Der Latil TAR war eine allradgetriebene Artilleriezugmaschine mit Allradlenkung für schwere Geschütze, die die französische Armee im Ersten und im Zweiten Weltkrieg verwendete.

Latil T1 und T2 Die Firma Latil hatte sich um die Jahrhundertwende dem Bau von Kraftfahrzeugen mit Frontantrieb gewidmet. Versah man diese Kraftfahrzeuge auch mit Hinterradantrieb, entstanden Zugmaschinen mit Allradantrieb, von den Franzosen tracteur de adhérence totale genannt.

Latil T1 Im Jahr 1912 stellte Latil eine Allrad-Zugmaschine mit der Typenbezeichnung T1 (T für „tracteur“ = Schlepper) vor, die von der französischen Armee im März 1913 erprobt wurde. Das Fahrzeug hatte – wie alle nachfolgenden – Allradantrieb und Allradlenkung. Die unbenannte Höchstleistung wurde bei 1000/min abgegeben. Das Getriebe hatte 6 Vorwärts- und 2 Rückwärtsgänge. Im Rahmen der Erprobungen erhielt es einen Motor mit um 10 mm vergrößerter Bohrung, der Hubraum maß jetzt 3969 cm³. Die Holzspeichenräder waren mit Vollgummireifen der Größe 1000×100 (vorne einfach, hinten doppelt) versehen. Der Kühler befand sich hinter dem Motor, eine Anordnung, die damals vor allem von Renault (und einigen anderen kleineren französischen Herstellern) praktiziert wurde, in Deutschland von der Firma Komnick. Diese Anordnung gab dem Fahrzeug eine schnabelförmige Schnauze und wurde auch als „Kohlenschaufel-Design“ bezeichnet. Die übrigen technischen Daten sind der unten stehenden Tabelle zu entnehmen.Vauvillier Latil S. 10, 11

Latil T2 mini| Latil T2 bei Erprobung März 1914 Ebenfalls im März 1913 stellte Latil dem Militär zwei stärkere Zugmaschinen zur Erprobung, die die Werksbezeichnung T2 erhielten. Die Räder waren jetzt aus Stahl und hatten sechs Speichen. Im Übrigen entsprachen die technischen Daten und Details denen des T1, soweit sich nichts anderes aus der unten stehenden Tabelle ergibt. Schon damals wurden die Fahrzeuge als „sehr interessant für die Armee“ zum Ziehen schwerer Geschütze angesehen.Vauvillier Latil S. 11

Latil H2 1914 wurde ein weiterer Typ von Latil, der H2 erprobt. Die Werkbezeichnung deutet darauf hin, dass man dieses Fahrzeug eher als allradgetriebenen LKW denn als Zugmaschine betrachtete. Soweit überliefert, unterschied er sich vom T2 vor allem durch einen stärkeren Motor (s. u.).

Latil TAR Latil TH Unmittelbar nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurden im August 1914 bei Latil 21 Zugmaschinen, im September weitere 25, im Dezember 1914 nochmals 75 und 77 Zugmaschinen im Januar 1915 zum Ziehen schwerer Geschütze bestellt. Ihre Auslieferung begann ab Dezember 1914, sie erhielten die Typenbezeichnung TH. Sie hatten den Motor des Latil T2, der seine Höchstleistung bei 1200/min ablieferte. Die vollgummibereiften Eisenräder mit 8 Speichen hatten jetzt die Abmessungen 1160×120. Das Getriebe hatte vier Vorwärtsgänge und einen Rückwärtsgang, die Höchstgeschwindigkeit betrug 22,164 km/h. Am Heck des Fahrzeugs befand sich eine motorgetriebene Seilwinde, mit der eine Höchstlast von 1200 kg gezogen werden konnte. Vom Latil TH sind bis ins Frühjahr 1915 insgesamt etwa 130 Stück gebaut worden.Vauvillier Latil S. 17

Latil TAR Technik, Geschichte Ab Mitte 1915 löste der Latil TAR (Tracteur d' Artillerie Routiére) den Latil TH in der Produktion ab.Vauvillier Latil S. 16 Äußerlich ähnelten sich beide Fahrzeuge sehr, Hauptunterschied zum Vorgänger war der um 50 cm verkürzte Radstand, daneben die erheblich verstärkten Bremsen (jetzt Trommeln statt auf die Achsen wirkender Backen) an allen vier Rädern. Das Getriebe hatte beim TAR 5 Vorwärtsgänge, am Rahmen war eine abklappbare Bergstütze angebracht. Die Zugkraft der Winde, deren Rolle jetzt waagerecht statt senkrecht am Heck montiert war, war auf 3500 kg verstärkt. Die zulässige Höchstgeschwindigkeit war zur Schonung des Geschützmaterials auf 17,776 km/h gesenkt worden. Die Kardanwelle war mit Nocken versehen.

Im Fronteinsatz erschien der Latil TAR ab August 1915. Bis Ende September 1915 waren insgesamt (einschließlich Latil TH) 196 Stück gebaut worden, bis 31. Dezember 1918 erhöhte sich diese Zahl auf 2800 Stück. Am 11. November 1918, dem Tag des Waffenstillstandes, waren davon 1997 Stück im Dienst der französischen Armee. Sie dienten nicht nur zum Ziehen schwerer und schwerster Geschütze, sondern auch als Bergungsfahrzeuge („tracteur de dépannage“) in den verlasteten Feldartillerie-Regimentern („régiments de 75 portés“). Die Differenz zwischen den bis Ende 1918 gebauten 2800 Stück ud den am 11. November 1918 im Dienst befindlichen besteht nicht nur in Kriegsverlusten, sondern auch aus Fahrzeugen, die in Reservedepots lagerten, zu Reparaturzwecken außer Dienst gestellt waren solchen in den Beständen der französischen Orient-Armee und solchen, die an andere Staaten abgegeben warenVauvillier Latil S. 25 Fn. 8: Zumindest die Amerikaner haben 1917/18 eine Anzahl Latil TAR erhalten.

Als nach Ende des Ersten Weltkrieges die französische Armee auf Friedensfuß zurückgeführt wurde, wurden die bisher benutzten Latil TAR in Arsenalen eingelagert, um mit ihnen im Kriegsfall neu aufzustellende Formationen auszurüsten. Im Jahr 1934 lag dem französischen Kriegsministerium ein Angebot von Latil vor, die noch vorhandenen über 2000 Latil TAR zu modernisieren, wofür Latil 12.000 Francs pro Fahrzeug veranschlagte. Eine weitere Firma versprach, eine allerdings im Umfang erheblich geringere Modernisierung für 2500 Francs pro Fahrzeug durchzuführen. Beide Angebote wurden jedoch vom französischen Kriegsministerium nicht weiter verfolgt.Vauvillier Latil S. 25

Varianten des Latil TAR Über die lange Bauzeit können insgesamt fünf Varianten festgestellt werden, zumindest, was das Äußere des Fahrzeugs betraf: Erste Variante: Ursprünglich hatte das Fahrzeug drei Spriegel, über die die an den Seitenwänden sehr weit herunterreichende Plane über die Ladefläche gespannt war. mini| 1916: Latil TAR, 2. Variante, mit 120-mm-Kanone 78 in Feuerstellung Zweite Variante: Das Verdeck für den Fahrer erhielt eine vorstehende Sonnenblende, auf der noch schmalen Ladefläche entstanden seitliche Stauräume, die teils offen zugänglich waren, aber auch durch die jetzt tiefer heruntergezogene Plane abgedeckt werden konnten. Diese Variante wurde offenbar im zweiten Quartal 1915 eingeführt, also zu einem Zeitpunkt, bevor die Produktion vom Latil TH zum Latil TAR umschwenkte. mini|Latil TAR, 3. Variante, in US-amerikanischem Dienst Saint-Cloud Juli 1918 Dritte Variante: Die Sonnenblende wurde beibehalten, die Ladefläche verbreitert, die seitlichen Stauräume verschwanden, die Seitenwand war jetzt durch Spriegel und waagerechte Leisten in 12 Felder eingeteilt. Diese Variante erschien etwa zur Jahreswende 1915/16. Vierte Variante: Die bislang nur den Laderaum abdeckende Plane wurde über das Fahrerhaus vorgezogen, die Seitenwände waren durch Wegnahme zweier horizontaler Leisten nur noch in sechs Felder eingeteilt. Die Variante war sehr selten, sie wurde entweder nur kurzzeitig oder nur für einen bestimmten abweichenden Zweck parallel zur dritten oder fünften Variante gebaut.Vauvillier Latil S. 18 mini| Straßburg, 14. Juli 1922: Latil TAR (5. Variante) mit 145-mm-Kanone 16 Fünfte Variante: Das Verdeck für den Fahrer war jetzt starr. Es hatte drei aufrollbare Schutzplanen (eine vorne, je eine seitlich links und rechts), die aber bei den letzten Serien wieder wegfielen. Durch Hinzufügen eines weiteren Spriegels und Wegnahme aller waagerechten Leisten wiesen die seitlichen Bordwände nur noch vier Felder auf. Die Zahl der Benzintanks wurde auf drei zu je 50 Liter erhöht, montiert auf der rechten Seite unter dem Fahrzeug. Wie schon bei den vorhergehenden Varianten, dienten zwei Sitzbänke parallel zu den Seitenwänden zum Transport der Bedienungsmannschaft. Auch am Heck befand sich jetzt eine Abdeckplane, einflüglig, später auch zweiflüglig zu öffnen. Diese Variante erschien Anfang 1917 und wurde bis Kriegsende gebaut, sie war die zahlreichste von allen.Vauvillier Latil S. 19

Um die Geländegängigkeit weiter zu erhöhen, kam die Idee auf, jedes der vier angetriebenen Räder durch ein kleines Kettenlaufwerk (Antriebsrad hinten, Leitrad vorne, drei kleine Laufrollen, eine Stützrolle) zu ersetzen. Anfang 1918 lieferte Delahaye sechs Sätze zu je vier solchen Laufwerken zum Anmontieren an vorhandene Latil TAR. Die Idee bewährte sich in der Praxis nicht, es blieb bei diesen sechs Sätzen.

Die weitere Entwicklung Der Latil TAR wurde noch in sehr kleinen Zahlen für zivile Verwendung (zum Beispiel in der Forstwirtschaft oder als schwerer Straßenschlepper) bis 1922 gebaut, um dann durch neuere Ausführungen in der Produktion ersetzt zu werden.

Latil TAR 2 und TAR 3 Latil TAR 2 und Latil TAR 3 lösten 1922 den Latil TAR in der Produktion ab. Worin der Unterschied zwischen beiden Typen bestanden haben soll, ist unklar. Die wichtigste Neuerung war der Kühler, der ab jetzt (und bei allen folgenden Modellen) sich vor dem Motor befand: Hierdurch wurde die Motorkühlung erheblich verbessert. Ansonsten blieb der bisherige Motor gleich, leistete jetzt jedoch 43 PS bei 1300/min. Der Produktionsumfang beider Modelle scheint gering gewesen zu sein, neben kleinen Aufträgen für das Militär gab es solche der öffentlichen Hand und von Privatunternehmen, die Bedarf an Straßenschleppern für schwere Lasten hatten. Die Mehrzahl der 1922–1924 von Latil gelieferten Schlepper scheint vom Typ TAR 3 gewesen zu sein.Vauvillier Latil S. 28

Latil TAR 4 mini|Latil TAR 4, Februar 1934 in Nizza Der Latil TAR 4 löste seine Vorgänger 1924 in der Produktion ab. Neben einem Motor mit größerer Bohrung und jetzt bei 1500/min abgegebener Leistung gab es auch äußere Änderungen: Der Aufbau auf dem Rahmen saß jetzt tiefer, das hintere Schutzblech umschloß jetzt halbkreisförmig das Hinterrad, der Raum zwischen Fahrerkabine und Hinterrad war mit Staukästen ausgefüllt, auch das Trittbrett unter dem Fahrerhaus lag tiefer. Die Höchstgeschwindigkeit betrug jetzt etwa 19 km/h. Der größere Teil der zwischen 1922 und 1934 gebauten TAR-Typen dürfte vom Typ TAR 4 gewesen sein, die französische Armee bezog mindestens 57 Stück, die anhand ihrer Zulassungsnummern nachgewiesen sind, wahrscheinlich aber erheblich mehr.Vauvillier Latil S. 28, 29

Latil TAR 5 mini|Latil TAR 5, Rißzeichnung Der Latil TAR 5, gebaut von etwa 1931 bis 1933, unterschied sich von seinen Vorgängern äußerlich vor allem durch eine geschlossene Fahrerkabine. Der Motor war neu: Er hatte neben anderen Zylindermaßen einen aufgesetzten Zylinderkopf, der Antrieb erfolgte über geräuscharme Zahnräder, durch Druckschmierung wurde der Schmierölverbrauch gesenkt, die Kurbelwelle war besser gelagert. Die effektive Höchstleistung von 60 PS wurde bei 1750/min erreicht, die Höchstgeschwindigkeit stieg geringfügig auf 21,6 km/h. Bei gleichbleibender Nutzlast stieg das Gesamtgewicht auf 9,6 Tonnen. In zwei Losen wurden mindestens 50 Stück an die französischen Streitkräfte geliefert, hinzu kommt eine unbekannte Anzahl für den zivilen Markt.Vauvillier Latil S. 28, 30

Latil FTAR Der Latil FTAR wurde von 1934 bis 1935 gebaut. Er hatte den Motor Typ Latil F (worauf der erste Buchstabe der Typenbezeichnung hinweist) statt des im TAR 5 verwendeten Motortyps Latil B5. Ansonsten unterschied er sich äußerlich nicht vom Latil TAR 5. Die französische Armee bezog in zwei Losen insgesamt 49 Stück.

Die insgesamt von 1919 bis 1935 gebauten Latil TAR können auf 400 bis 650 Stück geschätzt werden, davon ab 1922 zusammen 200 bis 250 für die französischen Streitkräfte.Vauvillier Latil S. 27

Latil TARH