Zwischenfall auf dem Bahnhof Kretschetowka (russischer OT.: Слу́чай на ста́нции Кочето́вка [Sluchai na stantsii Kochetovka]Originaltitel, von der Novy-Mir-Redaktion gändert. s. Entstehungs- und Publikationsgeschichte) ist der Titel einer 1963in der Zeitschrift Novy Mir veröffentlichten Erzählung von Alexander Solschenizyn. Sie handelt von dem Eisenbahn-Dispatcher Sotow, der während der Angriffe deutscher Truppen im Zweiten Weltkrieg auf seinem Umladebahnhof in eine menschlich-dienstliche Konfliktsituation gerät, die ihn lebenslang beschäftigt. Die deutsche Übersetzung von Alexander Kaempfe erschien 1972.im Deutschen Taschenbuch Verlag München und 1973 im Herbig Verlag Berlin.

Inhalt Leutnant Wassilij (Wassja) Wassiljewitsch Sotow ist seit Herbst 1941 am fiktiven Transit-Güterbahnhof Kretschetowka als Dispatcher stationiert. Er lenkt die ankommenden Waggons auf die verschiedenen Gleise, gruppiert sie neu und stellt die Züge mit dem Nachschub an die Front zusammen. Der Inhalt der Wagen und ihr Bestimmungort werden geheim gehalten. Nur er hat Einblick in die Begleitpapiere mit den chiffrierten Listen und gibt dem Personal die Waggonnummern und die Gleise bekannt. Dies geschieht als Vorsichtsmaßnahme gegenüber Spionen, aber auch um die Lebensmitteltransporte vor der Bevölkerung und den Reisenden zu sichern. Vor wenigen Tagen gab es einen Zwischenfall, als hungrige Soldaten aus Stalingrad, die im Bahnhof auf die Weiterfahrt warteten, auf dem Nachbargleis Mehlsäcke plünderten und in Streit mit den Wächtern gerieten. Dabei wurde ein Soldat erschossen. Sotow mischt sich in eine Diskussion über diesen Vorfall ein. Als sein Büropersonal Verständnis für die Diebe zeigt, erinnert er an die Regel, das Volkseigentum zu schützen. Genauso ärgert es ihn, wenn seine Kolleginnen den durchreisenden, aus dem Kampfgebiet Evakuierten ihre Kleider, Kosmetik usw. für Lebensmittel abkaufen und zuerst an ihren eigenen Alltag denken und die „vaterländische Pflicht“ vergessen.

Sotow vertritt die Linie der kommunistischen Regierung, liest in seiner Freizeit Das Kapital von Karl Marx und hat ein schlechtes Gewissen, nicht an der Front zu kämpfen, sondern als Intellektueller und kurzsichtiger Brillenträger im Hinterland eingesetzt worden zu sein. Er glaubt an die bolschewistische Revolution und sieht das Vaterland vom Feind bedroht. Wenn er Nachlässigkeiten der Verwaltung, Regelverstöße, Diebstähle der für die Soldaten an der Front gedachten Materialien und Nahrungsmittel feststellt oder einen Spionageverdacht hat, fühlt er sich persönlich verantwortlich, zu handeln und Fehler auszugleichen, Z. B. erarbeitet für die bessere Logistik Organisationspläne, um Nachschubprobleme zu lösen.

Das Gedicht eines jungen Leutnants geht ihm nicht aus dem Kopf: „Unsere Dörfer sind im Feuer, unsere Städte in Rauch gehüllt…/Und es bohrt und bohrt wie besessen /Der eine Gedanke: Wann endlich, wann, ja wann /Werden wir ihren Vormarsch aufhalten?! /Wenn Lenins Werk in diesen Tagen fällt: /Wozu soll ich dann leben bleiben?“Alexander Solschenizyn: Zwischenfall auf dem Bahnhof Kretschetowka. Erzählungen. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1975, S. 12, übernommen aus Solschnizyns frühem, unvollendeten Roman Liebe die Revolution!

Seine Staatstreue verbindet Sotow mit der privaten, seiner schwangeren Frau gegenüber, die im von deutschen Truppen besetzten Belarus lebt. Wie viele seiner Kollegen hätte er Gelegenheit für neue Beziehungen, aber er lehnt dies ab. Angebote erhält er z. B. von seiner 25-jährigen geschäftstüchtigen Mitbewohnerin Antonina Iwanowna, die einen Mittagstisch organisiert, oder von seiner Kollegin, der Militär-Fahrdienstleisterin Walja Podschebjakina, die ihn einlädt, bei ihr und ihrer Mutter zu wohnen. Um den sexuellen Gefährdungen auszuweichen, wechselt er die Wohnung und zieht zu einer ihre drei Enkel versorgenden alten Frau. Geistig befreundet durch die gemeinsame Zeitungslektüre mit den Frontnachrichten ist er nur mit der Postangestellten Polina aus Kiew, die mit Kind und Mutter aus dem Kriegsgebiet geflohen ist und deren Mann an der Front kämpft.

Die Haupthandlung spielt am 1. November während Sotows Nachtschicht in der Logistik-Zentrale. Er überprüft die Begleitschreiben, ordnet die Verschiebung der Waggons an, gibt die Züge entsprechend der Wichtigkeit frei und lässt andere warten. Außerdem versucht er, Probleme zu lösen und die in seinem Büro vorsprechenden Chefs der Begleitmannschaften der Transportzüge erkennen seine Bereitschaft, auch außerhalb der Dienstordnung zu helfen, und nutzen sie (2. Abschnitt):

Sergeant Gajdukow ist an einer schnellen Weiterfahrt interessiert, damit von den Wachmannschaften oder den Rangierern nicht bemerkt wird, dass er in seinen Mannschaftswagen illegal Frauen aufgenommen hat, die sich mit Näh- und Küchenarbeiten, einige auch mit Liebesdiensten, für die Mitfahrtgelegenheit erkenntlich zeigen.

Der Untersergeant Dygin fordert, dass sein Waggon von Gajdukows Zug abgekoppelt wird und im Bahnhof bleibt, weil seine Soldaten seit 11 Tagen keine ausreichende Nahrung erhalten haben, da die zuständigen Verpflegungsstellen an ihren Haltepunkten immer schon geschlossen waren. Sotow muss abwägen: In Dygins Waggon werden für die Frontsoldaten lebenswichtige Spaten transportiert, da der Kommandant aber die Bearbeiter der Bezugsscheinstelle in Kretschtowka nicht in ihren Privatwohnungen erreichen kann, lässt er Dygins Waggon auf einem Nebengleis bis zum nächsten Morgen parken, damit die Soldaten wieder mit Nahrung versorgt werden können.

Sotows nächster Besucher ist der Soldat Igor Dementjewitsch Tweritinow, der an einer Station bei einem Kleider-Nahrungsmitteltausch die Abfahrt seines Zugs verpasst hat und ohne Papiere Schwierigkeiten hat, seinen Transport zur Front in Stalingrad einzuholen. Nach der Zugnummer zu fragen, habe er nicht gewagt, um nicht für einen Spion gehalten zu werden: „Und überhaupt ist es bei uns gefährlich, Fragen zu stellen […] Auch vor dem Krieg […] Seit siebenunddreißig…“Alexander Solschenizyn: Zwischenfall auf dem Bahnhof Kretschetowka. Erzählungen. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1975, S. 47. Sotow entgegnet, das sei ihm noch gar nicht aufgefallen. Tweritinow stellt sich als Moskauer Schauspieler vor, zeigt ihm Bilder seiner Familie und hofft, von Sotow mit Ersatzpapieren weitergeleitet zu werden. Der Leutnant stellt dem Schauspieler zur Überprüfung seiner Aussagen viele Fragen, genießt dabei immer mehr die Unterhaltung, da er sich auch für das Theater interessiert. Er findet den freundlichen Gast sympathisch, schenkt ihm Tabak und erzählt aus seinem Leben: von seinem Studium, seinem Lehrgang für Militär-Kommandanten, da er wegen seiner Kurzsichtigkeit als nicht kampffähig eingestuft wurde, von seinen vergeblichen Versuchen, in den Bürgerkrieg nach Spanien geschickt zu werden.

Am Ende des Gesprächs findet Sotow eine passende Zugverbindung und beschreibt Tweritinow die Route nach Stalingrad. Die Ortsnamen sind dem Schauspieler unbekannt und als dieser nach dem früheren Namen von Stalingrad fragt, wird der Leutnant misstrauisch, lässt ihn festnehmen und zur Überprüfung seiner Personalien zur Operationsstelle der Transport-Abteilung des NKWD bringen. In seiner Angst ruft Tweritinow ihm nach: „Was tun Sie! […] Sowas lässt sich nicht wieder gutmachen!!“ Nach einigen Tagen erkundigt sich der Leutnant nach dem Ergebnis der Untersuchung und erhält die Auskunft, der Fall werde bearbeitet. Sotow überlegt: „Augenscheinlich hatte er alles richtig gemacht. Oder vielleicht doch nicht?...“Alexander Solschenizyn: Zwischenfall auf dem Bahnhof Kretschetowka. Erzählungen. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1975, S. 65.

Sein ganzes Leben lang kann der Leutnant den „Mann mit dem ungewöhnlichen Lächeln und der Tochter im gestreiften Kleid auf dem Foto“ nicht vergessen.Alexander Solschenizyn: Zwischenfall auf dem Bahnhof Kretschetowka. Erzählungen. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1975, S. 65.

Entstehungs- und Publikationsgeschichte Die im November 1962 für die Zeitschrift Novy Mir geschriebene Erzählung bezieht sich auf einen realen Vorfall im Büro des Kommandanten der Kochetovka-Station, einem Rangierbahnhof der Südostbahn in der Stadt Michurinsk. Der Autor erfuhr die Geschichte von seinem Freund Leonid Wlassow, der als Militärkommandant diente, und fühlte sich von der Gewissenskonfliktsituation angesprochen. Im Juli–August 1962 reisten die beiden Freunde gemeinsam mit Fahrrädern durch Lettland und Litauen, fuhren mit vielen Eisenbahnstrecken und sammelten Material für den Zwischenfall. Wlassow äußerte sich nach der Veröffentlichung positiv über das Werk: „Natürlich habe ich absolut keine Einwände dagegen, dass Sie alles verwenden, was Sie über mich und von mir wissen. Ich kann mich nur freuen, dass mein mehr als gewöhnlicher Mensch in gewissem Maße zum Aufblühen der sowjetischen Literatur beiträgt.“Natalia Reshetovskaya: Aleksandr Solzhenitsyn i chitayushchaya Rossiya (Alexander Solzhenitsyn und das lesende Russland. Sovetskaya Rossiya Verlag Moskau, 1990. — S. 107, 117, 121—122).Alexander Solschenizyn: Die Eiche und das Kalb. Skizzen des literarischen Lebens in der Sowjetunion. Soglasie Verlag Moskau, 1996. — S. 54.

Einige Bausteine und Episoden entnahm der Autor seinem in den 1940er Jahren verfassten, unvollendeten autobiographischen Roman Liebe die Revolution!Aime la révolution!, übersetzt von Françoise Lesourd. Fayard Paris, 2007. z. B. das Gedicht Wenn Lenins Sache in diesen Tagen fällt, wofür werde ich leben?. Leutnant Sotow ähnelt in vielerlei Hinsicht der Hauptfigur Gleb Nerzhin.

Vor der Novy-Mir-Veröffentlichung erschien Ende Dezember in der Prawda ein kleiner Ausschnitt aus der Erzählung: die Plünderung des Mehl-Waggons durch hungrige Soldaten, die aus dem Kessel von Stalingrad kamen.Alexander Solschenizyn: Zwischenfall auf dem Bahnhof Kretschetowka. Erzählungen. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1975, S. 15–21 von „Auf Sotows Schreibtisch standen zwei Telefone...“ bis „Der liebste Feiertag im Jahr, der entgegen der Natur Freude ausstrahlte - diesmal zerriss er einem das Herz“. Die Publikation in der wichtigsten ideologischen Zeitung schützte die Erzählung vor strenger Zensur und Kritik (s. Rezeption).

Anfang 1963 veröffentlichte der Dichter und Herausgeber Alexander Twardowski die ganze Erzählung, zusammen mit Matryonas Hof unter der Überschrift Zwei Geschichten, in seiner Zeitschrift Novy Mir.

Zuvor wurde, wie Wladimir Lakshin, der stellvertretender Chefredakteur der Zeitschrift und engste Mitarbeiter von A. T. Tvardovsky. seinem Tagebuch notierte, nach einer Diskussion in der Redaktion von Novy Mir die Geschichte umbenannt. Man tauschte den realen Handlungsort, Kochetovka, gegen einen fiktiven, Kretschetowka, aus, da man Assoziationen mit dem Namen Wsewolod Anisimovich Kochetovs, des Journalisten und Chefredakteurs des Magazins October, befürchtete.Wladimir Lakshin: ‚Neue Welt‘ in der Chruschtschow-Ära. Книжная палата [Buchkammerverlag] Moskau, 1991. Einige Mitglieder des Redaktionsausschusses, darunter Alexander Tvardovsky, bezweifelten, dass ein Russe die Umbenennung Zarizyns in Stalingrad vergessen habe könne, doch Solschenizyn bestand darauf, dass dies tatsächlich der Fall gewesen sei.Alexander Tvardovsky: Arbeitsbücher der Snamja der 60er Jahre. — 2000. — Nr. 9. — S. 140.

Rezeption