Der palindromische Rheumatismus (PR; auch palindromer Rheumatismus) wird heute als ein klinisches Muster angesehen, das bei einem Teil der Patienten einer späteren Rheumatoiden Arthritis (RA) vorausgeht. Er kann also eine Prodromalphase oder auch ein Risikophänotyp für eine persistierende entzündliche Arthritis sein.Duden: Wolfgang Müller, Henning Zeidler, Beat A. Michel: Differenzialdiagnose rheumatischer Erkrankungen. Begründet von Fritz Schilling. 4., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg 2009, ISBN 978-3-540-76773-2, doi:10.1007/978-3-540-76774-9.

Man spricht nach Edward F. Rosenberg (Chicago, Illinois) und Philip Showalter Hench (Rochester (Minnesota)) auch vom Hench-Rosenberg-Syndrom oder vom Rosenberg-Hench-Syndrom. Manchmal beschreibt man dieses Krankheitsbild als intermittierenden Rheumatismus mit sehr variablem Verlauf, mit Schüben von Stunden bis Monaten.

Symptomatik Der palindromische Rheumatismus ist ein Rheumatismus „mit jeweils nur monoartikulären oder höchstens oligoartikulären Arthritiden oder Paraarthritiden (bei oft jedoch insgesamt polyartikulärem Befall). Die Gelenkgegend [ist] geschwollen, gerötet, schmerzhaft, heiß. Fieber und Leukozytose fehlen. Entwickelt sich häufig zu [einer] (primär-)chronischen Polyarthritis oder erweist sich als Arthritis psoriatica oder Arthritis urica; seltener langsame oder plötzliche Ausheilung.“Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung, München / Berlin / Wien 1973, 5. Ordner (Mem–Rz), ISBN 3-541-84005-6, S. R 108.Raimon Sanmartí, Beatriz Frade-Sosa, Rosa Morlà, Raul Castellanos-Moreira, Sonia Cabrera-Villalba, Julio Ramirez, Georgina Salvador, Isabel Haro, Juan D. Cañete: Palindromic Rheumatism: Just a Pre-rheumatoid Stage or Something Else? In: Frontiers in Medicine (Lausanne), 25. März 2021, Nummer 8:657983 doi:10.3389/fmed.2021.657983. Paul Vogler beschrieb 1956 „eine Symptomatik rheumatischer Prodrome“.Paul Vogler: Der Rheumatische Formenkreis und seine physikalische Therapie. Verlag von Urban & Schwarzenberg, München / Berlin 1956, S. 416, mit ausführlichem „Schrifttum“.

Diagnostik Laborchemisch zeigen sich Erhöhungen der Akute-Phase-Proteine, der Rheumafaktoren sowie der Antikörper gegen citrullinierte Proteine. Röntgenbilder sind unauffällig.

Progressionsrisiko In Kohortenstudien wird der palindrome Rheumatismus häufig als ein sogenannter „at-risk“-Zustand beschrieben. Berichtet werden Progressionsraten von PR zu RA häufig im Bereich von etwa 50 % bis 67 % (stark abhängig von der Population, von der Definition und vom Follow-up).L. Ellingwood, O. Schieir, M. F. Valois, S. J. Bartlett, L. Bessette, G. Boire, V. P. Bykerk, B. Haraoui, C. Hitchon, E. Keystone, D. Robinson, C. Thorne, J. E. Pope: Palindromic Rheumatism Frequently Precedes Early Rheumatoid Arthritis: Results From an Incident Cohort. In: American College of Rheumatology: ACR Open Rheumatology. 1 (2019), Nr. 10, S. 614–619. Veröffentlicht am 21. Oktober 2019. doi:10.1002/acr2.11086. PMID 31872140. PMCID: .

Therapie Neben den Antirheumatika (COX-Inhibitoren und Glucocorticoide oder andere nichtsteroidale Antirheumatika, NSAR) wurden zum Beispiel Colchicin, Goldsalze, Immunsuppressiva, Abatacept, Methotrexat sowie Hydroxychloroquin und andere Antimalariamittel zur Prävention der rheumatoiden Arthritis bei Personen mit palindromischem Rheumatismus eingesetzt.Raimon Sanmartí, Carolina Pérez-García, Francisco J. de Toro, Georgina Salvador, Alejandro Escudero-Contreras, Andrea Cuervo, Eduard Graell, Delia Reina, Eduardo Kanterewicz, Hèctor Corominas, Irati Urionaguena-Onaindia, Maria López-Lasanta, Alejandro Olivé, Miquel Sala-Gómez, Beatriz Frade-Sosa, Rosa M. Morlà-Novell, Luciano Polino, Juan Antonio Meraz-Ostiz, Natividad Oreiro, Francisco J. Blanco, Inma Pérez-Nadales, Rafaela Ortega-Castro, Noemi Busquets-Pérez, Antonio Domingo Gómez-Centeno, Oscar Camacho, José R. Rodríguez-Cros, Ana Milena Millan-Arciniegas, José Francisco García-Llorente, Helena Borrell, Águeda Prior-Español, Sonia Castell-Quiñones, Ana Cruceta, Eva Bonfill, Gemma Domenech-Gómez, Andreu Roca-Fàbregas, José Ríos, Lola Tobalina-Maestre, María José Gómara, Isabel Haro: Abatacept versus hydroxychloroquine for prevention of rheumatoid arthritis in individuals with palindromic rheumatism: A randomized open-label trial. In: Nature Medicine. Veröffentlicht am 14. Mai 2026. doi:10.1038/s41591-026-04395-6. PMID 42135532.

Etymologie Etymologisch ist das Adjektiv „palindromisch“ in der Medizin älter und allgemeiner als das sprachwissenschaftliche Palindrom. Es bedeutet ursprünglich lediglich „wiederkehrend, zurücklaufend“. Daher findet man den Ausdruck auch in anderen medizinischen Zusammenhängen, etwa bei palindromischen Verläufen oder palindromischen Symptomen.

Schon Ludwig August Kraus beschrieb das Wort Palindromia (ἡ παλινδρομια) als Rückkehr oder Rückfall, aber auch als „das Zurücktreten nach innen, wenn das (nach außen) Hervorgetretene (das Ekzem und so weiter) wieder verschwindet und zurücktritt“. Kraus nahm Bezug auf Galen und (wie auch einer der Erstbeschreiber des palindromischen Rheumatismus) auf Hippokrates von Kos.Ludwig August Kraus: Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon, 3. Auflage, Verlag der Deuerlich- und Dieterichschen Buchhandlung, Göttingen 1844, S. 725. Digitalisat der Ausgabe von 1844, Internet Archive.

Einzelnachweise

Kategorie:Rheumatologie