mini|Von Lisel Haas 1933 signierte FotografieElise Haas (* 12. Oktober 1898 in Mönchengladbach; † 20. Mai 1989 in Birmingham) war eine deutsche Fotografin und Fotojournalistin. Sie war als kommerzielle Porträtfotografin in Mönchengladbach und Birmingham tätig. Ihre Fotografien bilden bis heute einen wichtigen Bestandteil von Familiengeschichten der Auftraggebenden.

Leben Elise Haas, genannt Lisel Haas wuchs als Tochter des jüdischen Kaufmanns Adolf Haas (* 21. Juni 1866 in Waldniel) und seiner Frau Bertha, geb. Jonas (* 7. Dezember 1867 in Borken, verstorben 1918) in Mönchengladbach auf. Sie war die Cousine des Mönchengladbacher Philosophen und Ehrenbürgers Hans Jonas. Die Eltern führten in Mönchengladbach eine Tuchgroßhandlung in der Hindenburgstraße 144. Zuvor wohnte die Familie in einem Haus in der Kaiserstraße 49, in dem sich seit 1929 auch das erste Atelier von Haas befand. Allerdings war die Familie in der Zeit des Nationalsozialismus gezwungen, dieses Haus zu verkaufen. Über die genauen Umstände ist jedoch nichts bekannt.

Haas arbeitete vorwiegend als Porträtfotografin und Fotojournalistin, insbesondere für das katholische Magazin Weltwarte, in dem sie zahlreiche Aufnahmen veröffentlichte, etwa aus dem Arbeitsalltag sowie Porträts von verschiedenen Personen. Zudem erschienen in den 1930er Jahren Fotodokumentationen von damals noch jüdischen Unternehmen, Beiträge für Das Illustrierte Blatt der Frankfurter Societät sowie für Messeausstellungen. Sie war außerdem als Fotografin für das Stadttheater Mönchengladbach tätig. Eine 1930 entstandene Fotografie zeigt Haas in ihrer Dunkelkammer bei der Entwicklung von Bildern und dokumentiert ihre frühe praktische Tätigkeit als Fotografin. Gemeinsam mit ihrer Freundin, der Fotografin Grete Bermbach (* 13. Dezember 1899; † 1979) betrieb sie in Mönchengladbach ein Fotoatelier in einem von der Familie angemieteten Haus an der Ecke Albertusstraße 37 (damals Ludendorffstraße) zum Adenauerplatz. Das Haus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Grete Bermbachs Nichte Lore Bermbach erhielt ihre fotografische Ausbildung im Atelier.

Am 18. Oktober 1938 erhielt Haas die Aufforderung, ein Schild mit dem Hinweis „Jüdisches Geschäft“ ins Schaufenster zu stellen. Wenige Tage nach der Reichsprogromnacht schloss sie am 15. November 1938 ihr Atelier in Deutschland. Da ihr Asylantrag von den USA abgelehnt wurde, ging sie zusammen mit ihrem Vater nach Birmingham, wo sie im Dezember 1938 eintraf. Haas zog mit ihrem Vater zunächst zur Familie ihres Bruders Hans Erich, der bis 1933 in Köln wohnte und in Birmingham seit 1936 als Psychoanalytiker und Psychiater arbeitete, weil ihm 1933 in Deutschland die Zulassung entzogen wurde.

Haas‘ nicht-jüdische Freundin Grete Bermbach, die seit 1930 Teilhaberin des Fotoateliers war, wickelte nach der Emigration von Lisel Haas die Atelier-Geschäfte ab und folgte ihr im Januar 1939 nach Birmingham. Auch sie war von den Maßnahmen des NS-Regimes betroffen, kann jedoch keiner eindeutig bestimmten Opfergruppe zugeordnet werden. Nach einem Meldeblatt der Deutschen Botschaft in Birmingham verfügte Haas über Kenntnisse der englischen und französischen Sprache, was ihr den Aufbau einer neuen berufliche Existenz in England erleichterte. Sie arbeitete zunächst für das Arts Council of Great Britain. Ab 1940 war sie als freischaffende Fotografin für das Birmingham Repertory Theatre tätig und dokumentierte nahezu alle Produktionen in einer Zeit, in der dort zahlreiche später bekannte Schauspielerinnen und Schauspieler auftraten, darunter Albert Finney, Ian Richardson und Derek Jacobi. So prägte Haas visuelle Erinnerung an diese frühe Phase ihrer Karrieren. Zudem fotografierte sie am Crescent Theatre und Alexandra Theatre in Birmingham, am Belgrade Theatre in Coventry sowie am Playhouse in Kidderminster.

Nach Kriegsende eröffneten Haas und Bermbach in ihrem Haus ein Studio für Porträtfotografie in der Grove Avenue 12 in Moseley, einem Vorort von Birmingham. 1962 gab Haas die gemeinsame fotografische Tätigkeit in Birmingham auf und zog sich aus dem aktiven Berufsleben zurück. Sie blieb weiterhin in Birmingham ansässig, wo sie 1989 verstarb. Haas kehrte nach heutigem Kenntnisstand nur einmal nach Deutschland zurück, um persönliche Gegenstände abzuholen, die während des Krieges von einer nicht-jüdischen deutschen Frau aufbewahrt worden waren. Die Spuren ihrer früheren Lebens- und Arbeitsumgebung waren zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend ausgelöscht. Als ihre Nichte Dorothy Williams später auf der Suche nach dem ehemaligen Familienhaus nach Mönchengladbach reiste, hatte das Gebäude bereits einen neuen Namen und eine neue Hausnummer erhalten, und keinerlei Hinweise auf das frühere Atelier der Familie Haas waren mehr vorhanden. Haas lebte den größten Teil ihres Lebens mit Bermbach zusammen. Bis zu Bermbachs Tod im Jahre 1979 blieben die beiden Frauen eng verbunden.

Werk Ein Teil der von Lisel Haas angefertigten Theaterfotografien befindet sich heute im Bestand des Victoria and Albert Museums in London, wo insgesamt 59 ihrer Aufnahmen archiviert sind.

Neben der Theaterfotografie fertigte Haas Porträts von Einzelpersonen und Familien an. Ein besonderer Schwerpunkt ihres Werks lag auf der Darstellung von Kindern im städtischen Alltag. Nach Haas zeichnete sich Kinderfotografie durch Spontaneität aus. Da sich Mimik und Verhalten von Kindern ständig veränderten, verzichtete sie auf gestellte Aufnahmen. Durch gemeinsames Spielen versuchte sie, eine ungezwungene Atmosphäre zu schaffen und den passenden Moment für eine Aufnahme abzuwarten, um natürliche Gesichtsausdrücke festzuhalten.

Auch in der Porträtfotografie betonte Haas die Bedeutung der Beziehung zwischen Fotografin und porträtierter Person. Nach ihrem Verständnis entstand die Wirkung ihrer Fotografien aus dem gegenseitigen Vertrauen und der Wechselwirkung zwischen beiden, die den Bildern Lebendigkeit verliehen. Durch das Medium der Fotografie versuchte Haas nach eigenen Angaben, wie sie gegenüber einer jüdischen Frauengruppe in Birmingham erklärte, eine „universelle Sprache“ zu schaffen, die Erinnerungen an Ereignisse und persönliche Erfahrungen festhalten und zugänglich machen sollte.

Die von Haas angefertigten Familienporträts werden häufig im Zusammenhang mit der Darstellung von traditionellen Familienbildern betrachtet. Dabei zeigt sich, dass ihre Fotografien einerseits gängige Vorstellungen einer bürgerlichen, heteronormativen Mittelklasse-Familie widerspiegeln, andererseits aber durch ihre eigene Lebenssituation außerhalb solcher Familienmodelle geprägt gewesen sein können. Die Mutter stand dabei häufig im Mittelpunkt der Aufnahmen.

Neben Familienporträts fertigte Haas auch Einzelporträts an, überwiegend von Frauen. In diesen Arbeiten löst sie sich teilweise von den in ihren Familienbildern erkennbaren normativen Vorstellungen und betont die selbstständige Unabhängigkeit der Dargestellten, die nicht auf Rollen wie Mutter- oder Tochtersein reduziert ist. Das schlichte Setting im Studio ermöglicht es Haas, die porträtierte Person in den Mittelpunkt zu stellen, ohne sie in einen familiären oder sozialen Kontext einzuordnen.

Shulman vermutet in ihrer im Jahre 2010 an der University of Birmingham veröffentlichten Masterarbeit, dass Haas ihre Tätigkeit als Familienfotografin auch als Ausdruck einer Sehnsucht nach der in Deutschland zurückgelassenen Familie ausübte.

Werke (Auswahl)

Ca. 1930–38: Young Girl with doll Ca. 1930–38: Children at breakfast table Ca. 1930–38: Children drying their hands Ca. 1930–38: Boys playing on statue Ca. 1930–38: Boy with toy horse Ca. 1930–38: Two children wearing satchels 1933: Children's photograph, Mönchengladbach William Baldwin with his brother and father 1956: Coriolanus von William Shakespeare am Birmingham Repertory Theatre, zwei Schwarzweißfotografien 1956: Cäsar und Cleopatra von George Bernard Shaw am Birmingham Repertory Theatre, acht Schwarzweißfotografien 1956: Julius Caesar von William Shakespeare am Birmingham Repertory Theatre, sieben Schwarzweißfotografien 1957: Lesende junge Frau auf einem Sofa 1957: The Beaux‘ Stratagem von George Farqhuar am Birmingham Repertory Theatre, acht Schwarzweißfotografien 1957: The Iron Harp von Joseph O’Connor am Birmingham Repertory Theatre, sechs Schwarzweißfotografien 1957: Heinrich V. von William Shakespeare am Birmingham Repertory Theatre, sechs Schwarzweißfotografien 1957: The Lizard on the Rock von John Hall am Birmingham Repertory Theatre, zehn Schwarzweißfotografien 1958: Albert Finney in der Titelrolle Macbeth von William Shakespeare am Birmingham Repertory Theatre, zehn Schwarzweißfotografien 1958: June Brown in der Titelrolle Hedda Gabler von Henrik Ibsen am Birmingham Repertory Theatre, Schwarzweißfotografie 1950/60: Mother & Baby 1963: Nicki and Francesca Pearson, Fotografieserie, Lisel Haas Collection, Birmingham City Archives 1966: Fraser Thorburn Wedding series, Fotografieserie, Lisel Haas Collection, Birmingham City Archives 1972: Anne Smart. Dieses Porträt wird von Shulman als Beispiel dafür gesehen, das sich Haas auf die zeittypische Vorstellung von Schönheit einer unabhängigen jungen Frau konzentriere. 1972: Martin and Andrea Fisher, Lisel Haas Collection, Birmingham City Archives 1972: Preece, Fotografieserie, Lisel Haas Collection, Birmingham City Archives 1974: Harris and 2 Sons, Fotografieserie

Gruppenausstellungen (Auswahl)

2020: Another Eye: Women Refugee Photographers in Britain After 1933, Four Corners Gallery, London

Die Ausstellung würdigt die Lebenswege und das Werk von rund zwei Dutzend Fotografinnen, die nach 1933 vor dem nationalsozialistischen Europa nach Großbritannien flohen. Im Mittelpunkt steht dabei ihr Blick als Emigrantinnen, der Aspekte des britischen Alltags, der Arbeitswelt und gesellschaftlicher Rituale aus einer Außenperspektive festhält. Dadurch eröffneten ihre Fotografien der britischen Öffentlichkeit neue und ungewohnte Sichtweisen auf das eigene Land.

2026: Care & Defiance | LUNA, Centrala, Birmingham

Werke in öffentlichen Sammlungen

Victoria and Albert Museum, London

Rezeption Die Erschließung des Nachlasses von Haas wurde von der Nichtregierungsorganisation Bertz Associates angestoßen, wird durch Fördermittel verschiedener britischer Institutionen unterstützt und erfolgt in Zusammenarbeit mit der Library of Birmingham. Der in der Library of Birmingham verwahrte Nachlass umfasst mehrere hundert Archivkartons. Darunter befinden sich 90 Kartons mit entwickelten Fotografien, 93 Mappen mit Zelluloidnegativen, 45 Kartons mit Glasplattennegativen sowie etwa 30 Kartons mit verschiedenen Dokumenten, darunter Rechnungen, Briefe, Vortragsmanuskripte und weitere Unterlagen. Zur wissenschaftlichen Bearbeitung und vollständigen Katalogisierung der Bestände wurde für den Zeitraum von November 2025 bis September 2026 eigens eine befristete Stelle geschaffen.

In der Lisel Haas Collection des Birmingham City Archives befindet sich darüber hinaus ein weiterer Bestand von rund 70 Kartons mit Fotografien und Dokumenten aus dem Nachlass von Haas, der ebenfalls bislang noch nicht vollständig erschlossen und katalogisiert wurde. Die Katalogisierung des Nachlasses erfolgt im Rahmen des Förderprogramms „Archives Revealed“, das Projekte zur Erschließung unterrepräsentierter Biografien und kultureller Vielfalt unterstützt. Der Nachlass von Haas wird dabei als bedeutendes Zeugnis einer jüdischen Emigrantin und Fotografin des 20. Jahrhunderts eingeordnet.