Der Bahnhof Dschisr alMadschami in Gescher, Israel, war der tiefstgelegene Zughalt der Welt im Jordangraben. Der Bahnhof ging 1905 als Station der Jesreʿeltalbahn Haifa–Darʿa in Betrieb, die hier den Jordan querte. Dieser bildete seit 1923 die Grenze, weshalb die Station seither Grenzbahnhof war. Der Zugverkehr lag seit März 1948 still, im folgenden Mai zerstörten arabische Invasoren Gescher mitsamt Bahnhof. Um 1950 ebnete israelisches Militär den Bahnhof wie die anderen grenznahen Bauten im verlassenen Gescher völlig ein, um im Krieg gegen den Terror (1949–1958) einschleichenden Fedajin und anderen Infiltranten möglichst keine Deckung zu geben. Seit 2016 gilt der Bahnhof Beit Scheʾan nunmehr als tiefstgelegene Station der Welt.
Name Der Stationsname Bahnhof Dschisr alMadschami () leitet sich vom Namen Dschisr al-Madschamiʿ () der nahen ursprünglich römischen Straßenbrücke über den Jordan her, welch ersterer auch der Ortschaft am Übergang den gleichen Namen Dschisr al-Madschamiʿ gab. Diese arabische Bezeichnung bedeutet Brücke der Zusammenkunft.Claude Reignier Conder und Horatio Herbert Kitchener, The Survey of Western Palestine: 3 Bde., London: Committee of the Palestine Exploration Fund, 1881–1883, Bd. II ‹Samaria›, S. 132. Man nimmt an, dass damit der Zusammenfluss von Jordan und Jarmuk gemeint sei,Andrew Petersen, A Gazetteer of Buildings in Muslim Palestine, Council for British Research in the Levant (CBRL; Hrsg.), (=British Academy monographs in archaeology; Nr. 12), Oxford (englisch): Oxford University Press, 2001, S. 186. ISBN 978-1-73973-020-8. ab wo die vereinten Wasser dann als Jordan gut drei Kilometer weiter stromaufwärts zu den Drei Brücken Dschisr alMadschamiʿ mäandern. Außer der römischen Straßenbrücke tragen den gleichen Namen keine 100 Meter südlich die Bahnbrücke von 1904, wie seit 1925 eine neue belastbare Straßenbrücke gleich südlich der römischen Brücke, die diese von motorisiertem Verkehr befreite.
Nach Aufteilung der ursprünglich osmanischen Bahnlinie zwischen britischen und französischen Mandatsverwaltungen kam die Jesreʿeltalbahn, der westliche Streckenteil, an die Palestine Railways (PR), die den im Ersten Weltkrieg hier 1915 eingeleiteten Militärbetrieb im Oktober 1920 durch den neuen Zivilverkehr ersetzten. Im Zuge dessen versahen die PR die Bahnhöfe mit neuen Stationstafeln in den nunmehr drei palästinensischen Amtssprachen Arabisch, Englisch und Hebräisch. Der Brücken- und Ortsname Dschisr al-Madschamiʿ hatte sich auch im Englischen und Hebräischem als Eigenname etabliert und so lautete der Bahnhofsname amtlich auf und etwas demotisch auf . Der Name der Station blieb auch erhalten, als die Kaufmannsfamilie Sursuq (; Sursock in westlich angepasster Schreibweise) in Beirut den Ort mitsamt 10.000 Dunam Ländereien 1920 räumte und an die Jewish Colonisation Association (JiCA) verkauften. Demobilisierte Soldaten der Jüdischen Legion bezogen den Ort und nannten ihn in Gescher Nechalim () um., Jüdischer Nationalfonds (Hrsg.), Jerusalem: , 1932–1933.
Lage Der Standort des Bahnhofs liegt – 247,3 Meter unter See und 550 Meter südwestlich der namengebenden Bahnbrücke, die auf etwa – 240 Metern unter See den Jordan quert. Die Strecke passiert in diesem Bereich den sehr tief gelegenen Jordangraben. Die Jesreʿeltalbahn bildete eine Zugverbindung von Haifa am Mittelmeer (etwa 76,5 Kilometer westlich dieser HafenstadtVgl. Survey Department of Palestine, Palestine – 1:20 000 Series Topocadastral: 180 Blatt, Tel Aviv: Survey Office, 1929–1930, Revision letzter Stand 1942, Blatt 20/22 ‹Jisr al-Majāmiʿ› (1942).) zur Hedschasbahn in Darʿa, wo diese Pilgern auf dem Haddsch und zurück eine erleichterte Reise ins Vilâyet Syrien, in die Levante und ans Mittelmeer bot. Aber auch militärisch war die Hedschasbahn von Belang. Die Jesreʿeltalbahn Haifa–Darʿa verband die osmanischen Provinzen libanesisches Vilâyet Beirut zwischen Haifa und al-Ḥamma as-Sūriyya (Chammat Gader) mit dem syrischen Sandschak Hauran.
Die Eroberungen durch Militär der Triple Entente im Ersten Weltkrieg schlugen 1918 den südlichen Libanon im Gebiet der Jesreʿeltalbahn zwischen Haifa und al-Ḥamma as-Sūriyya der britischen Besatzungszone im Osmanischen Reich (Süd) zu. Daraus entstand 1920 eine britische Zivilverwaltung, die der Völkerbund 1922 als Mandatsgebiet Palästina zur völkerrechtlichen Gebietseinheit erhob. Bei der Teilung Palästinas trat die britische Mandatsmacht 1923 das östliche palästinensische Gebiet (rund 89.213 km²), von Jerusalem blickend jenseits des Jordans (daher Transjordanien) als arabischen Staat ab, zunächst Emirat Transjordanien genannt, in Anerkennung geleisteter Waffenbruderschaft im Ersten Weltkrieg gegen die Osmanen. Seit 1923 bildet somit der Jordan hier die Grenze, zunächst zwischen Transjordanien (seit 1950 Jordanien) und dem restlichen gute 26.000 km² messenden westlichen Palästina (am nordwestlichen Jordangraben seit 1948 Israel). Dadurch wurde Gescher Nechalim (seit 1939: GescherAvraham Lewensohn (; 1923–1986), Reiseführer Israel mit Straßenkarten und Stadtplänen ['Israel Tourguide', 21979; dt.], Miriam Magall (Übers.), Tel Aviv-Jaffa: und Tourguide, 1982, Seite wie gesondert angegeben.) Grenzort mit Zollstation wie Viehquarantäne und auch der Bahnhof Dschisr alMadschami wurde Grenzbahnhof. Der Bahnbetrieb blieb indes beiderseits der Grenze bis 1948 Aufgabe der PR, erst im Bahnhof Samach am See Genezareth wechselten PR und das Eisenbahnunternehmen in Französisch Syrien ihre Lokomotiven, da der Bahnhof al-Ḥamma, eigentlich der letzte Bahnhof der PR, in der engen Ortslage zu wenig Platz für den Wechsel bot.
Nach dem Krieg um Israels Unabhängigkeit (1948/1949) wurde das zerstörte Gescher ab 1949 weiter westlich oben am Hang in sicherer Lage vor möglichen Eindringlingen neu errichtet, die Umgebung des Bahnhofs durch Fischteiche stark verändert. Seit 1948 ist jeder Grenzverkehr, per Bahn oder Straße, hier eingestellt. Seit 1994 besteht 15 Kilometer weiter südlich, überwiegend per Kvisch verbunden, der israelisch-jordanische Grenzübergang Scheich Hussein. Eine neue Bahnverbindung zwischen dem Bahnhof Beit Scheʾan und Irbid ist seit 2006 angedacht,NN, “Jezreel Valley railway plan approved – and frozen” (9. Juli 2006), auf: Globes; abgerufen am 12. Juni 2026. aber nicht weiter fortgeschritten. Bis 1948 waren die nächsten Stationen Beit Josef im Süden und Naharajim im Norden.
Geschichte Die Kaufmannsfamilie Sursuq in Beirut unternahm 1882 den ersten Versuch, eine Bahnstrecke vom Haifa durch dessen Hinterländer Jesreʿel-Ebene, Beit-Scheʾan-Senke (), Jordangraben und Hauran gen Damaskus zu errichten. Die Hohe Pforte erteilte eine Konzession noch für die anfänglich geplante Strecke Akkon–Damaskus. Überall entlang der geplanten Trasse erwarben die Sursuq in diesen Jahren Ländereien, so auch die Ortschaft Dschisr al-Madschamiʿ mit seinem Chan der Mamlukenzeit. Da es den Sursuqs nicht gelang, das erforderliche Kapital aufzubringen, verfiel die Konzession.
Nach weiteren unbefriedigenden privaten Versuchen erwarb die Hohe Pforte die Konzession 1902 zurück und beschlagnahmte einen Teil der Ländereien der Sursuqs für eigene Zwecke. Die dann angelegte Jesreʿeltalbahn bildete eine Zugverbindung von Haifa am Mittelmeer im osmanischen Libanon nach Darʿa im Hauran (zu osmanisch Syrien), wo Anschluss zur Hedschasbahn bestand. Diese Bahnstrecke bot Pilgern auf dem Haddsch und zurück eine Verbindung, war aber gleichermaßen wirtschaftlich und militärisch von Belang, wie zur Sicherung der osmanischen Herrschaft auf der Arabischen Halbinsel.Walter Rothschild, Arthur Kirby and the last years of Palestine Railways: 1945–1948, Berlin: Selbstverlag, 2009, zugl. London King’s College Diss., 2009, Seite wie gesondert angegeben. Der Bahnhof Dschisr alMadschami ging zu osmanischer Zeit 1905 ab Haifa rechnend als sechste Station der Strecke in Betrieb.Uri Maltz (), “”, auf: T(r)ip; abgerufen am 17. Juni 2026.
Zwischen dem Hauran und Haifa wirkte die Jesreʿeltalbahn wirtschaftlich belebend. Denn obwohl die Strecke ab Seehafen Haifa mit 160,9 Kilometern bis Darʿa und 286 Kilometern bis Damaskus doppelt so lang war wie die Libanonbahn ab Beirut mit 143 Kilometern, war sie doch leistungsfähiger und bot niedrigere Fahrtarife, da sie ohne zeitraubende Zahnstangenetappen und Spitzkehren auskam und nicht wie diese durch verzinsliche Kredite, sondern durch Spenden unter Muslimen – allen voran waren Gläubige im wirtschaftlich potenten Britisch-Indien größte Stifter – und Zwangsabgaben unter osmanischen Staatsdienern finanziert war.Alex Carmel (), Geschichte Haifas in der türkischen Zeit 1516–1918, Wiesbaden: Harrassowitz, 1975, S. 113. ISBN 3-447-01636-1. Während des Ersten Weltkriegs war die Bahnstrecke zwischen 1915 und 1918 als Etappe der osmanischen Militärbahn in Palästina wichtig im Nachschub der Mittelmächte. Deren Niederlage setzte dem ein Ende.
mini|Bahnbrücke (1) von 1904, Straßenbrücke (2) von 1925 und römische Bogenbrücke (3) über den Jordan mit Zoll und Grundriss des mamlukischen Chans, 2011 In den 1918 bis 1923 neu geschaffenen Territorien kam der Bahnhof ans neue Mandatsgebiet Palästina und wurde Grenzbahnhof zum ebenso neuen Transjordanien (2023 gegründet). Etwa einen halben Kilometer nördlich vom Bahnhof wurde ein Tiergehege zur Quarantäne eingerichtet, um die Einschleppung von Tierseuchen zu wehren. Den Chan bezogen 1920 demobilisierte Soldaten der palästinensischen Jüdischen Legion, wegen ihrer baschkirischen Herkunft hatten die Osmanen sie 1915 des Reiches verwiesen. Sie nannten den Ort Dschisr al-Madschamiʿ in Gescher Nechalim um. Auch den Bewohnern des 6,8 Kilometer entfernten Menachemjas (; 1921 auf verkauften Ländereien der Sursuqs gegründet) diente der Bahnhof. Nach drei Jahren verließen die Bewohner den Ort, ihnen folgte 1923 eine lettische Gruppe, die aber im Jahr darauf 5,7 Kilometer weiter nördlich Aschdot Jaʿaqov gründete. Den Chan und seine wenigen Nebengebäude nutzten sie von Aschdot Jaʿaqov aus weiter als Lager, auch die Amtsbauten (Bahnhof, Zollamt, Viehquarantäne) blieben in Gebrauch mit meist arabischen Amtsträgern und deren Angehörigen etwa 40 Personen, die in Häusern der Wohnlage am Bahnhof wohnten, wie für 1948 als Dschisr alMadschami () im Plan Geschers angezeigt.Vgl. auf NN, גֶּשֶׁר 1948 (deutsche Beschriftung), 2019.
mini|Chadar Ochel (Speiseraum im Kibbuz) von 1939 in landestypischem Basalt, 2024 Als Reaktion auf die Gewalttaten im Großen Arabischen Aufstand (1936–1939), größte Erhebung seiner Zeit gegen eine britische Kolonialverwaltung, gegen jüdische Palästinenser des Jischuvs und britische Militär- wie Zivilpersonen ließ Sir Charles Tegart, ab Dezember 1937 Inspector-General (Generalinspekteur) der Palestine Police, landesweit Festungen, so genannte Tegart-Forts, erbauen. Ab Ende des Aufstands bezogen Mitglieder von HaNoʿar haʿOved und Deutsche aus der Jugend-ʿAlijjah schließlich 1939 den Ort, den Cham und weitere Bauten, und kürzten seinen Namen auf Gescher. Die neu Zugezogenen bewohnten zunächst die beeindruckenden Überreste des alten Mamluken-Chans, in dessen steinernen Mauern sie ihren Speisesaal errichteten, einziges erhaltenes Gebäude des Chans.