Das Deutsche Haus (auch Deutsches Volkshaus; ) ist ein zwischen 1908 und 1910 errichtetes Kultur- und Vereinshaus in Czernowitz. Es befindet sich in der Olha-Kobyljanska-Straße 53, der früheren Herrengasse. Das Gebäude wurde vom Verein der christlichen Deutschen in der Bukowina als gesellschaftlicher und kultureller Mittelpunkt der christlichen deutschsprachigen Bevölkerung von Czernowitz und der Bukowina errichtet.

Vorgeschichte In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden in Czernowitz zahlreiche kulturelle, soziale, wirtschaftliche und politische Vereinigungen, die sich an den Interessen der Bevölkerungsgruppen der Stadt orientierten. Die deutschsprachige Bevölkerung bildete dabei eine inhomogene Gemeinschaft. Neben konfessionellen und sozialen Unterschieden bestand insbesondere eine Trennung zwischen den christlichen Deutschen und den vielfach deutschsprachigen jüdischen Einwohnern der Stadt.

Am 11. April 1897 wurde der Verein der christlichen Deutschen in der Bukowina gegründet. In ihm organisierten sich deutschsprachige Katholiken und Protestanten.

Wegen wachsender Mitgliederzahlen wechselte der Verein mehrfach seine Räume. Die Vereinskanzlei befand sich zunächst in der Neue-Welt-Gasse 10, anschließend am Franz-Josephs-Platz 4 und später in der Herrengasse 19. Im Jahr 1899 erwarb der Verein ein erstes eigenes Haus in der Siebenbürgerstraße 40.

Da dieses Gebäude den Anforderungen des wachsenden Vereinslebens nicht dauerhaft genügte, wurde der Bau eines größeren Volkshauses beschlossen und durch Spenden finanziert.

Bau und Architektur mini|Festsaal (1905) Das Deutsche Haus wurde zwischen 1908 und 1910 auf mehreren zusammengelegten Grundstücken in der damaligen Herrengasse 47 errichtet. Für den Neubau wurden die dort vorhandenen kleineren Gebäude abgetragen. Die feierliche Eröffnung fand am 5. Juni 1910 statt.

Der Entwurf des Gebäudes stammt vom Architekten Gustav Fritsch und der Bau wurde von Erwin Müller ausgeführt. Das Deutsche Haus verbindet Elemente des Jugendstils des beginnenden 20. Jahrhunderts und der Neogotik.

Die langgestreckte Straßenfassade wird im Erdgeschoss durch spitzbogige Öffnungen gegliedert. Die oberen Geschosse besitzen Erker, Balkone, unterschiedlich geformte Fensteröffnungen und mehrere Giebel. Der hervorgehobene Mittelteil wird von einem hohen Giebel mit einem großen, durch fachwerkartige Holzelemente gegliederten Fensterfeld abgeschlossen.

Das Gebäude enthielt ein Restaurant, einen Weinkeller, Vereins- und Büroräume, Versammlungszimmer sowie einen großen Festsaal. Dessen historische Farbgestaltung in Schwarz, Rot und Gold nahm die Farben der deutschen Nationalbewegung auf.

Nutzung bis 1991 Nach seiner Eröffnung wurde das Deutsche Haus als eines der letzten in Czernowitz entstandenen Nationalhäuser zu einem wichtigen organisatorischen und kulturellen Zentrum der christlichen deutschsprachigen Bevölkerung der Bukowina. Neben dem Verein der christlichen Deutschen waren dort unter anderem wirtschaftliche und kulturelle Vereinigungen, eine Raiffeisenkasse, eine Verlagsgesellschaft sowie studentische Verbindungen untergebracht. Das Haus diente als Vereins- und Veranstaltungsort, an dem Versammlungen, Vorträge, Konzerte, Theateraufführungen und gesellschaftliche Veranstaltungen stattfanden. Einzelne Räume und gastronomische Einrichtungen standen auch Angehörigen anderer Bevölkerungsgruppen offen.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Eingliederung der Bukowina in das Königreich Rumänien blieb das Deutsche Haus ein Sitz deutscher Vereine und Kultureinrichtungen. 1919 begannen Deutsche schrittweise, das vor dem Kriege Erworbene im nun königlichen Rumänien zurückzuerlangen. Die Handlungsmöglichkeiten waren nun jedoch durch die rumänische Nationalitäten- und Sprachpolitik geprägt.

Im Juni 1940 besetzte die Sowjetunion die nördliche Bukowina. Im Herbst 1940 wurde der überwiegende Teil der deutschen Bevölkerung der Bukowina auf der Grundlage deutsch-sowjetischer Vereinbarungen in das Deutsche Reich umgesiedelt. Mit der weitgehenden Auflösung der deutschen Bevölkerungsgruppe verlor das Deutsche Haus seine ursprüngliche Funktion. Während der sowjetischen Herrschaft diente das Gebäude zunächst als Wohnheim für Studierende und Lehrende der medizinischen Hochschule. Später wurden Teile des Hauses zu Wohnungen umgebaut. Im ehemaligen Festsaal wurde ein Kino mit dem Namen Ukraina eingerichtet.

Nutzung seit 1991 Nach der Unabhängigkeit der Ukraine stellte die Stadt Czernowitz den nationalen Vereinigungen ab 1991 erneut Räume in den historischen Nationalhäusern zur Verfügung. Im Deutschen Haus bezog der Verband der österreichisch-deutschen Kultur Wiedergeburt mehrere Räume. Seitdem dient das Gebäude wieder für deutschsprachige Kultur- und Bildungsarbeit. Teile des Gebäudes werden als Wohnungen sowie für geschäftliche und gastronomische Zwecke genutzt.

Im Dachgeschoss wurde ein Ausstellungsraum eingerichtet, der dem 1899 in Czernowitz geborenen deutschsprachigen Schriftsteller Georg Drozdowski gewidmet ist.

Literatur

Mariana Hausleitner: Die Rumänisierung der Bukowina. Die Durchsetzung des nationalstaatlichen Anspruchs Großrumäniens 1918–1944. Oldenbourg, München 2001, ISBN 3-486-56585-0. Mariana Hausleitner: Fünf verschiedene Vereinshäuser in Czernowitz und ihre Entwicklung bis 1914. In: Peter Haslinger, Heidi Hein-Kircher, Rudolf Jaworski (Hrsg.): Heimstätten der Nation. Ostmitteleuropäische Vereins- und Gesellschaftshäuser im transnationalen Vergleich. Herder-Institut, Marburg 2013, ISBN 978-3-87969-369-6. Sergij Osatschuk: Das Deutsche Haus in Czernowitz – Mittelpunkt des national-kulturellen Lebens der Bukowina-Deutschen. In: Hundert Jahre „Deutsches Haus“ in Czernowitz. Eine Jubiläumsschrift. Wien 2010, ISBN 978-3-902368-27-0. Maren Röger, Alexander Weidle (Hrsg.): Bukowina-Deutsche. Erfindungen, Erfahrungen und Erzählungen einer (imaginierten) Gemeinschaft seit 1775. Danubiana Carpathica, Band 10 (57). De Gruyter Oldenbourg, Berlin/Boston 2020, ISBN 978-3-11-060338-5. Emanuel Turczynski: Geschichte der Bukowina in der Neuzeit. Zur Sozial- und Kulturgeschichte einer mitteleuropäisch geprägten Landschaft. Harrassowitz, Wiesbaden 1993, ISBN 3-447-03295-2.

Weblinks

Deutsches Haus in der Digitalen Topographie der multikulturellen Bukowina Deutsches Volkshaus in Czernowitz auf der Website der Universität Augsburg Historische Aufnahme und Gebäudebeschreibung im Urban Media Archive des Center for Urban History of East Central Europe

Einzelnachweise

Kategorie:Bauwerk in Czernowitz Kategorie:Bauwerk in der Ukraine Kategorie:Bauwerk des Jugendstils in der Ukraine Kategorie:Erbaut in den 1910er Jahren