Die Wurzeln der afrikanischen Gewerkschaftsbewegungen gehen auf die Zeit der Kolonialherrschaft und den antikolonialen Widerstand zurück. Die europäischen Kolonialmächte errichteten vor allem in Küstennähe Bergwerke, Eisenbahnen, Häfen und Plantagen. Dort entstand neben Systemen der Zwangsarbeit erstmals eine größere Lohnarbeiterschaft. Die afrikanischen Arbeiter litten unter niedrigen Löhnen, rassistischer Diskriminierung und schlechten Arbeitsbedingungen. Daraus erwuchsen erste Formen kollektiven Widerstands, aus denen sich nach dem Zweiten Weltkrieg eine Gewerkschaftsbewegung zuerst in den französischen und britischen Kolonien entwickelte.
Heute sind Gewerkschaften in Afrika – wie allgemein im internationalen Rahmen – vorrangig nationale Organisationen. Es existieren aber auch kontinentale und subkontinentale Koordinationen und Verbindungen zu globalen gewerkschaftlichen Zusammenschlüssen. Eine Herausforderung stellt die Einbindung des großen informellen Sektors in die gewerkschaftliche Arbeit dar.
Geschichte Kolonialzeit Schon vor der Gründung eigentlicher Gewerkschaften kam es häufig zu Arbeitskämpfen. Besonders aktiv waren bei den frühen Gründungen von Gewerkschaften Eisenbahner, Hafenarbeiter, Bergleute (in Ghana 2019) sowie Angestellte und Beamte der Kolonialverwaltung (in Sierra Leone schon seit 1912), und zwar vor allem in den Küstenstaaten.
Im überwiegend kleinbäuerlich geprägten Zentralafrika spielten die Gewerkschaften demgegenüber lange Zeit kaum eine Rolle.
Auch europäische Siedler in Südafrika und Algerien gründeten eigene Gewerkschaften. Diese schlossen Afrikaner bzw. Muslime meist aus oder behandelten sie als Mitglieder zweiter Klasse.
In Südafrika gab es seit dem späten 19. Jahrhundert zahlreiche Gewerkschaften, die ausschließlich Weiße – britische und afrikaanssprachige – Arbeitnehmer organisierten. Sie entstanden vor allem im Bergbau des Witwatersrand und bei den Eisenbahnen und kämpften nicht nur für höhere Löhne, sondern auch für den Erhalt des sogenannten colour bar: Qualifizierte Berufe sollten Weißen vorbehalten bleiben. In der Rand Rebellion 1922 streikten Weiße Bergarbeiter gegen den Einsatz billiger Schwarzer Arbeitskräfte auf qualifizierten Positionen.
Nachdem die Systeme der Zwangsarbeit nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend abgeschafft wurden, übernahmen afrikanische Arbeiter Organisationsformen, Satzungen und Streikmethoden von diesen Vorbildern. Teils waren die Gewerkschaften in den französischen Kolonien direkte Ableger der entsprechenden französischen Verbände, so etwa die 1945 gegründete Gewerkschaft der Post- und Telekommunikationsarbeiter Guineas, eine Untergliederung der kommunistischen Confédération générale du travail (CGT).
Insbesondere nach dem Generalstreik in Senegal 1946 und dem fünf Monate dauernden Eisenbahnerstreik in Französisch-Westafrika auf der Strecke Dakar-Niger 1947/48 wurden Gewerkschaften zu bedeutenden Trägern des antikolonialen Kampfes. Frederick Cooper: The Senegalese General Strike of 1946 and the Labor Question in Post-War French Africa in: Canadian Journal of African Studies, 24 (1990) 2, S. 165–215.
Auch in den britischen Kolonien erstarkten die Gewerkschaften im Zuge der Entwicklung kriegswichtiger Ressourcen und Industrien in den 1940er Jahren, teils gefördert von der Kolonial Verwaltung, die dadurch Streiks vermeiden wollte. Von 1940 bis 1945 stieg die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder an der Goldküste von 900 auf 6000.Bernard Droz: Geschichte der Dekolonisation im 20. Jahrhundert. Paris 2009, S. 80, Anm. 1.
In Kenia waren es indische Arbeiter, die bereits 1935 die erste Gewerkschaft gründeten. Nach dem Eisenbahnerstreik 1939 wurde ihr Gründer Makhan Singh 12 Jahre lang inhaftiert.> Kenya's First Industrial Strike (1939) and its influence auf sfu.ca
in Simbabwe kämpften Lehrergewerkschaften seit den 1950er Jahren mit einem Schulboykott gegen rassistische Diskriminierung.
Viele spätere Staatspräsidenten, Minister und andere Politiker begannen ihre politische Laufbahn in den 1940er und 50er Jahren in den Gewerkschaften. Beispiele sind Ahmed Sékou Touré in Guinea und Tom Mboya in Kenia.
Seit der Unabhängigkeit In Accra fand 1959 die All-African Trade Union Conference statt. Diese von Kwame Nkrumah initiierte Konferenz gilt als der erste große panafrikanische Gewerkschaftskongress. Aus ihr ging 1960 in Casablanca die All-African Trade Union Federation hervor.
Immer mehr afrikanische Gewerkschaften schlossen sich seit dem 1960er Jahren unter dem Einfluss des Panafrikanismus zu größeren, teils konkurrierenden Verbünden zusammen und traten internationalen Gewerkschaftskonföderationen bei. Damit wurden sie auch in die Konflikte zwischen den großen Machtblöcken hineingezogen. 1973 entstand in Addis Abeba die African Trade Union Unity als wichtigster afrikanischer Dachverband.
In Südafrika spielten die Gewerkschaften eine bedeutende Rolle im Kampf gegen die Apartheid. In einigen arabischen Ländern wirkten sie mit bei Aufstandsbewegungen gegen Diktatoren. So war die Union Générale Tunisienne du Travail mit dem Generalstreik 2011 eine der tragenden Säulen der Revolution gegen Zine el-Abidine Ben Ali. In Guinea unterstützten die Gewerkschaften den Demokratisierungsprozess mit einem Streik im Jahr 2007.
In anderen Staaten und Situationen erwiesen sich die Gewerkschaften als regimetreu oder korruptionsanfällig (wie in anderen Weltregionen auch). So ist beispielsweise der Nigeria Labour Congress eng mit verschiedenen politischen Eliten verflochten ist und von der Funktionalisierung durch diese bedroht. Der Südafrikanische Gewerkschaftsdachverband COSATU ging 1994 ein Bündnis mit dem regierenden ANC und der Kommunistischen Partei ein. Doch wurde ihm und seiner Mitgliedsgewerkschaft, der National Union of Mineworkers (NUM), nach dem Massaker von Marikana 2012 vorgeworfen, sich zu eng an Regierung und Unternehmen anzulehnen. Diese förderten neoliberale Reformen, was 2014 zur Abspaltung der Metallarbeitergewerkschaft NUMSA führte.Der Bruch in der Südafrikanischen Gewerkschaftsbewegung in: Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien (Hrsg.): GIGA 10/2014
Hingegen gelten die Gewerkschaften in Ghana heute als weitgehend unabhängige Partner im sozialen Dialog. In Angola stehen sich wiederum regierungstreue und regierungskritische Gewerkschaften gegenüber. In Eritrea gibt es nur staatlich kontrollierte Gewerkschaften (Nationale Konföderation eritreischer Arbeiter). In Äquatorialguinea werden unabhängige Gewerkschaften nicht zugelassen, im Sudan und in Eswatini wird ihre Arbeit stark behindert. Auch in den Maghreb-Ländern und Ägypten kämpfen sie mit starken Einschränkungen.
Deregulierung und sinkender Organisationsgrad im 21. Jahrhundert Neue Anforderungen entstanden mit der Deregulierungwelle der 2000er Jahre in vielen Ländern, durch die die Mitgliederbasis der Gewerkschaften insbesondere im öffentlichen Sektor schrumpfte.Prince Asafu-Adjaye: Trade Union Responses to Economic Liberalisation in Ghana. PhD thesis, SOAS University of London 2021. DOI:10.25501/SOAS.00036112 Daraus ergab sich die Herausforderung, die Basis über die traditionellen Sektoren (öffentlicher Dienst, Bergbau, Hafenwirtschaft) hinaus auf den informellen Sektor auszuweiten, der in vielen Ländern 80 bis 90 % der Beschäftigten ausmacht, vor allem auch Kleinstunternehmer wie selbstständige LKW-Fahrer oder Marktfrauen. Diese Strategie verzeichnet in einigen Ländern gewisse Erfolge, obwohl die traditionellen Methoden gewerkschaftlicher Organisation und die Formen der Selbstorganisation im informellen Sektor nicht immer kompatibel sind.Yvonne Ayerki Lamptey, Yaw A. Debrah: Irreconcilable Differences – Union Organizing in the Informal Sector in Ghana. University of Accra, Juni 2020. DOI:10.1108/S0742-618620190000025006 In Ghana organisiert die 2013 gegründete Union of Informal Workers Associations (UNIWA), die 2018 dem Gewerkschaftsdachverband Trades Union Congress of Ghana beitrat, ihre etwa 100.000 Mitglieder in zahlreichen Unterorganisationen (Barbesitzer, Gemüsehändler, Hauspersonal, Schauspieler, Menschen mit Behinderungen usw.). In Kenia schlossen sich halbselbstständige Datenarbeiter, die als Subkontraktoren für große IT-Fimen arbeiten, in der African Content Moderators Union zusammen.Richard Mathenge: Data Workers Organizing – The African Content Moderators Union. In: M. Miceli, A. Dinika, L. Sachenbacher, C. Salim Wagner, K. Kauffman (Hrsg.): Data Workers‘ Inquiry. Creative Commons BY 4.0. https://data-workers.org/richard
Aktuelle Situation Kontinentale Ebene OATUU Die OATUU (Organisation for African Trade Union Unity, Organisation für Afrikanische Gewerkschaftseinheit) wurde 1973 gegründet und entstand durch den Zusammenschluss von drei panafrikanischen Gewerkschaftsorganisationen: Die Allafrikanische Gewerkschaftsföderation (AATUF) wurde im Mai 1961 in Casablanca gegründet. Die AATUF hatte ihren Sitz in Accra, Ghana. Um den Einfluss des IBFG und der christlichen Gewerkschaften auszuschließen, bestand die AATUF auf dem Prinzip der Entbindung aller nationalen Mitgliedszentren von allen nicht-afrikanischen Gewerkschaftsorganisationen. Nationale Zentren, die weiterhin dem IBFG oder der International Federation of Christian Trade Unions (IFCTU, dem Vorläufer des WVA) angehörten oder diese Politik nicht akzeptieren wollten, gründeten im Januar 1962 die African Trade Union Confederation (ATUC). Die ATUC hatte ihren Sitz in Dakar, Senegal. 1973 schlossen sich diese beiden rivalisierenden Föderationen und eine dritte kleinere Gruppe – der in Gambia ansässige Pan-African Workers' Congress (PAWC) – unter der Schirmherrschaft der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU, heute Afrikanische Union) zur OATUU zusammen.Trade unions of the world, 2021 (s. Literatur), S. 721 f
ITUC Africa ITUC Africa/IGB-Afrika ist die afrikanische Untergliederung des Internationalen Gewerkschaftsbunds (IGB).web-Seite ITUC Africa, abgerufen am 2. Juli 2026 Die Organisation wurde 2007 auf einem Kongress in Accra mit der Fusion der Regionalorganisationen des Internationalen Bunds Freier Gewerkschaften (IBFG) und des Weltverbands der Arbeitnehmer (WVA) anlässlich deren Vereinigung zum IGB gegründet.
ITUC Africa gehören 107 nationale Gewerkschaftsverbände aus 52 Ländern mit insgesamt 18 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern an.About ITUC-Africa / The Affiliates auf ituc.africa.org, abgerufen am 2. Juli 2026
Subkontinentale Ebene In "Trade unions of the world", 2021 werden die folgenden zu OATUU gehörenden subkontinentalen Organisationen aufgeführtTrade Unions of the world, 2021 (s. Literatur), S. 722 f Southern Africa Trade Union Coordination Council (SATUCC)web-Seite SATUCC, abgerufen am 2. Juli 2026 East African Trade Union Confederation (EATUC)web-Seite EATUC, abgerufen am 2. Juli 2026 Union Syndicale des Travailleurs du Maghreb Arabe (USTMA)web-Seite USTMA, abgerufen am 2. Juli 2026 Organisation of Trade Unions of West Africa (OTUWA)
Daneben gibt es weitere subkontinentale Organisationen: Horn African Confederation of Trade Unions (HACTU) Trade Union Federation of Eastern Africa (TUFEA)
Nationale Ebene Liste s. Liste von Gewerkschaften in Afrika
Äthiopien
Ghana
Guinea
Kenia
Mosambik
Namibia
Nigeria
Sierra Leone
Südafrika
Literatur Daniel Blackburn (Hrsg.), Trade unions of the world, London (The International Centre for Trade Union Rights), 8th edition, 2021, ISBN 978-0-9933556-2-2, Inhaltsverzeichnis und Beispiele für Belgien und Südafrika, PDF, 25 S. Imanuel Geiss, Die afrikanischen Gewerkschaften, Aufsatz in Gewerkschaftliche Monatshefte, 06/1964, S. 348–355 Bernhard Pfitzner, Basisinformationen zu Gewerkschaften in Afrika, Mitgliedsorganisationen (nationale Gewerkschaftsbünde) im Internationalen Gewerkschaftsbund (IGB), PDF, Hannover, 2018, 84 S.
Weblinks Seiten des Internationalen Gewerkschaftsbunds: https://www.ituc-csi.org/who-we-are?page=abook, abgerufen am 1. Juli 2026