Bei der zeitlichen Orientierungsstörung (engl. orientation in time) werden Datum (Tag, Monat und Jahr), Wochentag oder Jahreszeit nicht oder nur ungenau gewusst. Es handelt sich um ein psychopathologisches Symptom.
Beschreibung Orientierung bedeutet in der Psychiatrie das Bescheidwissen über Zeit, Ort, Situation und Person.Rolf-Dieter Stieglitz, Achim Haug: Das AMDP-System (Manual zur Dokumentation des psychischen Befundes), 11. Aufl. 2023, S. 37, hogrefe ISBN 978-3-8017-3193-9. Es basiert auf festem vorhandenem Wissen, nicht auf erinnerbaren Tatsachen. Diese sind üblicherweise immer abrufbar bereit. Da Orientierungsstörungen von Patienten bei der Untersuchung als peinlich erlebt werden können, muss die Anamnese (Befragung des Patienten) einfühlsam gestaltet werden. Wegen des häufigen Wechsels sind Tag und Tageszeit am meisten gestört.Uwe Henrik Peters: Lexikon Psychiatrie. 7. Auflage. Elsevier, München 2017, ISBN 978-3-437-15063-0, S. 421 Die autopsychische Orientierung ist nur bei schweren organischen Hirnkrankheiten gestört.
Bei einer nur leichten Störung weicht die Angabe zum Kalender- oder Wochentag auch auf Nachfrage um maximal einen Tag von der richtigen Antwort ab; Monat, Jahr und Jahreszeit werden jedoch gewusst. Die Kenntnis des genauen Datums kann sehr von den Umständen abhängen und muss nicht unbedingt krankheitsbezogen sein (z. B. Urlaub).
Aufgehobene Orientierung wird als Desorientierung bezeichnet. Gedächtnis- und Orientierungsstörungen treten häufig gemeinsam auf, müssen aber unterschieden werden. Wahnhafte Fehlorientierungen werden unter Wahn, nicht unter einer Orientierungsstörung eingeordnet.
Beispiele Ein Patient kann den aktuellen Wochentag nicht benennen. Oder er kann auch mit Hilfestellung nicht sagen, welches Jahr gerade ist.
Einordnung Im AMDP-System (System zur Erstellung des psychiatrischen Befundes) findet sich die zeitliche Orientierungsstörung unter Nr. 5.
Ursachen Ursächlich sind körperliche (organische) Hirnkrankheiten wie Demenzen, Tumore, Schlaganfälle, Vergiftungen (Intoxikationen), Delir u. a. Die zeitliche Orientierung ist gewöhnlich schon bei leichter Bewusstseinstrübung oder Gedächtnisstörung eingeschränkt oder aufgehoben. Sie ist (im Gegensatz zur örtlichen) labil und leicht störbar.Christian Scharfetter: Allgemeine Psychopathologie. Eine Einführung . 8., unveränderte Auflage. Thieme, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-13-243844-6, S. 115. Mit der Schwere der Erkrankung sind die einzelnen Orientierungsthemen meist in einer bestimmten Reihenfolge betroffen: Es fällt zuerst die zeitliche Orientierung aus, dann die örtliche, dann die zur Situation und schließlich zur Person.
Nicht selten ist die transiente globale Amnesie (Dauer eine Stunde bis ein Tag) Bei Demenzen versuchen Patienten manchmal durch Konfabulationen Unsicherheiten der Orientierung auszufüllen.
Diagnostik Das Syndrom wird in der psychiatrischen Untersuchung, im Gespräch zwischen Arzt und Patient, diagnostiziert. Es ergibt sich manchmal aus dem Gesprächsverlauf. Es wird jedoch meist nicht ohne weiteres vom Patienten berichtet. Man kann dann z. B. folgende Fragen stellen: „Wann sind Sie zur ärzlichen Vorstellung gekommen?“ „Welches Datum haben wir heute?“ „Welche Jahreszeit haben wir jetzt?“Erdmann Fähndrich, Rolf-Dieter Stieglitz: Leitfaden zur Erfassung des psychopathologischen Befundes. 6. Auflage. hogrefe, Göttingen 2023, ISBN 978-3-8017-3114-4, S. 67. Bei falschen Angaben muss der Patient Gelegenheit zur Korrektur erhalten, um Konzentrationsstörungen und Gedächtnisstörungen abzugrenzen. Die anfänglich falsche Antwort wird dann nicht gewertet.
Abgrenzung (Differentialdiagnose)
Zeitgitterstörung: persönliche Erinnerungen können schlecht oder nicht im Zeitablauf eingeordnet werden. Dies ist eine Gedächtnisstörung.
örtliche Orienierungsstörung: der aktuelle Aufenthaltsort wird nicht gewusst.
autopsychische Orientierungsstörung: Unfähigkeit zu richtigen Angaben über die eigene Person (Name, Geburtstag, Beruf, Geburtsort)
situative Orientierungsstörung
Konzentrationsstörung Gedächtnisstörung
Behandlung Diese erfolgt im Rahmen der Behandlung der Grundkrankheit.
Literatur Rolf-Dieter Stieglitz, Achim Haug: Das AMDP-System (Manual zur Dokumentation des psychischen Befundes), 11. Aufl. 2023, hogrefe ISBN 978-3-8017-3193-9.
Einzelnachweise
Kategorie:Psychopathologisches Symptom