mini|Chaïm Soutine: La Petite Madeleine des décorateurs (Porträt von Madeleine Castaing, um 1929). Metropolitan Museum of Art, New York City Madeleine Castaing (geb. Marie Madeleine Marcelle Magistry; * 19. Dezember 1894 in Chartres; † 17. Dezember 1992 in Paris) war eine französische Kunstsammlerin, Antiquitätenhändlerin und Innendekorateurin. Sie gilt als Begründerin des nach ihr benannten Einrichtungsstils Style Castaing und war eine bedeutende Förderin des Malers Chaïm Soutine. In der Geschichte der französischen Innendekoration ist sie eine eigenständige, einflussreiche Figur, deren Stil bis heute in Neuauflagen von Textilien, Tapeten und Möbelentwürfen fortwirkt. Jean Cocteau bezeichnete sie als Décoratrice des âmes (Dekorateurin der Seelen).
Leben Madeleine Magistry wurde als Tochter des Eisenbahningenieurs Auguste Magistry geboren, der an der Modernisierung des Bahnhofs von Chartres beteiligt war. Sie verbrachte ihre Kindheit zwischen Paris und dem Landsitz ihrer Familie, der Villa des Roses in Saint-Prest bei Chartres. 1915 heiratete sie in Saint-Prest den rund zwanzig Jahre älteren Kunstkritiker Marcellin Castaing, der aus einer vermögenden Familie aus Toulouse stammte. In den 1920er Jahren trat Madeleine Castaing kurzzeitig als Schauspielerin in Stummfilmen auf, gab diese Tätigkeit jedoch bald wieder auf. Ihr Mann erwarb für sie ein klassizistisches Landhaus in Lèves, dessen Einrichtung sie selbst gestaltete. mini|Madeleine et Marcellin Castaing (1920er Jahre)In den 1920er- und 1930er-Jahren wurde das Haus zu einem Treffpunkt für Künstler und Schriftsteller wie Chaïm Soutine, Marc Chagall, Pablo Picasso, André Derain, Erik Satie, Maurice Sachs, Blaise Cendrars und Louise de Vilmorin. Madeleine und Marcellin Castaing förderten insbesondere Chaïm Soutine, der zwischen 1930 und 1935 wiederholt in Lèves wohnte. Im Laufe der Zeit bildete das Ehepaar die größte private Sammlung von Gemälden des Künstlers mit rund vierzig Werken. Soutine porträtierte Madeleine Castaing um 1928/1929 unter dem Titel La Petite Madeleine des décorateurs. Das Bild befindet sich heute im Metropolitan Museum of Art in New York.
Während der deutschen Besetzung Frankreichs hatten die Deutschen das Anwesen in Lèves requiriert. Madeleine Castaing eröffnete daraufhin in Paris ein Antiquitäten- und Einrichtungsgeschäft an der Ecke Rue Jacob/Rue Bonaparte im 6. Arrondissement. Das Geschäft mit seiner schwarzen Fassade bestand über mehrere Jahrzehnte und wurde zu einem festen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens von Saint-Germain-des-Prés. Zu ihren Kundinnen und Kunden zählten unter anderem Jean Cocteau, für den sie das Haus in Milly-la-Forêt einrichtete, und Francine Weisweiller, deren Villa Santo Sospir in Saint-Jean-Cap-Ferrat sie gestaltete.
Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1969 zog Madeleine Castaing in eine Wohnung über ihrem Geschäft. Sie führte das Geschäft bis ins hohe Alter weiter. Madeleine Castaing starb am 17. Dezember 1992 in Paris, zwei Tage vor ihrem 98. Geburtstag. Das Geschäft in der Rue Jacob wurde 2004 geschlossen und der Inhalt des Ladens sowie der Wohnung darüber und des Anwesens in Lèves durch das Auktionshaus Sotheby’s versteigert.
Werk
Madeleine Castaing hatte keine formale Ausbildung als Dekorateurin oder Designerin; ihr Stil entwickelte sich autodidaktisch aus der Einrichtung ihres eigenen Hauses in Lèves. Der nach ihr benannte Style Castaing verbindet Elemente des Neoklassizismus und des Empire mit solchen des Second Empire (insbesondere des Stils Napoleon III.) sowie zeitgenössischen Einflüssen. Charakteristisch hierfür sind kräftige Farbkontraste, gemusterte Stoffe – darunter Leopardenmuster und Streifen – sowie ein von ihr entwickelter, als bleu Castaing bezeichneter, helladriger, intensiver Blauton, den sie häufig mit Schwarz oder gebrochenem Weiß kombinierte.
Madeleine Castaing entwarf Stoffe, Tapeten und Teppiche, die teilweise bis heute von französischen Einrichtungshäusern reproduziert werden. Sie war zudem als Mäzenin tätig. Neben Chaïm Soutine unterstützte das Ehepaar Castaing weitere Künstler der École de Paris.
Literatur
Emily Evans Eerdmans: Madeleine Castaing (französische Ausgabe). Éditions du Regard, Paris 2010. Emily Evans Eerdmans: The World of Madeleine Castaing. Rizzoli, New York 2010. Jean-Noël Liaut: Madeleine Castaing. Mécène à Montparnasse, décoratrice à Saint-Germain-des-Prés. Payot, Paris 2008. Lisa Lovatt-Smith: Paris Interiors. Taschen, Köln 2008. (mit einem Abschnitt über Madeleine Castaing) Patrick Mauriès, Christian Lacroix: Styles d'aujourd'hui. Gallimard/Le Promeneur, Paris 1995. Suzanne Trocmé: Influential Interiors. Mitchell Beazley, London 1999. (mit einem Kapitel zu Madeleine Castaing) Barbara Stoeltie, René Stoeltie: Chez Elles. Le décor au féminin. Flammarion, Paris 2003. (S. 13–19 über Madeleine Castaing) Adam Lewis: The Great Lady Decorators. The Women Who Defined Interior Design, 1870–1955. Rizzoli, New York 2010. (mit einem Kapitel über Madeleine Castaing) Hervé Joubeaux, Pierre Falicon: Le Temps retrouvé chez Madeleine Castaing. Musée des Beaux-Arts, Chartres 1997. Sotheby's: L'Univers de Madeleine Castaing. Auktionskatalog, Galerie Charpentier, Paris 2004. Weblinks
Inspired by: Madeleine Castaing (Cabana Magazine) The Art of French Kitsch and its Eccentric Parisian Queen Madeleine Castaing: Art de Vivre Revolution Olivier Berni Intérieurs Einzelnachweise
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