mini|alt=Ein Mann kümmert sich um ein Baby und ein Kleinkind|Caring Masculinities integrieren das Sorgen um und für andere ins Mannsein Caring Masculinities (zu Deutsch etwa „fürsorgliche Männlichkeiten“) sind Männlichkeiten, die das Mannsein mit Fürsorge und der Übernahme von Care-Arbeit verbinden. Der Begriff wird in der kritischen Männlichkeitsforschung verwendet. Verschiedene Forschende sehen in Caring Masculinities das Potenzial, für Männer eine Alternative zur hegemonialen Männlichkeit zu sein.
Hintergrund Als sich ab dem späten 18. Jahrhundert in Europa die bürgerliche Gesellschaft herausbildete, ging dies auch mit einer Umstrukturierung der Geschlechterordnung einher. Zunehmend wurde zwischen Öffentlichkeit und Privatheit unterschieden, wobei Männer der ersten und Frauen der zweiten Sphäre zugeordnet wurden. Nach und nach entwickelten sich bestimmte Geschlechternormen, die diese Kategorisierung stützten: Männer galten als autonom, aktiv und durchsetzungsstark und sollten sich auch dementsprechend verhalten, während Frauen komplementäre Eigenschaften wie Abhängigkeit, Passivität und Zurückhaltung zugewiesen wurden. Diese Trennung legitimierte die gesellschaftliche Machtposition von Männern und führte dazu, dass das Subjekt der Moderne implizit männlich und als nach der Beherrschung anderer strebend gedacht wurde.
Die Verknüpfung von Männlichkeit und Außenorientierung sorgte auch dafür, dass Erstere heute stark mit Erwerbsarbeit assoziiert wird. Verschiedene Studien belegen, dass Erwerbsarbeit ein zentraler Aspekt für Männer bei der Konstruktion ihrer Identität und Männlichkeit ist.Helge Pross: Die Männer. Eine repräsentative Untersuchung über die Selbstbilder von Männern und ihre Bilder von der Frau. Rowohlt, Reinbek 1978, ISBN 3-498-05232-2. Die Sorge um und für Familienmitglieder jenseits einer materiellen Absicherung als Familienernährer blieb für Männer lange Zeit sekundär. Jedoch ist heute zunehmend von „neuen Vätern“ die Rede, die sich an der Erziehung ihrer Kinder aktiv beteiligen wollen und damit auch einer gesellschaftlichen Erwartungshaltung entsprechen. Männer, die ihre Erwerbsarbeit verringern möchten, um mehr Sorgearbeit zu übernehmen, stehen allerdings vor einem Dilemma: In Betrieben gelten oftmals nur diejenigen Arbeitnehmer als produktiv, die häufig anwesend und verfügbar sind. Es besteht somit das Risiko, dass sich die Übernahme von Care-Arbeit negativ auf den beruflichen Erfolg von Männern auswirken kann, was wiederum eine Gefahr für den eigenen Selbstwert darstellt.Johanna Possinger: Neue Väter auf Zeit? Praktiken und Hindernisse egalitärer Vaterschaft. In: Andreas Heilmann, Gabriele Jähnert, Falko Schnicke, Charlott Schönwetter, Mascha Vollhardt (Hrsg.): Männlichkeit und Reproduktion. Zum gesellschaftlichen Ort historischer und aktueller Männlichkeitsproduktionen. Springer VS, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-658-03983-7, S. 135–155.
Vor diesem Hintergrund halten es verschiedene Forschende für möglich, dass die positive Verknüpfung von Sorgearbeit und Männlichkeit einen Gegenentwurf zur hegemonialen Männlichkeit liefern kann, welcher wiederum das Potenzial in sich trägt, patriarchale Geschlechterordnungen zu verändern.
Begriffsgeschichte Der Begriff Caring Masculinities tauchte ab dem Jahr 2000 erstmals im Kontext einiger Forschungsprojekte, die sich mit Männern in Pflegeberufen auseinandersetzten, auf. Eine weiterreichende Theoretisierung des Konzepts erfolgte ab Mitte der 2010er Jahre: Seit die Geschlechterforscherin Karla Elliot im Jahr 2016 ein viel beachtetes Paper zu Caring Masculinities in der Fachzeitschrift Men and Masculinities publizierte, stieg die Verwendung des Begriffs in wissenschaftlichen Arbeiten spürbar an. Jedoch bleibt der Begriff nach wie vor recht vage. So sieht Karla Elliot beispielsweise einen zentralen Aspekt der Caring Masculinities in der bewussten Ablehnungen von Dominanz. Für Diana Lengersdorf und Michael Meuser stellt dies jedoch eine unnötige Verengung des Begriffs dar, da sich empirisch nachweisen lasse, dass Männer zeitgleich als sorgende Individuen und dennoch dominant auftreten können. Der Soziologe Andreas Heilmann schlägt vor, Caring Masculinities nicht als feststehende alternative männliche Identität zu begreifen, sondern als einen Prozess des Einübens eines
Forschung Das Konzept der Caring Masculinities dient in der Männlichkeitsforschung der Untersuchung von Männlichkeitstypen, die sich von der klassischen „Macho-Männlichkeit“ unterscheiden. Zwar lehnen viele Männer die Sorge für andere oder auch das Zeigen von Gefühlen zunehmend nicht mehr gänzlich ab, allerdings lässt sich nach wie vor ein hohes Arbeitsethos bei ihnen feststellen. Männer bauen somit jeweils unterschiedliche Aspekte von hegemonialer und fürsorglicher Männlichkeit in ihr Selbstbild ein. Anoop Nayak folgert hieraus, dass Caring Masculinities und hegemoniale Männlichkeit nicht als Gegensätze begriffen werden dürfen. Vielmehr sei es möglich, dass Sorge in das Ideal der hegemonialen Männlichkeit integriert werde, beispielsweise wenn Männer das Sorgen um ihre Familie mit dem Beschützen derselben gleichsetzen oder Sorge als etwas heroisches verstehen. Eine Studie zu US-amerikanischen Vater-Influencern deutet jedoch darauf hin, dass es ebenso eine wachsende Anzahl an Männern gibt, die sich positiv auf den Feminismus beziehen und aktiv an neuen Geschlechterrollen arbeiten. Die Sozialwissenschaftlerin Tatiana Moura ist der Ansicht, dass die Förderung von Caring Masculinities durch Bildungsprogramme ein wirksames Gegennarrativ zu Antifeminismus und Rechtspopulismus schaffen könne.
Außerdem nehmen verschiedene Studien, die Männer in Pflegeberufen untersuchen, Bezug auf das Konzept der Caring Masculinities. Männer in Pflegeberufen verbringen einen Großteil ihrer Zeit mit Care-Arbeit, was allerdings nicht zwangsläufig dazu führt, dass sie zu Rollenvorbildern für gelebte fürsorgliche Männlichkeiten werden. Vielmehr zeigen qualitative Studien, dass Pfleger trotz ihrer weiblich konnotierten Beschäftigung auf unterschiedliche Weise an Ideale der hegemonialen Männlichkeit anknüpfen und die Differenz zu ihren Kolleginnen betonen. So kam eine Studie mit polnischen Krankenpflegern zu dem Ergebnis, dass diese ihre Arbeit zwar nicht als „weiblich“ ansehen, aber männliche Hegemonie meistens nicht grundsätzlich ablehnen. Diese Tendenz erkennt auch Lena Weber in Interviews mit deutschen männlichen Pflegekräften. Sie sieht allerdings insbesondere innerhalb der Alten- und Heilerziehungspflege das Potenzial, dass Männer gängige Vorstellungen von Männlichkeit hinterfragen, weil ihnen im Vergleich zu Männern in der Krankenpflege häufiger die Anerkennung ihrer Arbeit durch Dritte verwehrt bleibe.
Pädagogische Praxis Verschiedentlich wird die Hoffnung geäußert, dass fürsorgliche Männer als Vorbilder für andere fungieren und so zu einem Wandel von Geschlechterrollen beitragen könnten. Elli Scambor und Daniel Holtermann formulieren vier zentrale Prinzipien, die es in der pädagogischen Praxis bei der Förderung fürsorglicher Männlichkeiten zu berücksichtigen gelte: Erstens müsse Jungen und Männern vermittelt werden, dass auch sie von Geschlechtergerechtigkeit profitieren und ihnen nichts weggenommen wird. Zweitens müsse Fürsorge als innere Haltung verstanden werden, weshalb es beispielsweise sinnvoll sei, Gruppenprojekte durchzuführen, um Empathie und Gemeinschaftsgefühl zu fördern. Drittens sei es nötig, Jungen und Männer dazu zu ermutigen, den Wandel von Geschlechterrollen aktiv mitzugestalten. Viertens müssten Geschlechter- und Care-Themen frühzeitig und kontinuierlich in die pädagogische Praxis eingebracht werden, damit Fürsorglichkeit bereits ab dem Kindergartenalter als Referenzpunkt der Bildungsarbeit etabliert wird. Insgesamt sei es zur Vermittlung von Caring Masculinities notwendig, eine fürsorgliche Haltung zu fördern, Vielfalt zu normalisieren und tradierte Männlichkeitsmuster abzubauen.
Kritik Toni Tholen ist der Ansicht, dass das Konzept der Caring Masculinities zu sehr auf Subjekte und deren individuelle soziale Praxis fokussiert. Demnach reiche es nicht aus, . Vielmehr müsse auch Beachtung finden, welche strukturellen Aspekte dazu führen, dass hegemoniale Männlichkeit so schlecht mit Sorgetätigkeiten vereinbar ist. Als Beispiel führt Tholen den norwegischen Schriftsteller Karl Ove Knausgård an, der stark in die Erziehung seiner Kinder eingebunden war und deshalb fürs Schreiben schon um vier Uhr morgens aufstand. Knausgård verdeutliche, dass Sorgetätigkeiten Männer in einen doppelten Leistungszwang manövrieren könne, der sich nicht nur auf die Erwerbsarbeit, sondern auch auf das familiäre Sorgen erstrecke.
Dennis Eversberg und Matthias Schmelzer warnen darüber hinaus davor, Caring Masculinities lediglich auf die Verrichtung von Sorgearbeit zu reduzieren. Da der Appell, sich an Care-Arbeit zu beteiligen, weiterhin eine aktive Handlung von Männern einfordert, sei er grundsätzlich an althergebrachte Männlichkeitsvorstellungen anschlussfähig. Deshalb müsse das Konzept darüber hinaus dazu genutzt werden, Männer dafür zu sensibilisieren, dass Passivität und Abhängigkeit nichts Schlechtes sind und zum menschlichen Leben dazugehören.
Katarzyna Wojnicka und Sam de Boise formulieren verschiedene Kritikpunkte am Konzept der Caring Masculinities: So mahnen sie an, dass Männer zwar behaupten können, dass Care-Arbeit ein wichtiger Teil ihres Lebens sei, dies aber noch nichts darüber aussage, wie die Verrichtung von Sorgearbeit konkret bei ihnen aussieht. So könne ein sorgender Vater auch ein gewalttätiger Ehemann sein. Zudem vertreten sie die Ansicht, dass die Forschung zu Caring Masculinities bisher zu sehr auf privilegierte Gruppen fokussiere. Da z. B. Männer of Color überproportional häufig weiblich konnotierte Berufe im Pflegesektor übernehmen, müsse sich die Aufmerksamkeit mehr auf Betroffene von Diskriminierung und ihre Art, für andere zu sorgen, richten.
Literatur Elli Scambor, Daniel Holtermann: Von gewaltvollen zu fürsorglichen männlichen Praktiken. Caring Masculinities in der pädagogischen Praxis. 1. Auflage. Beltz Juventa, Weinheim 2026, ISBN 978-3-7799-8530-3. Sylka Scholz, Andreas Heilmann (Hrsg.): Caring Masculinities? Männlichkeiten in der Transformation kapitalistischer Wachstumsgesellschaften. oekom, München 2019, ISBN 978-3-96238-120-2.
Einzelnachweise
Kategorie:Männlichkeit Kategorie:Patriarchatsforschung Kategorie:Ansätze, Theorien und Modelle (Soziale Arbeit) Kategorie:Englische Phrase