Schließ die letzte Tür (teilweise auch unter dem deutschsprachigen Titel Die Tür fällt zu, Originaltitel: Shut a Final Door) ist die dritte Episode innerhalb des Erzählbandes Baum der Nacht und andere Erzählungen von Truman Capote. Erstmals abgedruckt wurde der Text 1947 im Atlantic Monthly.Thomas Fahy: A Tree of Night and Other Stories. In: Thomas Fahy: Understanding Truman Capote. University of South Carolina Press, Columbia SC 2014. ISBN 978-1-61117-341-3. S. 16–42. Hier S. 31. Kurzbeschreibung Walter Ranney, einsamer Neuankömmling in New York City, nutzt die Freundlichkeit seines ersten Bekannten Irving, um in die Gesellschaft eingeführt zu werden, und wird bald zum Ausbeuter von Freunden und Geliebten: Dem ausgenutzten Irving folgt dessen Freundin Margaret, die Walter einen Job in der Firma besorgt, in der auch sie arbeitet. Der ausgenutzten Margaret folgt deren Chef, über den Walter die wohlhabende Rosa kennenlernt sowie deren Freundin Anna. Immer wieder entfremdet Walter sich hierbei durch Eigennutz und Lügen. Von Walter in die Welt gesetzte Gerüchte um eine Verbindung mit Rosa führen zu weiteren Konflikten, Walter verliert seine Stellung und erhält das erste Mal einen bedrohlich wirkenden anonymen Telefonanruf. Er flieht nach Saratoga, wo sich das Ausnutzen eines Mitmenschen ebenso wie der mysteriöse Anruf wiederholt, und von dort aus nach New Orleans, wo Einsamkeit und psychische Erschöpfung ihn zusammenbrechen lassen – und das Telefon erneut klingelt. Inhalt Der ambitionierte, gut aussehende und hinsichtlich seines Broterwerbs an „irgendeinem kleinen Job“ desinteressierte Walter Ranney ist neu zugezogen, „allein und sehr einsam in New York, und als der liebe kleine Irving dann so freundlich zu ihm war, dachte er, es wäre gut, auch freundlich zu sein, weil man ja nie wissen konnte… Irving kannte eine Menge Leute, […] und er machte Walter mit all seinen Freunden bekannt.“ Irving ist „der erste Mensch, den er in New York kennengelernt hatte“ und damit auch das erste Opfer in Walters neuer Rolle als „Ausbeuter von Freunden und Geliebten“:„a purveyor of gossip and exploiter of friends and lovers, Walter is, if anything, an antihero“ – Robert Emmet Long: Shut a Final Door. In: Robert Emmet Long: Truman Capote, Enfant Terrible. Bloomsbury Academic & Professional, New York NY 2014. ISBN 978-0-8264-2763-2. S. 23–26. Hier S. 24. Walter spannt seinem netten neuen Bekannten Margaret aus, „mehr oder weniger Irvings Freundin“, die ihre Rolle beim Ausbooten Irvings ein wenig bereut, denn sie meint zu Walter, „wir beide haben ihn gelehrt, zu hassen. Ich glaube nicht, daß er es bisher gekonnt hat.“ Walters Interesse an Margaret ist recht konkreter Art: „Walter war nun schon vier Monate in New York. Sein ursprüngliches Kapital war von fünfhundert Dollar auf fünfzehn zusammengeschrumpft, und Margaret lieh ihm Geld, damit er seine Januar-Miete […] bezahlen konnte.“ Außerdem besorgt Margaret Walter einen Job bei ihrem eigenen Arbeitgeber, der Werbeagentur Kuhnhardt, wo Walter als Hilfskraft für Margaret eingestellt wird. „Kuhnhardt lud gelegentlich einen seiner Angestellten zum Essen ein, seinen jeweiligen Favoriten […]. Es war eine gefährliche Position, denn diese Beziehungen waren wunderlich und undurchschaubar: Der Günstling fand sich beim Studium der Stellenangebote wieder, auch wenn er am Tage vorher mit seinem Gönner herrlich gespeist hatte.“ Trotz Warnungen Margarets vor dem in Beziehungsangelegenheiten äußerst flexiblen Kuhnhardt setzt Walter auf diese seine neue Bekanntschaft. „In den nächsten Tagen allerdings mußte er versuchen, sie [=Margaret] loszuwerden, und zwar bald. Es war erniedrigend, dieses Arbeiten für Margaret. Außerdem würde sie von jetzt ab versuchen, ihn zu ducken.“ Aufgrund des abkühlenden Verhältnisses zu Margaret lässt Walter sich an dem Tage, an dem er Margaret seiner Familie vorstellen will, einfach nicht blicken. „Statt dessen fuhr er mit Mr. Kuhnhardt nach Long Island und war hier der ehrfürchtigste von dreihundert Gästen auf Rosa Coopers erstem Ball“: dem Ball des nächsten Zielobjekts im Werdegang des aufstrebenden Karrieristen Walter Ranney. „Margaret erwähnte diese Episode nicht, und Walter tat es auch nicht. Es war, als wäre nichts geschehen, außer daß sie – wenn nicht gerade geschäftliche Dinge zu erledigen waren – nicht mehr miteinander sprachen und sich auch nicht mehr sahen. Eines Nachmittags, als er genau wußte, daß sie nicht zu Hause war, ging er in ihre Wohnung mit einem Schlüssel, den sie ihm früher einmal gegeben hatte; er hatte noch ein paar Sachen bei ihr“ und findet außerdem „das einzige Geschenk, das er ihr je gemacht hatte, ein Fläschchen L’Heure bleue, es war noch unberührt“. Walter erweist sich als Pragmatiker angesichts des scheinbar herrenlosen oder gar unerwünschten Duftwässerchens: „Rosa würde sich vielleicht über eine Überraschung freuen. Als er am nächsten Tag im Büro beim Eiswasserbehälter stehenblieb, stand Margaret da. Sie lächelte ihn beherrscht an und sagte: ‚Ich wußte gar nicht, daß du ein Dieb bist.‘ Es war das erste deutliche Zeichen von Feindschaft zwischen ihnen.“

„Nun ja, eine richtige Abneigung war schließlich nur etwas Positives, und das einzige, was Walter nicht ertrug, waren vage Beziehungen, vielleicht weil er in seinen eigenen Gefühlen so schwankend und unklar war. Er war sich nie sicher, ob er einen Menschen mochte oder nicht. Er brauchte Liebe, aber er war unfähig, selbst zu lieben. Er konnte dem andern gegenüber nie aufrichtig sein, ihm nie mehr als fünfzig Prozent der Wahrheit sagen. Auf der anderen Seite war es ihm unmöglich, dem andern die gleichen Schwächen zuzubilligen: Zu irgendeinem Zeitpunkt, dessen war Walter sicher, wurde er immer betrogen.“ Zu Sommerbeginn „verbrachte er das Wochenende meist bei Rosa Coopers auf Long Island“, die es allerdings nicht goutiert, dass Walter Gerüchte in die Welt setzt, er und Rosa würden heiraten, woraufhin Rosa telefonisch mit Walter Schluss macht. Inzwischen allerdings hat Walter Rosas Freundin Anna Stimson kennen gelernt; sie war „gut zu ihm, und in ihren weniger depressiven, weniger boshaften Phasen hörte sie freundlich zu, wenn er seine Probleme hinausstöhnte und erklärte, warum er gerade so war, wie er war. Sein ganzes Leben lang hatte irgendein Betrüger ihm immer die falschen Karten zugeteilt“, jammert Walter und gesteht Anna: „Ich habe Kuhnhardt eine Menge über Margaret vorgelogen; ich weiß, daß das ziemlich gemein ist, aber sie würde es mit mir genauso machen; und ich will ja gar nicht, daß er sie rauswirft, aber vielleicht versetzt er sie in sein Büro nach Chikago.“ Infolge der Berichterstattung über die vermeintliche Eheanbahnung zwischen Walter und Rosa kündigt Kuhnhardt nun seinem Ex-Günstling und Margarets Ex-Liebhaber. „Es war seine Bestimmung zu versagen, dies wurde ihm zur Gewißheit; und das, was gewiß ist, macht ruhig“, gibt Walter sich daheim dem Selbstmitleid hin: „Was nützte es alles? Es war ganz gleich, was man tat und wie sehr man sich bemühte, am Ende war alles gleich Null; jeder wurde jeden Tag und überall betrogen, wem war da ein Vorwurf zu machen.“ Am Abend der Kündigung – es ist Freitag, der 3. August – entschließt Walter sich aufgrund einer Erinnerung an seine Kindertage in Saratoga zu einer Ferienreise dorthin, legt eine Rumbaplatte auf. „Gerade als die Musik zu Ende war, läutete das Telefon. Er stand regungslos da, hatte irgendeine Angst, sich zu melden, und das Lampenlicht, die Möbel, alles im Zimmer versank. Als er endlich dachte, daß es aufgehört hätte zu klingeln, fing es wieder an, noch lauter, so schien es ihm, und eindringlicher. Er stolperte über eine Fußbank, hob den Hörer ab, ließ ihn sinken, nahm ihn wieder auf und sagte: ‚Ja?‘ Ferngespräch: Ein Anruf aus irgendeiner Stadt in Pennsylvanien, den Namen verstand er nicht. Eine Weile knackte es im Apparat, dann kam eine kalte geschlechtslose Stimme, die er nie zuvor gehört hatte. ‚Hallo, Walter!‘ ‚Wer ist dort bitte?‘ […] ‚Oh, du kennst mich, Walter. Du kennst mich schon sehr lange.‘“ Nachdem auch Anna die Beziehung zu Walter für beendet erklärt hat, weil er sie bei einem Bekannten schlecht gemacht hatte, versinkt Walter abermals in Selbstmitleid: „Es war verrückt von Anna, zu behaupten, daß er alles, was geschehen war, selbst verschuldet hätte. Wenn da wirklich irgend etwas mit ihm nicht stimmte, dann hatten ihn die Umstände so gemacht, ohne daß er etwas dafür konnte“.

„Vor ein paar Stunden hatte er in New York seine ganzen Ersparnisse von der Bank abgehoben, die Tür seiner Wohnung verschlossen und keine Nachricht hinterlassen“, reist per Eisenbahn nach Saratoga, findet dort aber wegen eines örtlichen Ärztekongresses keine Unterkunft. Er trifft in einer Bar eine Mitreisende aus dem Zug wieder, die einen Klumpfuß hat, den sie eventuell bei dem Ärztekongress vorzeigen soll, trinkt, unterhält sich mit ihr. „Es kam ihm vor, als wäre sein Gehirn aus Glas und als hätte aller Whisky, den er bisher getrunken hatte, sich in einen Hammer verwandelt: Er spürte, wie die Glassplitter in seinem Kopf klirrten. Alles erschien ihm verzerrt und verfälscht; die Krüpplige zum Beispiel schien nicht nur eine Person zu sein: Sie war Irving, seine Mutter, ein Mann namens Bonaparte, Margaret und noch andere: Mehr und mehr kam er zu der Erkenntnis, daß alles Erlebte einen Kreis bildete, aus dem kein Augenblick isoliert oder vergessen werden konnte.“ Die Krüpplige bietet ihm an, mit ihr zu kommen: „Ich meine, weil sie sagten, daß Sie nicht wüßten, wo Sie schlafen sollen…“ Walter geht mit ihr auf ihr Hotelzimmer, es läuft auf Geschlechtsverkehr hinaus, doch er begreift, „daß er es nicht würde tun können.“ Die Krüpplige hat sich bereits entkleidet, als das Zimmertelefon klingelt, dessen Hörer sie an Walter weiterreicht. „‚Hallo, Walter.‘ Diese eintönige, geschlechtslose, weitentfernte Stimme war wie ein Schlag in die Magengrube. Das Zimmer schien zu schwanken, sich zu verzerren. Wie ein Schnurrbart standen Schweißperlen auf seiner Oberlippe. ‚Wer ist dort?‘ […] ‚Oh, du kennst mich, Walter. Du kennst mich schon sehr lange.‘“ Walter bricht weinend zusammen, in die Arme der Krüppligen, die ihn zu trösten versucht: „‚Mein armer, kleiner Junge: Wir sind schrecklich allein auf dieser Welt, ich weiß.‘ Und er schlief auf der Stelle in ihrem Armen ein. Aber seitdem hatte er nicht mehr geschlafen, und er konnte es auch jetzt nicht“, in dem Hotelzimmer in New Orleans, wohin er per Eisenbahn geflohen ist, „nicht einmal, wenn er dem eintönigen Gesumme des Ventilators zuhörte; in seinem Kreisen hörte er Eisenbahnräder: von Saratoga nach New York, von New York nach New Orleans. Und New Orleans hatte er nur gewählt, weil es eine Stadt war, in der er keinen Menschen kannte, und sie war weit weg. Vier sich drehende Ventilatorenflügel, Räder und Stimmen, immer im Kreis herum; und nach allem, so wie er es jetzt sah, gab es bei diesem Spinnennetz aus Bosheit überhaupt kein Ende.“ Drei Tage zuvor, am 3. August, hatte Walter in New York den ersten mysteriösen Telefonanruf erhalten. Jetzt, in New Orleans, liegt er „wie eine zerbrochene Puppe in der brütenden Hitze auf dem Bett“„lying on the bed in the tremendous heat like a broken doll“ – Long, Shut a Final Door, S. 26. und starrt den rotierenden Deckenventilator an. „In diesem Augenblick klingelte das Telefon. Und es klingelte.“ Textanalyse