Der Begriff Parallelwelt, auch Paralleluniversum, bezeichnet ein hypothetisches Universum außerhalb des bekannten Universums. Die Gesamtheit aller Parallelwelten wird als Multiversum bezeichnet. Die Annahme von Parallelwelten (Mehrweltentheorie) wird in der Philosophie seit der Antike erörtert. Zu unterscheiden ist dabei zwischen der Diskussion über theoretisch mögliche Welten unter formalen Gesichtspunkten und den Hypothesen, in denen solchen Welten eine wirkliche Existenz zugeschrieben wird. Auch in der physikalischen Kosmologie wird die Möglichkeit der realen Existenz von Parallelwelten diskutiert. Einer breiteren Öffentlichkeit ist die Vorstellung vor allem aus der Science-Fiction bekannt.
In einem übertragenen Sinne wird der Begriff auch in der Psychologie, in den Gesellschaftswissenschaften sowie umgangssprachlich verwendet. Dort ist mit „Parallelwelt“ ein nach außen abgegrenzter Bereich gemeint, in dem sich das Leben bestimmter Personen oder Gruppen unabhängig von der „Außenwelt“ abspielt.
Kurz zusammengefasst ist aus physikalischer Sicht das Multiversum in Raum und Zeit unendlich, es besteht aus einer unendlichen Anzahl von Einzel-Universen mit jeweils eigenem Urknall.
Physik Die Viele-Welten-Interpretation der Quantenphysik
Die Viele-Welten-Interpretation ist eine Interpretation der Quantenphysik, die 1957 von Hugh Everett erstmals vorgeschlagen wurde. Sie soll erklären, weshalb sich die Wahrscheinlichkeit jedes Messwerts in einem quantenphysikalischen System genau berechnen lässt, jedoch im Allgemeinen das Ergebnis einer einzelnen Messung nicht vorhersehbar ist. Gemäß dieser Interpretation entstehen bei einer Messung aus einer ursprünglichen Welt mehrere neue parallele Welten in einem „Quantenuniversum“ mit jeweils unterschiedlichen Messergebnissen.
Im Zusammenhang mit dieser Interpretation der Quantenphysik führte Andy Nimmo im Dezember 1960 und Februar 1961 in einem Vortrag über Everetts Ideen den Begriff des „Multiversums“ ein. Nach seiner Wortverwendung ist ein Multiversum „ein [unserer Beobachtung] manifestes Universum, wovon eine Vielzahl das gesamte Universum ausmachen“ („an apparent universe, a multiplicity of which go to make up the whole universe“). Im Kontext von Interpretationen der Quantenphysik verwendete den Ausdruck Multiversum z. B. David Deutsch, allerdings in der Bedeutung der unendlichen Gesamtheit aller physikalisch möglichen Aufteilungen der Realität in lokale physikalische Systeme.David Deutsch: The Structure of the Multiverse. 2001, . Hier bezeichnet der Ausdruck „Multiversum“ also ungefähr das, was Nimmo „gesamtes Universum“ nennt. Deutsch schlug vor, die Struktur des „Multiversums“ mittels der Quanteninformation zu erklären, in Analogie zu den unendlich vielen Möglichkeiten innerhalb der allgemeinen Relativitätstheorie, die Raumzeit auf Hyperflächen zu beziehen. Deutsch betrachtet beide Ansätze als Grenzfälle einer noch zu entwickelnden Theorie, welche die Struktur des Multiversums unter Bedingungen der Quantengravitation zu beschreiben hätte.
Modelle zum Urknall
Das Modell der Bildung des bekannten Universums aus einer „Blase“ eines Multiversums wurde von Andrei Dmitrijewitsch Linde erdacht. Es passt gut in die weithin akzeptierte Theorie des Urknalls und der Inflation im Frühstadium des Universums. Eine anfangs kleine Region des Raumes kann nach endlicher Expansion ihren „Phasenübergang“ vollenden und beispielsweise unser ganzes heute beobachtbares Universum umfassen, während im übrigen Raum die Inflation ewig weitergeht. Gemäß der von Andrei Linde entwickelten Hypothese der „chaotischen Inflation“ bilden sich mit quantenphysikalischer Zufallswahrscheinlichkeit an verschiedenen anderen Stellen des Raumes kleine „Keime“, in denen der „Phasenübergang“ auch irgendwann zum Abschluss kommt. In jedem „Keim“ entsteht durch heißen „Urknall“ ein eigenes Universum.Lawrence M. Krauss: Wellenschlag des Urknalls – Das plausible Multiversum. Spektrum der Wissenschaft Kompakt 04.17.|Urknall, S. 52. Auch Alexander Vilenkin vertritt ein derartiges Modell.
Die Theorie eines Multiversums soll eine Erklärung der genauen Feinabstimmung der Naturkonstanten ermöglichen. Jedes einzelne Universum hat bestimmte Werte für seine Naturkonstanten (z. B. Feinstrukturkonstante, Gravitationskonstante). Nur in relativ wenigen Universen lassen die Werte Leben zu. Das beobachtbare Universum gehört zu der Teilmenge derjenigen Universen, in denen intelligentes Leben möglich ist. Wenn die Anzahl der Paralleluniversen unendlich ist, ist die vermeintlich zufällige Existenz des vom Menschen beobachtbaren Universums notwendig. Mit dem Verhältnis zwischen den Beobachtern und dem beobachtbaren Universum befassen sich die verschiedenen Versionen des anthropischen Prinzips.
Philosophie Antike Die Hypothese der Existenz von Parallelwelten wurde bereits in der Philosophie der Antike erörtert. Zu ihren ersten Vertretern gehörte Petron von Himera, ein Grieche sizilischer Herkunft, der wohl im 5. oder frühen 4. Jahrhundert v. Chr. lebte. Er war der Überzeugung, dass die Anzahl der Welten endlich sein müsse, und spekulierte über ihre räumliche Anordnung. Nach seiner Hypothese gibt es 183 Welten (kósmoi), die aneinandergereiht sind und einander berühren; sie formen ein gleichseitiges Dreieck, wobei je 60 Welten die drei Seiten bilden und die drei übrigen die Ecken sind. Viele Einzelheiten und insbesondere die Begründung sind unbekannt, da Petrons Modell nur durch die Darstellung bei Plutarch überliefert ist. Vermutlich hat sich Petron die Welten kugelförmig vorgestellt.Zu Petron und seinem Multiversum siehe die ausführliche Darstellung bei Constantinos Macris: Pétrôn d’Himère. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Band 5, Teil 1, Paris 2012, S. 246–263.
Auch dem Vorsokratiker Anaximander, der im 6. Jahrhundert v. Chr. lebte, wird ein Viele-Welten-Modell zugeschrieben. Theophrast berichtet, Anaximander habe „eine bestimmte andere, unbegrenzte Natur, aus der alle Himmel und die Welten in ihnen hervorgehen“ angenommen.Anaximander, Fragment DK 12 A 9; vgl. DK 12 A 10 und DK 12 A 11. Nach heutigem Forschungsstand ist allerdings davon auszugehen, dass Theophrast eine verfälschende, von späteren Entwicklungen der Philosophiegeschichte geprägte Darstellung von Anaximanders Kosmologie bietet.Niels Christian Dührsen: Anaximander. In: Hellmut Flashar u. a. (Hrsg.): Frühgriechische Philosophie (= Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 1), Halbband 1, Basel 2013, S. 263–320, hier: S. 284 f.
Sicher ist, dass die Atomisten Leukipp und Demokrit ein Viele-Welten-Modell entwickelt haben. Ihrer Auffassung zufolge müssen die Gründe, die aus mechanischer Notwendigkeit zur Entstehung dieser Welt geführt haben, ebenso die Entstehung unendlich vieler anderer Welten bewirkt haben und weiterhin verursachen. Die Welten können nach der atomistischen Lehre sowohl zeitgleich als auch nacheinander existieren. Sie entstehen und vergehen; während die einen im Entstehen sind, lösen sich andere bereits auf. Metrodoros von Chios, der ein Schüler Demokrits gewesen sein soll, illustrierte die Überlegung der Atomisten mit einem Vergleich, der vielleicht von Demokrit selbst stammt: Dass im unendlichen Raum nur ein einziger Kosmos entstehe, sei ebenso unwahrscheinlich wie dass auf einer großen Ackerfläche nur ein einziger Getreidehalm heranwachse. In dem atomistischen Modell gibt es unzählig viele Atome und einen unbegrenzten Raum. Die Atome sind ständig in Bewegung, und es bilden sich Ansammlungen von ihnen, die zur Entstehung von Strudeln oder Wirbeln führen, aus denen sich dann die Welten formen. Um jede Welt bildet sich eine Membran oder Hülle aus Atomen, durch die sie abgegrenzt wird. Die Welten sind von unterschiedlicher Ausdehnung, zwischen ihnen befindet sich leerer Raum. Die Verteilung der Welten im Raum ist ungleichmäßig. Auch die Anzahl und Größe der Gestirne in den verschiedenen Welten differiert, da der jeweilige Verlauf des Weltentstehungsprozesses von Zufallsfaktoren beeinflusst wird. In manchen Welten gibt es kein Leben.Siehe zur Viele-Welten-Theorie der Atomisten Georg Rechenauer: Leukipp und Demokrit. In: Hellmut Flashar u. a. (Hrsg.): Frühgriechische Philosophie (= Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 1), Halbband 2, Basel 2013, S. 833–946, hier: 875f.; Geoffrey S. Kirk, John E. Raven, Malcolm Schofield: Die vorsokratischen Philosophen, Stuttgart 1994, S. 454–459.
Platon verwarf die Hypothese mehrerer Welten und insbesondere die Annahme, es gebe unendlich viele. In seinem Dialog Timaios ließ er die Hauptfigur Timaios von Lokroi die Überzeugung vortragen, der Schöpfer, der stets das Beste wolle, habe nach dem Vorbild seiner eigenen Natur die bestmögliche Welt erschaffen. Es könne nur eine einzige bestmögliche Welt geben. Der Schöpfer sei nur einer und seine Schöpfung entspreche ihm auch hinsichtlich der Einzahl. Wenn es mehrere Welten gäbe, so wären sie nicht unmittelbar dem Schöpfer, sondern dem sie umfassenden Multiversum nachgebildet. Dann wären sie dem Multiversum als dessen Teile untergeordnet; sie wären nur Abbilder eines geschaffenen und daher nicht in jeder Hinsicht vollkommenen Musters. Die Welt sei aber so schön, dass sie unmittelbar nach dem Vorbild des vollkommenen Schöpfers geschaffen sein müsse.Platon, Timaios 31a–b. An einer späteren Stelle seiner Ausführungen kommt Platons Timaios auf die Frage zurück und äußert sich nun vorsichtiger. Er erwägt die Möglichkeit, dass es fünf Welten gibt, entsprechend den fünf platonischen Körpern. Zwar entscheidet er sich wiederum für die Einzigkeit der Welt, da dies die plausibelste Theorie sei, doch lässt er nun die Möglichkeit offen, dass eine andere Hypothese zutrifft. Ausgeschlossen sei allerdings eine unendliche Anzahl von Welten.Platon, Timaios 55c–d.
Aristoteles hielt es für unmöglich, dass es „mehrere Himmel“ gibt. Er meinte, weder nacheinander noch nebeneinander könnten mehrere Welten existieren. Kein Körper könne sich außerhalb des bekannten begrenzten Universums befinden. Mit mehreren Argumenten versuchte er die Mehrweltentheorie zu widerlegen.Aristoteles, Über den Himmel 276a18–279b3. Eine seiner Überlegungen war, dass mehrere Welten, wenn sie existierten, aus den gleichen Elementen zusammengesetzt sein müssten und diese überall die gleichen naturgemäßen Bewegungsrichtungen aufweisen müssten. Alles Schwere müsse von Natur aus demselben Punkt zustreben, alles Leichte von ihm wegstreben. Dieser Punkt könne nur der Mittelpunkt eines einzigen Kosmos sein. Dadurch war für Aristoteles ein Multiversum, in dem jede Welt einen eigenen Mittelpunkt hat, ausgeschlossen.
Der Platoniker Plutarch erörterte die Mehrweltentheorie ausführlich in seiner Schrift De defectu oraculorum. Dort kommen in einem literarischen Dialog Argumente für und gegen die Existenz eines Multiversums zur Sprache. Es wird versucht, die Argumentation des Aristoteles zu widerlegen. Auch die in Platons Timaios erwogene Hypothese der Fünfzahl wird eingehend untersucht. Die Frage bleibt offen. Anders als bei Platon endet die Untersuchung nicht mit einer Präferenz für die Einwelttheorie; vielmehr lautet das Fazit, dass die Mehrweltentheorie der gegenteiligen Auffassung an Plausibilität nicht nachsteht.Plutarch, De defectu oraculorum 21–38.
Der spätantike Neuplatoniker Proklos setzte sich mit der Frage in seinem Kommentar zu Platons Timaios auseinander. Er plädierte nachdrücklich für die Einwelttheorie.Proklos, In Platonis Timaeum I 436,4–458,11. Vgl. Constantinos Macris: Pétrôn d’Himère. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Band 5, Teil 1. Paris 2012, S. 246–263, hier: 249f.
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