mini|Die Californian am Morgen nach dem Untergang der Titanic In der Californian-Affäre geht es um den britischen Frachtdampfer Californian, der sich in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 in der Nähe der sinkenden Titanic befand. Besatzungsmitglieder beider Schiffe haben das jeweils andere Schiff gesehen. Die Titanic hat Notruf-Raketen abgefeuert, die auf der Californian beobachtet wurden. Trotzdem hat der Kapitän der Californian keine angemessenen Schritte eingeleitet, um dem Schiff in Not zu helfen.

Die beiden offiziellen Untersuchungen zum Schiffsunglück warfen Kapitän Stanley Lord unterlassene Hilfeleistung vor. Es entstand eine Kontroverse, weil Lord und später einzelne Autoren bestritten haben, dass die Californian überhaupt in der Nähe der Titanic gewesen sei.

Heute wird in der Forschung großteils angenommen, dass die Californian die Schiffslichter und die Raketen der Titanic gesehen hat. Es wurde nicht angemessen auf die Sichtung reagiert. Allerdings bleibt es umstritten und spekulativ, ob die Californian, selbst wenn sie zeitig losgefahren wäre, tatsächlich früh genug an der Unglücksstelle hätte sein können, um Menschenleben zu retten.

Fahrt der Californian in der Übersicht Der Frachtdampfer Californian hatte London am 5. April 1912 mit 55 Besatzungsmitgliedern verlassen. Passagiere nahm er auf dieser Fahrt nicht mit, obwohl er auch Kabinen für Passagiere hatte. Zielort war Boston in den USA. Kapitän Stanley Lord (1877–1962) fuhr nun auf seiner sechsten Atlantiküberquerung mit diesem Schiff.Paul Lee: The Titanic and the Indifferent Stranger. The Complete Story of the Titanic and the Californian. Lee 2012, S. 11/12.

Am Abend des Unglücks, am Sonntag, den 14. April, machte die Californian wegen eines Eisfeldes Halt. Bald darauf fuhr die Titanic in die Gegend, wo sie um 23:40 Uhr gegen einen Eisberg stieß. Aus Sicht der Californian lag die sinkende Titanic im Südosten. Männer auf der Californian haben die Titanic am Abend herbeifahren gesehen und später in der Nacht auch die Notruf-Raketen beobachtet. Trotzdem haben sie nur versucht, mit der Morselampe Kontakt aufzunehmen (vergeblich). Kein anderes Schiff war der sinkenden Titanic so nahe wie dieses. Nur weil Besatzungsmitglieder der Titanic das unbekannte Schiff im Nordwesten gesehen haben, haben sie überhaupt die Notruf-Raketen abgefeuert.

Am Morgen des 15. April weckte ein Offizier den Funker der Californian. Man erfuhr vom Unglück der Titanic und steuerte bei Tageslicht die Californian zunächst vorsichtig durch das Eisfeld nach Westen. Im Notruf der Titanic war nämlich irrtümlich eine falsche Positionsangabe verwendet worden. Die Californian sah jedoch die Carpathia und fuhr schließlich zu ihr. Lord ließ die Californian, in Absprache mit der Carpathia, an jener Stelle kreisen, um eventuell noch Überlebende aufzuspüren. Erfolglos verließ die Californian die Gegend um 11:20 Uhr.Samuel Halpern: The Circumstances in Connection with the SS Californian. In: Samuel Halpern (Hrsg.): Report into the Loss of the SS Titanic: A Centennial Reappraisal. The History Press, Stroud 2016 (2012), S. 210–218, hier S. 186–188.

Am 19. April erreichte die Californian ihren Zielhafen Boston. Kapitän Lord behauptete gegenüber der Presse, dass die Californian die Titanic nicht gesehen habe, da sie sich auf der anderen Seite des Eisfeldes befunden habe. Er weigerte sich zunächst, die Position seines Schiffes in der Unglücksnacht bekannt zu machen.Walter Lord: The Night Lives On: The Untold Stories and Secrets Behind the Sinking of the "Unsinkable" Ship Titanic. Morrow, 1986, Kap. 14.Paul Lee: The Titanic and the Indifferent Stranger. The Complete Story of the Titanic and the Californian. Lee 2012, S. 11–13.

Doch ein Besatzungsmitglied der Californian, Ernest Gill, behauptete in der Presse, er habe in der Unglücksnacht Raketen eines Schiffes am Horizont gesehen. Dies brachte den Stein ins Rollen. Lord und andere Besatzungsmitglieder wurden vor die beiden Untersuchungsausschüsse geladen, welche die Umstände des Unglücks aufklären sollten. Lord machte wechselnde und widersprüchliche Angaben, zum Beispiel zur Position seines Schiffes und der Meldungen. Beide Untersuchungsausschüsse befanden, dass die gesichteten Raketen die der sinkenden Titanic waren und dass Lord nicht angemessen auf die Meldung reagiert habe.

Kontroverse mini|Der Master des Schiffes Californian, Kapitän Stanley Lord, 1912 im Alter von 35 Jahren Im Jahr 1958 erschien ein Film über die Titanic, A Night to Remember. Der ehemalige Kapitän Stanley Lord erfuhr davon erst über die Zeitungen. Er suchte das Büro der MMSA auf, einer Gewerkschaft für Seeleute, und traf dessen Sekretär Leslie Harrison. Harrison nahm sich seiner Sache an. Eine Klage gegen das Filmunternehmen erschien aussichtslos, und Stanley Lord wollte auch kein öffentliches Interesse erregen.Paul Lee: The Titanic and the Indifferent Stranger. The Complete Story of the Titanic and the Californian. Lee 2012, S. 140/141. Doch nach Lords Tod 1962 veröffentlichten Harrison und dann auch weitere Autoren Verteidigungsschriften für Stanley Lord.Paul Lee: The Titanic and the Indifferent Stranger. The Complete Story of the Titanic and the Californian. Lee 2012, S. 146, S. 150.

Mit erfolglosen Petitionen versuchten sie, die britische Marinebehörde zu einer Neuaufnahme der Untersuchung zu bewegen. Doch erst das Auffinden des Wracks 1985 galt als ein neues Beweisstück. P. B. Marriot, chief inspector of accidents des Marine Accident Investigation Branch (MAIB), beauftragte zuerst Kapitän Tom W. Barnett mit der Untersuchung. Weil Marriott mit dem Ergebnis nicht zufrieden war, gab er die Aufgabe anschließend an seinen eigenen Stellvertreter, Kapitän J. de Coverly. Der Abschlussbericht wurde dann 1992 publiziert.

Barnett und de Coverly waren sich einig, dass die Californian die Notraketen der Titanic gesehen und trotzdem keine angemessenen Schritte eingeleitet hatte. De Coverly schloss mit der Einschätzung, dass der Bericht keine der beiden Seiten zufriedenstellen werde, wobei es in dieser Geschichte keine Bösewichte, nur Menschen mit menschlichen Eigenschaften gebe.Alan Ruffman: Reviews. In: Northern Mariner / Le Marin du Nord. 1. April, 1994, S. 80–83.

Die Lordites, wie Lords Anhänger genannt werden, wollen nicht nur Kapitän Lord rehabilitieren, sondern auch die Ehre der britischen Seefahrt von einem dunklen Schatten befreien. Robert J. Strange vermutet: Der britische Untersuchungsausschuss war darauf aus, möglichst viel Schuld weg von den Behörden und stattdessen auf den unglückseligen Kapitän Lord zu lenken.Robert J. Strange: Who sank the Titanic' The final Verdict. Pen & Sword Maritime, Barnsley 2012, S. 101/102.

Lords Unterstützer thematisieren unter anderem:

Die genaue Position der beiden Schiffe und folglich den Abstand zwischen ihnen; die gemachten Beobachtungen auf beiden Schiffen und ob sie mit den Ereignissen übereinstimmen; die Rekonstruktion der Ereignisse auf der Californian; ob die Besatzung der Titanic die richtigen Raketen richtig verwendet habe bzw. ob es für die Männer auf der Californian erkennbar war, dass es sich um Notruf-Signale gehandelt hat; andere Schiffe in der Nähe; ob die Besatzung der Californian angemessen gehandelt hat und schließlich, ob sie Menschen der Titanic hätte retten können.

Der Sachbuchautor Walter Lord hatte eine sehr negative Meinung über die Lordites, die sich sehr selektiv die Einzelheiten herauspicken würden, welche ihre Thesen unterstützen.Nach: Paul Lee: The Titanic and the Indifferent Stranger. The Complete Story of the Titanic and the Californian. Lee 2012, S. 179/180. George Behe gesteht den Lordites zu, dass es bei der Vielzahl der Zeugenaussagen wichtig sei, eine Auswahl zu treffen. Ein cherry-picking of evidence sei nie ganz vermeidbar. Es sei auch legitim, Ungereimtheiten in Zeugenaussagen zu entlarven und die Motive der Beteiligten in Frage zu stellen. Er findet es aber problematisch, dass sie die Aussagen von Stanley Lord nicht genauso kritisch überprüfen.Vorwort zu Samuel Halpern: Strangers on the Horizon. Titanic and Californian – A Forensic Approach. Halpern 2021 (2019), S. 10/11.

Denis Smith, Managementwissenschaftler an der Universität Liverpool, hat zwei Bücher zum Thema rezensiert. Leslie Harrisons A Titanic Myth von 1992 habe an sich eine glaubwürdige Argumentation, doch er hält wenig von der Bedeutung, die Harrison Zeitangaben zuschreibt. Die Männer hätten damals eben nicht ständig auf die Uhr geschaut. Smith sieht auch keinen Beweis für die Existenz eines mysteriösen dritten Schiffes.Denis Smith: Exploring the myth. The sinking of the Titanic. In: Industrial & Environment Crisis Quarterly, Band 8, Nr. 3 (1994), S. 275–288, hier S. 283–285. Bei The Ship that stood still (1993) der beiden anti-Lordites Leslie Reade und Edward P. de Groot stört Smith sich an den häufigen Schmähungen gegenüber Stanley Lord, welche die Behauptung der Autoren unterminieren, sich der Angelegenheit objektiv und ausgewogen nähern zu wollen. Sie unterstellten Lord, dass er systematisch eine Lügengeschichte fabriziert habe und nur zur Unglücksstelle gefahren sei, um an der Bergung zu verdienen.Denis Smith: Exploring the myth. The sinking of the Titanic. In: Industrial & Environment Crisis Quarterly, Band 8, Nr. 3 (1994), S. 275–288, hier S. 280–282.

Abläufe auf der Californian Funkkontakte

Vor dem Unglück hatten die Funker der Titanic mehrere Warnungen über Feldeis und Eisberge erhalten. Eine davon stammte von der Californian. Sie war zwar langsamer als die Titanic, war aber früher losgefahren und damit der Titanic ein gutes Stück voraus. Am Sonntag, gegen 18:30 Uhr (Bordzeit der Californian, 18:42 Uhr Bordzeit auf der Titanic), meldete die Californian drei Eisberge südlich von ihr. Die Funker der Titanic erfuhren davon, aber es bleibt undeutlich, ob die Brücke diese Nachricht erhalten hat.Samuel Halpern: Account of the Ship’s Journey accross the Atlantic. In: Samuel Halpern (Hrsg.): Report into the Loss of the SS Titanic: A Centennial Reappraisal. The History Press, Stroud 2016 (2012), S. 71–89, hier S. 82.mini|Am 14. April 1912, dem Tag des Unglücks, hatte die Titanic mehrere Eiswarnungen erhalten. Die Positionen des gemeldeten Eises sind auf dieser Karte eingezeichnet. Grundsätzlich zeigte die Schiffsführung wenig Interesse an den Warnungen; sie glaubte, dass man einen Eisberg auch nachts rechtzeitig erkennen würde.Als Kapitän Lord am Abend Feldeis auf dem Weg sah, ließ er die Californian stoppen (um 22:21 Uhr, Bordzeit der Californian). Funker Cyril Evans sagte später aus, dass Lord ihn gefragt habe, welche Schiffe in der Nähe seien, und Evans informierte ihn über die Titanic. Lord habe ihn angewiesen, sie per Funk zu informieren. Dies versuchte Evans um 22:55 Uhr, doch der Funker der Titanic war mit dem Versenden von kommerziellen Nachrichten an Cape Race beschäftigt. Evans wartete noch einige Zeit und ging schließlich schlafen. Besser wäre es gewesen, wenn Kapitän Lord seine Botschaft mit dem offiziellen Kürzel MSG versehen hätte. Erst dadurch hätte die Nachricht im Funkverkehr die Bedeutung erhalten, dass ein Schiffsführer einem anderen eine wichtige Nachricht zur Navigation übermitteln will.Samuel Halpern: Strangers on the Horizon. Titanic and Californian – A Forensic Approach. Halpern 2021 (2019), S. 118/119.

Einschätzung des fremden Schiffes mini|Die Titanic, wie sie am 10. April 1912 Southampton verließ. In der Nacht sah man vom Schiff nur die Lichter.