Die schizoide Persönlichkeitsstörung (SPS) zeichnet sich durch einen Rückzug von gefühlsbetonten und zwischenmenschlichen Kontakten aus. Dies äußert sich durch eine Vorliebe für Fantasien und Selbstbeobachtung, Einzelgängertum und eine in sich gekehrte Zurückhaltung. Die Betroffenen verfügen nur über ein begrenztes Vermögen, Gefühle auszudrücken und Freude zu erleben.

Psychodynamische Ansätze sehen den Wunsch nach Nähe und Intimität bei gleichzeitiger Angst vor Überwältigung und Fremdbestimmung als Kernkonflikt schizoider Persönlichkeiten. Hierfür wurde auch die Bezeichnung schizoides Dilemma geprägt. Betroffene Menschen neigen deshalb dazu, Beziehungen überwiegend in ihrer Fantasie zu führen, während diese in der Realität vermieden werden und eine Betonung der Autonomie und Autarkie erfolgt. Als Folge davon entsteht eine charakteristische Gegenläufigkeit zwischen innerer Welt und äußerem Verhalten.

Geschichte des Konzepts Der Ausdruck schizoid wird auf Eugen Bleuler zurückgeführt und bedeutet wörtlich „spaltungsähnlich“ ( „spalten“ und „ähnlich“). Damals bezog sich der Begriff schizoid allerdings auf einen weitaus größeren Formenkreis von Persönlichkeitsmerkmalen. Ernst Kretschmer entwickelte daraus dann ein eigenes Konzept: Zentral darin war bereits das Auseinanderfallen von innerem Erleben und äußerem Verhalten und ein daraus entstehendes inneres Spannungsverhältnis.

Beschreibung Außensicht Eine tiefgehende Kontaktstörung prägt die Betroffenen. Emotionaler Bezug und Zuwendung zur Umwelt sind vermindert, die spontane Erlebnisfähigkeit und das unmittelbare Ansprechen der Gefühle gehemmt. Ihre Beziehung zu Menschen und Dingen erscheint ungewöhnlich locker und unverbindlich. Auffallend sind eine fehlende „emotionale Authentizität“, die Abflachung der Gemütserregungen (Affekte) sowie geringe emotionale Reaktionen auf die Gefühle von Mitmenschen. Tiefsitzendes Misstrauen mit einer Tendenz, sich kaum zu öffnen oder intim zu offenbaren, hält die Betroffenen anderen Menschen gegenüber auf Distanz.

Einige dieser Menschen treten starr und hölzern auf, andere wiederum überaus freundlich und vertrauenswürdig. Unter Druck gesetzt (z. B. durch zu enges Zusammenleben), reagieren sie oft abrupt und befremdlich. Sie ziehen sich dann für Außenstehende unerwartet zurück, schotten sich ab und meiden für einige Zeit Kontakte. Sowohl perfekte Selbstkontrolle als auch plötzliches Ausbrechen sind meist Seiten dieser Persönlichkeiten.

In von außen angestoßenen Veränderungen und neuen Dingen wird meist eine Gefahr gesehen, vor der es sich zu schützen gilt – vorzugsweise durch Rückzug oder Kontrolle. Menschen mit einer schizoiden Störung bilden kompensatorisch daher oft ein hohes Maß intuitiver Fähigkeiten aus, mit denen sie sich schützen und zugleich Überlegenheit und Kontrolle gewinnen wollen. Diese antrainierten Fähigkeiten helfen dem schizoiden Menschen bei der Alltagsbewältigung, belasten engere soziale Kontakte jedoch schnell.

Nach außen hin zeigen viele Betroffene meist eine „glatte“ Oberfläche ohne sichtbares emotionales Mitschwingen. Gesten oder Gesichtsausdrücke (z. B. ein Lächeln oder Nicken) werden selten erwidert und eigene Gefühle nicht nach außen getragen. Selbst bei direkter Provokation fällt es ihnen ungemein schwer, innerer Aggression oder Feindseligkeit Ausdruck zu verleihen. Schizoide Persönlichkeiten können daher in solchen Situationen passiv und gefühlsarm wirken – auch wenn das häufig gar nicht ihrem wirklichen Gefühlszustand entspricht. Deshalb haben sie oft Probleme, angemessen auf wichtige oder unangenehme Lebensereignisse zu reagieren.

Außenstehenden erscheint es, als würden schizoide Menschen richtungslos vor sich hin leben und sich bezüglich ihrer Ziele „treiben lassen“. Die betreffenden Personen können auch selbstversunken und losgelöst von ihrer Umgebung wirken – in exzessives Tagträumen vertieft oder wie „im Nebel“. Im zwischenmenschlichen Umgang beachten einige Schizoide zudem feine, unterschwellige Details zu wenig. So übersehen sie auch soziale Hinweisreize und verstoßen dann ungewollt gegen übliche gesellschaftliche Regeln. Dadurch können andere ihr Verhalten als unpassend, sozial unbeholfen oder oberflächlich empfinden.

Nicht jeder Betroffene entspricht zwingend dem eben beschriebenen Bild. Der Psychoanalytiker Ralph Klein hat den Begriff des „geheimen Schizoiden“ geprägt. Er bezeichnet damit Personen, die nicht gängigen Vorstellungen über schizoide Menschen entsprechen, sondern nach außen hin freundlich, gesellig und leistungsfähig auftreten. Ihre innere Erlebniswelt sei jedoch ebenfalls durch Rückzug, Introversion, intensive Fantasietätigkeit und eine ausgeprägte Angst vor echter Nähe gekennzeichnet. Entstehende Spannungen werden laut ihm nicht selten als „Angst vor Verantwortung“ oder „Bindungsscheu“ rationalisiert.

Innensicht Typisch für schizoide Menschen ist der Rückzug in eine reiche innere Fantasiewelt. Diese dient nicht nur als Ersatz für fehlende zwischenmenschliche Beziehungen, sondern ist oft auch eine Quelle ausgeprägter Kreativität. Künstlerisches Schaffen, Schreiben, Musik oder wissenschaftliche Arbeit können für schizoide Menschen Wege sein, innere Erfahrungen auszudrücken und zu verarbeiten, wobei daraus entstehende Werke oft geheim gehalten oder nur mit wenigen ausgewählten Menschen geteilt werden. Für den Zusammenhang zwischen schizoider Persönlichkeit und Kreativität gibt es vereinzelt auch empirische Belege. So zeigten in einer ersten Studie Personen mit schizoider Tendenz eine bessere Fähigkeit zu divergentem Denken.

Entgegengesetzt zur Außensicht besteht bei schizoiden Menschen oft ein starkes inneres Bedürfnis nach Bindung. Der Verlust einer der oft nur wenigen wichtigen Bezugspersonen kann deshalb besonders schmerzhaft sein und Gefühle von Leere, Traurigkeit und Wut hervorrufen. Das ist nicht selten eine Motivation für den Beginn einer psychotherapeutischen Behandlung. Trotz dieses inneren Bindungswunsches empfinden schizoide Menschen soziale Kontakte tendenziell als einengend, bedrängend, teils sogar beängstigend. Harry Guntrip prägte die oft zitierte Formulierung, dass schizoide Menschen befürchten, von anderen „verschlungen“ zu werden. Andere Menschen werden von schizoiden Menschen tendenziell als aufdringlich oder kontrollierend empfunden und es kann teils zu starken Ängsten vor dem Verlust der eigenen Autonomie kommen.

Schizoide Menschen erleben sich oft als unbeteiligte Beobachter der Welt um sie herum – aber nicht als Teilnehmer. Der Gedanke, nicht zugehörig oder anders zu sein, kann bei Schizoiden dann ausgelöst werden, wenn deutlich wird, wie sehr sie sich von anderen unterscheiden. Vielen wird das besonders bewusst, wenn sie andere direkt beobachten, Filme sehen oder Bücher lesen, die von Beziehungen handeln. In solchen Situationen können schizoide Menschen den Gedanken entwickeln, dass sie Eigenbrötler sind, die nicht in die Gesellschaft passen. Es resultiert aus diesem Gefühl des Andersseins typischerweise allerdings keine feindselige Haltung gegenüber anderen und es herrscht bei Betroffenen oft das Motto „leben und leben lassen“ vor.

Sehr oft ist ein Gefühl der Entfremdung, des Unbeteiligtseins oder der Dissoziation von der Welt oder dem eigenen Empfinden vorhanden, das zu Gefühlen der Unwirklichkeit und Depersonalisation führen kann. Hierfür wurden über die Zeit verschiedene Metaphern gefunden: Das Selbst als unverkörpert oder das Erleben, ein wandelnder Kopf zu sein, das Gefühl einer Glasscheibe oder unsichtbaren Trennwand zwischen sich und anderen Menschen, das Leben als Schwarz-Weiß-Film, das Gefühl, in einem Goldfischglas zu sitzen oder Jacques Cousteau zu sein, der das Unterwasserleben beobachtet. Nicht selten beginnen sie eine Psychotherapie auch deshalb, weil sie eine intime Beziehung eingehen wollen, aber beim Versuch dazu jedes Mal ausschließlich innere Distanz entsteht.

Schule und Beruf Soweit die Voraussetzungen bestehen, entwickeln schizoide Persönlichkeiten nicht selten ein hohes Maß an intellektueller Differenziertheit. Viele Schizoide sind „Kopfmenschen“ und neigen zu einer ausgeprägten Betonung des Verstandes mit einem Rückzug ins Denken („Flucht in den Intellekt“, siehe auch Intellektualisierung). Obwohl sie dadurch eher für geistige Reize statt für sinnliche Genüsse empfänglich sind, besitzen manche dennoch einen ausgeprägten Sinn für Ästhetik und Schönes. Als Stärke wird neben dem zum Abstrakten neigenden Denken, das oft neue Sichtweisen ermöglicht, auch Selbstironie als häufige Ressource erwähnt.Mathias Berger (Hrsg.): Psychische Erkrankungen. Klinik und Therapie. 4. Auflage, 2012. ISBN 978-3-437-22483-6. Kapitel 21.6.5: Schizoide Persönlichkeitsstörung. Zitat: „Viele schizoide Patienten besitzen eine beeindruckende Selbstironie und tolerieren therapeutische Interventionen, die mit einem gewissen ‚Augenzwinkern‘ vorgebracht werden.“Siehe Stichwort schizoid. In: Uwe Henrik Peters: Wörterbuch der Psychiatrie und medizinischen Psychologie. 1999, ISBN 3-86047-864-8, S. 462.

Beruflich neigen schizoide Menschen verstärkt zu theoretischen Arbeitsfeldern sowie Tätigkeiten, die allein oder in konstanten Kleingruppen durchgeführt werden. Dazu zählen auch Dienstleistungsberufe, in denen die Interaktionsmöglichkeiten zwischen Kunden und Anbieter begrenzt und durch soziale Normen zu einem erhöhten Grade formalisiert sind. Wo die berufliche Tätigkeit alleine und sozial isoliert möglich ist, können gelegentlich äußerst gute Leistungen erreicht werden. Es gibt allerdings auch Betroffene mit hohen kompensatorischen Fähigkeiten, die – laut einigen Autoren – sogar Berufe wählen, bei denen wenig formalisierte soziale Beziehungen eine große Rolle spielen. Oft dient Arbeit schizoiden Menschen auch als Schutz vor Einsamkeit, da der Arbeitsplatz gut regulierbare, steuerbare und begrenzte soziale Kontakte beinhaltet. Manche neigen deshalb dazu, besonders viel zu arbeiten. Mitunter kommt es allerdings auch vor, dass sie sehr einfache Tätigkeiten verrichten, die unter ihren Fähigkeiten liegen.

In der Schule liefern sie teils ebenfalls schlechte Leistungen, die ihren intellektuellen Fähigkeiten nicht entsprechen (Minderleistung).

Krankheitswert Die beschriebenen Verhaltensweisen gelten nur dann als Persönlichkeitsstörung (PS), wenn sie chronisch, unflexibel und extrem ausgeprägt sind. Bei milderen Formen spricht man dagegen von einer schizoiden Persönlichkeit oder schizoiden Persönlichkeitszügen. Solche Persönlichkeitszüge werden heute nicht mehr als starre Kategorien verstanden (wie sie noch im DSM-5 und der ICD-10 gebräuchlich waren), sondern als Kontinuum, das von gesunden Ausprägungen bis hin zu Persönlichkeitsstörungen mit hohem Leidensdruck reicht. Krankhaft werden solche Züge erst dann, wenn sie starr und unangemessen sind und zu Leiden oder Beeinträchtigungen führen.

Lebensqualität Es gilt als gut gesichert, dass Menschen mit schizoider PS zu den am stärksten eingeschränkten unter den Betroffenen von Persönlichkeitsstörungen gehören. Als negative Folgen einer schizoiden PS wurden bisher beobachtet:

deutlich geringere Lebensqualität, ungünstiger Einfluss auf das psychische Funktionsniveau über 15 Jahre hinweg (niedrigere GAF-Werte), eine der geringsten Stufen an „Lebenserfolg“ von allen Persönlichkeitsstörungen (definiert als sozialer Status, Wohlstand und erfolgreiche intime Beziehungen) und hohe Raten komorbider Depressionen und Angststörungen. Schizoide Persönlichkeitszüge zeigen ein hohes Ausmaß an Stabilität über die Zeit.

Suizidalität