mini|Gérard Deschamps (1998) Gérard Deschamps (* 10. Oktober 1937 in Lyon) ist ein französischer Maler und Objektkünstler. Er zählt zu den Vertretern des Nouveau Réalisme.

Leben Gérard Deschamps lebte bis 1944 in Lyon, bevor er bis 1970 nach Paris übersiedelte. Als Autodidakt zeigte sich seine Neigung zur Malerei früh; er verkehrte in den Pariser Galerien der Rue de Seine. Bereits 1955 stellte er in der Galerie Facchetti in Paris aus. In dieser Zeit wandte er sich von der Ölmalerei ab und begann mit Collagen aus Fotografien von Gegenständen aus dem Versandhauskatalog Manufrance zu arbeiten.

1957 zeigte er in der Galerie du Haut-Pavé in Paris erste Bilder aus Stofflappen und Faltungen, die den Nouveau Réalisme vorwegnahmen. Anfang November desselben Jahres wurde er zum Militärdienst eingezogen und für 27 Monate nach Algerien geschickt, wo er an der Gegenoffensive von 1958 und an der Operation Jumelles teilnahm. Nach seiner Entlassung 1960 lernte er Raymond Hains und Jacques Villeglé kennen und trat 1961, ein Jahr nach dessen offizieller Gründung, der Gruppe der Nouveaux Réalistes bei. Die Begegnung mit Hains hatte sich bereits Ende der 1950er Jahre in der Galerie Colette Allendy ereignet.

1970 zog sich Deschamps aus dem Pariser Kunstbetrieb zurück und ließ sich endgültig im Berry, in La Châtre (Indre), nieder, wo er seitdem lebt und arbeitet; er bezog dort das Haus seiner Großeltern. Seine künstlerische Tätigkeit wurde ab 1978 wieder regelmäßig in Pariser und ausländischen Galerien gezeigt.

Werk In seinen frühen, abstrakt-tachistischen Gemälden, teilweise ergänzt durch Fotografien, setzte sich Deschamps mit der Materialität des Bildträgers auseinander. Ab 1956 erweiterte er sein Verständnis von Malerei durch farbige Stoffe in Form von Collagen sowie Lappen- und Faltenbildern.

Nach dem Algerienkrieg verarbeitete er Objekte aus dem militärischen Bereich – Panzerplatten mit Gebrauchsspuren wie Durchschussperforationen, Flugzeugteile sowie fluoreszierende Markierungsplanen von Flughäfen. Zu den Panzerplatten ließ er nach eigener Aussage von Testpersonal nachträglich Schüsse anbringen, um den Eindruck handwerklicher und experimenteller Bearbeitung zu erzeugen. Es folgten Arbeiten mit irisierenden Blechen, Militärplanen, aus Flugzeugteilen montierte Skulpturen und, 1965, vergrößerte militärische Ordensbarretten.

Seine textilen Arbeiten aus Damenunterwäsche, die Pastelltöne von Rosa- und Hauttönen aufgreifen, lösten wiederholt Skandale aus, darunter eine Beschlagnahmung eines Werks durch die Mailänder Questura in der Galerie Breca.

Die Freundschaft mit Raymond Hains, den Deschamps Ende der 1950er Jahre in der Galerie Colette Allendy kennenlernte, erklärt die Bedeutung, die der Künstler den auf den verwendeten Stoffen vorgefundenen Wörtern beimisst, welche häufig die Werktitel bestimmen. Als jüngstes Mitglied der 1960 von Yves Klein und Pierre Restany gegründeten Nouveaux Réalistes, denen er sich 1961 anschloss, stellte er im Mai desselben Jahres im Salon Comparaisons neben François Dufrêne, Villeglé, Mimmo Rotella, Daniel Spoerri und Jean Tinguely aus.

Ab Ende der 1970er Jahre entstand die Werkgruppe der sogenannten Panoplies, ab den 1980er Jahren eine Serie von Surfbrettern mit geknitterten und gefalteten Segeln. Ab 1980 thematisierte er die Freizeitgesellschaft mit spielerischen Panoplies aus Badeanzügen, Bällen, Surfbrettern oder Skateboards, was ihn dem Pop-Art annäherte. In den 1990er Jahren folgten farbintensive Assemblagen aus in Netzen gestapelten Strandbällen, 2001 solche aus Skateboards. Zuletzt zeigte er seine sogenannten Pneumostrukturen, Assemblagen aus aufblasbaren Schwimmreifen, Luftmatratzen und ähnlichen, an kindliche Vorstellungswelten anknüpfenden Gegenständen.

Innerhalb der Nouveaux Réalistes wird Deschamps der Gruppe der Affichisten zugerechnet; er sah in Raymond Hains den eigentlichen Theoretiker der Bewegung. Die relative Zurückhaltung der etablierten Kunstkritik gegenüber Deschamps wird unter anderem mit seiner eigenständigen Position innerhalb der Gruppe und mit wiederholt kontroversen Äußerungen, insbesondere gegenüber Pierre Restany, erklärt.

2013 widmete ihm das Musée de l'hospice Saint-Roch in Issoudun gemeinsam mit Raymond Hains die Ausstellung Deschamps/Hains.

Werke (Auswahl, öffentliche Sammlungen)

Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Kunsthalle Hamburg, Sammlung Cremer

Städtische Kunsthalle Mannheim

Musée national d’art moderne, Paris

Fonds national d’art contemporain (FNAC), Puteaux

Musée de Toulon

Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

Museum of Modern Art, New York (La Valise des nouveaux réalistes, 1973, erworben 1986)

Musée des Beaux-Arts de Dole (Bigeart-Bise Art, barrette de croix de guerre, 1978)

Fondation Stampfli, Barcelona (One Night, 1987)

Fonds Départemental d’Art Contemporain de l’Essonne

Fondation Cartier pour l’art contemporain, Paris

Ausstellungen (Auswahl)

Einzelausstellungen: Galerie du Haut Pavé, Paris (1956); Galerie Colette Allendy, Paris (1957); Galerie Ursula Girardon, Paris (1962); Fondation Cartier, Paris (1998); Musée de l’hospice Saint-Roch, Issoudun (Rétrospective, 2003); Château d’Ars, Pneumostructures (2005); Musée des Beaux-Arts d’Orléans (2006); Centre Culturel Coréen, Paris (2026). Gruppenausstellungen: Salon Comparaisons, Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris (1961–1965); Biennale de Paris (1963, 1965); Nouveaux Réalistes, Musée d’art moderne de la Ville de Paris (1986); Manifeste, Musée national d’art moderne, Paris (1992); Made in France 1947–97, Musée national d’art moderne, Paris (1997); Le Nouveau Réalisme, Galeries nationales du Grand Palais, Paris, und Sprengel Museum Hannover (2007).

Literatur

Gérard Durozoi (Hrsg.): Dictionnaire de l’art moderne et contemporain. Hazan, Paris 1992. Pierre Restany: Les Nouveaux Réalistes. Union générale d’éditions, Paris 1978. Alain Tronche, Hervé Gloaguen: L’Art actuel en France. Balland, Paris 1973. Iris Clert: Iris-Time. L’artventure. Denoël, Paris 1978. Pierre Restany: 60/90. Trente ans de Nouveau Réalisme. La Différence, Paris 1990. Jean-Paul Ameline (Hrsg.): Les Nouveaux Réalistes. Réunion des Musées Nationaux, Paris 1992. Catherine Francblin: Les Nouveaux Réalistes. Éditions du Regard, Paris 1997. Gérard Deschamps: Homo Accessoirus. Fondation Cartier pour l’art contemporain, Paris 1998. Marion Vissault: Cremers Haufen. Alltag, Prozesse, Handlungen. Kunst der 60er Jahre und heute. Kerber Verlag, Bielefeld 2004. Emmanuel Bénézit: Dictionary of artists. Band 4: Cossintino – Dyck. Paris, 2006. Allgemeines Künstlerlexikon Online / Artists of the World Online, De Gruyter 2009.

Weblinks

Offizielle Website des Künstlers Biografie Zérodeux/02 (Ausstellungsbesprechung LAAC Dunkerque) Art Passion France Actuart by Eric Simon

Einzelnachweise

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