Xiao Lu (; * April 1962 in Hangzhou) ist eine chinesisch-australische Performance- und Installationskünstlerin. Sie wurde 1989 bekannt, als sie bei der Eröffnung der Ausstellung China/Avant-Garde zwei Schüsse auf ihre Installation Dialogue abgab; das Werk gilt als Meilenstein der Entwicklung zeitgenössischer Kunst in China.
Leben Xiao Lu schloss 1984 die der Chinesischen Zentralakademie der Bildenden Kunst in Peking angegliederte Kunstschule und 1988 das Studium in der Abteilung für Ölmalerei der Zhejiang-Akademie der Schönen Künste, der heutigen Chinesischen Hochschule der Künste, ab. Von 1989 bis 1997 lebte sie in Sydney, nahm 1997 die australische Staatsbürgerschaft an und kehrte im selben Jahr nach China zurück; von 1997 bis 2020 arbeitete sie in Peking und Hangzhou, seit 2021 erneut in Sydney. Nach der Schussaktion wurde Dialogue lange Xiao Lu und ihrem damaligen Partner Tang Song gemeinsam zugeschrieben; nach der Trennung begann sie 2003, die alleinige Urheberschaft und ihre eigene Deutung des Werks einzufordern. Im Jahr 2010 veröffentlichte die Hong Kong University Press ihren zweisprachigen autobiografischen Roman Dialogue. Im Januar 2024 blieb sie den Begleitveranstaltungen der Ausstellung In Our Time: Four Decades of Art from China and Beyond in Sydney aus Protest gegen politische Äußerungen des Sammlers Geoff Raby fern, obgleich ihre Arbeiten dort gezeigt wurden.
Wirken Dialogue besteht aus zwei nachgebauten Telefonzellen mit lebensgroßen Fotografien einer Frau und eines Mannes, einer Spiegelfläche und einem roten Telefon, dessen Hörer lose herabhängt. Am 5. Februar 1989 schoss Xiao Lu während der Eröffnung von China/Avant-Garde zweimal auf die mittlere Spiegelfläche, woraufhin die Ausstellung im Chinesischen Kunstmuseum geschlossen wurde. Das aus Erfahrungen sexualisierter Gewalt und dem Scheitern zwischenmenschlicher Kommunikation hervorgegangene Werk wurde nach dem Tian’anmen-Massaker rückblickend politisiert und als „erste Schüsse von Tian’anmen“ bezeichnet, während Xiao Lu diese Lesart wiederholt zurückwies. Mit 15 Gunshots… From 1989 to 2003 begann sie, die eigene Geschichte und die Urheberschaft an Dialogue künstlerisch neu einzufordern. In der Videoinstallation Sperm (2006) dokumentierte sie ihr Vorhaben, durch eine anonyme Samenspende schwanger zu werden. Für Polar (2016) versuchte sie, sich mit einem Messer aus einem großen Eisblock zu befreien; in Tides (2019) pflanzte sie bei Flut dreißig Bambusstangen, eine für jedes Jahr seit Dialogue, in den Sand eines Strands bei Sydney. Ihre Performances sind häufig präzise geplant, lassen den Ausgang jedoch offen und untersuchen Emotionen, extreme Handlungen und Zufall. Im Jahr 2019 widmete ihr das 4A Centre for Contemporary Asian Art in Sydney mit Xiao Lu: Impossible Dialogue die erste Retrospektive, die drei Jahrzehnte ihres Schaffens umfasste. Ihre Arbeiten wurden im Tate Modern und im Solomon R. Guggenheim Museum präsentiert und befinden sich in Sammlungen des Museum of Modern Art, der Tate, der Art Gallery of New South Wales und der National Gallery of Victoria.
Einzelnachweise
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