École de Nice (deutsch Schule von Nizza) ist eine Bezeichnung für einen losen Zusammenschluss bildender Künstler, die ab dem Ende der 1950er Jahre in Nizza und Umgebung tätig waren. Es handelt sich nicht um eine Kunstakademie oder eine programmatisch einheitliche Stilrichtung, sondern um einen nachträglich geprägten Sammelbegriff für Künstler unterschiedlicher Strömungen, die durch ihre regionale Herkunft beziehungsweise ihre Tätigkeit an der Côte d’Azur verbunden sind. Die bewusste Konstituierung und die eigentliche kreative Aktivität der École de Nice werden im Wesentlichen auf die Zeit vom Beginn der 1960er Jahre bis 1975 datiert.
Begriff Die Bezeichnung École de Nice erschien erstmals 1960 in der Zeitschrift Combat aus der Feder des Kritikers Claude Rivière, der sie zunächst in Frageform formulierte: Y a-t-il une École de Nice?( deutsch: Gibt es eine Schule von Nizza?). Der Kunstkritiker und Dichter Jacques Lepage verglich den Begriff 1977 in seiner Aussagekraft mit Bezeichnungen wie École de Paris oder École de New York, ohne dass damit eine inhaltlich einheitliche Gruppe gemeint sei.
Mehrere Quellen betonen, dass es sich nicht um eine geschlossene Gruppe mit gemeinsamer künstlerischer Programmatik handelt, sondern um eine Aventure (Abenteuer) niçoiser Avantgardekünstler, die an der Côte d’Azur geboren wurden, dort lebten und arbeiteten. Nach Angaben der Kuratorin der Mediathek von Monaco, Béatrice Novaretti, werden der École de Nice mehr als hundert Künstler zugerechnet, deren Praktiken sich mit weiteren Kunstrichtungen wie Fluxus, dem Nouveau Réalisme oder Supports/Surfaces überschneiden.
Historischer Kontext und Entwicklung Zwischen 1950 und 1975 traten in Nizza Avantgardekünstler hervor, die sich im Wesentlichen drei Hauptströmungen zuordnen lassen: dem Nouveau Réalisme, Fluxus und der analytischen Malerei (Supports/Surfaces sowie der sogenannte Groupe 70). In den 1950er Jahren entstanden erste Experimente mit kräftigen Farben, Alltagsgegenständen und neuen Techniken; ab 1957/1960 kamen Performance- und konzeptuelle Arbeiten hinzu, darunter die Monochromien von Yves Klein. 1960 begründete der Kunstkritiker Pierre Restany in Paris den Nouveau Réalisme, eine Bewegung, der mehrere mit Nizza verbundene Künstler nahestanden.
Eine zentrale Rolle für die Vernetzung der Künstlerszene spielten Orte wie das von Ben Vautier 1958 gegründete Laboratoire 32, die Galerie Alexandre de La Salle (zunächst in Vence, später in Saint-Paul-de-Vence) sowie die Galerie/Buchhandlung von Jacques Matarasso und – in späteren Jahren – die Galerie Ferrero in Nizza. Auch die Zeitschriften Identités (1962–1966) und Open (1967–1968) waren für die Aktivitäten der zeitgenössischen Avantgarde von Bedeutung. Die Künstler George Brecht und Robert Filliou, die von 1965 bis 1968 mit dem Projekt La Cédille qui sourit in Villefranche-sur-Mer ansässig waren, übten einen wesentlichen Einfluss aus und stärkten die Präsenz der Fluxus-Bewegung innerhalb der École de Nice.
Ausstellungen Die erste Ausstellung, die als zusammenfassende Präsentation der École de Nice gilt, fand im Februar 1967 in der Galerie Alexandre de La Salle in Vence statt. Gezeigt wurden unter anderem Werke von Marcel Alocco, Arman, Albert Chubac, Jean-Claude Farhi, Claude Gilli, Yves Klein, Robert Malaval, Martial Raysse, Ben Vautier und Bernar Venet.
In den folgenden Jahrzehnten wurde die Bezeichnung in weiteren Ausstellungen der Galerie de La Salle aufgegriffen, so 1977 und 1987 in Saint-Paul-de-Vence. Zu den dabei zusätzlich genannten Künstlern zählten Serge Oldenbourg (Serge III), Pierre Pinoncelli, Bernard Pagès, Noël Dolla, Sacha Sosno, Martin Miguel, Max Charvolen, Vivien Isnard, Serge Maccaferri, Louis Chacallis und Jean Mas. Vereinzelt wird auch Niki de Saint Phalle der École de Nice zugerechnet, deren Werke stark in der Sammlung des MAMAC Nizza vertreten sind; ebenso wird die Künstlerin Nivèse erst zu einem späteren Zeitpunkt genannt.
Im März 1968 nahmen auf Initiative Marcel Aloccos außerdem Daniel Biga, Noël Dolla, Ernest Pignon (zu diesem Zeitpunkt noch nicht unter dem Künstlernamen Pignon-Ernest bekannt), Patrick Saytour und Claude Viallat an der Ausstellung Nouvelles tendances de l’École de Nice in der Galerie Guinochet in Lyon teil. 1977 organisierte Ben Vautier anlässlich der Eröffnung des Centre Pompidou in Paris die Ausstellung À propos de Nice, die nach zeitgenössischer Einschätzung ein eher uneinheitliches Gesamtbild vermittelte, zugleich aber die zunehmende Auflösung des ursprünglichen Künstlerkreises zeigte.
Eine weitere große Überblicksausstellung fand 2017 im Musée d’Art moderne et d’art contemporain (MAMAC) in Nizza statt. Sie wurde anlässlich des poetischen Gründungsmythos der Schule, das auf das Jahr 1947 datiert wird, ausgerichtet. Drei junge Künstler im Alter von 18 Jahren teilten die Welt symbolisch unter sich auf:
Yves Klein sicherte sich das unendliche Blau des Himmels (was seine spätere berühmte monochrome Kunst prägte). Arman beanspruchte die Erde und all ihre materiellen Reichtümer (passend zu seinen späteren Anhäufungen von Alltagsgegenständen). Claude Pascal (der Dichter der Gruppe) übernahm die Luft.
Als eine ihrer ersten gemeinsamen künstlerischen Aktionen bemalten sie Hemden mit ihren eigenen Hand- und Fußabdrücken.
Künstler Als Kern der mit der École de Nice verbundenen Künstlerschaft werden in der Literatur regelmäßig genannt: Marcel Alocco, Arman, Albert Chubac, Jean-Claude Farhi, Claude Gilli, Yves Klein, Robert Malaval, Martial Raysse, Ben Vautier, Bernar Venet, Serge III Oldenbourg, Pierre Pinoncelli, Bernard Pagès, Noël Dolla, Sacha Sosno, Martin Miguel, Max Charvolen, Vivien Isnard, Serge Maccaferri, Louis Chacallis und Jean Mas. Gelegentlich werden zusätzlich Louis Cane, Erik Dietman, Claude Viallat, Jacques Martinez und Niki de Saint Phalle genannt, die jedoch nur punktuell oder zu einem späteren Zeitpunkt an den niçoiser Aktivitäten beteiligt waren, ohne dem zwischen 1967 und 1977 bestehenden festen Kern der Ausstellungsreihe École de Niceanzugehören.
Hervorgehoben wird in der Forschung die Heterogenität der künstlerischen Praxis: Die zugeordneten Künstler arbeiteten unter anderem in den Bereichen Malerei, Skulptur, Performance und Installation. Charakteristisch für mehrere Vertreter sind flüchtige Aktionen, fragile Werke und Interventionen außerhalb von Museen und Galerien, in denen durch die Umnutzung von Gegenständen eine Auseinandersetzung mit der Konsumgesellschaft zum Ausdruck kommt.
Rezeption und Kritik In der kunsthistorischen Literatur wird die Frage, ob die École de Nice als eigenständige Kunstrichtung oder lediglich als geografisch begründete Sammelbezeichnung zu verstehen ist, unterschiedlich beantwortet. Gemäß einer in der Sekundärliteratur wiedergegebenen Definition von Monticelli gilt als Mitglied der École de Nice, wer sich von Akademismus und Konventionen distanziert, einen wesentlichen Teil des eigenen Werks in Nizza oder der Region geschaffen hat, als Initiator und nicht als bloßer Nachfolger einer Bewegung auftritt und sich zugleich in eine zeitgenössische künstlerische Fragestellung einordnet. Andere Autoren bestreiten der Gruppe eine gemeinsame künstlerische Haltung und verstehen den Begriff vorrangig als praktische, geografisch motivierte Zusammenfassung.
Werke von Künstlern der École de Nice befinden sich unter anderem in der Sammlung des MAMAC Nizza, das mehrere Überblicksausstellungen zu der Gruppe ausgerichtet hat. Internationale Wanderausstellungen führten unter anderem an das Taipei Fine Arts Museum (1990) und das Megaro Museum of Art in Tokio (1995).
Literatur
Édouard Valdman: Le Roman de l’École de Nice. Éditions de la Différence, Paris 1991. Marcel Alocco: Introduction à l’École de Nice. Éditions Demaistre, Nice 1995. France Delville: Nivèse, la part féminine de l’École de Nice. Éditions Mélis, 2005. Fleurice Würz: Fluxus Nice 1963–1968. AQ Verlag, Saarbrücken 2011. Alain Biancheri, Rébecca François, André Giordan: L’École de Nice. Éditions Ovadia, Nice 2007; Neuausgabe 2017. Franck Leclerc, Rosemary O’Neill, Françoise Armengaud: L’École de Nice – Paroles d’artistes. Verlhac Éditions, Brive-la-Gaillarde 2010. Morgane Nannini: L’École de Nice : mythe et réalité. Préface de Marcel Alocco. Éditions Baie des Anges, Nice 2017. Frédéric Altmann: Du Nouveau Réalisme à l’École de Nice. Éditions Ovadia, Nice 2017. André Giordan, Alain Biancheri: Les Nouveaux Réalistes. Éditions Ovadia, Nice 2017. École de Nice et ses mouvements. Ausstellungskatalog. Direction des Musées de Nice, Nice 1989. À propos de Nice. Ausstellungskatalog. Musée national d’art moderne, Centre Georges-Pompidou, Paris 1977.
Weblinks MAMAC Nice – Ausstellungsmaterial Made in Nice Portail des savoirs des Alpes-Maritimes – L’École de Nice Ville de Nice – École de Nice: L’art au cœur de la ville
Einzelnachweise
Kategorie:Bildende Kunst (Frankreich) Kategorie:Künstlergruppe (Bildende Kunst) Kategorie:Nouveau Réalisme Kategorie:Geschichte (Nizza) Kategorie:Gegründet in den 1960er Jahren Kategorie:Aufgelöst 1975