Museumsgebäude wurden die Exponate zunächst auf verschiedene städtische Gebäude, etwa Rathaus und Stadtarchiv verteilt. Dies änderte sich 1914, nachdem Władysław Łoziński, ein bekannter Historiker, Schriftsteller und Sammler, verstorben war. Er hatte schon einen Teil seiner Kunstsammlung an die Stadt vermacht, kurz darauf konnte man von seinem Erben auch den Łoziński-Palast und die restliche Sammlung erwerben.

Entwicklung durch Kriege und Besatzung Die weitere Sammlungsgeschichte spiegelt die wechselhafte Geschichte der ganzen Stadt und Galiziens wider, wobei Kriege und Besatzungzeiten Lücken in die Sammlung rissen und Schwerpunkte verschoben.

In der Zwischenkriegszeit (1919–1939) gehörte Lemberg zu Polen, und die Museumsbestände entwickelten sich vor allem durch private Schenkungen weiter. Den ersten Einschnitt bildete ab September 1939 die Sowjetische Besetzung Ostpolens im Kontext des Hitler-Stalin-Pakts, dem die Angliederung Lwiws an die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik folgte. Von den 21 Museen blieben im Rahmen einer „Reorganisation“ sieben erhalten. Der Galerie fielen in dieser Periode Werke aus enteigneten – vor allem polnischen – privaten und kirchlichen Sammlungen sowie den aufgelösten städtischen Museen zu. mini|hochkant|Porträt einer Frau (möglicherweise Isabella von Österreich), Jan Gossaert, seit 1944 verschollen Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion und der Besetzung durch Nazi-Deutschland wurden eine dreistellige Anzahl Gemälde für die Ausstattung von deutschen Offiziersclubs und Räumlichkeiten der Besatzungsverwaltung beschlagnahmt (bzw. „ausgeliehen“) und weitere Kunstwerke nach Polen abtransportiert. 1943 verbrachten die Besatzer ein Selbstporträt von Rembrandt nach Krakau, wo es bis in die Gegenwart aufbewahrt sein soll. Außerdem wurde das Porträt einer Frau von Jan Gossaert in der Privatwohnung des deutschen Gouverneurs und SS-Führers Otto Wächter untergebracht („da es […] dort im Falle von Bombenschäden besser geschützt sein wird“). Stand 2026 befanden sich in der Lost Art-Datenbank noch rund 450 verschollene Objekte des Museums.

Nach der Rückeroberung der Stadt durch die Rote Armee im Sommer 1944 dokumentierte ein Bericht der Museumsleitung starke kriegsbedingte Schäden an den Gebäuden, die eine grundlegende Renovierung bzw. Instandsetzung erforderten, bevor sie wieder für Ausstellungszwecke genutzt werden könnten.

Sowjetische Nachkriegszeit Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es  – in einem nun wieder sowjetischen Lwiw –  Transfers polnischer Werke nach Polen; daneben wurden durch Überweisungen von Kunstwerken aus russischen Museen Abteilungen für vorrevolutionäre russische und sowjetische Kunst eingerichtet. In der sowjetischen Nachkriegszeit erfuhr die Sammlung zunächst einen erheblichen Aufwuchs um rund 5000 Werke bis 1966 – die Erwerbungen umfassten einerseits Überweisungen aus anderen Museen der Stadt, andererseits auch solche aus der Leningrader Eremitage und dem Puschkin-Museum in Moskau. Nicht zuletzt kamen auch einige Bilder, die sowjetische Truppen in Deutschland erbeutet hatten, in die Sammlung.

Einen wesentlichen Anteil an der Entwicklung der Galerie in den 1960er und 1970er Jahren hatte Direktor Borys Wosnyzkyj, der sich in einer Zeit, in der Kathedralen, Klöster und ehemalige private Schlösser verfielen oder zerstört wurden, der Rettung dieser Kulturdenkmäler verschrieben hatte. Er sorgte im Rahmen von Bergungsexpeditionen mit eigenen Mitarbeitenden für die Sanierung der betroffenen Kulturdenkmäler und wandelte sie – wohl mit einigem diplomatischen Geschick gegenüber der Sowjetmacht – in Museen oder Museumsdepots um. So gilt er als „Gründer“ von 16 Museen – in dieser Zeit sind mehr 12.000 Objekte gerettet und dem Museumsbestand zugeführt worden, darunter eine Skulptur von Bertel Thorvaldsen und ein Altar von Johann Georg Pinsel.

Weiterhin wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Gemälde aus privaten Sammlungen hinzuerworben, aber auch ein Gemäldebestand des ethnographischen Museums übernommen, darunter Porträts jüdischer Persönlichkeiten des öffentlichen und religiösen Lebens in Lwiw.

Seit der Unabhängigkeit der Ukraine Borys Wosnyzkyj war noch bis ins hohe Alter Direktor der Kunstgalerie, daneben war auch seine Tochter Laryssa Rasinkowa 45 Jahre dort tätig und wurde nach seinem Tod 2012 zunächst seine Nachfolgerin. Im Oktober 2009 wurde der Galerie durch einen Erlass des Präsidenten der Ukraine der Status einer „nationalen“ Galerie verliehen; nach dem Tod des langjährigen Direktors erhielt sie ihm zu Ehren den Beinamen Nationale Kunstgalerie „Borys Wosnyzkyj“.

Nach einer Gesetzesänderung zur Auswahl des Leitungspersonals von Kultureinrichtungen gab es 2016 eine formelle Ausschreibung, bei der durch eine Auswahlkommission des Kulturministeriums Taras Wosnjak zum neuen Direktor vorgeschlagen wurde. In seiner zweiten Amtszeit ab 2021 ist das Museum erneut mit Kulturgutschutz beschäftigt. Wie in vielen Museen in der Ukraine werden wertvolle Kunstwerke als Leihgaben oder für Ausstellungen ins Ausland evakuiert, um sie vor dem russischen Angriffskrieg seit 2022 in Sicherheit zu bringen.

Sammlung (Auswahl) Die traditionelle Gemäldesammlung verteilt sich heute auf den Potocki- und den Łoziński-Palast. Seit 2007 werden Gemälde des 14. bis 18. Jahrhunderts im Potocki-Palast ausgestellt. Europäische Gemälde des 19. bis 21. Jahrhunderts werden seit 2021 in einer neuen Dauerausstellung im Łoziński-Palast präsentiert. Als Höhepunkte gelten unter anderem die Arbeiten von Jan Matejko, Jacek Malczewski, Henryk Siemiradzki, Oleksa Nowakiwskyj, Iwan Trusch, Mychajlo Bojtschuk sowie Roman and Margit Selski.

Abteilungen und Gebäude Organisatorisch-administrativ sind 21 größere und kleinere Museumskomplexe und einzelne kleine Museen der städtischen Galerie zugeordnet (Stand 2026):

Łoziński-Palast – das Hauptgebäude des Museums in Lwiw

Potocki-Palast (Lwiw)

Burg Olesko Burg Pidhirzi Festung Solotschiw (Solotschiw) Großer Palast Museum östlicher Kunst Schloss Schowkwa (Schowkwa) Turm in Pjatnytschany Pinsel-Museum, Lwiw Museum für Modernismus, Lwiw Abteilung Museum für Modernismus Abteilung Museum für moderne Skulpturen Mychajlo Dsyndra Teodosija-Brysch-Museum Bereich Museen und Denkmäler Museum Boim-Kapelle Museum Johannes-der-Täufer-Kirche Büchermuseum Museum für altukrainische Bücher Markijan-Schaschkewytsch-Museum Museum Russalka Dnistrowaja

Bereich Hetman Iwan-Wyhowskyj-Museum Hetman Iwan-Wyhowskyj-Museum Museum der Landschaft um Schydatschiw

Leitung

1907 – 1932: Marceli Harasimowicz, Chefkonservator 1933 – 1940: Jerzy Güttler 1940 – 1941: Ilarion Swjenzizkyj, amtierender Direktor 1941 – 1944: Iwan Iwanez, Direktor (nach dem Krieg deportiert in die Region Perm, wo er 1946 verstarb) 1945 – 1951: Olena Sbronez, Direktorin 1952 – 1959: J. Amirahowa, Direktorin 1959 – 1962: M. Filonow, Direktor 1962 – 2012: Borys Wosnyzkyj, Generaldirektor 2012 – 2016: Laryssa Rasinkowa-Wosnyzka, Generaldirektorin (Tochter von Borys) Seit 2016: Taras Wosnjak

Weblinks

Website des Museums Online-Sammlung des Museums

Einzelnachweise

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