alternativtext=Das von geschwungenen Konsolen getragene Obergeschoss ragte ursprünglich über das Wasser hinaus, bis die hier bereits erkennbare Uferbefestigung angelegt wurde. Die links gelegenen Haremsgemächer sind auf der frühen Aufnahme noch erhalten; sie wurden im frühen 20. Jahrhundert abgetragen.|mini|Das von kunstvoll geschwungenen Konsolen getragene Obergeschoss ragte ursprünglich über das Wasser hinaus, bis eine neue Uferbefestigung angelegt wurde. Die links gelegenen Haremsgemächer sind auf dieser frühen Aufnahme noch erhalten; sie wurden im frühen 20. Jahrhundert abgetragen. Das Safvet Paşa Yalısı war ein historisches Yalı, also ein herrschaftliches Uferhaus am Bosporus in Kanlıca auf der asiatischen Seite Istanbuls aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Anfang des 19. Jahrhunderts ging das Yalı in den Besitz Safvet Paşas (1814–1883) über, der unter Sultan Abdülhamid II. (reg. 1876–1909) unter anderem als Großwesir und sechsmal als Außenminister amtierte, und verblieb fortan im Besitz seiner Familie. 1976 wurde das Gebäude, das bis dahin zu den ältesten erhalten gebliebenen Yalıs gezählt hatte,Seton Lloyd: Old Waterside Houses, 1957, S. 163. durch einen Brand vollständig zerstört. Das Yalı stand unmittelbar am Wasser, nur durch einen Blumenstreifen und einen schmalen Steinkai vom Bosporus getrennt.
Architektur, Bau- und Nutzungsgeschichte Das Yalı wurde Mitte des 18. Jahrhunderts für einen gewissen Edhem Efendi errichtet.Seton Lloyd: Old Waterside Houses, 1957, S. 163; Burçak Tanman: Saffet Paşa Yalısı, 1994, S. 397f. Der Name des Architekten ist nicht überliefert; es soll sich um einen von den Veneziarn ausgebildeten türkischen Baumeister gehandelt haben, der italienische Handwerker beschäftigte.Seton Lloyd: Old Waterside Houses, 1957, S. 168. Das Gebäude lag südlich der Bootsstation Kanlıca. Hinter dem Haus verlief seit dem 20. Jahrhundert die befestigte Küstenstraße; sie schied den Bau von den Resten der einst zugehörigen Küchen- und Dienstgebäude.Seton Lloyd: Old Waterside Houses, 1957, S. 163.
Die Grundfläche belief sich ursprünglich auf etwa 1035 m².Orhan Erdenen: Boğaziçi sahilhaneleri, 1993, S. 88. Der nördliche Gebäudeteil mit dem Haramlık, also den Frauenräumen, war bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts abgetragen worden; an seiner Stelle entstand später ein ummauerter Garten. Beim Haramlık handelte es sich keineswegs um einen unbedeutenden Nebenflügel, sondern um einen in der ursprünglichen Planung sogar großzügiger angelegten Teil als den Selamlık.Seton Lloyd: Old Waterside Houses, 1957, S. 163. An diesen Gebäudeteil war ein privates Hamam mit kunstvoll gestaltetem Wasserbecken angeschlossen. Im Haremsgarten befand sich zudem ein Becken, das unmittelbar mit Meerwasser gespeist wurde.Seton Lloyd: Old Waterside Houses, 1957, S. 166; Seniha Sami Moralı: Safvet Paşa Yalısı, 1976, S. 25.
In seiner architektonischen Erscheinung verband das Yalı Elemente der traditionellen osmanischen Wohnkultur mit einem westlichen Formverständnis.Für Pläne und Fotos der dekorativen Innenausstattung vgl. Seton Lloyd: Old Waterside Houses, 1957, S. 163–170; und Orhan Erdenen: Boğaziçi sahilhaneleri, S. 88–95. Zwar blieb die Anordnung der Räume noch in der Vorstellung eines Hauses um einen inneren Hof verankert, doch die Belichtung erfolgte nun von außen; der Innenhof wurde durch repräsentative Räume auf beiden Geschossen ersetzt.Seton Lloyd: Old Waterside Houses, 1957, S. 166, 170.
Markanter Bestandteil des Gebäudes war das für die osmanische Bauweise charakteristische, auf Konsolen und Holzstützen weit auskragende Obergeschoss, das die Nutzfläche deutlich erweiterte und zugleich die Fenster des Erdgeschosses beschattete. Das Yalı war vollständig in Holz auf einem niedrigen Steinsockel errichtet und mit Dachziegeln gedeckt.Seton Lloyd: Old Waterside Houses, 1957, S. 166, 170. Den eigentlichen Eindruck von Gestaltung und handwerklicher Qualität vermittelte jedoch das Innere. In den repräsentativen Räumen überwogen klassische Proportionen, Wandnischen und vertäfelte Schränke; arabeske Motive erschienen lediglich in den Streifenornamenten einzelner Holzdecken.Seton Lloyd: Old Waterside Houses, 1957, S. 168. Die Holzdeckenverzierungen zeigten barocke und empirezeitliche Stilelemente; Burçak Tanman: Saffet Paşa Yalısı, 1993, S. 397f. In den meisten Räumen waren bogige Nischen angelegt, wie sie für die osmanische profane Architektur der Verwestlichungszeit charakteristisch sind. Der zwischen Harem und Selamlık gelegene Hof wurde bei Restaurierungen im neunzehnten Jahrhundert durch Diensträume sowie zwei Korridore ersetzt, die beide Bereiche miteinander verbanden.Burçak Tanman: Saffet Paşa Yalısı, 1994, S. 397f.
Der Haupteingang des Selamlık-Bereichs lag seitlich an der südlichen Fassade und war in einen Eyvan eingebunden. Vor dem erhöhten, mit Marmor verkleideten Vorraum befand sich eine Fläche mit Rodoskâri-Kieselpflasterung. Gegenüber des Eingangs befand sich eine Marmorceşme mit barocken Gestaltungselementen. Die angrenzenden Wandflächen waren beidseitig mit türkischen Fliesen verziert. Rechts des Eingangs führten die doppelten Läufe der Haupttreppe nach oben. Der Salon im ersten Stock war ursprünglich zur Treppe hin geöffnet; gegenüber lag, von den Erdgeschossstützen getragen, eine hölzerne Abtrennung mit einer Sitznische unter den Fenstern, der formale Empfangsdivan.Seton Lloyd: Old Waterside Houses, 1957, S. 170; Burçak Tanman: Saffet Paşa Yalısı, 1994, S. 397f.
Besonders hervorzuheben war ein Raum in der südöstlichen Ecke des ersten Obergeschosses mit einer Decke aus dem 18. Jahrhundert, deren geschnitzte und bemalte Ausführung die ursprüngliche Farbigkeit in Olivgrün, Violett und Gold noch erkennen ließ. Ebenso bemerkenswert war ein Raum an der Westseite des Obergeschosses, ein spielerisch gestaltetes Schlafzimmer. Dort befand sich eine zentrale Wandnische, die wie ein von Vorhängen gerahmtes Fenster gestaltet und plastisch in Stuck ausgeführt war.Seton Lloyd: Old Waterside Houses, 1957, S. 170. Die Innenausstattung wurde 1940 erneuert.Orhan Erdenen: Boğaziçi sahilhaneleri, 1993, S. 95.
1865 gelangte das baufällige Yalı in den Besitz von Safvet Paşa und blieb bis zu seiner Zerstörung im Eigentum seiner Familie; zwei der drei Söhne des Großwesir heirateten in der Villa. Nach dem Ende des Russisch-Osmanischen Krieges von 1877/78 fand in dem Yalı im Anschluss an den Vorfrieden von San Stefano eine diplomatische Zusammenkunft statt. In den folgenden Jahrzehnten beherbergte der Bau zahlreiche prominente Gäste, darunter Waldemar von Preußen, die Herzogin von Gloucester, Prinz Konrad von Bayern, Somerset Maugham und Agatha Christie.Seniha Sami Moralı: Safvet Paşa Yalısı, 1976, S. 24f.; Burçak Tanman: Saffet Paşa Yalısı, 1994, S. 397f. Nach dem Tod Safvet Paşas und seiner Söhne wurden die Besitzverhältnisse zunächst durch Erbteilung zersplittert, ehe sie durch Rückerwerbungen wieder konsolidiert wurden. Der weitläufige Gartenbestand konnte nicht erhalten werden; Teile des Geländes wurden an Verwandte verkauft, auf einem anderen entstand ein kleiner Neubau – ein massives Steingebäude mit Swimmingpool. Zusätzlich verursachten die moderne Schifffahrt wiederholt Schäden am Kai und an der Uferbebauung. Städtebauliche Eingriffe führten zur Umwandlung eines Teils des Gartens in eine Straße. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde wegen Baufälligkeit die Abtragung des etwa ein Drittel der Anlage umfassenden Haramlık verfügt, aus dem dabei gewonnenen Baumaterial errichtete man eine kleine Bootshütte; anschließend wurde das Gebäude zeitweise von ausländischen Truppen genutzt.Seton Lloyd: Old Waterside Houses, 1957, S. 170; Seniha Sami Moralı: Safvet Paşa Yalısı, 1976, S. 24–27; Orhan Erdenen: Boğaziçi sahilhaneleri, 1993, S. 88f.; Arlette Mellaart: Bohemia, 2020, S. 127.
mini|Die grobe Rekonstruktion des historischen Baus aus den frühen 2000er-Jahren, aufgenommen 2025. Der übrige Teil verfiel nach 1918 zunehmend, sodass ab 1939 umfangreiche Instandsetzungsmaßnahmen erforderlich wurden.Arlette Mellaart: Bohemia, 2020, S. 127. Das Gebäude nahm unter den historisch bedeutenden Herrenhäusern am Bosporus eine herausragende Stellung ein und stand zuletzt im Eigentum von Kadri Cenani Bey (1899–1985), Mitglied des Verwaltungsrats der türkischen Niederlassung der Shell Company.Zu diesem vgl. Alan Mellaart: Kadri and Ulviye Cenani. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 161–187. Da der Unterhalt des weitläufigen Yalıs die Familie zunehmend belastete, wurde es ab den 1950er Jahren gelegentlich an Filmcrews als Filmkulisse vermietet.Seniha Sami Moralı: Safvet Paşa Yalısı, 1976, S. 24; Orhan Erdenen: Boğaziçi sahilhaneleri, 1993, Sp. 88; Hale Tan: Lanetli Yalılar: Çöküş burada başladı. In: Takvim, 27. August 2012, S. 14; Erol Mütercimler: Gizli Tarihi, 2024, S. 241, 618. Für ein ganzjähriges Leben war das Gebäude nicht ausgelegt; der Familie diente es nur während der warmen Jahreszeit als Wohnsitz.Alan Mellaart: Kadri and Ulviye Cenani. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 161–187, hier: S. 183. Im Mai 1976 wurde das Yalı durch einen Brand vollständig zerstört;Orhan Erdenen: Boğaziçi sahilhaneleri, 1993, S. 88. Das mit 80.000 Lira versicherte Yalı besaß allein als Gebäude einen Wert von 5.000.000 Lira; ebd., Sp. 90. den Flammen fielen nicht nur das gesamte Mobiliar, sondern auch die wertvolle Bibliothek sowie zahlreiche Kunstwerke und Erinnerungsstücke zum Opfer. Auch Grabungsaufzeichnungen James Mellaarts (1925–2012) zu Çatalhöyük sollen dabei vernichtet worden sein. Kurz darauf rammte ein russisches Schiff im dichten Nebel den Kai, wobei es bis in die Mitte der Ruine vordrang.James Mellaart: James Mellaart Answers His Critics. In: Hali 55 (1991), S. 86f.; Arlette Mellaart: Bohemia, 2020, S. 141. Nach der Zerstörung wurde zunächst ein Stahlbetonbau auf dem Grundstück errichtet.Burçak Tanman: Saffet Paşa Yalısı, 1994, S. 397f. In den 2000er Jahren entstand schließlich eine grobe Rekonstruktion des historischen Gebäudes in Betonbauweise.Saffet Emre Tonguç: Unfortunate Waterside Houses of the Bosphorus. In: Taksim International, Sommerausg. 2013/1, Sp. 8–11, hier: Sp. 11; Erol Mütercimler: Gizli Tarihi, 2024, S. 242.
Literatur Seton Lloyd: Old Waterside Houses on the Bosphorus – Safvet Paşa Yalisi at Kanlica. In: Anatolian Studies 7 (1957), S. 163–170. Seniha Sami Moralı: Kaybettiğimiz Değerli Bir Eser: Safvet Paşa Yalısı. In: Hayat Tarih Mecmuası 1/8 (1976), S. 24–27. Orhan Erdenen: Boğaziçi sahilhaneleri. Bd. 1: Beykoz, Anadoluhisarı, Istanbul 1993, Nr. 60, S. 88–95. Burçak Tanman: Saffet Paşa Yalısı. In: Dünden Bugüne İstanbul Ansiklopedisi, Bd. 6, Istanbul 1994, S. 397f. Arlette Mellaart: Bohemia on the Bosphorus . In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 123–141. Erol Mütercimler: Boğaziçi’nin Gizli Tarihi. Boğaziçi Yalılarında Osmanlı ve Cumhuriyet Dönemi İktisadi ve Siyasi Tarihine Yön Veren Kişiler ve Olaylar, Istanbul 2024, S. 223–243.
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Anmerkungen
Kategorie:Bauwerk in Istanbul