mini|Cécile Cerf, ca. 1958 mini|Grabmal von Cécile und Marcel Cerf; Cimetière de Montrouge, Paris Cécile Cerf, geborene Cypora Salit (geboren 12. Januar 1916 in Vilnius, Russisches Kaiserreich; gestorben 29. Dezember 1973 im 14. Arrondissement, Paris, Frankreich), war eine jüdische russisch-französische Widerstandskämpferin im Zweiten Weltkrieg.Soweit nicht anders angegeben folgt die Darstellung der aufgeführten Literatur.
Cerf spielte eine sehr aktive Rolle in den Gruppen der Main-d’œuvre immigrée (MOI) innerhalb der Widerstandsbewegung der Francs-tireurs et partisans – main d’œuvre immigrée (FTP-MOI). In der unmittelbaren Nachkriegszeit war sie Mitbegründerin der Commission centrale de l’enfance (CCE), die sich der Betreuung von Waisenkindern des Holocausts widmete.
Leben Cerf wurde in Vilnius geboren, das damals zum Russischen Kaiserreich gehörte. Nach dem Ersten Weltkrieg und der Russischen Revolution wurde Vilnius 1920 Hauptstadt der von Litauen abgespaltenen Litwa Środkowa (Mittellitauen), die sich 1922 Polen anschloss und es bis zum Zweiten Weltkrieg blieb. In den 1920er Jahren war ein Vilnius ein bedeutendes Zentrum jüdischer Kultur. Traditionalismus und Modernismus, Mystik und Marxismus, Zionismus und Antizionismus trafen dort aufeinander. In einem Klima großer intellektueller und künstlerischer Aufbruchstimmung absolvierte Cerf ein turbulentes Studium. Als älteste Tochter des in dieser Zeit bedeutenden Intellekturellen Moshe Shalit beherrschte Cerf mehrere Sprachen und schloss sich bereits im Alter von 14 Jahren der revolutionären Studierendenbewegung gegen die polnische Militärdiktatur von Józef Piłsudski an.
Ab 1932 setzte Cerf ihre Schulausbildung in Paris fort. Nach einem kurzen Aufenthalt am Lycée Victor-Duruy brach sie ihre akademische Ausbildung aus politischer Überzeugung ab, um das Leben der Arbeiterklasse hautnah zu erleben. 1934 heiratete sie Marcel Cerf, nahm die französische Staatsbürgerschaft an und stellte sich den Rechtsradikalen in den Unruhen vom 6. Februar 1934 entgegen.
Während des Zweiten Weltkriegs war ihr Mann fünf Jahre Kriegsgefangener in Deutschland. Cerf zog die gemeinsame Tochter Claudine, die zu Beginn des Konflikts geboren worden war, alleine groß, schloss sich jedoch bereits 1942 der Résistance gegen die nationalsozialistische Besatzung an. Im Dezember 1942 trat sie den Reihen der Francs-tireurs et partisans (FTPF) bei, die später integraler Bestandteil der Forces françaises de l’intérieur (FFI) wurden. Von 1942 bis zur Befreiung betätigte sich Cerf ununterbrochen und konsequent in der Résistance und übernahm dabei immer mehr und vielfältigere Aufgaben. Zunächst war sie als Verbindungsagentin tätig. Sie beteiligte sich an der Rettung jüdischer Kinder, an der Suche nach Unterkünften für die bewaffneten FTPF-Kämpfer und an der Versorgung der Kampfgruppen. Besonders hervorzuheben ist ihr Einsatz bei Waffen- und Materialtransporten, die die Durchführung mehrerer Aktionen ermöglichten, wie die Entgleisung eines deutschen Truppenzugs in der Nähe von Bellay am 17. Januar 1944.
1943 trat Cerf in die Leitung der Untergrundorganisation Solidarité ein. Von August 1943 bis Mai 1944 war Cerf Führungskraft der Francs-tireurs et partisans – main d’œuvre immigrée (FTP-MOI) in der Résistance der Zone Nord. Sie wurde damit beauftragt, die Widerstandsaktivitäten unter Frauen in allen Einwanderergruppen auszubauen. Während dieser gesamten Zeit rekrutierte sie zahlreiche Frauen, die als Verbindungsagentinnen tätig wurden. Ende 1943 richtete sie in Châtenay-Malabry im Haus einer anderen Widerstandskämpferin eine Untergrunddruckerei ein. Diese Druckerei, deren Leitung sie übernahm, war bis zum Mai 1944 in Betrieb und druckte oder vervielfältigte zahlreiche Flugblätter und Untergrundzeitungen der FTPF. Ab Mai 1944 wurde Cécile Cerf als Verantwortliche der FTP-MOI in der Zone Nord mit dem Aufbau von Milizeneinheitren betraut. Sie war insbesondere für den Großraum Paris sowie die Départements Yonne und Côte-d’Or zuständig. Cerf erledigte ihre Aufträge mit dem Fahrrad und transportierte dabei insbesondere die Schablonen für den Druck der Untergrundflugblätter in die Departements, die sie besuchte. Im gleichen Zeitraum führte sie Einsätze im Département Saône-et-Loire durch und organisierte den Widerstand unter den Frauen in Form von Unterstützung für die Maquis.Offizielle Aussage von Gaston Laroche, Capitaine FFI, Nr. 11 331, Commandant de détachement, C.V.R. 75 188.
Nach Kriegsende gründete Cerf gemeinsam mit sechs weiteren Widerstandskämpferinnen der FTP-MOI aus den MOI-Untergruppen der Union des Juifs pour la résistance et l'entraide (UJRE) und des Mouvement national contre le racisme (MNCR) die „Commission Centrale de l’Enfance“ (CCE). Es wurden Kinderheime und Jugendheime eingerichtet, um die Waisenkinder aufzunehmen, die den Holocaust überlebt hatten. Pädagogen, Erzieher, Leiter und Betreuer wurden für die Heime geschult.
Cerf wurde die erste Geschäftsführerin der Zeitung Droit et Liberté des Mouvement contre le racisme et pour l’amitié entre les peuples (MRAP). Sie wurde Redaktionssekretärin der progressiven jiddischsprachigen Tageszeitung Naie Presse, die die Bewahrung der Sprache und Kultur sowie die Verteidigung von republikanischen Freiheiten zum Ziele. Als Leiterin der Buchhandlung Renouveau lud sie regelmäßig Schriftsteller unterschiedlichster Herkunft ein, um Begegnungen mit den Lesern zu ermöglichen. 1959 organisierte Cerf zu Ehren von Scholem Alejchem anlässlich seines hundertsten Geburtstags an der Sorbonne eine Abendveranstaltung und ein Kolloquium bei der UNESCO im Rahmen einer Ausstellung für den großen jiddischen Schriftsteller.
Für die Presse Nouvelle Hebdomadaire (PNH) übersetzte Cerf zahlreiche Kurzgeschichten klassischer und moderner jiddischsprachiger Schriftsteller, die der französischen Öffentlichkeit bis dahin völlig unbekannt waren. Sie übersetzte auch die Texte von jiddischen Volksliedern. Cerf setzte sich für den Dialog zwischen den Kulturen, für ein unabhängiges Algerien, gegen den Krieg in Indochina bzw. in Vietnam und für die Verteidigung der Unterdrückten ein.
Cerf starb 1973 in Paris.
Veröffentlichungen (Auswahl)
Literatur
Weblinks
Einzelnachweise
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