Elisabeth Leutheusser-von Quistorp (geb. von Quistorp; * 1944 in Bauer Sandhof) ist eine ehemalige Hausdame des Bundeskanzleramtes. Die „Beschließerin“, wie sie amtlich genannt wurde, hatte das gesamte Personal des Kanzlerbungalows unter sich. Als „Kanzler-Nanny“ lebte Quistorp durchgehend im Bungalow und betreute dort von 1964 bis 1970 die drei Bundeskanzler Ludwig Erhard, Kurt Georg Kiesinger und Willy Brandt. Wegen der vor der Einrichtung der Stelle nicht absehbaren Machtfülle blieb Quistorp die einzige Hausdame im Kanzlerbungalow.
Kindheit und Jugend mini|Taufkirche St. Nikolai zu Bauer in Wehrland (2008) Elisabeth Leutheusser-von Quistorp entstammt dem alten Adelsgeschlecht derer von Quistorp. Die Quistorps waren seit 1867 Großgrundbesitzer von Bauer im Lassaner Winkel. Über den Familienzweig im benachbarten Rittergut Crenzow war man mit dem Raketenforscher Wernher von Braun verwandt. Elisabeth von Quistorp wurde als siebentes Kind auf dem Gut Bauer Sandhof in Vorpommern geboren und in der Kirche St. Nikolai zu Bauer in Wehrland getauft. Nach dem Einmarsch der Roten Armee im Frühjahr 1945 wurden alle männlichen Quistorps verhaftet. Elisabeths Vater Hans-Ulrich von Quistorp wurde in das Speziallager Sachsenhausen verschleppt, wo er 1946 verhungerte.Monika Ziegler: Elisabeth Leutheusser von Quistorp: Von der Politik ins Soziale auf Kulturvision aktuell vom 19. Juni 2013Martina Meißner: Elisabeth Leutheusser-von Quistorp, Hausdame im Kanzlerbungalow auf WDR 5 Erlebte Geschichten vom 26. Oktober 2021.
Die Mutter floh mit den sieben Kindern über Umwege zu Verwandten an den Niederrhein, wobei eines der Geschwister ums Leben kam. Elisabeth wuchs am Niederrhein auf. Nach der Realschule besuchte sie eine Hauswirtschaftsschule und führte nach dem frühen Krebstod der Mutter 1961 den Haushalt. Da sie als 16-Jährige noch nicht volljährig war (damals erst mit 21), übernahm das Pastorenehepaar Schumacher die Vormundschaft. Dann lernte Elisabeth den neuen Beruf der Kinderpflegerin und arbeitete im privaten Säuglingsheim der Schwester Hanna Kienbaum in Gummersbach (Oberbergische Kinderheimat).
Kanzler-Nanny mini|Kanzlerbungalow aus der Vogelperspektive (2010) Die entscheidende Wende in ihrem Leben ergab sich 1964: Als Quistorp die Silberhochzeit des Pastorenehepaars Schumacher ausrichtete, fiel sie Lore Schuster, der Tochter der Kanzlergattin Luise Erhard, durch ihr Organisationstalent auf. Daraufhin lud Luise Erhard sie zum Essen auf den Venusberg nach Bonn ein, um mit ihr für das neugeschaffene Amt der „Beschließerin“ ein Vorstellungsgespräch zu führen. Infolgedessen wurde die erst 20-jährige Quistorp als Hausdame im neu errichteten Kanzlerbungalow angestellt, in den sie dann als erste Bewohnerin einzog.Martina Meißner: Elisabeth Leutheusser-von Quistorp, Hausdame im Kanzlerbungalow auf WDR 5 Erlebte Geschichten vom 26. Oktober 2021.
Ludwig Erhard Ludwig Erhard war der zweite Bundeskanzler der Bundesrepublik. Quistorp diente ihm bis zu seinem Rücktritt am 30. November 1966 und hatte dabei das gesamte Personal im Bungalow unter sich, also die Köchin, die Hausmädchen und das Personal für hausinterne Veranstaltungen. Zu ihrem Verantwortungsbereich gehörten auch Aufgaben, die weit über klassische hauswirtschaftliche Tätigkeiten hinausgingen, wie das Wecken des Kanzlers, die Tagesplanung, die Organisation von Besprechungen mit Politikern und Referenten sowie die diskrete Begleitung und Vorbereitung von Staatsbesuchen. Sie arbeitete als Vorfilter für eingehende Telefonate und bewältigte de facto einen 24-Stunden-Arbeitstag. Auch die persönliche Betreuung der Kanzlergattin fiel in ihren Verantwortungsbereich. Ein Privatleben war in dieser streng abgeschirmten, von Sicherheitsbeamten begleiteten Zeit kaum möglich.
Kurt Georg Kiesinger Nach Erhards Ausscheiden im Herbst 1966 arbeitete sie unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, wenngleich das Verhältnis distanzierter blieb. Kiesinger ließ die Edelhölzer der Wandverkleidung weiß übermalen und die tragenden Säulen verspiegeln, hinzu kamen barocke Stilmöbel, Spitzendeckchen und Vorhänge in Rosa.Die Kanzlernanny Elisabeth von Quistorp: „Der Ludwig Erhard war mir der liebste…“ auf Bayern 2 vom 17. April 2025 Einprägsamstes Erlebnis dieser Zeit war die Nacht vom 20. zum 21. August 1968, als Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei einmarschierten und Quistorp den Kanzler in der Nacht wecken musste.
Willy Brandt Nach dem Ausscheiden von Kurt Georg Kiesinger arbeitete sie für Bundeskanzler Willy Brandt. Hierbei setzte sie sich für die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands des Bungalows ein. Unter Brandts Ägide organisierte Quistorp hauptsächlich Veranstaltungen für ihn und den Bundespräsidenten. Da Brandt nicht in den Kanzlerbungalow einzog, bewohnte sie das Haus vom September 1969 bis zu ihrem Ausscheiden 1970 alleine.Klaus Wiendl: Elisabeth Leutheusser von Quistorp: „Meine drei Kanzler“ in der Abendzeitung München vom 3. Januar 2018. Zu ihrem Schutz, auch gegen zudringliche Politiker unter Alkoholeinfluss, waren zwei Sicherheitsleute abgestellt.
Spätere Jahre Im Dezember 1970 heiratete Quistorp in Dürnbach am Tegernsee den verwitweten Brauereibesitzer Helmut Leutheusser (* 12. Juni 1924; † 13. Juni 2024Traueranzeige von Helmut Leutheusser In: Süddeutsche Zeitung vom 19. Juni 2024.), einen Onkel der späteren Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger.Sabine Leutheusser-Schnarrenberger über ein Exemplar des Grundgesetzes In: Die Zeit vom 1. November 2024. Dessen verstorbene Ehefrau war eine Nichte Erhards, der seine ehemalige Hausdame mit dem Brauereibesitzer bekannt gemacht hatte.Personalien In: Der Spiegel (41/1970) vom 4. Oktober 1970. Erhard war auch Trauzeuge und besuchte sie anlässlich der Geburt des ersten Kindes.Monika Ziegler: Elisabeth Leutheusser von Quistorp: Von der Politik ins Soziale auf Kulturvision aktuell vom 19. Juni 2013. Mit der Heirat beendete sie ihre Tätigkeit als „Kanzler-Nanny“. Die Stelle der Hausdame wurde wegen der entstandenen Machtfülle (kurzer Dienstweg) nicht wieder besetzt. Die Ehe hielt bis 1995.
Quistorp ist Mitbegründerin des Miesbacher Hospizvereins, ließ sich zur Trauerbegleiterin ausbilden und engagiert sich in der Notfallseelsorge und im Kriseninterventionsteam Miesbach.Klaus Wiendl: Elisabeth Leutheusser von Quistorp: „Meine drei Kanzler“ in der Abendzeitung München vom 3. Januar 2018.
Zitate
Ehrungen 2012: Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
Literatur Stefan Scheider: Moment, ich wecke den Kanzler! Zuhause bei drei Bundeskanzlern: Elisabeth Leutheusser-von Quistorp. Ein bewegendes Menschenbild von Stefan Scheider. VLG Verlag & Agentur GmbH, ISBN 978-3-96751-004-1. (Buchprojekt bei Scheider.de)
Weblinks Elisabeth Leutheusser-von Quistorp (228.Q.) bei Quistorp.de (nur für Autorisierte) Martina Meißner: Elisabeth Leutheusser-von Quistorp, Hausdame im Kanzlerbungalow auf WDR 5 Erlebte Geschichten vom 26. Oktober 2021 Elisabeth Leutheusser-von Quistorp: Die Hausdame von drei Kanzlern in der BR 24 Abendschau vom 9. Juli 2025
Einzelnachweise
Elisabeth Kategorie:Person (Bundeskanzleramt, Deutschland) Kategorie:Träger des Bundesverdienstkreuzes (Verdienstmedaille) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1944 Kategorie:Frau