Hajo Seng (* 31. Januar 1963 in Singen (Hohentwiel); † 14. Mai 2025 in Dals Långed, Schweden) war ein deutscher Mathematiker, IT-Techniker, Rehabilitationspädagoge und Selbstvertretungs-Aktivist für die Rechte von Autisten, der in Hamburg und in Dalsland, Schweden lebte und arbeitete.
Ausbildung und Werdegang Wegen angeblicher „mangelnder Reife“ wurde Seng 1969 auf eine Sonderschule eingeschult. Dennoch besuchte er danach ein Gymnasium und machte 1982 Abitur. Er studierte Mathematik, Astronomie sowie die Geschichte der Naturwissenschaften und Philosophie. Sein Studium schloss er als Diplom-Mathematiker ab. In der Mitte der 1990er Jahre erhielt Seng eine Diagnose für Autismus. Seng arbeitete lange als Programmierer und Softwareentwickler. Er war unter anderem maßgeblich an Open-Source-Projekten für Bibliothekssoftware beteiligt. Ab 2009 war er technischer Leiter für IT-Projekte an der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg.
Im weiteren Verlauf seines Lebens beschäftigte sich Seng zunehmend wissenschaftlich mit dem Thema Autismus. 2019 promovierte er im Fach Rehabilitationspädagogik bei Georg Theunissen an der Universität Halle-Wittenberg zum Thema Autistisches Erleben. 2022 verlegte er seinen Lebensmittelpunkt nach Dals Långed in Schweden, um dort mit seinem langjährigen Lebensgefährten Andreas Hieronymus das Dalslands Studio als Seminar- und Rückzugsort aufzubauen.
Hajo Seng arbeitete auch künstlerisch. Seine Arbeiten wurden in verschiedenen Gruppenausstellungen gezeigt. Eine Arbeit von Seng wurde als Umschlagmotiv für das Buch Autismus – Über vernachlässigte Themen verwendet.
Er erkrankte 2013 an malignem Lymphom. Hajo Seng starb am 14. Mai 2025 im Alter von 62 Jahren.
Engagement Hajo Seng gehörte zu den prägenden Vertretern der deutschsprachigen Autismus-Selbstvertretung und setzte sich für die Anerkennung von Neurodiversität sowie für die gesellschaftliche Teilhabe autistischer Menschen ein. Sengs Engagement in der autistischen Community begann 2003. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt lag auf der lebensweltlichen Perspektive autistischer Menschen. Er war Mitbegründer von Aspies und Gründer sowie langjähriger Vorsitzender des Vereins AutSocial in Hamburg. Seng initiierte er das Projekt AutWorker, das sich auf autistische Fähigkeiten am Arbeitsmarkt konzentrierte. Imke Heuer und andere Mitglieder von AutSocial bezeichnen Seng als „Urgestein der Autismus-Selbstvertretung“.
Als Referent hielt Seng Vorträge auf wissenschaftlichen Tagungen, Fortbildungsveranstaltungen und Kongressen sowie für Selbsthilfeorganisationen. Seine Arbeiten verbanden Erkenntnisse aus Rehabilitationspädagogik, Neurodiversitätsforschung und autobiografischer Reflexion.
Veröffentlichungen (Auswahl)
„Ein Weg zu einem guten autistischen Leben“. In: Menschen – Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten. Band 48, Heft 1, Graz: Steirische Vereinigung für Menschen mit Behinderung, 2025, S. 23–27, ISSN 1561-2791. Neurodiversität in den Wissenschaften. In: Dominik Bertrand-Pfaff, Udo Lehmann (Hrsg.): Unsichtbare Differenz – Berufliche Perspektiven von Personen aus dem Autismusspektrum ohne Intelligenzminderung und Sprachverzögerung. Freiburg: Herder WBG Academic, 2025, ISBN 978-3-534-64234-2, S. 77–86. mit Imke Heuer und Georg Theunissen (Hrsg.): Autismus – Über vernachlässigte Themen. Beiträge aus der Innen- und Außensicht. Freiburg im Breisgau: Lambertus, 2024, ISBN 978-3-7841-3696-7. „Neurodiverses In-der-Welt-Sein“. In: Christian Lindmeier, Marek Grummt, Mechthild Richter (Hrsg.): Neurodiversität und Autismus. Stuttgart: Kohlhammer, 2023, ISBN 978-3-17-041266-8, S. 75–88. „Autismus aus einer lebensweltlichen Perspektive“. In: Menschen – Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten. Band 44, Heft 6, Graz: Steirische Vereinigung für Menschen mit Behinderung, 2021, S. 19–26, ISSN 1561-2791. Autistisches Erleben – Eine Annäherung aus lebensweltlicher Perspektive. Dissertationsschrift, Gießen: Psychosozial-Verlag, 2021, ISBN 978-3-8379-3045-0. mit Eleonora Kohl, Tobias Gatti (Hrsg.): Typisch untypisch – Berufsbiografien von Asperger-Autisten. Stuttgart: Kohlhammer, 2017, ISBN 978-3-17-032617-0. mit Kristin Behrmann: Tomaten gehören nicht auf die Augen. Langenargen: Papierfresserchens MTM-Verlag, 2013, ISBN 978-3-86196-167-3. „Ist das Asperger-Syndrom eine Krankheit?“ In: Ludger Tebartz van Elst (Hrsg.): Das Asperger-Syndrom im Erwachsenenalter und andere hochfunktionale Autismus-Spektrum-Störungen. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 2012, ISBN 978-3-941468-80-1, S. 89–94. „Autismus und Kreativität“. In: Tebartz van Elst, ebd., S. 354–359. mit Thomas Andreae, Martin Hintz, Michael Nölle, Gerald Schreiber, Gerald W. Schuster: „Cartesian Products of Graphs as Subgraphs of De Bruijn Graphs of Dimension at Least Three“. In: Discrete Applied Mathematics. 79 (1–3): 3-34, Amsterdam: Elsevier, 1997, ISSN 0166-218X.
Weblinks
Persönliche Homepage von Hajo Seng, die nach Sengs Tod weiter gepflegt wird Autobiografische Aufzeichnungen Ein autistisches Leben leben, selbst veröffentlicht von Seng AutSocial e.V.: Nachruf auf Hajo Seng Video: Eröffnung der Hajo Seng Academy am 14. Mai 2026 auf YouTube Vortrag von Hajo Seng: Autismus-Selbsthilfe: Damals und heute auf YouTube
Einzelnachweise
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