Die Finnischen Jäger waren Freiwillige aus dem Großfürstentum Finnland, das bis 1917 zum Russischen Zarenreich gehörte, ohne Soldaten für die Kaiserlich Russische Armee stellen zu müssen. Sie wurden ab dem Februar 1915 im Deutschen Kaiserreich militärisch ausgebildet und nachfolgend im Königlich-Preußischen Jäger-Bataillon Nr. 27 an der Ostfront eingesetzt. Diese Jäger bildeten nach der Überführung in die finnische Heimat im Finnischen Bürgerkrieg Anfang 1918 den Stamm der finnischen Streitkräfte.
Geschichte Finnlands günstige strategische Lage im Ostseeraum gewann nach Beginn des Ersten Weltkrieges zunehmend an Bedeutung, insbesondere unter Berücksichtigung der deutsch-russischen Auseinandersetzung an der Ostfront.
Aktivistische Bewegung Am 27. Oktober 1914 gründete sich in Helsinki im Studentenhaus Ostrobotnia das „Provisorische Zentralkomitee der Aktivistischen Bewegung“. Die Gründung der „Aktivistischen Bewegung“ bildete den Anfang der finnischen Jägerbewegung.Agilolf Keßelring: Des Kaisers „finnische Legion“. Die finnische Jägerbewegung im Ersten Weltkrieg im Kontext der deutschen Finnlandpolitik. BWV, Berlin 2005, S. 51. Das Provisorische Zentralkomitee der Aktivistischen Bewegung hatte folgende Ziele: Gute Verbindungen mit Deutschland zu unterhalten und Nachrichten von Finnland in Deutschland zu verbreiten, um hierdurch das Interesse an der Sache Finnlands wachzuhalten. Das deutsche Militär durch Beschaffung von Nachrichten über russische Truppenbewegungen, Befestigungen und Waffenlager zu unterstützen sowie Vorbereitungen für eine mögliche Landung in Finnland zu treffen. Eine künftige gewaltsame Erhebung des finnischen Volkes vorzubereiten, durch Aufklärung der Bevölkerung und der Anschaffung von Waffen und Sprengstoff zur Bildung einer „Volksarmee“.
mini|Ehemaliges Studentenhaus „Ostrobotnia“ in Helsinki Die finnischen Aktivisten Bertel PauligAm 26. April 1918 im Kampf gegen die Roten Garden bei Viipuri (Wiborg) gefallen. und Walter Horn reisten am 2. Dezember 1914 nach Stockholm, wo sie sich später mit dem deutschen Kontaktmann des Finnischen Komitees Herman Gummerus trafen.Agilolf Keßelring: Des Kaisers „finnische Legion“. Die finnische Jägerbewegung im Ersten Weltkrieg im Kontext der deutschen Finnlandpolitik. BWV, Berlin 2005, S. 57.Heinz Halter: Finnlands Jugend bricht Rußlands Ketten: Die Geschichte des preußischen Jäger-Bataillons 27. Ein Tatsachenbericht aus dem Weltkrieg. Schwarzhäupter-Verlag, Leipzig 1938, S. 55 f. Bei diesem Treffen wurde erstmals die Entsendung von Freiwilligen zur militärischen Ausbildung nach Deutschland besprochen. Gummerus informierte daraufhin die zuständigen deutschen Stellen bzw. Entscheidungsträger, hierunter der deutsche Militärattaché in Stockholm Major Karl von Aweyden,Rupert (Hrsg.): Bauern und Helden. Ein Finnlandbuch. Lühe-Verlag, Leipzig 1944, S. 52. über den Inhalt der Gespräche. Über die weitere Vorgehensweise gab es bei den deutschen Behörden recht unterschiedliche Ansichten. Der deutsche Admiralsstab befürwortete Sabotageaktionen, General Erich von Falkenhayn war hingegen an den Möglichkeiten der „Erregung eines Aufstandes“ interessiert. Das Auswärtige Amt stand der „Finnlandfrage“ eher skeptisch gegenüber, ein möglicher Separatfrieden mit Russland sollte nicht gefährdet werden. Falkenhayn setzte nachfolgend eine Besprechung an, zur Koordination des weiteren gemeinsamen Vorgehens. Bei folgender Besprechung am 26. Januar 1915 im deutschen Kriegsministerium, gelangte man zu der Erkenntnis, dass die Aufstellung eines größeren finnischen Hilfskorps nicht den aktuellen militärischen Erwägungen entsprach.Agilolf Keßelring: Des Kaisers „finnische Legion“. Die finnische Jägerbewegung im Ersten Weltkrieg im Kontext der deutschen Finnlandpolitik. BWV, Berlin 2005, S. 60 ff. Das Hilfskorps sollte bei einer Landung der Deutschen in Finnland hinter den feindlichen Linien operieren. Im Jahr 1915 sah man sich allerdings noch nicht in der Lage, eine derartige Landungsoperation durchzuführen. Die von der finnischen Aktivistischen Bewegung angebotenen 200 Freiwilligen sollten trotzdem ihre militärische Ausbildung in Deutschland erhalten, auch um für eine später durchzuführende Landungsoperation vorbereitet zu sein.
Pfadfinder-Feldmeister-Kurs Unter strikter Geheimhaltung begann am 15. Februar 1915 der erste Ausbildungskurs mit 170 Teilnehmern, der zur Tarnung als „Pfadfinder-Feldmeister-Kurs“ bezeichnet wurde.Agilolf Keßelring: Des Kaisers „finnische Legion“. Die finnische Jägerbewegung im Ersten Weltkrieg im Kontext der deutschen Finnlandpolitik. BWV, Berlin 2005, S. 64 ff. Die Dauer des Lehrganges sollte vier Wochen betragen. Bei den zugeführten Freiwilligen handelte es sich um gut ausgebildete Finnen. Aus Geheimhaltungsgründen musste auch die Anreise verschleiert werden, so reisten 142 Freiwillige über Stockholm an. Die restlichen 28 Teilnehmer waren bereits vor Lehrgangsbeginn im Deutschen Reich gemeldet. Major Maximilian Bayer übernahm die Ausbildung der Freiwilligen im Lockstedter Lager in Schleswig-Holstein. Seine Stellung als Reichsfeldmeister des deutschen Pfadfinderbundes eignete sich ausgezeichnet, um diese verdeckte Ausbildungsmaßnahme zu führen. Anfangs waren auch die Ausbildungsregeln der deutschen Pfadfinder bindend, die dann aber notwendigerweise durch das preußische Militärreglement ersetzt wurden, obwohl sich auch die Ausbildungsinhalte der Pfadfinder wie Melde- und Signaldienst bewährten. Hauptauftrag war es, die jungen Finnen zu militärischen Führern auszubilden. Auch der Bezug zum voraussichtlichen Einsatzgebiet spielte eine entscheidende Rolle bei der Auswahl der Ausbildungsinhalte. Hierzu gehörten die Schießausbildung, die Gefechtsausbildung – im Bezug auf kleinere Abteilungen – und die Infanterieaufklärung.Agilolf Keßelring: Des Kaisers „finnische Legion“. Die finnische Jägerbewegung im Ersten Weltkrieg im Kontext der deutschen Finnlandpolitik. BWV, Berlin 2005, S. 61 f. Folgende Ausbildungsoffiziere wurden dem Pfadfinder-Feldmeister-Kurs zugeteilt: Pionierausbildung: Hauptmann Walter Just Gefechtsausbildung: Hauptmann Hans Bade Maschinengewehrausbildung: Oberleutnant Lemke Waffen- und Geräteausbildung: Feldwebel Steinmüller und Feldwebel Peper
Der Ausbildungskurs gliederte sich nunmehr in zwei Übungskompanien. Die Übungskompanien erreichten Ende April 1915 eine Mannschaftsstärke von jeweils 100 Mann.Agilolf Keßelring: Des Kaisers „finnische Legion“. Die finnische Jägerbewegung im Ersten Weltkrieg im Kontext der deutschen Finnlandpolitik. BWV, Berlin 2005, S. 67 f.
Am 25. April 1915 wurde in einer Besprechung der Verantwortlichen die Erweiterung der zwei Übungskompanien erörtert, diese sollten nunmehr auf vier Infanteriekompanien, eine Pionierkompanie und eine Maschinengewehrkompanie erweitert werden.Agilolf Keßelring: Des Kaisers „finnische Legion“. Die finnische Jägerbewegung im Ersten Weltkrieg im Kontext der deutschen Finnlandpolitik. BWV, Berlin 2005, S. 66 f. Ende Mai wurde dieser Vorschlag in Frage gestellt, am 16. Juni 1915 bei einer Besprechung jedoch wieder aufgegriffen.
Etappenlinie Über die eingerichtete Etappenline Finnland–Stockholm–Gjedser–Warnemünde oder Trelleborg–Saßnitz wurden die Freiwilligen einzeln oder in Gruppen geleitet.Heinz Halter: Finnlands Jugend bricht Rußlands Ketten: Die Geschichte des preußischen Jäger-Bataillons 27. Ein Tatsachenbericht aus dem Weltkrieg. Schwarzhäupter-Verlag, Leipzig 1938, S. 70–76.
Zur Organisation der Etappe richtete man das „Berliner Büro“ in der Landgrafenstraße 20 ein, in dem Hauptmann Höckert und Adolf Fredrik Wetterhoff (1878–1922) ihrer Tätigkeit nachgingen. Das Büro war auch der erste Anlaufpunkt für die finnischen Freiwilligen in Deutschland. Ebenso wurde in Stockholm eine entsprechende Anlaufstelle eingerichtet, welche von Herman Gummerus geleitet wurde. Dort erhielten die Freiwilligen deutsche Pässe, die sie allerdings in Saßnitz wieder aushändigen mussten.
In der finnischen Küstenstadt Tornio befand sich hingegen ein geheimer Kommunikationsstützpunkt. Unter dem Deckmantel der Geschäftspost leitete die dort tätige „Frau Reuter“ wichtige Nachrichten des Stockholmer Büros an die Aktivisten in Helsinki weiter. Der Deckname der Aktion lautete „Costa Negra“. Im Rahmen der Aktion wurden zudem vermeintliche Geschäfte getätigt und „Geschäftsbeziehungen“ gepflegt.
Ausbildungstruppe-Lockstedt mini|Lockstedter Lager Kriegsminister Adolf Wild von Hohenborn erteilte schließlich am 28. August 1915 den Befehl zur Aufstellung der immobilen „Ausbildungstruppe Lockstedt“.Agilolf Keßelring: Des Kaisers „finnische Legion“. Die finnische Jägerbewegung im Ersten Weltkrieg im Kontext der deutschen Finnlandpolitik. BWV, Berlin 2005, S. 77 f. Die Truppenstärke sollte nunmehr auf 1200 Mann erhöht werden. Zum Leiter des Ausbildungskurses wurde wiederum Major Maximilian Bayer bestimmt. In der Folge wurden die jungen Finnen weiterhin auftragsorientiert militärisch ausgebildet. Auf Grundlage des Befehls vom 28. August bildete Major Bayer zwei Jägerkompanien, eine Maschinengewehrkompanie und eine Pionierkompanie. Die Kompanien wurden später von einem deutschen und einem finnischen Kompanieführer befehligt.
Die Geheimhaltung der Ausbildungsmaßnahme wurde beibehalten, insbesondere die Erwähnung der Formation in der Presse sollte unbedingt vermieden werden.Heinz Halter: Finnlands Jugend bricht Rußlands Ketten: Die Geschichte des preußischen Jäger-Bataillons 27. Ein Tatsachenbericht aus dem Weltkrieg. Schwarzhäupter-Verlag, Leipzig 1938, S. 96.
Im Zuge der Neuformierung wurden auch neue Dienstgrade eingeführt, diese Änderung bezog sich jedoch nur auf die finnischen Freiwilligen und deren Organisationsstruktur. Die deutschen Dienstgradbezeichnungen Gefreiter, Unteroffizier, Leutnant, Hauptmann und Major fanden im „Hilfsgruppenführer“, „Gruppenführer“, „Zugführer“, „Oberzugführer“ und „Hauptzugführer“ ihr gleichrangiges Gegenüber.Heinz Halter: Finnlands Jugend bricht Rußlands Ketten: Die Geschichte des preußischen Jäger-Bataillons 27. Ein Tatsachenbericht aus dem Weltkrieg. Schwarzhäupter-Verlag, Leipzig 1938, S. 131. Eine Unterstellung deutscher Mannschaften unter finnische Dienstgrade war grundsätzlich ausgeschlossen worden.Agilolf Keßelring: Des Kaisers „finnische Legion“. Die finnische Jägerbewegung im Ersten Weltkrieg im Kontext der deutschen Finnlandpolitik. BWV, Berlin 2005, S. 79. Die nun gebildete Ausbildungstruppe-Lockstedt wurde dem Generalkommando des IX. Armee-Korps unterstellt.
Die Freiwilligen – jetzt als „Jäger“ bezeichnet – wurden in zwei Klassen eingeteilt. „Klasse A“: In diese Klasse wurden alle Freiwilligen eingeteilt, die vor dem 15. Juli 1915 in den Lehrgang eingetreten waren und bereits eine Ausbildung von sechs Wochen hinter sich hatten. Diese Teilnehmer konnten unmittelbar zum Zugführer, Gruppenführer und Hilfsgruppenführer befördert werden. So konnten zeitnah drei Feldmeister zu Zugführern, 15 Feldmeister zu Gruppenführern und 15 Feldmeister zu Hilfsgruppenführern befördert werden. „Klasse B“: In diese Klasse wurden alle Freiwilligen eingeteilt, die später hinzukamen.
Am 13. März 1916 erfolgte die Aufstellung einer leichten Feldhaubitzenbatterie. Zum 17. März erreichte die Ausbildungstruppe Lockstedt schließlich ihre Sollstärke von 1502 Mann.
Etappennetz