Kindergeburtstag (Originaltitel: Children on Their Birthdays) ist eine 1948 entstandene Fortsetzungsgeschichte„published serially“ – Robert Emmet Long: Children on their birthdays. In: Robert Emmet Long: Truman Capote, Enfant Terrible. Bloomsbury Academic & Professional, New York NY 2014. ISBN 978-0-8264-2763-2. S. 28–32. Hier S. 28. von Truman Capote, die auch als zweite Episode innerhalb des Capote-Erzählbandes Baum der Nacht und andere Erzählungen veröffentlicht wurde.

Kurzbeschreibung Lily Jane Bobbit, ein zehnjähriges, ungewöhnlich selbstsicheres Mädchen, zieht mit ihrer Mutter in eine Kleinstadt und verzaubert die Jugendlichen. Sie wird zur Anführerin und Unternehmerin, schützt die schwarze Rosalba, gewinnt den ersten Preis in einem Talentwettbewerb – Probeaufnahmen in Hollywood – der sich dann als Betrugsunternehmen erweist. Ausgestattet mit dem Geld, das für den Talentwettbewerb eingesetzt worden war, will sie nach Hollywood abreisen. Beim Abschied wird sie von einem Bus überfahren und stirbt.

Inhalt „Es war der Sommer, in dem es nie regnete; rötlich-braune Dürre herrschte weit und breit“, als die 10-jährige Lily Jane Bobbit „als Deus ex machina erscheint: sowohl als künstliches dramatisches Mittel, um die Handlung in Gang zu setzen, als auch als Avatar des Unterbewusstseins der Kinder“.„Miss Bobbit appears as a deus ex machina: both an artificial dramatic device to trigger the plot and an avatar of the children’s subconscious Bobbit’s performance is of a remarkable bad taste; her costume, her choreography and her repertoire are in total disharmony with her age“ – Frédéric Dumas: Absurdist witchcraft in Truman Capote’s „Children on their birthdays“. In: Acta Universitatis Danubis. Communicatio, Jg. 5, Nr. 1, 2011, , S. 24–32. Hier S. 30–31. (htm). Sie tritt zusammen mit ihrer Mutter „aus dem roten Straßenstaub“, betritt mit ihrer Mutter die Gemeinde, in der der Ich-Erzähler Mr. C. wohnt, „mit dem affektierten Gebaren einer Erwachsenen“. Lily Jane Bobbit, gemeinhin nur mit ihrem Nachnamen bezeichnet, „war von einer hageren Vornehmheit, war eine Dame, und was weit mehr ist, sie konnte einen mit männlicher Unerschrockenheit ansehen“. Bobbit erweist im Handlungsverlauf „so etwas wie eine magische Kraft; was sie auch immer tat, es geschah mit einer solchen Vollkommenheit, so unbeirrt und ernsthaft, daß man nichts anderes tun konnte, als ja dazu zu sagen.“ Die meisten Jungen sind bezaubert von ihr, doch die Mädchen „benahmen sich […] wie wildgewordene Hexen, und ein paar Jungen, die albern genug waren und den Mädchen gefallen wollten, machten mit“. Mit ihrer Mutter zusammen zieht Bobbit in die einzige Pension der Region, sitzt auf der Veranda, tanzt, auch nachts, während ihr von den Jungen der Hof gemacht wird. Doch „meistens übersah Miß Bobbit sie […] vollkommen, obgleich sie wie Kater auf der Straße hin und her strichen und versuchten, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie machten Ringkämpfe, spielten Tarzan, vollführten die verrücktesten Kunststücke auf dem Fahrrad. Es war eine mühsame Angelegenheit. Aber auch eine ganze Menge Mädchen schlenderten zwei- oder dreimal die Stunde an dem […] Haus vorbei, nur um Miß Bobbit zu sehen. Unter ihnen waren: Cora McCall, […] Janice Ackerman.“ Teenager-Beziehungen schmelzen unter dem Bobbits Einfluss dahin: „Cora sprach nicht mehr mit Billy Bob“, dem Cousin des Ich-Erzählers Mr C., und ebenso „war es mit Janice und Preacher“, Billy Bobs besten Freund. Preacher gesteht Janice allerdings zu, sie dürfe sein ausgestopftes Eichhörnchen behalten. „Als Janice daraufhin heulend davonrannte, begriff er nicht, warum.“

Während Billy Bob und Preacher „verrückt nach ihr“ sind, rettet Bobbit das schwarze Mädchen Rosalba Cat vor tätlichen Hänseleien einer Gruppe weißer Jungs; Rosalba wird die engste Vertraute von Bobbit und von ihr „Schwester“ genannt. Bobbit beginnt sich zu langweilen, gesteht dem Ich-Erzähler Mr. C. in einem Vier-Augen-Gespräch: „Ich wohne hier, aber leben tu‘ ich hier eigentlich nicht. Ich sehne mich immer irgendwo anders hin, irgendwohin, wo alles Tanz ist, wo die Menschen auf der Straße tanzen und alles schön ist wie auf einem Kindergeburtstag.“ Auch aus Langeweile übernimmt Bobbit „die Generalvertretung für eine ganze Menge von Magazinen für diesen Bezirk […], einschließlich Reader’s Digest, Popular Mechanics, Dime Detective und Child’s Life“. Bobbit beschäftigt auch ihre beiden Hauptverehrer mit ihrem Geschäft: „Billy Bob und Preacher arbeiteten schwer für Miß Bobbit und auch für Schwester Rosalba. Schwester Rosalba vertrieb eine Reihe kosmetischer Artikel unter dem Namen ‚Tautropfen‘, und es gehörte zu dem Job der Jungen, daß sie die bestellten Sachen zu Rosalbas Kundschaft brachten“. Zu der Konkurrenz um Bobbit tritt nun ein finanzieller Aspekt, und es geht auch „ums Geld […], als Billy Bob und Preacher heftig aneinandergerieten; natürlich war es nicht der wirkliche Grund. In Wirklichkeit waren sie wegen Miß Bobbit aufeinander eifersüchtig“. Preacher erkennt diesen wahren Grund als erster. „Komm, sagte er, als wäre nichts geschehen, die hat ja kein Herz, die will weiter nichts, als zwei gute Freunde auseinanderbringen. Einen Augenblick lang sah es so aus, als ob Billy Bob sich wieder mit ihm versöhnen wollte; aber plötzlich besann er sich […]. So haßt man nicht, wenn man nicht ebensosehr liebt. All das konnte man in Preachers Gesicht lesen. Aber es blieb ihm nichts anderes übrig, als fortzugehen.“ Billy Bob ficht sowas nur geringfügig an, denn „meistens war er glücklich“, wenn er Bobbit um sich hat, „und sie war jetzt immer sehr nett zu ihm. Sie und Schwester Rosalba behandelten ihn wie einen Mann; was bedeutet, daß sie ihm erlaubten, alles für sie zu tun.“ Es kommt so weit, „daß er die Stunden ohne Miß Bobbit nicht ertragen konnte; wenn er nicht bei ihr war, schien er nur halb wach zu sein.“

Eines Tages kommt Manny Fox mit seiner Frau in die Gemeinde, scheinbar ein wandernder Entertainment-Kleinbetrieb, der mit einer Schleiertanz-Vorstellung wirbt. Außerdem laut Werbung geplant: „ein sensationelles Amateurprogramm, ausgeführt von Ihren eigenen Nachbarn. Erster Preis: Richtige Probeaufnahmen in Hollywood“, Startgeld ein US-Dollar. Da will die tanzerpichte Bobbit natürlich mitmachen, probt ihre Tänze auch nachts. Der Tag der Entertainment-Vorstellung kommt, die Bürger erscheinen „angezogen, aufgeputzt und wohlriechend“. Während der Schleiertanz mangels Freizügigkeit der Künstlerin eine Enttäuschung ist, ist „Bobbits Darbietung von bemerkenswert schlechtem Geschmack; ihr Kostüm, ihre Choreografie und ihr Repertoire stehen in völliger Disharmonie mit ihrem Alter“.„Bobbit’s performance is of a remarkable bad taste; her costume, her choreography and her repertoire are in total disharmony with her age“ – Dumas, Absurdist witchcraft in Truman Capote’s „Children on their birthdays“, S. 29. Jedoch gewinnt sie trotzdem oder gerade deswegen den ausgelobten ersten Preis, und Manny Fox kommentiert ihre Vorstellung: „Meine Liebe, sagte er, du hast wirklich das Zeug zu einem Star. Nur verschwand er am nächsten Tag aus der Stadt und ließ nichts zurück als liebenswürdige Versprechungen“. Die Bewohner der Gemeinde warten eine Woche auf die Nachricht, dass Bobbit nach Hollywood käme. Dann resignieren alle – außer Bobbit, die eine Woche lang handschriftliche Personenbeschreibungen von Manny Fox erstellt und in der Region verteilen lässt, „sie schrieb auch Briefe an die Zeitungen aller bedeutenden Städte. […] Und als der Frühling zu Ende ging und Manny Fox in Uphigh, Arkansas, eingesperrt war, wo er es mit demselben Trick versucht hatte, bekam Miß Bobbit von den Sunbeam-Girls von Amerika eine Auszeichnung für eine gute Tat“ und alle Teilnehmer erhalten ihr Startgeld zurückerstattet. Bobbits Vorschlag ist, „daß sie das Geld zusammenlegen sollten, um ihr die Fahrt nach Hollywood zu finanzieren; sie wollte ihnen dafür ihr Leben lang zehn Prozent ihrer Einnahmen geben“, worauf man eingeht. „Die gesamte Gemeinde findet durch den traurigen Abschied von Miss Bobbit wieder zusammen“,„The whole community finds itself reunited over the sad event of Miss Bobbit’s departure“ – Dumas, Absurdist witchcraft in Truman Capote’s „Children on their birthdays“, S. 31. auf der einen Straßenseite, während Preacher und Billy Bob an der anderen Straßenseite für ihre Jugendliebe Rosen pflücken und zwei große Sträuße zusammenbekommen, doch „als Miß Bobbit sie sah, die beiden Jungen, deren Gesichter hinter den Blumen verborgen waren […], stürzte sie mit ausgebreiteten Armen“ zu ihnen. „Man konnte sehen, was geschehen mußte; wir schrien alle auf, unsere Stimmen fuhren wie Blitze durch den Regen, aber Miß Bobbit lief den Monden aus Rosen entgegen und schien uns nicht zu hören. Und da geschah es, daß der Sechs-Uhr-Bus sie überfuhr.“ Sie ist tot.

Textanalyse Bei Kindergeburtstag handelt es sich nach Ansicht des indischen Anglisten P. Dinesh Babu (Central University of Punjab) um eine „bewegende, liebevolle Komödie, die zugleich brutal und erschütternd“„a moving affectionate comedy that is also brutal and shattery“ – P. Dinesh Babu: Truman Capote’s representation of adolescence. In: International Journal of English language, literature and Translation studies. Jg. 3, Nr. 2, 2016, , S. 633–636. Hier S. 634. (pdf). und laut dem US-Literaturkritiker Robert Emmet Long (1934–2016) „zumindest teilweise dem Erzählen innerhalb der Volkstradition der Südstaaten“ zugehörig ist.„belongs at least in part to Southern folk storytelling“ – Long, Children on their birthdays, S. 28. Hierbei verbindet Kindergeburtstag nach Auffassung des Anglisten Frédéric Dumas (Universität Stendhal Grenoble III) „unterhaltsame Elemente des Märchens mit dem angenehm Unheimlichen des Schauerromans“.„instills entertaining elements of the fairy tale and the pleasant uncanny of the gothic novel“ – Dumas, Absurdist witchcraft in Truman Capote’s „Children on their birthdays“, S. 32. Zeitlich zu verorten ist die Geschichte nach dem Herbst 1931, als die im Text erwähnte Heftreihe Dime Detective erstmals erschien, geografisch im Südosten Alabamas an einer Buslinie von Mobile; ein nahes Krankenhaus liegt in Pensacola. „Die Geschichte ist eng um die Einheit von Ort und Zeit strukturiert: Die gesamte Handlung spielt sich innerhalb eines Jahres ab“.„The story is tightly structured around the unity of place and time: all the action takes place in the small southern place within a year span“ – Dumas, Absurdist witchcraft in Truman Capote’s „Children on their birthdays“, S. 30. Erzählt wird Kindergeburtstag in Ich-Form von Mr. C., einem „anonymen Beobachter-Erzähler, der der von ihm beschriebenen Gemeinschaft angehört.“„the use of an anonymous specator-narrator who belongs to the community he describes“ – Long, Children on their birthdays, S. 28.

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