Die Straßenbahn Shanghai war das Straßenbahnsystem der chinesischen Millionenstadt Shanghai. 1908 und 1913 eröffneten drei Unternehmen ihre Netze, die nach dem Zweiten Weltkrieg zusammengeschlossen und verstaatlicht wurden. Am 1. Dezember 1975 wurde die letzte Strecke stillgelegt. Seit 2018 gibt es mit der Straßenbahn Songjiang ein neues, auf den Bezirk Songjiang beschränktes System. Von 2009 bis 2023 gab es außerdem ein als Zhangjiang Tram bezeichnetes Translohrsystem.
Geschichte
Entstehung und Ausbau Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte Shanghai eine Größe erreicht, bei der ein leistungsfähiges öffentliches Personennahverkehrsmittel benötigt wurde. Wegen der Bedeutung der Stadt für den Außenhandel des Kaiserreichs China gab es eine französische und eine internationale Enklave, letztere als Shanghai International Settlement ursprünglich britisch-amerikanisch. Dies führte dazu, dass mehrere Unternehmen unterschiedlicher Nationalitäten Pläne für Straßenbahnnetze vorlegten, beginnend mit dem französisch-britischen Shanghai Tram Syndicate. mini|Aktie der Shanghai Electric Construction CompanyAls erstes Unternehmen tatsächlich mit dem Bau begann die britische The Shanghai Electric Construction Company Ltd. bzw. Shanghai Tramways. Sie verfügte im Jahr 1905 über ein Kapital von £320,000. 1936 waren es bereits £700,000. Das Unternehmen eröffnete seine erste sechs Kilometer lange Strecke Bund–Jing’an-Tempel am 15. März 1908. Bereits im Mai 1908 folgte die französische La Compagnie Française de Tramways et d‘Éclairage Électrique de Changhai mit einem von drei Linien befahrenen Netz. Erst einige Jahre später, am 16. August 1913 eröffnete die Chinese Electric Power Co. Ltd. bzw. Chinese Tramways Company ihre erste Strecke. Diese verlief über etwa vier Kilometer entlang des Bund zwischen dem Marche de l'Est und dem Bahnhof der Eisenbahn nach Hangzhou.
mini|Triebwagen im Jahr 1908Die Netze aller drei Unternehmen waren meterspurig. Sowohl die britische als auch die chinesische Gesellschaft boten zwei Wagenklassen an. Die Linien waren nummeriert und im Fall der britischen Gesellschaft mit dem Suffix B versehen, im Fall der französischen Gesellschaft mit dem Suffix F. Im Januar 1916 wurden sechs Linien von der britischen und je drei Linien von der französischen der chinesischen Gesellschaft betrieben. Das britische Netz hatte eine Gleislänge von etwa 41,5 Kilometern und wurde mit 90 Trieb- sowie 70 Beiwagen bedient. 1920 betrug die britische Streckenlänge ungefähr 26 Kilometer. 1925 hatten die drei Unternehmen zusammen 328 Fahrzeuge, die auf 14 Linien verkehrten. Davon entfielen sieben Linien und 216 Fahrzeuge auf das britische Netz, drei Linien und 60 Fahrzeuge auf das französische sowie vier Linien und 52 Fahrzeuge auf das chinesische. mini|1930 am französischen Abschnitt des Bund1937 betrieben die britische Gesellschaft acht Linien von zwei Betriebshöfen aus, die französische und die chinesische Gesellschaft jeweils vier Linien von einem Betriebshof aus. Im gleichen Jahr wurden bei der Schlacht um Shanghai die nördlichen und östlichen Strecken der britischen Gesellschaft beschädigt. +Linien der einzelnen GesellschaftenGesellschaftJanuar 19161937Shanghai Tramways1B, 3B, 5B–8B1B–3B, 5B–8B, 11BCompagnie Française4F, 5F, 10F4F–6F, 10FChinese Tramways Company1–31–4
Verstaatlichung und Niedergang
Nach dem Ende des Chinesisches Bürgerkriegs wurde die gesamte Straßenbahn vereinheitlicht und verstaatlicht. 1954 wurden noch acht Linien betrieben (1–3, 5–8, 12). Neue Fahrzeuge wurden nicht mehr beschafft, sondern lediglich der Bestand erhalten. Auch der Zustand der Infrastruktur verschlechterte sich erheblich. Der zunehmende motorisierte Individualverkehr erschwerte den Betrieb in engen Straßen und statt der Straßenbahn wurde der seit 1914 vorhandene Oberleitungsbus ausgebaut, der schließlich auch vorhandene Straßenbahnstrecken ersetzte. 1970 wurden noch fünf Linien betrieben (1–3, 5, 8). Die letzte Strecke Hongkou Park – Wujiaochang, bedient von der Linie 3, wurde am 1. Dezember 1975 stillgelegt.
Fahrzeuge 1960 gliederte sich der Triebwagenbestand im Wesentlichen in zwei Typen. Überwiegend wurden ursprünglich britische Zweiachser mit zweiachsigen Mitteleinstiegsbeiwagen eingesetzt. Auf einer Vorortlinie fuhren hingegen ursprünglich französische Triebwagen mit Maximumdrehgestellen und seitlich offenen Einstiegsplattformen an den Enden. Sie führten auch vierachsige Beiwagen mit. Es wurden Bolzenkupplungen und Stangenstromabnehmer mit Schleifschuh verwendet. Unterhalb der Fenster waren die Fahrzeuge dunkelgrün oder rotbraun lackiert.
Die britische Gesellschaft hatte in den Anfangsjahren zu den chinesischen Neujahrsfesten manchmal anlassbezogen dekorierte Fahrzeuge präsentiert.
Sonstiges Wenig bekannt ist über die Nanwi Motor Bus Company, die in den 1920er Jahren drei zweiachsige, mit Benzol zu betreibende Verbrennungstriebwagen mit zweiachsigen Beiwagen von der AEG liefern ließ – die anderen Unternehmen hatten von Anfang an auf den elektrischen Betrieb mit Oberleitung gesetzt. Der wagenbauliche Teil der Fahrzeuge wurde von Linke-Hofmann-Lauchhammer in Köln gefertigt. Im Frühjahr 1923 waren sie noch in Bau. In einem AEG-Katalog von Mai 1923 werden Vergasermotoren mit 50 PS Leistung als Motorisierung angegeben – Standard bei derartigen AEG-Triebwagen waren allerdings 75 PS. Auch wagenbaulich unterschieden sie sich deutlich von den Fahrzeugen anderer Auftraggeber.
Im Shanghai Chedun Film Park in Chedun Town im Bezirk Songjiang gibt es eine zweigleisige Ringstrecke durch Straßenzüge mit Kulissen verschiedener Epochen. Mehrere Abzweige und eine Attrappe einer kreuzenden Strecken sollen den Eindruck eines größeren Netzes erwecken. Das Depot und die Strecke dorthin sind eingleisig. Für den Betrieb sind zwei 1998 von der Dalian Tramways Company gebaute Drehgestellwagen in historischem Erscheinungsbild mit offenen Endplattformen vorhanden, von denen meist nur einer eingesetzt wird. Es werden Stangenstromabnehmer verwendet. Außerdem sind in einer größeren Wagenhalle Fahrzeuge mehrerer Epochen abgestellt.
Zur Erinnerung an die Straßenbahn wurden ab September 2022 Oberleitungsbusse im „Tram Look“ (Straßenbahn-Aussehen) in Dienst gestellt. Anfangs wurden sie gezielt auf der Linie 20 eingesetzt, in deren Verlauf es auch Straßenbahnstrecken gegeben hatte.
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Einzelnachweise
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